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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.03.2026

Emotionale Achterbahnfahrt

Schlaf
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Was für eine emotionale Achterbahnfahrt! Die Geschichte schafft einen schwierigen Spagat zwischen emotional aufwühlend und stilistisch fein gezeichnet. Der Stil alleine hat mir unglaublich gut gefallen. ...

Was für eine emotionale Achterbahnfahrt! Die Geschichte schafft einen schwierigen Spagat zwischen emotional aufwühlend und stilistisch fein gezeichnet. Der Stil alleine hat mir unglaublich gut gefallen. Klar, schnörkellos, direkt, ruhig und doch sehr präzise. An vielen Stellen leise und dabei so präzise formuliert, wie ein Skalpell. Jones schafft es, mit sorgfältig ausgewählten Worten eine Stimmung zu transportieren und gleichzeitig eine Flut an Gefühlen beim Lesenden auszulösen. Was sich im einen Moment noch nach einem stimmungsvollen Sommertag anfühlt, lässt einem schon wenige Sätze später die Kinnlade herunterklappen.

Die Beziehung zwischen Margaret und ihrer Mutter Elizabeth ist von jeher komplex und kompliziert. Man wird im ganzen Buch keinen wirklich unbelasteten, freien Moment zwischen den beiden erleben. Jede vordergründig positive Erinnerung wird überlagert von Schuldgefühlen, Ängsten und Konsequenzen. Es ist spannend und bestürzend zugleich zu lesen, wie sich gewisse Verhaltensmuster aus Margarets Kindheit in ihr Leben als Mutter ziehen und wie sehr sie darum kämpft, diese nicht auch noch auf ihre Töchter zu übertragen.

"Schlaf" ist ein Buch, das mir ganz arg an die Nieren ging. Die Kombination aus (familiären) Machtverhältnissen, sexualisierter Gewalt, Kontrolle und Schweigen ist unheimlich dicht ineinander verwoben. Das ist wirklich ganz großes Kino. Gleichzeitig ist es auch schwer verdauliche Kost. Ich kann es nicht anders sagen, als dass es mich manchmal regelrecht geschüttelt hat. Mal vor Abscheu, mal vor Empörung. Und auch dabei bleibt Jones ihrem ruhigen und zurückgenommenen Stil treu. Damit nimmt sie keinem ihrer Leitthemen die Brisanz, bläht sie aber auch nicht effekthascherisch übermäßig auf. Auch die Balance zu Margarets erwachender Sexualität, ihren Entdeckungen und Fragen an sich selbst, ist gegeben.

Mich hat die Geschichte völlig aus den Socken gehauen. Eine Achterbahnfahrt allererster Güte.

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Veröffentlicht am 15.03.2026

Hochemotional

Elbland
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Manche Geschichten sind besonders. Nicht, weil sie so ausufernd sind oder man die Geschichte der eigenen Familie bis ins letzte Detail mehrere Generationen zurückverfolgen kann. Sondern weil sie Lücken ...

Manche Geschichten sind besonders. Nicht, weil sie so ausufernd sind oder man die Geschichte der eigenen Familie bis ins letzte Detail mehrere Generationen zurückverfolgen kann. Sondern weil sie Lücken haben, zerbrechlich sind. So wie die Familiengeschichte von Nina und Katja.
Wir haben drei unterschiedliche Zeitebenen. Jede erklärt ein wenig mehr, wie die Familie, die ich zu Beginn als untereinander als distanziert und auch zerstritten wahrgenommen habe, zu diesem Punkt kommen konnte. Es wird ziemlich schnell klar, dass alles mit der Kindheit der Mutter zusammenhängen muss.
Ninas Mutter musste mit ihrer Familie 1945 nach dem Ende des Krieges aus Böhmen mit ihrer Familie fliehen. Zuerst fand ich es etwas merkwürdig, dass der Fokus so wenig auf der Vergangenheit liegt. Das man sich als Leser so einiges zusammenreimen kann und auch muss. Aber so geht es Nina auf ihrer Suche ja letztlich auch. Ihre Mutter hat nie etwas über diese Zeit erzählt. Weder über die Schönen Dinge ihrer Kindheit, noch über die Schlechten. Die Narben, die Traumata, die sie davongetragen hat, schwelten ihr Leben lang in ihr weiter. Nina hat also nur wenige Anhaltspunkte, muss sich auch selbst sehr viel zusammenreimen.
Und plötzlich versteht sie mehr und mehr, warum ihre Mutter gehandelt hat, wie sie es tat. Und auch als Leser versteht man mit jedem Kapitel mehr, wo die Wut in Nina herkommt, die da immer unter der Oberfläche brodelt.

Es ist kein lautes Buch. Auch keines, das mit einer unheimlich ausgefeilten Familiengeschichte aus der Vergangenheit daher kommt. Emotional hat es mich ganz schön durchgeschleudert, denn es ist die ganze Palette an Gefühlen dabei. Trauer, Ohnmacht, Angst, aber auch Wut und Zorn, sich nicht gesehen und ungerecht behandelt fühlen. Und obwohl sich gerade Nina und Katja zuweilen ihren Frust gegenseitig um die Ohren schleudern, merkt man die Zerbrechlichkeit unter diesen Worten. Claudia Rikl hat das alles so wunderbar behutsam beschrieben. Es ist aber ein Buch das nachdenklich macht, inne halten lässt und so manche Handlung der eigenen Familie vielleicht auch noch mal in einem anderen Licht erscheinen lässt. Wie viele Familien mag es noch immer geben, in denen die Traumata der Kriegskinder noch bis in die jetzigen Generationen reichen. Für mich ein absolutes Jahreshighlight.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

Witzige und romantische Zeitreise

You and Me - Die zweite erste Liebe
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Adam und Jules sind seit 25 Jahren verheiratet. Die Kinder sind zwar schon so gut wie erwachsen, die Sorgen um sie aber noch immer präsent. Das Liebesleben ist eher durchwachsen, der Rasen muss dringend ...

Adam und Jules sind seit 25 Jahren verheiratet. Die Kinder sind zwar schon so gut wie erwachsen, die Sorgen um sie aber noch immer präsent. Das Liebesleben ist eher durchwachsen, der Rasen muss dringend gemäht werden, der Dachboden entrümpelt und der Schuppen aufgeräumt werden. Die Küche könnte einen neuen Anstrich vertragen, die ungewaschene Wäsche stapelt sich und überhaupt herrscht eigentlich Dauerchaos im Hause Hole. Der Alltag beherrscht das (Ehe)Leben von Jules und Adam. Und dann taucht auch Adams bester Jugendfreund auf, der augenscheinlich alles hat, was man sich nur wünschen kann (inklusive jeder Menge Geld) und führt den beiden vor Augen, wie ihr Leben auch hätte aussehen können.
Nach einem Streit mit einigen unschönen Vorwürfen macht Adam im Schuppen eine Entdeckung. Dank aufgenommener CDs und Kassetten (die Älteren unter uns erinnern sich) verwandelt sich ein altes Radio in eine Zeitmaschine. Jetzt können beide bedeutsame Momente ihrer gemeinsamen Vergangenheit noch einmal erleben.

Mir hat die Geschichte unheimlich gut gefallen. Es ist eine leichte und heitere Geschichte, mit einem Kern, über den man trotzdem ganz prima ins philosophieren kommen kann. Denn Hand aufs Herz - wer von uns würde nicht in Versuchung kommen, ein paar Änderungen vornehmen zu wollen? Keine großen, nur so ein paar klitzekleine? Aber wo ist die Grenze zwischen klitzeklein und riesengroß und ein ganzes Leben verändernd? Bei Jules und Adam werden aus den klitzekleinen "Optimierungen" immer größere Veränderungen, bis alles kurz davor ist völlig aus dem Ruder zu laufen.

Trotz allem verliert das Autorenduo dabei aber seine Figuren nicht aus dem Blick. Man merkt, wie sehr sich Adam und Jules nach all den Jahren noch immer zugetan sind und ihre Gefühle unter dem Alltagstrott begraben liegen. Dabei wird so einiges auch mit einer guten Portion Realismus erzählt. Ein bisschen Klischee darf auch nicht fehlen, aber es passt gut in die Handlung und stört nicht.
Die Rückblenden auf das gemeinsame Leben sind toll erzählt und schildern schöne Momente. Der erste Kuss, der Heiratsantrag, die Schmetterlinge der ersten Liebe. Aber nicht nur das, auch die weniger schönen Seiten kommen noch einmal ans Licht. Jules Überforderung mit zwei Kleinkindern oder das Gefühl in einer nie enden wollenden Tretmühle zu stecken. Gerade diese Mischung hat die Handlung abwechslungsreich und die Figuren nicht so eindimensional gemacht.
Dazu ist die Geschichte gespickt mit Anspielungen zu Musik, Filmen und Spielen der 1980er und 1990er. Eine unheimlich charmante Mischung, die Spaß macht und zusammen mit der Musik entwickelt man auch ein Gefühl für die jeweilige Szene. Die dazugehörige Playliste macht auch noch richtig Spaß zu hören - egal ob man in der Küche grade das Abendessen vorbereitet oder sich im Auto bei offenem Seitenfenster seiner privaten Zweitkarriere als Gesangsstar hingibt.

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Veröffentlicht am 07.02.2026

Traurig und berührend

Der letzte Sommer der Tauben
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Der 14 jährige Noah genoss bisher gemeinsam mit seiner Familie ein Leben voller Freiheiten. Bunte Kleider, freie Wahl von Hobbys und Berufen, die Selbstverständlichkeit einer freien Schulbildung, Cafés ...

Der 14 jährige Noah genoss bisher gemeinsam mit seiner Familie ein Leben voller Freiheiten. Bunte Kleider, freie Wahl von Hobbys und Berufen, die Selbstverständlichkeit einer freien Schulbildung, Cafés als Treffpunkte, Musik und Filme. Jetzt schwärzt Noah im Bekleidungsgeschäft seines Vaters auf den Verpackungen die abgedruckten Frauen. Nur die Augen dürfen sichtbar sichtbar sein. Nach der Ausrufung des Kalifats ist nicht mehr wie bisher, das Leben ist stark eingeschränkt.
Noahs einziger Lichtblick sind seine Tauben. Auf dem Dach seines Onkels züchtet er wunderschöne Tauben. Pflegt sie hingebungsvoll, beobachtet sie sehr genau und kennt jede ihrer einzelnen Eigenschaften. Und wenn Noahs Tauben aufsteigen, schickt er seine Träume und Wünsche mit ihnen in den Himmel.

In kleinen Episoden erzählt Abbas Khider seine Geschichte. Noahs Tauben sind dabei ein zentraler Punkt in der Erzählung. Noah kann über sie seine Gefühle ausdrücken, sie sind Symbol und Metapher zugleich.
Mich hat dieses kleine Buch sehr beeindruckt. Es ist ein leises Buch. Der Stil ist ruhig und aus der Sicht eines Kindes, das versucht die Welt und seine neuen Regeln zu begreifen. Unheimlich berührend und erschütternd, mit immer wieder aufblitzenden Prisen von Humor, das aber auch traurig zurücklässt.

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Veröffentlicht am 25.01.2026

Wunderbar erzählt

Halber Stein
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Ein wunderschönes Buch mit einem ganz tollen Stil. Ein wenig melancholisch und ein wenig wehmütig, ganz behutsam und filigran. Mit wenigen Worten erschafft Iris Wolff eine Stimmung, die auch auf mich beim ...

Ein wunderschönes Buch mit einem ganz tollen Stil. Ein wenig melancholisch und ein wenig wehmütig, ganz behutsam und filigran. Mit wenigen Worten erschafft Iris Wolff eine Stimmung, die auch auf mich beim Lesen übergriffen hat. Die Trauer ist fast greifbar, ebenso der Wunsch die Vergangenheit zu verstehen und die Geschichte der eigenen Familie. Ihre Sätze sind mit viel Wärme geschrieben und ich möchte sie als einfach nur schön bezeichnen. Ich könnte so viele Zitate dieser schönen Sätze anbringen - das würde aber einerseits den Rahmen sprengen und andererseits auch zu viel spoilern.

Iris Wolff erzählt aber auch viel Interessantes über Siebenbürgen und die Siebenbürgener Sachsen. Ein Landstrich und eine Kultur, über die ich beide relativ wenig weiß und daher alles Erzählte zu diesen Themen mit viel Interesse gelesen habe. Sie erzählt von der zweiten großen Auswanderungswelle der Siebenbürgener Sachsen um 1990 und welche Konflikte in den Familien damit einhergehen. Die, die gegangen sind, hadern mit dem neuen Leben in einem anderen Land und dem Spagat zwischen Vergessen der Vergangenheit und Blick nach vorne. Die, die geblieben sind, hadern mit dem Aussterben ihrer Kultur, ihrer Traditionen und ihrer Geschichte. Bei Sine wird dieser Spagat sehr gut sichtbar. Ihre Erinnerungen an ihre Kindheit bei Agneta kommen während ihres Besuches immer wieder hervor. Diese waren überlagert von den Ereignissen nach ihrer Auswanderung und den Jahren in Deutschland. Sie hat das Gefühl in Agnetas Haus angekommen zu sein, ein Gefühl von zu Hause und Heimat. Gleichzeitig fühlt sie sich auch fremd in dem Ort, dessen Sitten und Gebräuche sie nicht kennt und sich dadurch auch ein Stück weit ausgeschlossen fühlt.
Sie erkundet die Lebensgeschichte ihrer Großmutter, kommt dabei dem Ort, den Menschen, dem Landstrich und damit ihren Wurzeln auch wieder näher.

Mit hat die Geschichte unheimlich gut gefallen. Es ist ein leises, eher gemächliches Buch. Keine Hektik, keine Aufregung, aber doch mit sehr viel emotionaler Tiefe. Eine Geschichte, die man nicht schnell runterlesen sollte, sondern mit Zeit und Muße genießen sollte. Über Herkunft, Identität und Zukunft. Gefühlvoll und interessant erzählt.

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