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Veröffentlicht am 04.05.2026

✎ Jasmin Schaudinn - Die Vorschulprofis: Wir sind die Großen in der Kita

Die Vorschulprofis: Wir sind die Großen in der Kita
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Mit „Die Vorschulprofis: Wir sind die Großen in der Kita“ hat Jasmin Schaudinn ein liebevoll konzipiertes Vorlesebuch für die letzte Kita-Zeit geschaffen. Genau in dieser Phase spüren Kinder oft sehr deutlich, ...

Mit „Die Vorschulprofis: Wir sind die Großen in der Kita“ hat Jasmin Schaudinn ein liebevoll konzipiertes Vorlesebuch für die letzte Kita-Zeit geschaffen. Genau in dieser Phase spüren Kinder oft sehr deutlich, dass sich etwas verändert: Sie gehören nicht mehr zu den Kleinsten, wollen mehr können, mehr mitentscheiden und fiebern dem nächsten großen Schritt entgegen. Dieses Gefühl aus Stolz, Unsicherheit, Neugier und Aufbruch fängt das Buch greifbar ein. Gleichzeitig bleibt es nicht bei einer reinen Vorlesegeschichte, sondern ergänzt die Handlung um zahlreiche Mitmachideen und kleine Impulse für die Vorschulzeit.

Bereits die erste Umklappseite hat mich ehrlich begeistert. Sie ist wie ein Freundebuch aufgebaut und steckt voller witziger, ungewöhnlicher Fragen, die nicht nach Standardprogramm klingen. Nicht dieses austauschbare Abfragen von Lieblingsfarbe und Lieblingstier, sondern kleine kreative Impulse, die Kinder wirklich zum Erzählen bringen. Umso bedauerlicher, dass es so ein Freundebuch nicht separat zu kaufen gibt, denn allein diese Idee hat sofort Charme.

Sehr gelungen ist außerdem, wie selbstverständlich Vielfalt in die Geschichte eingebunden wurde. Die Kinder unterscheiden sich sichtbar in Aussehen, Temperament und familiärem Hintergrund. Unterschiedliche Hautfarben, Brille, diverse Familienkonstellationen und ein Kind mit Cochlea-Implantat sind einfach Teil der Gruppe, ohne dass daraus eine belehrende Sonderlektion gemacht wird. Genau dadurch wirkt es glaubwürdig. Besonders das Cochlea-Implantat wird kindgerecht erklärt und spielerisch in den Alltag eingebettet, sodass Kinder lernen, Unterschiede wahrzunehmen, ohne sie als etwas Fremdes zu empfinden. Auch ein abgeklebtes Auge wird thematisiert, was ebenfalls eine schöne Möglichkeit bietet, Fragen aus dem Kinderalltag aufzugreifen. Nur in den Illustrationen wurde dieses Detail nicht ganz konsequent durchgezogen, weil die Augenklappe stellenweise plötzlich fehlt. Das ist nur eine Kleinigkeit, aber gerade jungen Zuhörern fallen solche Unstimmigkeiten oft erstaunlich schnell auf.

Seine eigentliche Stärke entwickelt dieses Kinderbuch jedoch in den vielen Aktionen, die die Geschichte begleiten. Nach den einzelnen Kapiteln findet sich eine Zusammenfassung der kreativen Ideen, die sich nicht nur im Kita-Alltag, sondern ebenso gut zuhause, beim Kindergeburtstag oder an einem gemeinsamen Spielenachmittag umsetzen lassen. Dabei geht es nicht um Beschäftigung um der Beschäftigung willen. Ganz nebenbei trainieren die Kinder Feinmotorik, Wahrnehmung, Koordination, soziale Kompetenzen, Frustrationstoleranz, Empathie, Selbstvertrauen, Selbstregulation und Sprachentwicklung. Man merkt deutlich, dass hier pädagogische Erfahrung eingeflossen ist, ohne dass sich das Buch jemals trocken anfühlt.

Bei uns waren vor allem die Klatschspiele der heimliche Star. Mein Kind liebt solche rhythmischen Mitmachaktionen ohnehin abgöttisch. Eines dieser Klatschspiele ist zusätzlich per QR-Code verlinkt, was ich im ersten Moment tatsächlich hilfreich fand, weil man die Umsetzung direkt gezeigt bekommt. Leider fand ich die Umsetzung des Videos ein bisschen lieblos.

Ähnlich ging es mir mit dem Vorschullied. Dass Kinder beim Vorlesen nicht nur zuhören, sondern auch mitsingen dürfen, passt wunderbar zum Konzept und lockert die Geschichte schön auf. Da das Lied allerdings auf einer sehr bekannten Melodie basiert, findet man ohnehin sofort hinein. Umso unnötiger wirkt es, dass im Buch gleich viermal auf denselben Song verwiesen wird. Nach der ersten Verlinkung ist der Hinweis absolut ausreichend, alles Weitere fühlt sich eher wie eine wiederholte Erinnerung an als wie ein echter Zusatznutzen.

Was ich ebenfalls sehr mochte: In dieser Geschichte dürfen Gefühle einfach da sein. Freude, Unsicherheit, Ärger, Stolz, Enttäuschung - nichts wird klein geredet. Vorschulkinder stecken mitten in einem riesigen Umbruch, und genau deshalb ist es wertvoll, wenn ein Buch ihnen signalisiert, dass nicht immer alles glattlaufen muss. Dass man genervt sein darf. Dass man sich mal nicht traut. Dass man trotzdem seinen Platz findet.

Optisch ist „Die Vorschulprofis: Wir sind die Großen in der Kita“ freundlich, bunt und sympathisch von Sandy Thißen illustriert. Die Figuren sind lebendig gezeichnet und laden zum Anschauen ein. Trotzdem hätte ich mir auf einigen Seiten etwas mehr visuelle Fülle gewünscht. Teilweise steht recht viel Text einem vergleichsweise ruhigen Bild gegenüber, sodass Kinder beim längeren Vorlesen nicht ganz so viel zum zusätzlichen Entdecken haben, wie es möglich gewesen wäre.

Wirklich irritiert hat mich dagegen die Einbindung bei Antolin. Zwar sammelt das Buch dort Punkte, gelistet ist es jedoch erst ab Klasse 3. Für ein Vorlese- und Mitmachbuch, das sich eindeutig an Vorschulkinder ab fünf Jahren richtet, läuft das am eigentlichen Nutzen vorbei. Kinder in dieser Altersgruppe können mit diesem Zusatz nichts anfangen, sodass die Antolin-Anbindung eher wie ein nettes Extra auf dem Papier wirkt als wie eine durchdachte Ergänzung.

Unterm Strich bleibt für mich trotzdem ein warmes, ideenreiches und im Kern klug gemachtes Kinderbuch, das Vorschulkinder ernst nimmt, ohne sie zu überfordern. Es feiert das Größerwerden, ohne Druck aufzubauen. Es zeigt Unterschiede, ohne sie auszustellen. Und es schenkt Familien neben der Geschichte noch viele kleine Anstöße für gemeinsames Erleben.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 20.04.2026

✎ Anja Reumschüssel - Über den Dächern von Jerusalem

Über den Dächern von Jerusalem
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Ich habe lange gezögert, bevor ich „Über den Dächern von Jerusalem“ überhaupt aufgeschlagen habe. Nicht aus Desinteresse, sondern weil mir klar war, welches Gewicht dieses Thema mitbringt. Der Nahostkonflikt ...

Ich habe lange gezögert, bevor ich „Über den Dächern von Jerusalem“ überhaupt aufgeschlagen habe. Nicht aus Desinteresse, sondern weil mir klar war, welches Gewicht dieses Thema mitbringt. Der Nahostkonflikt ist kein Thema, welches man nebenbei konsumiert. Er verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten.

Der Einstieg erfolgt abrupt. Man befindet sich sofort im Geschehen, zunächst in der Gegenwart bei Karim und Anat, anschließend in einer anderen Zeitebene mit Tessa und Mo. Meine anfängliche Befürchtung, dauerhaft zwischen vier Perspektiven wechseln zu müssen, löst sich schnell auf. Stattdessen entscheidet sich Anja Reumschüssel für eine klarere Linie: Erst entfaltet sich die Vergangenheit, danach folgt die Gegenwart. Vieles lässt sich erst durch dieses Fundament wirklich einordnen.

Beide Zeitebenen tragen die Erzählung, jede setzt eigene Akzente. Besonders die historische Ebene rund um die Staatsgründung Israels hat bei mir Wissenslücken geschlossen, ohne belehrend zu wirken. Die wechselnden Perspektiven israelischer und palästinensischer Figuren schaffen ein vielschichtiges Bild, das Nähe erzeugt, wo zuvor Distanz war.

Gleichzeitig zeigt der Roman Schwächen in der Verdichtung. Wiederholungen in Gedanken und Szenen verlangsamen den Verlauf spürbar. Eine stärkere Straffung hätte die Wirkung verdichtet, ohne Inhalte zu verlieren.

Problematischer wird es für mich bei der inhaltlichen Gewichtung. schreibt die Autorin: „Auch wenn ich versucht habe, beiden Seiten zuzuhören, fällt es mir nicht leicht, beide Seiten gleichermaßen als Opfer und Täter zu sehen.“ (S. 327) Genau hier entsteht eine Spannung zwischen Anspruch und Umsetzung. Ein Roman, der sich als historisch fundiert und zugleich gegenwartsbezogen versteht, trägt Verantwortung in seiner Darstellung. Wenn diese Balance nicht gelingt, entsteht schnell ein Ungleichgewicht in der Wahrnehmung.

Ich hatte stellenweise das Gefühl, dass diese Differenziertheit nicht konsequent durchgehalten wird. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass Lesende bestimmte Schlussfolgerungen übernehmen, ohne die gesamte Komplexität zu erfassen. Gerade bei einem Thema wie diesem ist das nicht unproblematisch, weil Narrative schnell politisch aufgeladen sind und Interpretationen weitreichende Konsequenzen haben können.

Unstrittig bleibt die sorgfältige Recherche. Die Autorin bringt einen journalistischen Hintergrund mit, hat in Israel gelebt und vor Ort gearbeitet. Diese Hintergrundarbeit ist in den Beschreibungen und historischen Bezügen deutlich spürbar und verleiht dem Text Authentizität.

Am Ende bleibt ein ambivalenter Eindruck. Der Roman öffnet Zugänge zu einem schwierigen historischen Kontext und macht Zusammenhänge greifbar. Gleichzeitig hinterlässt er Fragen zur Gewichtung und zur erzählerischen Balance.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 07.04.2026

✎ Kathrin Schrocke - Freak City

Freak City
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Bücher über gehörlose Menschen standen für mich lange kaum im Fokus. Vielleicht auch, weil ich mir nur schwer vorstellen konnte, wie sich ein solches Thema erzählerisch tragen lässt, ohne klischeehaft ...

Bücher über gehörlose Menschen standen für mich lange kaum im Fokus. Vielleicht auch, weil ich mir nur schwer vorstellen konnte, wie sich ein solches Thema erzählerisch tragen lässt, ohne klischeehaft oder oberflächlich zu wirken. Genau hier setzt „Freak City“ von Kathrin Schrocke an und überrascht. Die Autorin rückt das Leben eines gehörlosen Mädchens in den Mittelpunkt, ohne ins Dramatische abzurutschen oder künstlich Emotionen zu erzwingen. Stattdessen entsteht ein ruhiger, respektvoller Blick auf eine Lebensrealität, die im Alltag oft übersehen wird.

Im Kern erzählt der Roman von ersten Gefühlen, Unsicherheiten und dem schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens. Es geht um Verliebtheit, Herzschmerz, das Erkennen eigener Grenzen und das Loslösen von Menschen, die einem nicht guttun. Diese Themen sind vertraut, doch durch die besondere Perspektive erhalten sie eine zusätzliche Tiefe. Mika als Ich-Erzähler macht seine Gedanken unmittelbar zugänglich, sodass man sehr nah an seinen inneren Konflikten bleibt. Gleichzeitig gelingt es der Geschichte, auch andere Sichtweisen einzubinden und verschiedene Haltungen gegenüber Gehörlosigkeit sichtbar zu machen.

Der Umgang von Leas Familie mit ihrer Situation hat mich besonders irritiert. Ihre Reaktionen wirken kühl und teilweise abweisend, was ein starkes Gefühl von Unverständnis hinterlässt. Überforderung mag eine Rolle spielen, erklärt für mich aber nicht, warum so wenig Bereitschaft da ist, sich wirklich auf Lea einzulassen. Gerade weil Zeit vorhanden gewesen wäre, wirkt dieses Verhalten umso befremdlicher. Dieses Spannungsfeld wird im Roman nicht beschönigt, sondern nüchtern dargestellt, was lange nachwirkt.

Ein interessanter Aspekt ist der Einblick in die Gebärdensprache. Er bleibt eher oberflächlich, was einerseits verständlich ist, andererseits Fragen aufwirft. Dass innerhalb weniger Wochen spürbare Fortschritte möglich sind, erscheint jedoch wenig überzeugend.

Unterm Strich bleibt „Freak City“ für mich ein zugänglicher Einstieg in eine Welt, die vielen fremd ist. Kein allumfassendes Abbild, sondern ein Annähern, das zum Nachdenken anregt. Bereits in „Weiße Tränen“ - mein erstes Buch der Autorin - hat Kathrin Schrocke gezeigt, wie sie gesellschaftliche Missstände sichtbar macht, ohne belehrend zu wirken. Diese Stärke zeigt sich auch hier: Sie schreibt nah an der Lebensrealität Jugendlicher, mit einer Sprache, die direkt trifft, verständlich bleibt und dennoch unbequem sein kann. Ihre Geschichten konfrontieren und machen sichtbar, was oft ausgeblendet wird.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 06.04.2026

✎ Leonie Ossowski - Die große Flatter

Die große Flatter
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„Die große Flatter“ von Leonie Ossowski ist ein Buch, welches unter die Haut geht.

Als ich den Klappentext gelesen habe, hatte ich keine klare Vorstellung davon, was mich erwartet. Ich war eher vorsichtig ...

„Die große Flatter“ von Leonie Ossowski ist ein Buch, welches unter die Haut geht.

Als ich den Klappentext gelesen habe, hatte ich keine klare Vorstellung davon, was mich erwartet. Ich war eher vorsichtig neugierig als wirklich vorbereitet. Rückblickend war genau das der richtige Ausgangspunkt, denn diese Geschichte trifft ungebremst.

Schocker und Richy, zwei Jugendliche aus einer Berliner Obdachlosensiedlung, wollen nur eines: raus. Weg aus den Baracken, weg aus der Enge, weg aus einem Leben, das ihnen längst keine Perspektive mehr bietet. Was zunächst wie ein vertrauter Fluchtgedanke klingt, entwickelt sich schnell zu einer Erzählung, die sich festsetzt. Alkohol, Gewalt und zerbrochene Familien prägen den Alltag, und Ossowski schildert das mit einer Nüchternheit, die kaum Raum zum Ausweichen lässt. Nichts wird abgefedert, nichts romantisiert. Gerade diese Direktheit macht den Roman so eindringlich.

Beim Lesen hatte ich immer wieder Momente, die mich getroffen haben. Nicht, weil bewusst auf Schock gesetzt wird, sondern weil sich vieles erschreckend real anfühlt. Ossowskis Erfahrung als Sozialarbeiterin verleiht dem Ganzen eine Glaubwürdigkeit, die man nicht ignorieren kann. Statt einfache Antworten zu liefern, rückt sie Verständnis in den Mittelpunkt und zwingt dazu, genauer hinzusehen.

Trotz dieser Schwere halte ich den Roman für besonders geeignet im schulischen Kontext. Nicht als Pflichtprogramm, sondern als echte Auseinandersetzung mit einer Lebensrealität, die vielen fremd ist. Gerade für Jugendliche, die in stabilen Verhältnissen aufwachsen, entsteht hier ein Perspektivwechsel, der hängen bleibt und zum Nachdenken zwingt. Dass das Buch auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen nichts an Relevanz verloren hat, spricht für sich.

Es ist kein Stoff für entspannte Lesestunden. Die Sprache ist rau und der Ton schonungslos - nah an der Lebenswelt der Figuren. Für mich hat diese Nüchternheit dazu beigetragen, dass das Gelesene lange nachwirkt.

Am Ende habe ich das Buch zugeklappt und brauchte einen Moment, um das Gelesene einzuordnen. Leonie Ossowski formuliert ihr Anliegen im Nachwort selbst: »Ich schrieb das Buch für Jugendliche über Jugendliche unseres Landes, damit statt Vorurteilen das Fragen nach dem „Warum“ gelernt wird.« (S. 206, Nachwort der Autorin, 1977)
Nicht urteilen, sondern verstehen. Das ist es, was den Roman bis heute relevant macht.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 16.03.2026

✎ Jaap ter Haar - Behalt das Leben lieb

Behalt das Leben lieb
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„Behalt das Leben lieb“ von Jaap ter Haar ist ein Jugendbuch, das seit Jahrzehnten immer wieder im Schulunterricht gelesen wird. Als ich erfahren habe, dass es an der Schule meines Kindes teilweise zur ...

„Behalt das Leben lieb“ von Jaap ter Haar ist ein Jugendbuch, das seit Jahrzehnten immer wieder im Schulunterricht gelesen wird. Als ich erfahren habe, dass es an der Schule meines Kindes teilweise zur Lektüre gehört, wollte ich zuerst selbst einen Blick hineinwerfen. Mich hat vor allem interessiert, wie der Autor mit dem Thema Blindheit nach einem Unfall umgeht.

Der Roman erzählt die Geschichte des dreizehnjährigen Beer, der nach einem schweren Unfall sein Augenlicht verliert und sich plötzlich in einer völlig neuen Realität zurechtfinden muss. Neben der körperlichen Veränderung steht vor allem die emotionale Verarbeitung im Mittelpunkt: Verzweiflung, Wut, Hoffnung und schließlich der vorsichtige Versuch, das eigene Leben neu zu begreifen.

Der Schreibstil in „Behalt das Leben lieb“ ist leicht zugänglich. Man findet schnell in die Handlung hinein, viele Szenen lesen sich flüssig und manche Momente haben mich tatsächlich berührt. Gleichzeitig gibt es Passagen, in denen sich die Geschichte etwas zieht und der Erzählfluss kurz ins Stocken gerät.

Weniger überzeugt hat mich der Unfall selbst, der den Ausgangspunkt der Handlung bildet. Wenn man sich die Situation bildlich vorstellt, wirkt sie wenig glaubwürdig. Es fiel mir schwer nachzuvollziehen, dass Beer unter diesen Umständen überhaupt überlebt haben soll. Dieser Einstieg wirkte auf mich konstruiert und hat mich gleich zu Beginn etwas aus der Geschichte herausgerissen.

Überzeugender fand ich dagegen die Darstellung von Beers Umfeld. Seine Familie, die Menschen um ihn herum und die vielen kleinen Alltagssituationen wirken deutlich authentischer. Beim Lesen wird man immer wieder mit Fragen konfrontiert, über die man als sehender Mensch normalerweise kaum nachdenkt: Wie bewegt man sich sicher durch eine Wohnung? Wie verändert sich der Schulalltag? Wie reagieren Freundinnen und Freunde? Gerade diese Perspektiven machen das Buch interessant, weil sie einen Einblick in Lebensrealitäten gibt, die vielen Lesenden fremd sind.

Spannend fand ich auch die Einblicke in die praktischen Aspekte, die nebenbei vermittelt werden. Der Roman zeigt, wie Blindenschrift funktioniert und wie blinde Menschen Fächer wie Mathematik oder Physik lernen können. Solche Details verdeutlichen, wie viel Anpassung und Lernbereitschaft hinter einem Alltag ohne Augenlicht stehen.

Die Handlung selbst bleibt allerdings an einigen Stellen vorhersehbar. Bestimmte Entwicklungen zeichnen sich relativ früh ab. Ein Beispiel ist ein Geschenk für Beer, das ich bereits mehrere Seiten vorher erwartet hatte. Dadurch verliert die Geschichte stellenweise etwas an Spannung.

Inhaltlich kehrt der Roman immer wieder zu einer zentralen Botschaft zurück: dass innere Werte wichtiger sind als die äußere Erscheinung. Gerade für Jugendliche in der Pubertät ist das eine Erinnerung, die vermutlich nicht oft genug ausgesprochen werden kann. In einem Alter, in dem Aussehen und Wirkung nach außen eine große Rolle spielen, kann ein Buch wie dieses zumindest zum Nachdenken anregen.

Das Buch erschien ursprünglich 1976 und ist damit inzwischen ein halbes Jahrhundert alt. Dass „Behalt das Leben“ lieb trotzdem noch immer im Unterricht gelesen wird, zeigt, wie langlebig manche Jugendbücher sind. Gleichzeitig frage ich mich, ob es heute nicht auch modernere Geschichten über Blindheit gibt, die näher an der heutigen Lebensrealität von Jugendlichen liegen.

Trotz einiger Schwächen habe ich das Buch insgesamt gern gelesen. Die Geschichte überzeugt vor allem durch ihren einfühlsamen Blick auf Familie, Freundschaft und den schwierigen Prozess, ein Leben mit einer plötzlichen Behinderung neu zu ordnen.

©2026 Mademoiselle Cake