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Krissi

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.03.2026

Zarter und doch einprägsamer Feminismus

Paradise Beach
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Ich freue mich immer sehr, wenn Themen, die "nur" Frauen* betreffen, mehr Sichtbarkeit bekommen - in diesem Roman war die Endometriose das Zentrum und gleichzeitig der Katalysator für ein Gesamtbild an ...

Ich freue mich immer sehr, wenn Themen, die "nur" Frauen* betreffen, mehr Sichtbarkeit bekommen - in diesem Roman war die Endometriose das Zentrum und gleichzeitig der Katalysator für ein Gesamtbild an "Symptomen", mit denen Mädchen und Frauen sich tagtäglich auseinandersetzen müssen und die sie stillschweigend ertragen, weil ihnen Scham dafür beigebracht wird.
Wir begleiten Protagonistin Ada kurz nach einer OP, von der sie sich Erinnerungen an ihre Teenagerzeit durchlebend erholt. Wir erfahren so gewissermaßen, "wie alles begann", in dem Sommer ihrer ersten Periode, und gleichzeitig, wie Adas aktuelle Lebensrealität aussieht. Unterschiedliche Nebenfiguren beeinflussen dabei ihr Erleben und ihr Handeln - andere Mädchen, die ebenfalls mit ihrer Rolle und den Erwartungen an sie kämpfen, erwachsene Frauen, die ihre schützende und leitende Position nicht ausfüllen können, und auch übergriffige, diskriminierende Männer. Was die Frauen alle vereint, ist ihr Schweigen - über den Schmerz, die Fragen, die Angst.
Das war für mich auch das Einprägsamste an diesem Roman: Wie gut diese gesamtgesellschaftliche Form des Kleinhaltens funktioniert, weil Frauen nicht erlaubt wird, sich zu verbünden, sondern ihnen für ganz normales Erleben so viel Scham eingeredet wird, dass sie nicht darüber sprechen.
Wer hier einen Ratgeber oder ein aufklärendes Sachbuch über Endometriose erwartet, ist an der falschen Stelle; dieses Buch ist so viel mehr. Klare Empfehlung!

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Veröffentlicht am 22.12.2025

Macht einfach Spaß

Der Hausmann
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Dieses Buch war für mich definitiv eine kleine Überraschung und gestalterisch etwas, das ich so noch nie gelesen habe. Wichtige Gesellschaftsthemen wie Rassismus, Klassismus, Altersarmut, Vereinsamung, ...

Dieses Buch war für mich definitiv eine kleine Überraschung und gestalterisch etwas, das ich so noch nie gelesen habe. Wichtige Gesellschaftsthemen wie Rassismus, Klassismus, Altersarmut, Vereinsamung, Klimawandel und Carearbeit werden hier auf gleichzeitig sehr witzige und sehr prägnante Art aufgezeigt - so, dass es Spaß macht und man trotzdem sensibilisiert wird.
Mehrere Protagonist:innen führen uns in unterschiedlichen Textsorten durch das Buch; sie alle leben im gleichen Haus, sie alle haben die unterschiedlichsten Päckchen zu tragen, und finden auf teilweise irrwitzige Weise zueinander. Der Titelgebende Hausmann, Tim, arbeitet mit mäßigem Erfolg an einer Graphic Novel, deren Fortschritt wir als tatsächliche Graphic Novel verfolgen. Seine Partnerin Thea unterdessen bekommen wir nur über einen Teams-Chat zu Gesicht, da sie mehr und mehr in ihrem neuen Job versinkt. Ukrainer Maxim möchte unbedingt Deutsch lernen, was wir in seinem Deutschlernheft lesen können, und Rentnerin Frau Birkenbergs Blog übers Sparen ist ihre Art, die Geschichte zu erzählen. Die kleinen Krisen ihres Lebens summieren sich schließlich in einem Finale, in dem jede:r von ihnen irgendwie dazu beiträgt, dass schlussendlich alle ehrlich miteinander und vor allem mit sich selbst sein können. Der Stil der Autorin hat allen Figuren eine passende Stimme gegeben, ist humorvoll, spitz, teilweise auch etwas rau, aber immer angebracht.
Klare Empfehlung, vor allem für diejenigen, die Spaß an kreativer Textgestaltung und den oben genannten Themen haben.

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Veröffentlicht am 02.11.2025

Empfehlenswere Überraschung

Lebensversicherung
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Als die Buchpreis-Longlist veröffentlicht wurde, war "Lebensversicherung" gar nicht direkt auf meinem Radar; dann hat mein Mann es aus der Bib mitgebracht, ich wollte nur mal kurz reinschauen, und zack, ...

Als die Buchpreis-Longlist veröffentlicht wurde, war "Lebensversicherung" gar nicht direkt auf meinem Radar; dann hat mein Mann es aus der Bib mitgebracht, ich wollte nur mal kurz reinschauen, und zack, war ich komplett in den Bann gezogen. Der Plot ist simpel erklärt: die Protagonistin führt uns durch das Dorf ihrer Kindheit, nimmt uns mit in ihre Familie, bei prägenden Ereignissen, durch ihr Aufwachsen. Das alles jedoch nicht in klassischem Prosa-Text, sondern anhand von kurzen Beschreibungen, Listen, Bildern und dem Hauptthema des Buches: Versicherungen. Denn das ist es, was ihre Eltern verkauft haben und was für die Protagonistin ein zentrales Thema ihres bisherigen Lebens darstellt.
Ich hätte niemals erwartet, dass eine Geschichte in solch einer Form entstehen und Spannung und Emotionen aufbauen kann. Nicht nur, dass viele Beschreibungen für alle in den späten 90ern und frühen 2000ern Aufgewachsenen sehr relatable sind, wir können als Lesende auch eine erstaunliche Nähe zur Protagonistin aufbauen. Mir hat so gut gefallen, wie durch eine Mischung aus on-point-Humor und auch einer Ernsthaftigkeit und teilweise sogar Schwere eine wirklich spannende Story entstanden ist, die ich nicht mehr zur Seite legen wollte.
Für mich wirklich ein absolut positives Überraschungsbuch zum wegsnacken, das trotzdem zum Denken anregt und nachhallt. Empfehlung!

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Veröffentlicht am 19.10.2025

Unfassbar wichtig!

Unsichtbare Frauen
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Für dieses Buch habe ich mir wirklich einige Monate Zeit genommen, vor allem wegen der hohen Informationsdichte, aber auch, um nicht in Resignation und unproduktive Wut abzudriften; dieses Buch sollte ...

Für dieses Buch habe ich mir wirklich einige Monate Zeit genommen, vor allem wegen der hohen Informationsdichte, aber auch, um nicht in Resignation und unproduktive Wut abzudriften; dieses Buch sollte wirklich jeder lesen, weil es einfach anhand von fundierten Fakten zeigt, wie tief sitzend Ungleichheit ist.
"in a world designed for men" heißt es im Untertitel, und so reißerisch das klingt, so unemotional faktisch zeigt Caroline Criado Perez auf, dass unsere Welt in jeglichen Bereichen "den Mann" als default, als status quo sieht, während alle anderen Personen als quasi von der Norm abweichende Menschen angesehen werden. Das beginnt bei in der Öffentlichkeit einigermaßen bewussten Bereichen wie der Gefahr, von Gewalt betroffen zu sein oder in finanzielle Notlage zu geraten, reicht jedoch bis in ganz tiefe strukturelle Themen wie dem Design von Smartphones, Autos, ja ganzen Städten.
Es ist unfassbar schwer, dieses geballte Wissen hier zusammenzufassen, gleichzeitig würde ich gerne jeden einzelnen dieser Punkte deutlich machen, weil wir dadurch ganz ohne Schuldzuweisungen, ohne die Feminist
innen gerne vorgeworfene Emotionalität (die trotzdem wichtig und richtig ist!) verstehen lernen, wo überall Benachteiligung herrscht und dass es noch viele, viele Schritte braucht, bis Frauen* in dieser Welt gleichgestellt sind.
Für mich kommt dieses Buch einer Feminismus-Grundlagen-Bibel gleich, gleichzeitig sehe ich aber auch (und das ist vielleicht mein einziger Kritikpunkt), dass die sehr wissenschaftliche Art mit vielen vielen Quellen und side-notes nicht für alle zugänglich ist. Trotzdem ist das hier eine uneingeschränkte Empfehlung; wenn ihr die Frage "Warum brauchen wir Feminismus überhaupt noch?" stellt und ernsthaft eine Antwort darauf wollt, lest dieses Buch. Wenn ihr euch regelmäßig denkt "Frauen stellen sich wirklich an, sie haben doch schon so viel mehr Rechte als noch vor garnicht allzu langer Zeit", lest dieses Buch. Wenn ihr das Gefühl habt, bisher nur an der Oberfläche der Ungleichheit gekratzt zu haben und wirklich verstehen wollt, lest dieses Buch, und vor allem, wenn ihr Fakten an der Hand haben wollt, die ihr in der nächsten (provokativen) Diskussion raushauen wollt, dann lest dieses Buch. Seid nur gefasst darauf, stellenweise sehr wütend zu werden, und vergesst nicht, dass Wur produktiv sein kann, wenn man sie richtig nutzt.

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Veröffentlicht am 12.10.2025

Wichtiges Stück Geschichte

Wohin du auch gehst
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Wow - an dieses Buch hatte ich keine bestimmten Erwartungen, fand einfach, dass der Klappentext sehr spannend klang und außerdem das Cover ansprechend. Ich habe bisher noch wirklich wenig über Einwanderungsgeschichte ...

Wow - an dieses Buch hatte ich keine bestimmten Erwartungen, fand einfach, dass der Klappentext sehr spannend klang und außerdem das Cover ansprechend. Ich habe bisher noch wirklich wenig über Einwanderungsgeschichte gelesen, weshalb ich ziemlich nichtsahnend an "Wohin du auch gehst" herangegangen bin. Spoiler: wurde ziemlich umgehauen, auf die positive Weise, aber direkt vorab, schaut euch die content notes an, das hier ist keine leichte Kost.
Wir verfolgen die Geschichte zweier Frauen in zwei Zeitebenen: Bijoux, die Anfang der 2000er in London nach ihrer Identität sucht, und Mira, ihre Tante, deren Weg wir von ihrer Heimat Zaïre (heute die Demokratische Republik Kongo) als junges Mädchen bis nach London zum Bijoux-Zeitstrang begleiten. Nach und nach kommt so ans Licht, was die beiden Frauen verbindet, es wird aber auch sehr deutlich, wodurch sie gespalten werden, und Themen wie Glaube, Sexualität und Familie sind hierbei zentral. Mich hat vor allem Mira sehr gefesselt und wie wir nach und nach verstehen lernen, wie ihre beiden alter Egos zu Beginn der Geschichte am Ende zusammenpassen. Aber auch Bijoux, die repräsentativ für junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte stehen, die selbst noch hautnah Unruhen, Krieg, instabile politische Verhältnisse und Angst um zurückgebliebene Familie erleben, hat mir einige Gedankenanstöße gegeben und ist eine wichtige literarische Stimme.
Trotz der insgesamt eher drohenden, düsteren Stimmung eröffnet die Geschichte durchaus auch sehr hoffnungsvolle, farbenfrohe und humorvolle Momente.
Wen das jetzt überzeugt hat, der sollte "Wohin du auch gehst" unbedingt lesen - beachtet dabei aber bitte folgende content notes:
Krieg, Queerfeindlichkeit, (religiöser) Fanatismus, sexuelle Gewalt, Krankheit, Tod

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