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Christina19

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.03.2025

Ernste Themen überspitzt und mit Sarkasmus verpackt

Geht so
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Marisa arbeitet in einer Werbeagentur in Madrid. Obwohl sie sich einst glücklich schätzen konnte, nach ihrem Studium eine Anstellung gefunden zu haben, hasst sie ihren Job. Die täglichen Aufgaben, die ...

Marisa arbeitet in einer Werbeagentur in Madrid. Obwohl sie sich einst glücklich schätzen konnte, nach ihrem Studium eine Anstellung gefunden zu haben, hasst sie ihren Job. Die täglichen Aufgaben, die Kollegen und Kolleginnen, all das erträgt sie nur dank stundenlanger YouTube-Sitzungen und zu vieler Beruhigungsmittel. Die Aussicht auf ein Teambuilding-Wochenende sorgt bei Marisa daher absolut nicht für Freude, dennoch versucht sie die so mühsam aufgebaute Fassade aufrechtzuerhalten.

Mit „Geht so“ bringt uns Beatriz Serrano mitten in die Arbeitswelt einer Werbeagentur. Dort findet man jeden erdenklichen Charakter, den man wohl auch aus dem Alltag kennt: die strebsame Mitarbeiterin, die alle ihr gestellten Aufgaben immer ein bisschen zu genau nimmt, die garstige Kollegin, die nicht gut mit ihren Mitmenschen umgeht, und den Vorgesetzten, der seine Schäfchen fast ein wenig väterlich behandelt. Außerdem ist da Marisa, die nach mehreren Jahren in der Werbebranche so gar keine Lust mehr auf ihren Job hat. Die Ablehnung, die sie für all ihre Aufgaben verspürt, sorgt für absolute Demotivation und wirkt sich zunehmend auf ihre psychische Gesundheit aus. Marisa zieht sich zurück, entwickelt Angstzustände und Panikattacken und flüchtet sich in Tabletten, Alkohol und Drogen.
Beatriz Serrano stellt ihre Figuren überspitzt dar, ohne dass diese dabei eindimensional wirken. Stattdessen schafft es die Autorin, die unterschiedlichen Charaktere, die in der Arbeitswelt anzutreffen sind, genau auf den Punkt zu bringen. In ihrem Debütroman verpackt sie ernste gesellschaftliche Probleme mit einer Menge Ironie und Sarkasmus so geschickt, dass sie den Anschein einer leichten, unterhaltsamen Geschichte bekommen. Doch die Kritik, die mitschwingt, ist unübersehbar. So kritisiert sie den Kapitalismus, der uns ständig glauben lassen will, dass uns der nächste Lippenstift attraktiver und ein neues Parfum unwiderstehlicher macht. Sie zeigt, mit welchen Erwartungen und Problemen Mütter nach ihrer Elternzeit im Job konfrontiert werden. Und sie verdeutlicht, dass ein „Bullshit-Job“ ernsthafte gesundheitliche Folgen nach sich ziehen kann, von Boreout oder Burnout bis hin zu Depressionen.
Mit ihren tollen Figuren und ihrem besonderen Schreibstil konnte mich die Autorin vor allem in der ersten Hälfte des Romans einnehmen. Die zweite Hälfte habe ich als etwas schwächer empfunden. Den Verlauf der Geschichte an dem gemeinsamen Teambuilding-Wochenende und vor allem den Ausgang des Buches hätte ich mir anders gewünscht. Andererseits hat es Serrano genau dadurch geschafft, dass das Erzählte noch lange in mir nachhallte und mich mit einem Kopfschütteln zurückließ.
„Geht so“ ist ein Roman, der den Finger in mancherlei Hinsicht in die Wunde legt und dabei bis zum Schluss kurzweilig und unterhaltsam ist.

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Veröffentlicht am 22.09.2024

Eine berührende Geschichte aus Japan über das Abschiednehmen

Die Glückslieferanten
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Nanahoshi arbeitet als Lieferantin bei den Himmelsboten. Ihre Auftraggeber sind Menschen, die angesichts ihres nahenden Todes Angehörigen, Freunden oder Bekannten noch eine letzte Botschaft hinterlassen ...

Nanahoshi arbeitet als Lieferantin bei den Himmelsboten. Ihre Auftraggeber sind Menschen, die angesichts ihres nahenden Todes Angehörigen, Freunden oder Bekannten noch eine letzte Botschaft hinterlassen möchten. Nach dem Ableben ihrer Kunden sucht Nanahoshi nacheinander die Empfänger dieser besonderen Lieferungen auf und überbringt ihnen Nachrichten, die deren Leben verändern werden.

Nach „Die Erinnerungsfotografen“ ist „Die Glückslieferanten“ nun das zweite Buch von Sanaka Hiiragi, das ich gelesen habe. Abermals befasst sie sich darin mit dem Sterben, Tod und Abschiednehmen. Diese ernsten wie auch traurigen Themen arbeitet die Autorin auf berührende Art auf: Mit Nanahoshi gibt sie Verstorbenen die Möglichkeit, ein letztes Mal Kontakt zu Menschen aufzunehmen, die ihnen besonders am Herzen liegen und die sie zu ihrem Bedauern teils vor Langem aus den Augen verloren haben.
Das Buch ist in vier Kapitel plus Epilog eingeteilt. Man liest somit fünf kurze Geschichten. Verbindendes Element in diesen ist jeweils Nanahoshi, die Himmelsbotin. Zwischen den einzelnen Erzählabschnitten gibt es ansonsten keine weiteren Zusammenhänge. Sanaka Hiiragi hat es an dieser Stelle meiner Auffassung nach verpasst, ihrer Geschichte dadurch den letzten Schliff zu geben. In „Die Erinnerungsfotografen“ nämlich waren gerade die zarten Berührungspunkte zwischen den Figuren und Kapiteln besonders gelungen, was mir gut gefallen hatte.
Sprachlich dagegen konnte mich die Autorin auch in diesem Roman wieder abholen. Mit ihrer sanften Erzählweise schafft Sanaka Hiiragi eine ruhige Stimmung, die gut zum Inhalt passt.
Trotz kleiner Schwächen habe ich „Die Glückslieferanten“ sehr gerne gelesen!

Veröffentlicht am 06.06.2023

Ein Liebesroman voller Leidenschaft

True North - Wo auch immer du bist
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„True North – Wo auch immer du bist“ hat mich sehr überrascht. Der Roman erzählt von Audrey, die sich, nachdem ihr die Unterstützung ihrer machthungrigen Mutter gestrichen wurde, als Praktikantin eines ...

„True North – Wo auch immer du bist“ hat mich sehr überrascht. Der Roman erzählt von Audrey, die sich, nachdem ihr die Unterstützung ihrer machthungrigen Mutter gestrichen wurde, als Praktikantin eines großen Gastronomieunternehmens in Boston durchschlägt. Sie ist gelernte Köchin, darf zu ihrer eigenen Unzufriedenheit jedoch nur Hilfstätigkeiten ausüben. Als sie als Einkäuferin nach Vermont geschickt wird, trifft sie Griff. Sie hatte ihn bereits auf dem College kennengelernt und entdeckt nun ihre Gefühle für ihn wieder.
Während ich bei der Geschichte einen seichten Liebesroman erwartet hatte, ging es an vielen Stellen im Buch deutlich heißer her. Die Leidenschaft, die die beiden Protagonisten füreinander empfinden, endet regelmäßig in Sexszenen, die von der Autorin bildhaft beschrieben werden. Dennoch kommt die Handlung nicht zu kurz: Eindrücklich beschreibt Sarina Bowen das Leben von Griff und seiner Familie auf dem Hof, auf dem Bioäpfel angebaut und Cider hergestellt werden. Im Gegensatz dazu steht Audreys Leben, die für einen ausbeutenden Konzern arbeitet und nicht besonders glücklich ist. Die Autorin schafft es durch ihren Erzählstil, jeder Figur ihren ganz eigenen Charakter zuzuschreiben, sodass man sich diese beim Lesen gut vorstellen kann. Besonders gefallen hat mir, dass der Roman aus zwei Blickwinkeln geschrieben ist: In jedem Kapitel wechselnd wird die Handlung einmal aus Sicht von Audrey und einmal aus Sicht von Griff geschildert. Dadurch kann man tief in die Gedanken und die Gefühlswelt der beiden eintauchen.
Wenn ich eine Kleinigkeit bemängeln müsste, wäre es das Ende: Dieses kam für meinen Geschmack dann doch recht schnell und hätte gerne noch etwas ausführlicher beschrieben werden können.

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Veröffentlicht am 31.03.2026

Sprachlich anspruchsvolle feministische Literatur

Das Tränenhaus. Roman
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Inhalt:
Obwohl sie nicht verheiratet ist, ist Cornelie schwanger - zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Skandal! Die Schriftstellerin zieht sich in ein Frauenheim zurück, in dem sie ihre Schwangerschaft ...

Inhalt:
Obwohl sie nicht verheiratet ist, ist Cornelie schwanger - zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Skandal! Die Schriftstellerin zieht sich in ein Frauenheim zurück, in dem sie ihre Schwangerschaft verbringt und später ihr Kind diskret zur Welt bringen kann. Während ihres Aufenthalts macht sie Bekanntschaft mit anderen werdenden Müttern und lernt deren Schicksale kennen. Der Umgang der Gesellschaft mit dem unehelichen Nachwuchs der Frauen missfällt Cornelie, sodass sie beschließt, ihren eigenen Weg zu gehen. Doch schon bald muss sie feststellen, welch hohen Preis eine Frau zu zahlen hat, wenn sie nach Unabhängigkeit strebt.

Meine Meinung:
„Das Tränenhaus“ ist eine Neuauflage des 1908 erstmals erschienenen Romans von Gabriele Reuter. Obwohl ich für gewöhnlich vor allem den Inhalt einer Geschichte beschreibe und kommentiere, möchte ich in diesem Fall auch die Gestaltung des Buches erwähnen: Die Oberfläche des Einbandes hat eine ganz besondere Haptik. Sie fühlt sich fast wie Leinen an und lässt die Hardcover-Ausgabe damit sehr hochwertig erscheinen. Wirklich schön gemacht!
Inhaltlich hat der Roman einen außergewöhnlichen Einblick in eine Zeit zu bieten, die für mich beim Lesen teils unvorstellbar wirkte, teils aber auch noch immer aktuell ist. Den Kern der autobiografischen Geschichte bildet die Schwangerschaft von Cornelie sowie den Umgang der Gesellschaft mit dieser. Jungen Frauen, wie die Protagonistin eine ist, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts h*renhaftes Verhalten vorgeworfen, wenn sie uneheliche Kinder austrugen. Sie genossen also kein gutes Ansehen in der Gesellschaft, was dazu führte, dass sie die Schwangerschaft und ihren Nachwuchs zu verheimlichen versuchten. Was aus dieser Not resultierte, war für mich unfassbar zu lesen: Eine der jungen Mütter freute sich beispielsweise, als ihr Neugeborenes kurz nach der Geburt verstarb. Das Baby einer anderen kam gesund zur Welt und sollte deshalb zu einer Pflegemutter gegeben werden. Überlebte wiederum die Mutter die Geburt nicht, erfanden einige Familien gar Geschichten, woran sie gestorben sei, um die Schande von der Familie abzuwenden.
Als einzige der Frauen im Heim beugt sich Cornelie den vorherrschenden gesellschaftlichen Konventionen nicht. Sie schlägt einen eigenen Weg ein und wirkt damit deutlich emanzipierter als ihr Umfeld. Der Roman leistet damit einen wichtigen Beitrag zur feministischen Literatur. Heutzutage herrschen glücklicherweise keine derartigen Zustände mehr, dennoch sind es noch immer häufig die Frauen, denen im Falle einer ungewollten Schwangerschaft ein Fehlverhalten und damit die Schuld an der Situation zugewiesen wird. „Das Tränenhaus“ ist daher in gewisser Hinsicht noch immer aktuell.
Obwohl der Roman aufgrund seines Alters sprachlich anspruchsvoll ist und mir beim Lesen Konzentration abverlangte, ist er für alle lesenswert, die sich für feministische Literatur interessieren.

Veröffentlicht am 12.03.2026

Witziges interaktives Bilderbuch mit einfacher Gestaltung

Dieses Buch ist gefährlich
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„Dieses Buch ist gefährlich“ ist ein Bilderbuch der etwas anderen Art. Eine kleine Qualle möchte gerettet werden und fordert seine Leser und Leserinnen dazu auf, ihr dabei zu helfen. Dabei schlittert sie ...

„Dieses Buch ist gefährlich“ ist ein Bilderbuch der etwas anderen Art. Eine kleine Qualle möchte gerettet werden und fordert seine Leser und Leserinnen dazu auf, ihr dabei zu helfen. Dabei schlittert sie von einer gefährlichen Situation in die nächste. Auf sie warten unter anderem Seeschlangen, eine alte Kanone und vieles mehr…
Die Gestaltung des Buches ist mit seinen schlichten Illustrationen eher einfach gehalten. In den Bildern hätte ich mir mehr Details und entsprechend mehr Tiefe gewünscht. Die Schrift ist auf allen Seiten sehr groß und könnte für meinen Geschmack etwas kleiner sein. Das, was dieses Buch letzten Endes aber ausmacht, ist sein Inhalt: Es animiert Kinder zum Mitmachen. So werden sie gefragt, welcher Weg wohl der richtige ist, sollen sich leise verhalten und dürfen bestimmte Bilder im Buch nicht berühren – klar, dass es den Kleinen riesigen Spaß bereitet, genau das Gegenteil von dem zu tun, worum die kleine Qualle sie bittet. So kommt es zu allerlei überraschenden, vor allem überraschend witzigen Situationen. Trotz meiner Kritiken hinsichtlich der Gestaltung ist dies also ein Buch, das sicherlich immer wieder gerne zur Hand genommen wird.