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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.04.2026

Komplex

Alma
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Der Leser wird in mehrfach herausfordernder Weise mit diesem Buch konfrontiert: Die Protagonisten verraten wenig über ihr Wesen und ihr Denken, erst die Lektüre des kompletten Textes ermöglicht es, ihr ...

Der Leser wird in mehrfach herausfordernder Weise mit diesem Buch konfrontiert: Die Protagonisten verraten wenig über ihr Wesen und ihr Denken, erst die Lektüre des kompletten Textes ermöglicht es, ihr Profil, ihren Charakter zu erkennen. Die historischen Zusammenhänge, die in Südosteuropa zu den politischen Ereignissen gegen Ende des 20. Jahrhunderts führten, sind nicht mehr unbedingt Allgemeingut im Bewusstsein der Leserschaft, wiederholte Recherche-Anstrengungen sind erforderlich, will man die atmosphärisch dichten Schilderungen des Romans mit den konkreten Ereignissen abgleichen. Auch das Konsultieren einer Landkarte erleichtert das Verständnis der komplexen, durch Zeitsprünge und Schauplatzwechsel charakterisierten Romanhandlung.

Wenn der Leser jedoch diese Herausforderungen annimmt, wird er mit einer Lektüre belohnt, die ungemein bereichernd ist: Zerrissenheit im Inneren wie im Äußeren, ein dauernder Kampf um eine immer wieder in Frage gestellte Identität, Grausamkeit und Menschenverachtung auf Seiten der Mächtigen ebenso wie bei denen, die vom Strudel der Ereignisse einfach mitgerissen wurden. Die deutsche Übersetzung kultiviert einen einerseits schwebenden Tonfall, poetisch, doch präzise, erspart dem Leser aber auch nicht die Unmenschlichkeit eines Kriegsgeschehens mitten in Europa.

Der Verlag hätte durch eine knappe Zeittafel und eine skizzierte Landkarte die Lektüre enorm erleichtern können; es steht zu befürchten, dass manch potenzieller Leser durch diese äußeren Verständnishürden um ein hochbefriedigendes Leseerlebnis gebracht wird, weil er womöglich vor den Anforderungen dieses komplexen Romans die Waffen streckt.

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Veröffentlicht am 15.02.2026

Fremde Heimat, vertraute Fremde

Halber Stein
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Wie beglückend, mit einem Abstand von bald fünfzehn Jahren die ersten literarischen Schritte von Iris Wolff einer würdigenden Prüfung zu unterziehen. Gelegenheit dazu bietet die Neuveröffentlichung des ...

Wie beglückend, mit einem Abstand von bald fünfzehn Jahren die ersten literarischen Schritte von Iris Wolff einer würdigenden Prüfung zu unterziehen. Gelegenheit dazu bietet die Neuveröffentlichung des Debüts in einer Taschenbuchausgabe in ihrem neuen Stammverlag Klett-Cotta.

Bereits in diesem ersten Werk zeigt sich das Lebensthema dieser jungen Autorin: der frühe Verlust von Heimat, Siebenbürgen, Schauplatz der wechselvollen Geschichte der deutschen Minderheit im heutigen Rumänien.

Es ist etwas ganz Eigenes in Iris Wolffs Schreiben: Ihre Sprache handhabt sie wie ein präzises Instrument, ein Werkzeug, dem sie nie die Gelegenheit zugebilligt hat, stumpf zu werden, sie benutzt sie mit Behutsamkeit, aber kraftvoll. Es mag gewiss mit ihrer Herkunft zu tun haben: wer in einem Land aufgewachsen ist, in dem die eigene Sprache nur von einer Minderheit gesprochen wird, muss sich der eigenen Identität immer neu vergewissern. In diesem Roman wird die Vorsicht deutlich, mit der die Protagonistin agiert, wenn sie ins Land ihrer Herkunft zurückkehrt.

Man muss der jungen Autorin zugute halten, dass dieser erste Roman noch keine Vollendung bietet: der Einblick in die Geschichte Siebenbürgens geschieht ein wenig holzschnittartig, eine Anmutung von Volkshochschul-Inhalt ist nicht gänzlich ungerechtfertigt. Doch die Vielzahl an Personen, denen die Ich-Erzählerin begegnet, vermag die Eigenart der Mentalität dieser Menschen plastisch zu vermitteln.

Ihre eigene Zerrissenheit, ihre Erfahrung von Entwurzelung in der neuen Heimat, und ihr behutsames Herantasten an die verschütteten Erfahrungen einer als beglückend empfundenen Kindheit werden in den ungemein poetischen Traumsequenzen deutlich. Fremde Heimat, vertraute Fremde erweist sich als das die junge Hauptfigur prägende Lebensgefühl, das sich als tragfähige Existenzgrundlage erweist.

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Der Blick zurück

Meine Mutter
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Dass Töchter gegenüber ihrer Mutter Vorbehalte hegen, sie auf Distanz halten, ist eine altbekannte Tatsache. Doch in Bezug auf das Verhältnis zwischen Bettina und ihrer Mutter Gila ist die Situation weitaus ...

Dass Töchter gegenüber ihrer Mutter Vorbehalte hegen, sie auf Distanz halten, ist eine altbekannte Tatsache. Doch in Bezug auf das Verhältnis zwischen Bettina und ihrer Mutter Gila ist die Situation weitaus komplexer.

Während wir Auftreten und Verhalten anlässlich der Beerdigung noch unter jugendliches Protestgebaren verbuchen, dämmert dem Leser, welch tiefgreifende Probleme hier vorliegen, wenn er ein passent erfährt, dass die Mutter freiwillig aus dem Leben geschieden war. Ein kompliziertes Geflecht verwandtschaftlicher Beziehungen wird entfaltet, das sich für den Leser zunächst recht unübersichtlich und verwirrend darstellt.

Unvermittelt schließt sich an diese Szenerie die Schilderung der Kindheit dieser Mutter in ausgesprochen saturierten Verhältnissen in einer durch und durch bürgerlichen Existenz im räumlich und zeitlich so fernen Niederschlesien an. Doch deuten sich bereits hier feine aber prägnante Risse an. Die traumatische Vertreibung nach Kriegsende und Zusammenbruch des Naziregimes erklärt die seelisch instabile Konstitution der jungen Gila, deren Gaben und Lebenswendungen sie doch trotz allem für ein sorgenfreies und glückliches Leben zu prädestinieren scheinen.

Geschickt verknüpft die Autorin Bettina Flitner die verschiedenen Zeitebenen, was durch ihre berufliche Tätigkeit in Film und Fernsehen erklärbar ist. Eigenartige Zufälle sind es, die zu plötzlichen Entschlüssen und Unternehmungen führen, die ein spätes Verständnis für die emotionale Disposition der Mutter hervorrufen. Immer wieder klingt an, dass in dieser großen Familie der Selbstmord keine Einzelerscheinung ist. Ob es eine genetische Vorbelastung oder aber die Bürde des geschichtlichen Leides ist, die diese Hypothek begründet, bleibt im Dunkeln.

Im letzten Drittel dieses Textes kommt es zu bedauerlichen Längen, doch insgesamt setzt die Autorin ihrer Mutter und einer historischen Konstellation ein beeindruckendes Denkmal. Ein Familienstammbaum im Anhang hätte dem Leser die Lektüre erheblich erleichtert, doch es dominiert die beeindruckende Leistung, die ferne Vergangenheit mit den Erfahrungen der Gegenwart verknüpft zu haben.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Mahnmal für eine tote Schwester

Lilianas unvergänglicher Sommer
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Dreißig Jahre nach dem Tod der zwanzigjährigen Liliana drängt es die ältere Schwester, sich mit diesem brutalen, doch vorhersehbaren Mord auseinanderzusetzen. Klarsichtig und schonungslos ersteht das Porträt ...

Dreißig Jahre nach dem Tod der zwanzigjährigen Liliana drängt es die ältere Schwester, sich mit diesem brutalen, doch vorhersehbaren Mord auseinanderzusetzen. Klarsichtig und schonungslos ersteht das Porträt der zutiefst frauenfeindlichen Gesellschaft Mexikos, in der Lilianas Tod beileibe kein Einzelfall ist, aber von der renommierten Autorin Cristina Rivera Garza klarsichtig, subtil, sensibel aufgearbeitet wird.

Ganz unterschiedliche Aspekte werden dabei berücksichtigt: der soziologischen Perspektive wird Rechnung getragen, indem die bahnbrechende Studie einer US-amerikanischen Krankenschwester herangezogen wird, die aus ihrer praktischen Arbeit heraus ihre Beobachtungen systematisiert als einen praktischen Leitfaden zum Umgang mit drohenden Femiziden veröffentlichte.

Politisch ist Garzias Darstellung ihres vergeblichen Versuchs, innerhalb der desinteressierten Justiz und Verwaltung der Unterlagen und Akten habhaft zu werden.

Doch menschlich ergreifend sind die Protokolle der Nachforschungen bei den Freunden und Studienkollegen, die ein lebenspralles Bild einer um Unabhängigkeit ringenden jungen Frau in der patriarchalischen Gesellschaft Mexikos zeichnen. Der Partner und Ex-Partner, Freund und Ex-Freund wird als latent drohender Schatten durchaus wahrgenommen, nicht aber die in letzter Konsequenz tödliche Gefahr, die von ihm ausgeht. Wahrhaft erschütternd schließt die Wiedergabe der tiefen Verstörung der untröstlichen Eltern dieses literarische Mahnmal für die getötete Schwester ab.

Eingeschränkt wird das positive Urteil über dieses überzeugende Werk durch die Übersetzerin, die es für notwendig hält, ihre persönliche Agenda durch ihr unsägliches deutsches Gendern umzusetzen.

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Veröffentlicht am 24.07.2025

Geschundenes Land, geschundene Menschen

Wohin du auch gehst
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Dieser Roman konfrontiert den Leser mit der Darstellung von Verlusten auf allen Ebenen: Heimat, Selbstbestimmung, Identität.

Noch immer ist Afrika auf unserer Lektürelandkarte weitgehend eine terra incognita. ...

Dieser Roman konfrontiert den Leser mit der Darstellung von Verlusten auf allen Ebenen: Heimat, Selbstbestimmung, Identität.

Noch immer ist Afrika auf unserer Lektürelandkarte weitgehend eine terra incognita. Fassungslos und mit Entsetzen registriert man die Details der jüngeren kongolesischen Geschichte, nimmt tiefen Anteil am Schicksal der Protagonisten, die von diesem Strudel fortgerissen werden. Zunächst gebettet in einen Zustand von Wohlstand und gesellschaftlicher Saturiertheit, wendet sich das Blatt des persönlichen Schicksals für alle Figuren.

Immer neue Schicksalsschläge werfen die Frauen dieses Romans in Not und Verzweiflung. Politische Umstürze führen zum Verlust der Heimat, aber selbst im Exil greift die Repression durch aufrechterhaltene Traditionen. Die Wohlanständigkeit im Katholizismus im Kongo wird ersetzt durch den Psychoterror einer Freikirche in England. Sexuelle Selbstbestimmung, ja die Menschenwürde insgesamt bleiben auf der Strecke.

Durch die Bank werden die Frauen in diesem Milieu zu Opfern. Dass durchweg alle Männer in diesem Roman negativ gezeichnet sind, schmälert bedauerlicherweise die Qualität dieses außergewöhnlichen Romans. Aber das Panorama eines geschundenen Landes und seiner geschundenen Menschen bleibt lange im Gedächtnis.

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