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Veröffentlicht am 29.03.2026

Eine junge Frau sucht ihren Weg

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Die 25jährige Sophie steigt aus dem Hamsterrad aus. Lässt Studium, Leistungsdruck und langweiliges Praktikum hinter sich und kauft kurzentschlossen im Internet ein baufälliges Haus in der ostdeutschen ...

Die 25jährige Sophie steigt aus dem Hamsterrad aus. Lässt Studium, Leistungsdruck und langweiliges Praktikum hinter sich und kauft kurzentschlossen im Internet ein baufälliges Haus in der ostdeutschen Provinz. Sophie investiert ihre gesamten Ersparnisse von 3000 Euro und macht sich noch am selben Tag mit Rad und Bahn auf den Weg von München nach Mecklenburg-Vorpommern, Schlüsselübergabe ist schon am nächsten Nachmittag.

Von Anfang an ist Sophie hin- und hergerissen, ist das Haus eine gute Idee oder eine idiotische? Erzählt wird aus Sophies Ich-Perspektive, so dass ich ihre Überlegungen und Gefühle teile und oft schmunzeln muss über ihre Selbstironie.
Anna Katharina Scheidemantel schreibt einfühlsam und humorvoll, berührend tiefgründig und dennoch mit einer herzerfrischenden Leichtigkeit, und ich kann Sophies Zweifel am Haus-Projekt und an dem, was sie eigentlich will, sehr gut nachvollziehen. Die Figurenzeichnung ist gelungen, Sophie und auch Nebencharaktere erscheinen authentisch und lebensnah. Die bildhafte, atmosphärische Beschreibung von Sophies neuem Alltag hat mich teilhaben lassen und ich habe mich mit der jungen Frau an ihren ersten Renovierungserfolgen und beglückenden Momenten in Haus und Garten gefreut, mit ihr gemerkt, wie sie sich im Lauf der arbeitsreichen und einsamen Monate verändert, lernt, sich frei zu machen von den Erwartungen anderer und ich war gespannt, ob sie heraus finden kann, wie ihr Leben weitergehen soll. Sophies Erkenntnisse, was Abhängigkeiten, Verpflichtungen und Erwartungen angehen, haben mich nachdenklich gemacht.

Mir hat Scheidemantels Roman mit dem schönen Bild von Sophies Garten als Cover sehr gut gefallen und ich würde mich freuen, mehr von ihr zu lesen.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Solange ein Streichholz brennt
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Bohm lebt seit fünf Jahren auf der Straße und wird von der Journalistin Alina Alev angesprochen, die eine Dokumentation über Obdachlosigkeit drehen will. Über Bohms Hintergrund erfährt man zunächst nur, ...

Bohm lebt seit fünf Jahren auf der Straße und wird von der Journalistin Alina Alev angesprochen, die eine Dokumentation über Obdachlosigkeit drehen will. Über Bohms Hintergrund erfährt man zunächst nur, dass er trinkt, um abends einschlafen zu können und oft Albträume hat. Alinas anfangs vielversprechende Karriere ist ins Stocken geraten und ihre Mitarbeit an einem neuen Format ihres Fernsehsenders ihre wahrscheinlich letzte Chance, im Rahmen von Sparmaßnahmen nicht entlassen zu werden.
Bohm wird sich eine Woche lang tagsüber von Alina begleiten lassen, er braucht die angebotenen 1000 Euro.

Christian Huber schreibt bildhaft und atmosphärisch, er wertet nicht, beobachtet genau und lässt an Alinas beruflichen Sorgen, die sie nicht mehr schlafen lassen, genau so teilhaben wie an Bohms Leben auf der Straße mit Kälte, der täglichen Suche nach einem sicheren Schlafplatz, der Ablehnung durch andere Menschen, die der Alkohol abmindert, wie er auch beim Einschlafen hilft.
Alina verändert Bohms einsame Welt, es gibt beglückende Momente, Empfindungen, die er sich sofort verbietet, und auch bei Alina entwickeln sich unerwartete Gefühle.
Der Beschreibung dieser sehr menschlichen Beziehung stehen die ebenso glaubhaften wie erschreckenden Einblicke in die Ziele und das skrupellose Vorgehen des kommerziellen Fernsehsenders gegenüber, die der Autor vermittelt.

Alle Charaktere erscheinen authentisch, die Figurenzeichnung ist durchweg gelungen. Erzählt wird abwechselnd aus Bohms und Alinas Perspektive, beide Protagonisten sind nahbar und ich erlebe Bohm als fürsorglichen Menschen mit Zweifeln, die niemandem fremd sind. Die zarte Liebesgeschichte entwickelt sich glaubhaft und kommt ohne Kitsch aus.

Christian Hubers neuer Roman hat mir sehr gut gefallen und mich bei allem Lesevergnügen auch nachdenklich gemacht.
Das Cover gefällt mir von den Farben her, die parallel angeordneten Linien könnten Streichhölzer sein, genau so gut auch Gitterstäbe... die Bedeutung des brennenden Streichholzes wird im Lauf der Geschichte klar.

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Veröffentlicht am 17.03.2026

Packend und spannend

Das Muster des Todes
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Der obdachlose Bobby nimmt seinen ganzen Mut zusammen und wendet sich an die Liverpooler Polizei. Er erklärt DI Sheridan Holler, dass sein Freund Kenny, der ebenfalls auf der Straße gelebt hatte, nicht ...

Der obdachlose Bobby nimmt seinen ganzen Mut zusammen und wendet sich an die Liverpooler Polizei. Er erklärt DI Sheridan Holler, dass sein Freund Kenny, der ebenfalls auf der Straße gelebt hatte, nicht Selbstmord begangen haben kann, da er körperlich eingeschränkt war. Sheridan überwindet ihre Skepsis und sieht sich noch einmal Todesfälle an, vorgebliche Selbstmorde am gleichen Tag, dem 22. Juli.

Sheridan ist sehr aufmerksam und schaut genau hin, sieht Kleinigkeiten, die andere übersehen. Menschen gegenüber ist sie sowohl beruflich als auch im Privatleben freundlich und mitfühlend. Sie stößt an einem Fundort auf ein merkwürdiges Detail, aber es gibt keine weiteren Spuren, die Ermittlungen sind umfangreich und mühsam, es scheint kein Motiv und keine Verbindungen zwischen den eventuellen Opfern zu geben. Das Team steht unter Zeitdruck, denn bald ist wieder der 22. Juli.

Die Ermittlungsarbeit wird glaubhaft beschrieben, hier profitiert die realistische Darstellung von der langjährigen Erfahrung der Autorin in der britischen Strafjustiz. Der Zusammenhalt in Sheridans Team ist groß, manche der Kollegen sind auch Freunde und jeder kann sich auf den anderen verlassen. Kraft schöpft DI Holler auch aus ihrer Partnerschaft mit der immer verständnisvollen Sam, zur Familie gehört ebenfalls Maud, die Katze.

Neben dem komplexen Fall beschäftigt Sheridan auch der selbst nach über 30 Jahren nicht aufgeklärte Tod ihres Bruders, bei dem sich neue Zeugenaussagen ergeben. Gibt es endlich Gewissheit für Sheridan und ihre Eltern?

Erzählt wird überwiegend aus Sheridans Perspektive, T. M. Paynes Schreibstil ist klar, angenehm zu lesen und auch humorvoll, vor allem in Sheridans Umgang mit ihren Kollegen, ihrer Chefin und ihrer Frau. Die Figurenzeichnung ist gelungen, die Charaktere sind glaubwürdig und haben durch ihre Hintergrundgeschichte Tiefe.
Der vierte Band um DI Sheridan Holler ist ein durchgehend spannender, clever aufgebauter Thriller mit unerwarteten Wendungen bis zum Schluss und hat mir sehr gut gefallen. Ich kann die ganze Reihe unbedingt empfehlen.

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Veröffentlicht am 12.03.2026

Nervenaufreibende Unterhaltung

Splitterschreie
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Die drei neuen Thriller spielen in aus anderen Büchern des Autors bereits bekannten Settings, die ich leider nicht kenne, aber ich habe den vierten, 2021 erschienenen BonusThriller „Wenn die Stille schreit“ ...

Die drei neuen Thriller spielen in aus anderen Büchern des Autors bereits bekannten Settings, die ich leider nicht kenne, aber ich habe den vierten, 2021 erschienenen BonusThriller „Wenn die Stille schreit“ bereits gelesen und sehr gut gefunden.
In allen vier Geschichten erlebe ich Menschen im Ausnahmezustand. Da ist Bezirksinspektor Mück, körperlich beeinträchtigt durch eine Knie-OP vor einigen Wochen und nachlassende Sehkraft, obendrein beschert ihm sein Therapeut Minderwertigkeitskomplexe statt ihm zu helfen. Auf zwei Zeitebenen lerne ich Romy und Alma kennen, die eine hat jahrzehntelang eine lieblose Ehe ausgehalten und die andere hofft auf einen großen Erfolg bei ihrem True-Crime-TV-Format. Julia sieht sich mitten in der Nacht mit Fremden konfrontiert, die den Platz ihrer Eltern eingenommen haben. Und Tim findet sein Haus leer vor, obwohl er noch vor einer Viertelstunde von unterwegs aus mit seiner schwangeren Frau Nathalie telefoniert hat.

Erzählt wird aus der Perspektive des jeweiligen Protagonisten und Roman Klementovic vermittelt mir hautnah nicht nur jede Nuance der gefühlten Emotionen, den Kampf mit sich selbst, den verzweifelten und letztendlich vergeblichen Versuch, eine logische Erklärung zu finden, sondern auch die körperlichen Reaktionen der Figuren auf das Schreckliche, dem sie sich gegenüber sehen. Mit den Protagonisten halte ich die Luft an und bekomme eine Gänsehaut. Die Figurennähe, die der Autor erzeugt, ist nicht angenehm, sie ist genau so nervenaufreibend wie die Handlung. Klementovic schreibt bildhaft und eindringlich, seine Charaktere sind glaubhaft und authentisch, jede Geschichte ist intensiv und beklemmend, dazu trägt auch die atmosphärische Darstellung der Schauplätze bei. Und eine Erleichterung setzt auch nach Beenden eines der Thriller nicht ein, jeder beschäftigt mich immer noch. 'Wenn die Stille schreit' ist mein Favorit, aber auch die anderen Kurzthriller haben mir sehr gut gefallen.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Fesselnder, tiefgründiger Bodensee-Thriller

Tief
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Am Ufer des Bodensees wird die Leiche eines Kindergartenkindes gefunden. Nach monatelanger Ruhe bei der Arbeit trifft das tote Kind Kommissar Heinzle um so mehr. Es folgen weitere Tote und die Ermittlungen ...

Am Ufer des Bodensees wird die Leiche eines Kindergartenkindes gefunden. Nach monatelanger Ruhe bei der Arbeit trifft das tote Kind Kommissar Heinzle um so mehr. Es folgen weitere Tote und die Ermittlungen führen Heinzle zu den Problemen geflüchteter Menschen und er wird selbst mit radikalen gesellschaftlichen Stimmungen konfrontiert. Hilfe nicht nur bei den Ermittlungen bekommt Heinzle von seinem Freund 'Sense', Dr. Senoner, Psychologe und Profiler. Sense' holt Heinzle mit seinem auch makabren Humor aus so manchem privaten und beruflichen Tief und lockert die bedrohliche, düstere Atmosphäre der Geschichte auf. Vom Bodensee gibt es lebendige herbstliche wie auch sommerliche Eindrücke.

Erzählt wird hauptsächlich aus Sicht des Kommissars, aber es gibt auch andere Perspektiven, die zur Vielschichtigkeit des Thrillers beitragen.
Rebekka Moser schreibt klar, bildhaft und eindringlich. Realitätsnahe Schilderungen lassen mich miterleben, auch mal mehr, als mir lieb ist. Sie benennt deutlich gesellschaftliche Missstände und den bereits vorhandenen Verlust von Vertrauen in den Staat und die Demokratie. Beispiele für radikalisierte Bevölkerungsgruppen, Vorurteile und Ignoranz in der Handlung zwingen mich, meinen eigenen Standpunkt zu überprüfen und zu benennen. Selten hat mich ein Thriller so berührt wie 'Tief', da wir alle von den angesprochenen, aktuellen Themen betroffen sind und uns damit auseinandersetzen müssen.

Die Charaktere, ihr Handeln und ihre Emotionen erscheinen glaubwürdig und authentisch, die Autorin hat gut recherchiert und kennt die Flüchtlingshilfe. 'Tief' ist ein beklemmender, spannender Thriller mit überraschenden Wendungen, spart auch die Beschreibung grausamer Details nicht aus und sorgt für ein intensives Leseerlebnis. Mir hat der Bodensee-Thriller sehr gut gefallen.

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