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Veröffentlicht am 15.09.2016

✎ Laura Newman - Jonah

Jonah
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Mir ist das Buch jetzt schon ein paar Mal begegnet und irgendwann war es dann halt auch bei mir soweit, dass ich wissen wollte, warum dieses Buch doch "ach so toll" ist. Normalerweise bin ich jemand, der ...

Mir ist das Buch jetzt schon ein paar Mal begegnet und irgendwann war es dann halt auch bei mir soweit, dass ich wissen wollte, warum dieses Buch doch "ach so toll" ist. Normalerweise bin ich jemand, der Hypes abwartet und sie erstmal runterkommen lässt, aber hier hat das nicht so ganz geklappt..
Ich war relativ schnell in der Geschichte drin, denn der Schreibstil der Autorin hat mir wirklich zugesagt. Die Seiten flogen nur so dahin.
Auch die Beschreibungen der Umgebung und der ganzen Situation(en) an sich war einfach toll, mitzuerleben. Ich fühlte mich mit den Aussagen der Protagonisten wohl, habe mich teilweise selbst wiedergefunden..

"[...] Hier draußen zählen noch die wichtigen Dinge im Leben. [...], seinen Nachbarn helfen, wenn mal Not am Mann ist. Mir gefällt das. Es fühlt sich gut an. Es ist, als hätten wir Stadtmenschen es einfach verlernt, das Richtige zu tun. [...]" (S.151)

Nach 1/3 des Buches wurde ich erstmal richtiggehend wachgerüttelt, denn was da passiert, damit habe ich im Traum nicht gerechnet. Die Geschichte nimmt eine Wendung, die für mich komplett unvorhersehbar war.
Und dann nimmt die Handlung so richtig ihren Lauf. Man fühlt, leidet, bangt, fiebert.. mit Emily und Jonah mit. An keiner Stelle hatte ich das Gefühl, dass die Story mich langweilt. Im Gegenteil, ich wollte immer weiterlesen, auch wenn ich eine Ahnung hatte, wohin mich das Ganze führen sollte.
Ich wurde sehr oft an einen meiner Lieblingsfilme erinnert. Leider kann ich euch nicht sagen, welcher das ist, da ich sonst richtig derb spoilern würde. Aber ich glaube, dieser Aspekt und dass das Thema so toll umgesetzt wurde, ließ mich mein Umfeld komplett vergessen.
Obwohl ich mir das Ende denken konnte, hat sich bei mir am Schluss doch noch eine einzelne Träne gelöst.. Für mich einer der emotionalsten Romane, die ich in letzter Zeit gelesen habe und ein Buch, was mir sicher lange im Gedächtnis bleiben wird.

Und eins sollten wir nie vergessen:

"[...] Es geht doch um's [sic!] ›Jetzt‹!" [...]" (S.314)
xxx

©2016

Veröffentlicht am 31.03.2026

✎ Annette Herzog - Das nächste Mal, wenn du verreist

Das nächste Mal, wenn du verreist
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Unser Stapel ungelesener Bilderbücher schrumpft spürbar. Dieses Mal haben wir „Das nächste Mal, wenn du verreist“ von Annette Herzog aus dem Regal gezogen.

Auslöser war der Klappentext. Diese Übertreibung ...

Unser Stapel ungelesener Bilderbücher schrumpft spürbar. Dieses Mal haben wir „Das nächste Mal, wenn du verreist“ von Annette Herzog aus dem Regal gezogen.

Auslöser war der Klappentext. Diese Übertreibung aus Kindersicht trifft einen Nerv: Zehn Tage fühlen sich nicht nach einer überschaubaren Zeitspanne an, sondern nach einer gefühlten Ewigkeit. „Hunderttausend Millionen Mal“ - das beschreibt ziemlich genau, wie intensiv Kinder Abwesenheit wahrnehmen. Diese Perspektive zieht sich durch das ganze Buch und macht es emotional zugänglich.

Gleich zu Beginn stolperte ich allerdings über Details, die irritierten. Eine Krokodiltasche wirft Fragen auf, die man als Erwachsener nicht einfach ausblendet. Auch die scheinbar beiläufig eingestreute Botschaft rund um Klimaneutralität auf dem Bus wirkt erstmal eher aufgesetzt als organisch in die Geschichte eingebettet.

Inhaltlich funktioniert die Geschichte vor allem dort, wo sie das Durchhalten thematisiert. Der kleine Elefant scheitert, probiert weiter, verliert zwischenzeitlich den Fokus - und genau dann gelingt plötzlich der Durchbruch. Diese Dynamik wirkt glaubwürdig und nah an der Lebensrealität von Kindern.

Doch vor allem visuell überzeugt das Buch. Die Illustrationen sind ausdrucksstark, transportieren Emotionen unmittelbar und laden zum genaueren Hinsehen ein. Dabei entfalten sie eine leise Melancholie, die sich erst nach und nach erschließt und zunächst unauffällige Elemente in ein anderes Licht rückt. Gefallen hat uns speziell, wie viele zusätzliche Aspekte sich in den Bildern verbergen, ohne im Text aufgegriffen zu werden. Gerade das macht ihren Reiz aus: Man bleibt länger hängen, entdeckt immer wieder Neues und kommt darüber ins Gespräch. Die anfangs befremdlichen Details verlieren somit deutlich an Härte, ohne sie belanglos wirken zu lassen. Besonders gelungen ist die Entwicklung des kleinen Elefanten, dessen äußeres „Wachstum“ seine innere Entwicklung widerspiegelt. Mimik und Körpersprache sind dabei so klar gestaltet, dass sich seine Gefühle unmittelbar erschließen.

Die zentrale Botschaft bleibt klar: Übung führt zu Fortschritt und Rückschläge gehören dazu. Gerade bei Trennungssituationen, etwa wenn ein Elternteil verreist, kann die Geschichte Orientierung geben. Sie zeigt, dass Unsicherheit Raum für Entwicklung schafft, dass man wachsen kann, auch wenn jemand fehlt. Und dass Stolz nicht nur von außen kommen sollte, sondern im besten Fall von innen entsteht.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 17.03.2026

✎ Nicola Anker - Die Bibliothek der unendlichen Abenteuer 1 Das gestohlene Drachenei

Die Bibliothek der unendlichen Abenteuer (Band 1) - Das gestohlene Drachenei
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Ich bin, ehrlich gesagt, mit ganz anderen Erwartungen an „Die Bibliothek der unendlichen Abenteuer 1 Das gestohlene Drachenei“ von Nicola Anker herangegangen. In meinem Kopf war das ein Entscheidungsbuch, ...

Ich bin, ehrlich gesagt, mit ganz anderen Erwartungen an „Die Bibliothek der unendlichen Abenteuer 1 Das gestohlene Drachenei“ von Nicola Anker herangegangen. In meinem Kopf war das ein Entscheidungsbuch, bei dem man durch eigene Wahl den Verlauf bestimmt. Tatsächlich handelt es sich um ein interaktives Mitmachbuch, bei dem die Geschichte vorgegeben ist und die Beteiligung auf andere Weise funktioniert. Dieses Konzept kannte ich bisher nur für die Allerkleinsten.

Die ersten Seiten waren für uns ein Dämpfer. Der Textanteil ist stellenweise hoch, ganze Doppelseiten bestehen aus Fließtext. Für ein Kind, das beim Lesen schnell abschweift, wird das zur Hürde. Ich habe dann auch gemerkt, wie die Motivation kurz ins Wanken geriet, weil genau diese Leichtigkeit fehlte, die ich mir erhofft hatte.

Im weiteren Verlauf verändert sich die Dynamik spürbar. Die Handlung gewinnt an Tempo, Dialoge strukturieren den Text und lockern die Seiten auf. Gleichzeitig wird das Kind stärker einbezogen. Dieser Wechsel macht einen enormen Unterschied. Ab da entsteht dieses Gefühl, wirklich Teil der Geschichte zu sein, nicht nur passive Mitlesende. Der Unterschied liegt weniger im Umfang des Textes als in seiner Aufbereitung.

Die Figuren werden klar geführt. Statt Sprechblasen, kommen kleine Porträts zum Einsatz, die anzeigen, wer spricht. Das sorgt für Orientierung und verhindert visuelle Überladung, gerade für ungeübte Lesende.

Auch inhaltlich trägt die Geschichte. Die Charaktere selbst bringen genau die richtige Portion Eigenwilligkeit mit. Es gibt Humor, kleine sprachliche Spitzen und genug Charme, um dranzubleiben. Die Figuren wirkten auf uns originell. Besonders die direkte Ansprache funktioniert erstaunlich gut. Mein Kind hatte wirklich das Gefühl, angesprochen zu werden, nicht nur mitzulesen. Genau hier entfaltet das Buch seine eigentliche Stärke.

Die Illustrationen von Marek Bláha prägen das Gesamtbild stark. Schon das Cover ist ein echter Blickfang, aber auch im Inneren bleibt das Niveau konstant hoch. Kräftige Farben, viele Details, eine visuelle Welt, in der man sich gerne verliert. Bild und Text arbeiten hier zusammen, nicht nebeneinander.

Am Ende bleibt ein gemischter, insgesamt jedoch positiver Eindruck. Der Einstieg fordert Geduld, weil Struktur und Umfang nicht sofort zugänglich sind. Mit zunehmendem Verlauf entwickelt das Buch jedoch eine klare Stärke in seiner Kombination aus Interaktion, Erzählweise und visueller Gestaltung. Wir sind jedenfalls neugierig genug, um Iggy, den Bücherwurm, auch beim nächsten Abenteuer wieder zu begleiten.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 06.02.2026

✎ Susanne Siegert - Gedenken neu denken

Gedenken neu denken
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Schon lange setze ich mich intensiv mit der NS-Zeit auseinander. Ich lese Erfahrungsberichte, Sachbücher und selten schaue ich auch mal Dokumentationen. Dieses Thema begleitet mich nicht aus Pflichtgefühl, ...

Schon lange setze ich mich intensiv mit der NS-Zeit auseinander. Ich lese Erfahrungsberichte, Sachbücher und selten schaue ich auch mal Dokumentationen. Dieses Thema begleitet mich nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil es mich nicht loslässt. Vielleicht auch, weil ich immer wieder merke, wie brüchig unser Umgang mit Erinnerung ist.

Dem Instagram-Projekt @keine.erinnerungskultur folge ich noch nicht lange, doch es ist schnell zu einer der wichtigsten Stimmen für mich geworden. Susanne Siegert verbindet dort persönliche Biografie mit einer klaren Kritik daran, wie Erinnerung in Deutschland häufig praktiziert wird. Sie fordert eine Erinnerungskultur, die aktiv, pluralistisch und verantwortlich ist, statt sich auf ritualisierte Gedenkformen zu verlassen oder nur symbolische Akte zu wiederholen. Ihr Anspruch ist unbequem: Erinnerung soll nicht beruhigen, sondern herausfordern.

Besonders deutlich wurde das für mich in ihrer Auseinandersetzung mit „Der Junge mit dem gestreiften Pyjama“. Als ich sah, wie sie diesen Film kritisch einordnet, musste ich an meine eigene Reaktion vor Jahren denken. Auch ich hatte das Buch gelesen und sofort gespürt, dass hier etwas nicht stimmt. Trotzdem habe ich damals keine kritische Rezension veröffentlicht. Die Angst vor Reaktionen, vor Missverständnissen, vor moralischer Empörung war größer. Siegerts Analyse hat mich rückblickend darin bestärkt, dass dieses Unbehagen berechtigt war. Manche Darstellungen der NS-Zeit vereinfachen, emotionalisieren falsch oder verschieben Perspektiven - und richten damit mehr Schaden an, als sie aufklären.

Im Buch springt die Autorin immer wieder zwischen persönlichen Erinnerungen und größeren historischen sowie gesellschaftlichen Zusammenhängen. Das hat mich stellenweise irritiert. Ich hatte ein stärker analytisches Sachbuch erwartet, eine distanziertere Sprache. Stattdessen ist der Ton häufig sehr nah, sehr ich-bezogen. Gleichzeitig wäre es zu einfach, genau das als Schwäche abzutun. Diese persönliche Direktheit senkt Hürden, macht das Thema zugänglich und zwingt Leserinnen, sich selbst zu positionieren. Mein Unbehagen speist sich weniger aus der Methode als aus der Spannung zwischen Erwartung und Umsetzung.

Überzeugend ist für mich, wie konsequent Siegert den Blick weitet: weg von etablierten Gedenkorten, hin zu vergessenen Schauplätzen, marginalisierten Opfergruppen und den Nachkommen der Täter
innen. Sie zeigt, wie selektiv Erinnerung funktioniert und wie bequem es ist, Verantwortung an abstrakte Systeme auszulagern. Nicht jede Begriffswahl hat mich dabei überzeugt, manche Formulierungen wirkten auf mich unnötig zugespitzt, doch der Kern ihrer Argumentation bleibt stark.

Ein Punkt hat mich jedoch nachhaltig gestört: die sprachliche Inkonsistenz beim Gendern. Einzelbegriffe wie „Täter:innen“ werden gegendert, zusammengesetzte Begriffe wie „Tätergesellschaft“ hingegen nicht. Das zieht sich durch das Buch und wirkt nachlässig. Gerade bei einem Werk, das Sprache als Machtinstrument ernst nimmt, fällt diese Unschärfe besonders ins Gewicht.

Ich wünsche mir, dass Lehrende, die sich ernsthaft mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, dieses Buch lesen und im Unterricht nutzen. Vor allem die kritische Einordnung populärer Filme und Bücher sollte weitergeführt werden. Solche Werke prägen Geschichtsbilder oft stärker als Schulbücher - und bleiben dennoch häufig unhinterfragt.

Ich werde die Arbeit von @keine.erinnerungskultur weiter aufmerksam verfolgen. Nicht, weil sie einfache Antworten liefert, sondern weil sie Fragen stellt, die unbequem sind. Und weil Erinnerung nur dann Sinn hat, wenn sie uns zwingt, genauer hinzusehen, statt uns moralisch zu entlasten.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 24.01.2026

✎ Francis Kaiser - Wilmo

Wilmo
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Ich sehe „Wilmo - Ein Bilderbuch über Depression in der Familie“ von Francis Kaiser als einen Versuch, einem Thema, das in vielen Familien präsent ist, ein greifbares Gesicht zu geben. Erzählt wird aus ...

Ich sehe „Wilmo - Ein Bilderbuch über Depression in der Familie“ von Francis Kaiser als einen Versuch, einem Thema, das in vielen Familien präsent ist, ein greifbares Gesicht zu geben. Erzählt wird aus der Perspektive des jüngsten Kindes einer Familie, in der die Mutter an einer Depression erkrankt ist. Genau darin liegt die Stärke des Buches: Es macht sichtbar, was im Alltag oft verschwiegen wird, obwohl Kinder es längst spüren. Vertraute Abläufe brechen weg, Nähe verändert sich, und zurück bleiben Fragen, für die es keine Worte gibt.

Die Geschichte fängt diese kindliche Verunsicherung ein, ohne sie zu beschönigen. Gedanken, die sich viele Kinder machen, werden aufgegriffen und ernst genommen. Mit „Wilmo“ findet die Erkrankung eine bildhafte Gestalt, die erklärbar macht, was sonst diffus und beängstigend bleibt. Depression wird nicht vereinfacht, aber so übersetzt, dass Kinder verstehen können, was passiert - und vor allem, dass sie keine Schuld tragen. Diese Perspektive entlastet und ordnet Gefühle, die sonst namenlos bleiben würden.

Über die eigentliche Erzählung hinaus öffnet das Buch den Blick für das, was Familien konkret brauchen. Umfangreiche Zusatzmaterialien richten sich an Eltern, Angehörige und Fachkräfte und gehen auf die Begleitung unterschiedlicher Altersstufen ein. Dadurch wird „Wilmo“ mehr als ein Bilderbuch: Es wird zu einem Werkzeug, das hilft, Gespräche zu führen und Handlungsspielräume zu erkennen, statt hilflos zu schweigen.

Besonders deutlich wird dabei eine Haltung, die vielen Familien fehlt: Kinder nicht zu vertrösten, nicht zu schützen, indem man ihnen die Wahrheit vorenthält, sondern sie einzubeziehen. Dieses Buch schlägt eine Brücke zwischen kindlicher Wahrnehmung und der oft schwer greifbaren Realität psychischer Erkrankungen - eine Brücke, die längst überfällig ist.

Wer „Wilmo“ liest, bekommt keine distanzierte Fachlektüre, sondern eine emotionale Geschichte, die zeigt, wie leise und gleichzeitig tief Depressionen Familien prägen. Das Buch lädt dazu ein, Scham zu durchbrechen und Sprache zu finden, wo sonst Schweigen herrscht. Enttabuisierung beginnt hier nicht abstrakt, sondern im Alltag, bei den Jüngsten - und bei den Menschen, die Verantwortung für sie tragen.

©2026 Mademoiselle Cake