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Veröffentlicht am 26.04.2026

Leider keine Geschichte, nur Geschichten

Mirabellentage
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„Mirabellentage“, der neue Roman von Martina Bogdahn, erschienen 2026 bei Kiepenheuer und Witsch, kann leider nicht mit dem Vorgänger „Mühlensommer“ mithalten und verliert sich in Anekdoten und überzogener, ...

„Mirabellentage“, der neue Roman von Martina Bogdahn, erschienen 2026 bei Kiepenheuer und Witsch, kann leider nicht mit dem Vorgänger „Mühlensommer“ mithalten und verliert sich in Anekdoten und überzogener, gewollter Komik. Das ist schade, denn die Autorin beweist auch hier wieder grundsätzlich, dass sie schreiben kann, verliert aber ihre eigentliche Geschichte immer mehr aus den Augen, je weiter der Roman fortschreitet. Stattdessen reiht sie Anekdote an Anekdote und hier gilt wahrlich nicht: Viel hilft viel.

Die Buchbeschreibung lockt mit einem Road-Movie: Die Protagonistin Anna war über viele Jahre die Haushälterin des Ortspfarrers Josef, der überraschend verstirbt und ihr einen letzten Wunsch hinterlässt, der Anna zwingen wird, sich auf eine Reise an die See zu machen, wenn sie ihn erfüllen möchte. Schnell zieht ein neuer Pfarrer ein und Anna wird, so die Beschreibung, ganz neu mit sich und ihren eigenen Wünschen konfrontiert, mit der Frage nach Sinnhaftigkeit ihres Lebens und ihrer Vergangenheit.

Zumindest der letzte Punkt wird mehr als weidlich erfüllt, das Buch spielt zu 80 Prozent in der Vergangenheit und reiht dort ein Geschichtchen ans nächste, manche haben eine wirkliche Funktion, viele eher nicht, die meisten bemühen viel hau-drauf-Komik und persiflieren durchweg die Ortsbevölkerung (kein normaler Mensch außer Anna zu finden dort scheinbar). Das macht am Anfang noch ein paar Anekdoten lang Spaß, wirkt aber zunehmend sehr bemüht und die grundsätzlichen Übertreibungen sind irgendwann nur noch anstrengend. Die Reise von Anna zu sich selbst dagegen findet kaum statt, und die Reise an die See – nun ja, lest selbst.

Martina Bogdahn schreibt leicht, atmosphärisch stark und sinnlich spürbar, emotional und mit sympathischen Charakteren. Ihrem aus „Mühlensommer“ bekannten und bewährten Prinzip des Wechselns zwischen Gegenwartserzählung und vielen Rückblenden in die Vergangenheit bleibt die Autorin treu, nur scheint sie hier doch deutlich in der Vergangenheit festzuhängen, so dass die Struktur eigentlich keinen Sinn ergibt und formal wirkt. Warum hat sie ihr Buch nicht einfach chronologisch erzählt, wenn ihr Fokus so sehr in der Vergangenheit liegt? Das hätte hier definitiv geholfen. Am Anfang noch ein cosy Buch, gut geschrieben, mit doch auch tiefen Momenten, gleitet Bogdahn immer mehr in die Knallcharge ab. Dabei war der Ausgangsplot so gut und Anna ist eine wirklich spannende Figur – für die sich die Autorin in der Gegenwart leider kaum zu interessieren scheint. Was sie innerlich ausmacht, wohin sie mit ihrem Leben will, wie sie ihr Leben bewertet – es bleibt ungesagt. Sehr schade.

Insgesamt hat mich das Buch leider nicht wirklich begeistern können, mir fehlte da Handlungszug und gute Dramaturgie. Für Menschen, die gerne einfach nur anekdotisch lesen, macht es bestimmt Freude. Mir fehlt hier leider Tiefe und die eigentliche Geschichte, die vielen Einzelgeschichten aus der Vergangenheit docken bei mir leider nicht an.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Das Landleben als ewiger Verlust

Melken
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„melken“, der Debütroman von Sanna Samuelsson, erschienen 2026 bei Hanser, startet enorm stark, verliert sich aber leider im Fortgang immer mehr in Bedeutungslosigkeit.

Der Roman spielt in Schweden. Ellen, ...

„melken“, der Debütroman von Sanna Samuelsson, erschienen 2026 bei Hanser, startet enorm stark, verliert sich aber leider im Fortgang immer mehr in Bedeutungslosigkeit.

Der Roman spielt in Schweden. Ellen, die Protagonistin, hat sich von ihrer Freundin Diana getrennt und verlässt spontan an ihren sowieso geplanten Urlaubstagen die hektische Stadt und den Arbeitsalltag, springt in ihr altes Auto und fährt vollkommen willkürlich hinaus aufs Land – um sich auf einmal vor dem Haus ihrer Kindheit wiederzufinden, das inzwischen längst an eine andere Familie verkauft ist. Einem spontanen Impuls folgend findet sie den Schlüssel zum Haus, der noch immer an alter Stelle liegt, betritt dieses, stellt fest, dass die Familie offenkundig im Urlaub ist – und bleibt. Es ist Juli, der Hochsommer drückt mit seiner Hitze und Ellen liegt in ihrem alten Kinderzimmer – ein guter Ausgangspunkt für eine Reise zu sich selbst.

Samuelsson beschreibt lebendig den Kontrast zwischen Stadt und Land, es geht saftig und manchmal auch ein bisschen eklig zu, doch so ist es, auf dem Land, hier wird keine Hochglanzromantik betrieben. Die Sprache ist zunächst knapp getaktet, sie hält den Beat der Unruhe, die in Ellen tobt, und dehnt sich mit Verlauf des Buches passend weiter aus. Die Autorin findet ungewöhnliche Metaphern, so steht beispielsweise das Auto für die Beziehung und das Innenleben von Ellen, das liest sich besonders. Zwei Leben sind es, die in Ellen widerstreiten, der ehemalige Bauertölpel und das erfolgreiche Stadtgirl – und zunehmend spüren wir, dass Ellen nie in der Stadt angekommen ist, sich für die alte Heimat zu entscheiden, schafft sie aber auch nicht. Und dann ist da noch ihr alter Freund Max, der wieder in ihr Leben tritt, mit all den alten Konflikten, aber auch all der alten Nähe. Immer wieder der Gedanke an die Ex-Freundin, noch so eine Beziehung, die vorbei aber nicht bewältigt ist.

Die Konstruktion des Buches muss mensch schon wollen, plausibel ist sie nicht, aber interessant. An vielen Ecken und Enden hakt die Logik, was ich über weite Strecken verzeihen konnte – nur will das Buch nirgendwohin, verliert sich immer mehr in einer dann doch auf Dauer leider etwas langweiligen Endlosschleife und findet den Weg nicht mehr hinaus. Die Bauernhofbeschreibungen werden ausufernd, die Story tritt immer weiter zurück. Und am Ende bleibt eigentlich keinerlei Erkenntnisgewinn. Schade, denn Sanna Samuelsson kann schreiben und die Grundidee hat etwas.

Vielleicht ist es der nächste Roman, der dann wirklich das Talent mit etwas mehr Ziel verbindet. Eine interessante neue Stimme ist hier zu lesen, auch wenn das Buch mich insgesamt nicht vollends überzeugen konnte.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

Strukturelle Redundanz in der Fuggerwelt

Im Auftrag der Fugger - Teufelsreigen
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„Im Auftrag der Fugger – Teufelsreigen“, der zweite Band und Nachfolger zu „Im Auftrag der Fugger – Der Burgunderschatz“, geschrieben von Peter Dempf und erschienen 2026 bei Bastei Lübbe, schließt zum ...

„Im Auftrag der Fugger – Teufelsreigen“, der zweite Band und Nachfolger zu „Im Auftrag der Fugger – Der Burgunderschatz“, geschrieben von Peter Dempf und erschienen 2026 bei Bastei Lübbe, schließt zum einen an Peter Dempfs Qualität an, die Fuggerzeit in vielen Details lebendig werden zu lassen, zum anderen aber leider auch an seine Redundanz, in immergleich strukturierten Szenen, Wendepunkten und Verfolgungsjagden einen Roman unnötig in die Länge zu ziehen – was diesem 565-Seiten-Werk leider nicht gut tut.

Vorab positiv zu erwähnen das Figurenverzeichnis, dem Roman vorangestellt, die historischen doppelten Namenvergaben sind ja immer nicht so leicht, umso besser, wenn frau mal nachschlagen kann. Hinten im Buch findet sich ein ebenfalls hilfreiches Glossar, das gern etwas ausführlicher hätte sein dürfen, einige zentrale Dinge tauchen dort nicht auf, und auch ein Nachwort, das einordnet, was hier Fakt und was Fiktion ist, das finde ich bei historischen Romanen immer eine große Bereicherung.

Der zweite Band startet direkt mit viel Action und Peter Dempf lässt geschickt alle wichtigen Figuren des ersten Teils auf den ersten Seiten auftauchen. Für mich als Leserin des ersten Bandes hat der Roman inhaltlich gut funktioniert, ich glaube, für Neuleser:innen wären ein paar mehr ausführlichere Rückblenden nicht verkehrt, auch wenn der Roman auch so weitestgehend verständlich sein dürfte. Ungewöhnlicherweise starten wir in Venedig und nicht in Augsburg, aber ich verstehe, dass man den historischen Brand des Fondaco die Tedeschi nicht links liegen lassen konnte. Afra und Herwart, uns schon bekannt aus Band eins, sind wieder im Auftrag von Jakob Fugger unterwegs, der dieses Mal in großen Schwierigkeiten steckt, irgendjemand hat es auf sein Geschäft abgesehen und versucht, ihn zu vernichten. Und natürlich taucht direkt auch der große Widersacher Zeno auf, ebenfalls vertraut aus Band 1 und macht den Team Fugger das Leben schwer. Wer steckt hinter den vielen Anschlägen auf die Fuggertransporte und Lager? Wer streut Gerüchte, dass Jakob Fugger zahlungsunfähig sei? Wer hat Interesse daran, ihm das Leben so zu vermiesen? Und was hat eine geheimnisvolle schwarz gekleidete Dame in Venedig damit zu tun? Bei der Suche nach Antworten kämpfen Afra und Herwart alle 20 Seiten um ihr Leben, das passt zum letzten Band, wo die Verfolgungsjagden und Kämpfe auf Leben und Tod doch auch etwas überhandnahmen, ähnlich auch in diesem Band, ebenso wie die Plausibilität hier und da doch erheblich ins Wanken kommt (ein Beispiel von vielen wäre der doppelte Sprung in den Canale Grande und die Lagune und beide Male wird überlebt, beim zweiten Mal schöpft man sogar aus dem Wasser heraus ein Boot leer und klettert dann hinein – in voller Bekleidung... Sind hier alle Rettungsschwimmer, oder was? Im beginnenden 16. Jahrhundert konnten die meisten Menschen mit Ach und Krach schwimmen im Sinne von sich ein bisschen über Wasser halten). Gerne werden auch Verstecke aufgesucht, wo man auf jeden Fall gefunden wird vom Mordschergen. Wenn ich mich irgendwo verstecken will, dann doch nicht in meiner Kate oder meiner bekannten Wohnung, also da habe ich schon große Fragezeichen im Gesicht. Dann gibt es, grundsätzlich sehr lustig, den Hund namens Fugger – und dieses Tier ist wahrlich ein Superhund. Er riecht quer durch Städte die kleinsten Spuren, ist immer am Platz, wenn man ihn braucht, rettet Herwart und Afra aus jeder brenzligen Lage – und davon gibt es ja alle 20 Seiten spätestens eine. Die Protagonisten lernen daraus nicht, weiter folgen sie jedem Impuls, achten nicht auf innere Alarmglocken, trennen sich beständig, um vereinzelt überwältigt zu werden usw. Das wird dann irgendwann lang, zumal Dempf sich in wirklich jeder Situation der gleichen Struktur bedient – irgendwann will frau das nicht mehr lesen. Und je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr nehmen Ungereimtheiten, Unwahrscheinlichkeiten und wirklich unglaubwürdige Zufälle zu in einem Maß, dass ich doch verärgert war. Auch das vom Autor im Nachwort sehr gelobte Lektorat darf gerne noch ein bisschen nacharbeiten, hier gibt es leider so einige Fehler, über die eigentlich gar nicht hinweggelesen werden kann.

Interessant ist in diesem Band die Figur von dem Albino Zeno, er bekommt in diesem Band eine neue Farbe (haha), im ersten Band noch ganz eindeutig Bösewicht, scheint er hier doch auf dem Grat zwischen Gut und Böse zu tanzen, das macht die Sache auf jeden Fall spannend. Und auch Jakob Fugger wirkt zwiespältig – bis zum Ende wird nicht ganz klar, was eigentlich in ihm vorgeht und was er plant.

Was mich am Buch gehalten hat, sind die vielen historischen Fakten und Anteile, die Dempf sehr gut lebendig werden lässt. Die Fuggerzeit ersteht auf, das wirkt auch nie referatsartig, immer wieder werden geschickt historische Personen eingewoben, das hat der Autor einfach drauf. Und mit Afra schreibt er auch nach wie vor eine widerständige Frauenfigur, die ihrer Zeit voraus ist. Sehr gut hat mir deshalb auch die kleine Spielerei mit dem generischen Femininum am Anfang in der Welt der Masken gefallen, jaja, die Herren, so fühlt sich das an.

Wer es also eher simpel gestrickt mag bei einer guten historischen Grundqualität, auf dauerhafte Action steht und bereit ist, dabei Redundanz zu verzeihen und auf Glaubwürdigkeit zu verzichten, der ist hier wahrscheinlich bestens bedient. Mir war das zu viel auf zu vielen Seiten, eine deutliche Reduktion hätte diesem Band wirklich gut getan, denn diese Zerfaserung geht zulasten der Haupthandlung, in der die lesende Person immer wieder den Faden verliert. Und das Ende: Ist einfach nur noch abrupt und unbefriedigend. Ein dritter Band ködert mich aktuell leider eher nicht, auch wenn ich mich in der intriganten und brisanten Fuggerwelt wirklich gern aufhalte.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

Leider nicht wirklich abgeliefert

Liefern
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„Liefern“, der neue, meiner Meinung nach eher Episoden-Roman von Tomer Gardi, erschienen 2026 bei Tropen/Klett-Cotta, vom Verlag beworben als weltumspannendes Gegenwarts-Epos, hat mich leider nie so richtig ...

„Liefern“, der neue, meiner Meinung nach eher Episoden-Roman von Tomer Gardi, erschienen 2026 bei Tropen/Klett-Cotta, vom Verlag beworben als weltumspannendes Gegenwarts-Epos, hat mich leider nie so richtig reingezogen und berührt, auch wenn das Thema sehr gut gesetzt ist und der Autor sprachlich durchaus überzeugt sowie eine clevere Konstruktionsarbeit betreibt. Dennoch hat es mich einfach nicht gepackt, was unter anderem daran liegt, dass eine sehr lange Vorbereitungsarbeit betrieben wird – und das Finale dann eher versackt.

„Liefern“ beschäftigt sich in sechs Episoden mit den Menschen, die wir alle täglich sehen, die wir aber beim Sehen nie sehen, die Lieferant:innen, die uns Wege und Erledigungen abnehmen und dabei durchgehend ausgebeutet werden. Weltweit haben sich Menschen daran gewöhnt, alles immer verfügbar zu haben. Dieser Dauerkonsum wird von Gardi in seiner Ausprägung zurecht kritisiert. Gardi fordert schon mit der ersten Episode einen Perspektivwechsel ein und liefert diesen auch. Dennoch kommen einem die Menschen in seinen Geschichten nicht nahe, vielleicht, weil er sie realistisch nicht nur als Sympathen schreibt, vielleicht aber auch, weil er doch nicht genug in die Tiefe arbeitet und sich zwischendurch in seinem eigenen Buch verliert.

Die längste Episode des Buches, „Mimesis“, die auch eine Episode ist, die der Autor auf Hebräisch geschrieben hat, formt das Zentrum des Buches und könnte eventuell schon länger in der Schublade gewartet haben, zumindest hatte ich den Eindruck, dass der Roman um diese Episode drumherum geschrieben wurde.

In der ersten Episode, „Indie-Go“ lernen wir Filmon aus Eritrea kennen, der zur Coronazeit in
Zeit Tel Aviv gestrandet ist, seine Frau Daniat und seine Tochter Israel sind schon in Berlin, er will hinterher, und das ganze Elend der Flucht wird gut gerahmt, Thema Familienzusammenführung, Thema schlecht bezahlte Jobs, Geld schicken müssen, versorgen, alle verdienen am Elend, der Vermieter, die Jobbörse, der Lieferdienst, in Berlin die Familie, die Daniat hilft. Viel Last. Wenig Leben. Eine Beziehung, die nur noch im facetime besteht.
Der ungesicherte Status, nie Fehler machen dürfen. Das alles wird präsent, aber bleibt skizzenhaft.

Die zweite Episode, „A new passage to India“, vollführt einen Ortswechsel nach Indien, die Verbindung zur ersten Geschichte ist die Sprachkursdozentin Nina von Daniat und Israel in Berlin, die nun nach Delhi reist für ein Projekt. Wir werfen hier einen Blick auf die Upper Class und auf Kulturarroganz, auf ein hierarchisches System, auf Privilegien und mangelnde Integration, auf die Benachteiligung von Frauen und erneut auf ein Liefersystem. In dieser Episode bleiben viele Fragen offen, was sich durchziehen wird, in kleinen Teilen tauchen viel später Antworten auf, einiges bleibt für immer unbeantwortet.

In der dritten, schon angesprochenen Episode „Mimesis“ geht es in die Türkei, es geht um Schönheitschirurgie-Tourismus und Haartransplantation, geliefert werden hier auch Menschen und Träume, die Themen werden größer, was ist Identität? Die Symbolik der Haartransplantation ist augenfällig, hier geht es an die Wurzeln. Die Situation der Lieferfahrenden wird erneut ausführlich beleuchtet, und langsam stellt sich Redundanz ein, ohne viel neue Erkenntnis. Immerhin kommt es zu Organisation und Widerstand – der Ausgang? Bleibt erneut offen. Diese Episode nimmt fast ein Drittel des Buches ein und auch insgesamt sind wir nun schon bei zwei Dritteln – mit noch immer nur loser Verknüpfung.

In der vierten Episode „Der Tausch“ finden die Geschichten endlich zusammen
und dadurch kommt nach diesem sehr langen Aufbau das Buch in Schwung. Mit einer noch einmal neuen Figur, Pavan, der Filmon, inzwischen in Deutschland in Berlin angekommen, im Deutschkurs kennenlernt, geplant war Nina als Lehrerin, wird das Lieferthema noch einmal potenziert: Beide arbeiten bei Lieferdiensten, beide neiden dem anderen den Job (Indie-Go, RatzFatz), denn ja: Auch bei solchen Jobs gibt es noch eine Hierarchie. Also wird der Job getauscht, mit fatalen Folgen. Gut herausgearbeitet hier vom Autor: Die Absurdität nach der Flucht nach Berlin wieder im gleichen Job zu landen. Und die Scham, in Richtung der alten Heimat, dass man jetzt gar nicht wirklich besser lebt, dass man noch immer arm ist, schlechte Jobs hat.

Bleiben noch die Episoden „Das blaue Handy“ – die einfach überkonstruiert und nicht glaubwürdig ist in ihrer Radikalität – und zuletzt noch „Rosen“, die wirklich nur noch sehr lose im Zusammenhang steht über die allgegenwärtigen Rosenverkäufer – und ein feministisch betrachtet doch sehr merkwürdiges Fazit zieht.
Die Konstruktion ist über- und durchschaubar, sie wirkte auf mich leider immer wieder etwas bemüht. Mit der Hälfte der Seiten als klarer Erzählband wäre hier meiner Meinung nach eine für das Buch gute Entscheidung getroffen worden. Vielleicht ist mir vieles thematisch auch zu vertraut, vielleicht habe ich auch nur zuvor zwei wirklich sehr starke Bücher gelesen, so dass Liefern mich nicht gekriegt hat – bei interessanten Einzelgeschichten und immer wieder auch sprachlich sehr schönen Momenten. Es wirkt auch so, als ob der Autor seine eigenen Ideen nicht wichtig nimmt – ein Beispiel dafür die Titel der Episoden, die am Anfang noch einen Bedeutungsraum öffnen, dann aber einfach nur noch 1:1 sind – so etwas finde ich sehr schade.
Indie-Go ist klar der Lieferdienst, aber eben auch die Farbe Indigo, was eines der ältesten Pigmente ist und massiv für das Färben von Jeans eingesetzt wurde, unter ganz schlimmen Bedingungen für die Menschen, die in den Färbereien gearbeitet haben, das war zumindest direkt meine Assoziation.
A New Passage To India ist eine sehr klare Referenz auf A Passage To India von E. M. Forster und nimmt dadurch Bezug auf den Kolonialismus, der sich in seiner Struktur in diesem Kapitel auch immernoch zeigt im 21. Jahrhundert, so z.B. direkt am Anfang, als kurz die Debatte über das „imaginierte, vermittelte Indien“ versus das „wirkliche Indien“ aufkommt – und natürlich hat der Autor da einen Punkt.
Mimesis ist für mich der am weitesten aufgeladene Titel, in der Tierwelt ist Mimesis die Tarnung, die Fähigkeit, sich der Umgebung in einer Art anzupassen, dass man für den Fressfeind uninteressant oder unsichtbar wird oder auch genau die Tarnung, mit der man sich an die Beute anschleicht, bei Aristoteles, kleiner hatten wir es nicht, ist es das Prinzip der Nachahmung. Beides passt für mich supergut auf die Episode, die Männer, die sich einem Männlichkeitsbild wieder anpassen wollen, die sich auch in Deutschland in das Bild hineinstrecken, aber auch die Figur Resul, der „Agent“, der sich tarnt bis zum großen Paukenschlag.
Der Tausch funktioniert in dem System auch gerade noch so, da der Titel immerhin mit dem Tausch der Deutschkurse, bei Nina vielleicht auch dem Tausch der Welten spielt und dem dann später realen Tausch der Jobs. Da gibt es zumindest ein Spiel mit der Erwartungshaltung.
Aber dann? Das blaue Handy beschreibt einfach nur das Handy, um das es geht und den blauen Punkt auf der digitalen Roadmap. Und am Ende dann „Rosen“. In dem Kapitel geht es um: Rosen.
So etwas verstimmt mich. Das wirkt so lustlos, so „hatte da mal ne Idee aber war dann auch nicht mehr weiter wichtig“.

Wer sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hat, wird hier vielleicht wirklich den gewünschten Perspektivwechsel erleben und unter dem Aspekt ist es bestimmt ein lesenswertes Buch. Ich hätte mir mehr Stringenz und Sog gewünscht und deutlich weniger Redundanz.

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Veröffentlicht am 19.08.2025

Was bedeutet Glück?

All Better Now
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Der neue Roman von Neal Shusterman, „All Better Now“, erster Teil einer Dilogie und erschienen 2025 bei Fischer Sauerländer, kann leider nicht in vollem Umfang überzeugen. Ausgestattet mit einer genialen ...

Der neue Roman von Neal Shusterman, „All Better Now“, erster Teil einer Dilogie und erschienen 2025 bei Fischer Sauerländer, kann leider nicht in vollem Umfang überzeugen. Ausgestattet mit einer genialen Ausgangsidee schafft es Shusterman nicht, das dadurch gegebene Potenzial voll einzulösen.

Kurz müssen wir über das Cover der deutschen Ausgabe sprechen, meiner Meinung nach leider ein Fail, zielend auf das angepeilte jugendliche Publikum (Zielgruppe ist 14+) strahlt den Lesewilligen vom Cover ein fetter Smiley entgegen, allerdings fasst diese Optik nicht die Dimension des Romans und lässt das Buch eher wie einen Ratgeber aus der Grabbelkiste wirken. Das Cover der englischsprachigen Ausgabe wird dem Buch da so viel mehr gerecht! Wäre ich nicht im Vorfeld medial auf das Buch aufmerksam geworden, ich hätte kaum danach gegriffen.

Shusterman konstruiert in der nahen Zukunft eine neue Pandemie namens Crown Royal, kurz CR – Ähnlichkeiten zu dem Coronavirus sind absolut gewollt. An diesem Virus kann man ähnlich wie bei Covid sterben – überlebt man die Infektion jedoch, ist man ab sofort glücklich und zufrieden. Das klingt doch super, oder? Das findet auch Mariel, die wahrlich kein leichtes Leben hat und für die das Virus eine Lösung darstellen könnte. Und auch Rón, der trotz aller Privilegien, die sein Leben ihm schenkt, schon immer mit Depressionen kämpft, setzt Hoffnung auf CR. Dagegen stehen die Mächtigen und Reichen der Welt, die Nutzziehenden des Kapitalismus, für die eine glückliche und zufriedene Menschheit der Supergau wäre. Der Konflikt der Interessen ist explosiv – und auch die Pharmaindustrie wittert natürlich Möglichkeiten, zumal das Glück sich immer mehr als Gewinn mit Nebenwirkungen entpuppt...

„Crown Royal“, die neue Pandemie, ist eine für mich gelungene Gegenkonstruktion zu Corona, bis zu so schönen Details wie dem, dass Erkrankte einen besonderen Geruch wahrnehmen, während Corona ja Geruchs- und Geschmackssinn zerstört in vielen Fällen. Es ist eine tolle philosophische Frage, die zugrunde liegt: Würde man in Kauf nehmen, vielleicht zu sterben, wenn der Lohn wäre, endlich zu wissen, was wahres Glück ist und dieses damit zu erleben? Generell strickt Shusterman viele philosophische und ethische Dilemmata in seinen Roman – in der Häufung ungewöhnlich für einen Jugendroman, was das Buch auf jeden Fall sehr geeignet für eine Schullektüre macht. Und auch als erwachsene Person kommt man immer wieder an den Punkt, wo es schwer ist, sich zu entscheiden und klar eine Position zu beziehen. Das erreicht Shusterman unter anderem dadurch, dass er letztlich keine der Hauptfiguren wirklich sympathisch gestaltet. Gut für die inhaltliche Debatte – leider aber schlecht für das Leseerlebnis, denn ich konnte einfach nie ganz in die Handlung einsteigen – und das trotz wirklich viel Action und Wendungen.
Ein zweiter Kritikpunkt ist die fehlende Tiefendimension, leider kommt Shusterman von seiner Grundidee aus nicht wirklich viel weiter und vor allem hat er die Folgen des CR-Virus nicht konsistent und glaubwürdig durchgestaltet. So gibt es viele Ungereimtheiten. Am Ende präsentiert Shusterman noch einmal eine ganz neue Figur in einer ganz neuen Form – und da hat mich der Roman leider endgültig verloren, weil hier erneut ein so großes Potenzial verschenkt wird. Denn Shusterman entscheidet sich für Esoterik und Schwurbelei, statt für klaren Kopf und Kalkül. Letzteres wäre eine Bedrohung und eine neue, ernstzunehmende Fragestellung gewesen, ersteres ist leicht wegzuwischen.
Das Finale formt einen erwartbaren Cliffhanger zu Band 2 – dieser wird allerdings auch mit viel Überkonstruktion herbeigeschrieben und verlässt endgültig jeden Pfad der Logik. Darum reizt es mich momentan nicht, Band 2 zu lesen, auch wenn die für diesen Band erarbeitete Grundkonstruktion erneut interessant ist. Ich habe das Gefühl, es wäre gut gewesen, hier auf eine Dilogie zu verzichten und den Stoff komprimiert in einen Band zu bringen, das hätte viele von mir empfundenen Längen aufgehoben.
Unter dem Aspekt des Jugendbuches glaube ich, dass es durchaus funktionieren kann, hier im Rahmen einer actiongeladenen Grundstory gesellschaftliche Fragen zu vermitteln. Dennoch dürften auch Jugendliche über die mangelnde Tiefe der Charaktere und die vielen Inkongruenzen stolpern. Dringend empfehlen würde ich das Buch für eine Verfilmung, dafür finde ich den Plot wirklich sehr geeignet. Alles in allem also kein Hype – aber solide lesbar.

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