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Veröffentlicht am 20.04.2026

✎ Anja Reumschüssel - Über den Dächern von Jerusalem

Über den Dächern von Jerusalem
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Ich habe lange gezögert, bevor ich „Über den Dächern von Jerusalem“ überhaupt aufgeschlagen habe. Nicht aus Desinteresse, sondern weil mir klar war, welches Gewicht dieses Thema mitbringt. Der Nahostkonflikt ...

Ich habe lange gezögert, bevor ich „Über den Dächern von Jerusalem“ überhaupt aufgeschlagen habe. Nicht aus Desinteresse, sondern weil mir klar war, welches Gewicht dieses Thema mitbringt. Der Nahostkonflikt ist kein Thema, welches man nebenbei konsumiert. Er verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten.

Der Einstieg erfolgt abrupt. Man befindet sich sofort im Geschehen, zunächst in der Gegenwart bei Karim und Anat, anschließend in einer anderen Zeitebene mit Tessa und Mo. Meine anfängliche Befürchtung, dauerhaft zwischen vier Perspektiven wechseln zu müssen, löst sich schnell auf. Stattdessen entscheidet sich Anja Reumschüssel für eine klarere Linie: Erst entfaltet sich die Vergangenheit, danach folgt die Gegenwart. Vieles lässt sich erst durch dieses Fundament wirklich einordnen.

Beide Zeitebenen tragen die Erzählung, jede setzt eigene Akzente. Besonders die historische Ebene rund um die Staatsgründung Israels hat bei mir Wissenslücken geschlossen, ohne belehrend zu wirken. Die wechselnden Perspektiven israelischer und palästinensischer Figuren schaffen ein vielschichtiges Bild, das Nähe erzeugt, wo zuvor Distanz war.

Gleichzeitig zeigt der Roman Schwächen in der Verdichtung. Wiederholungen in Gedanken und Szenen verlangsamen den Verlauf spürbar. Eine stärkere Straffung hätte die Wirkung verdichtet, ohne Inhalte zu verlieren.

Problematischer wird es für mich bei der inhaltlichen Gewichtung. schreibt die Autorin: „Auch wenn ich versucht habe, beiden Seiten zuzuhören, fällt es mir nicht leicht, beide Seiten gleichermaßen als Opfer und Täter zu sehen.“ (S. 327) Genau hier entsteht eine Spannung zwischen Anspruch und Umsetzung. Ein Roman, der sich als historisch fundiert und zugleich gegenwartsbezogen versteht, trägt Verantwortung in seiner Darstellung. Wenn diese Balance nicht gelingt, entsteht schnell ein Ungleichgewicht in der Wahrnehmung.

Ich hatte stellenweise das Gefühl, dass diese Differenziertheit nicht konsequent durchgehalten wird. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass Lesende bestimmte Schlussfolgerungen übernehmen, ohne die gesamte Komplexität zu erfassen. Gerade bei einem Thema wie diesem ist das nicht unproblematisch, weil Narrative schnell politisch aufgeladen sind und Interpretationen weitreichende Konsequenzen haben können.

Unstrittig bleibt die sorgfältige Recherche. Die Autorin bringt einen journalistischen Hintergrund mit, hat in Israel gelebt und vor Ort gearbeitet. Diese Hintergrundarbeit ist in den Beschreibungen und historischen Bezügen deutlich spürbar und verleiht dem Text Authentizität.

Am Ende bleibt ein ambivalenter Eindruck. Der Roman öffnet Zugänge zu einem schwierigen historischen Kontext und macht Zusammenhänge greifbar. Gleichzeitig hinterlässt er Fragen zur Gewichtung und zur erzählerischen Balance.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 07.04.2026

✎ Kathrin Schrocke - Freak City

Freak City
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Bücher über gehörlose Menschen standen für mich lange kaum im Fokus. Vielleicht auch, weil ich mir nur schwer vorstellen konnte, wie sich ein solches Thema erzählerisch tragen lässt, ohne klischeehaft ...

Bücher über gehörlose Menschen standen für mich lange kaum im Fokus. Vielleicht auch, weil ich mir nur schwer vorstellen konnte, wie sich ein solches Thema erzählerisch tragen lässt, ohne klischeehaft oder oberflächlich zu wirken. Genau hier setzt „Freak City“ von Kathrin Schrocke an und überrascht. Die Autorin rückt das Leben eines gehörlosen Mädchens in den Mittelpunkt, ohne ins Dramatische abzurutschen oder künstlich Emotionen zu erzwingen. Stattdessen entsteht ein ruhiger, respektvoller Blick auf eine Lebensrealität, die im Alltag oft übersehen wird.

Im Kern erzählt der Roman von ersten Gefühlen, Unsicherheiten und dem schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens. Es geht um Verliebtheit, Herzschmerz, das Erkennen eigener Grenzen und das Loslösen von Menschen, die einem nicht guttun. Diese Themen sind vertraut, doch durch die besondere Perspektive erhalten sie eine zusätzliche Tiefe. Mika als Ich-Erzähler macht seine Gedanken unmittelbar zugänglich, sodass man sehr nah an seinen inneren Konflikten bleibt. Gleichzeitig gelingt es der Geschichte, auch andere Sichtweisen einzubinden und verschiedene Haltungen gegenüber Gehörlosigkeit sichtbar zu machen.

Der Umgang von Leas Familie mit ihrer Situation hat mich besonders irritiert. Ihre Reaktionen wirken kühl und teilweise abweisend, was ein starkes Gefühl von Unverständnis hinterlässt. Überforderung mag eine Rolle spielen, erklärt für mich aber nicht, warum so wenig Bereitschaft da ist, sich wirklich auf Lea einzulassen. Gerade weil Zeit vorhanden gewesen wäre, wirkt dieses Verhalten umso befremdlicher. Dieses Spannungsfeld wird im Roman nicht beschönigt, sondern nüchtern dargestellt, was lange nachwirkt.

Ein interessanter Aspekt ist der Einblick in die Gebärdensprache. Er bleibt eher oberflächlich, was einerseits verständlich ist, andererseits Fragen aufwirft. Dass innerhalb weniger Wochen spürbare Fortschritte möglich sind, erscheint jedoch wenig überzeugend.

Unterm Strich bleibt „Freak City“ für mich ein zugänglicher Einstieg in eine Welt, die vielen fremd ist. Kein allumfassendes Abbild, sondern ein Annähern, das zum Nachdenken anregt. Bereits in „Weiße Tränen“ - mein erstes Buch der Autorin - hat Kathrin Schrocke gezeigt, wie sie gesellschaftliche Missstände sichtbar macht, ohne belehrend zu wirken. Diese Stärke zeigt sich auch hier: Sie schreibt nah an der Lebensrealität Jugendlicher, mit einer Sprache, die direkt trifft, verständlich bleibt und dennoch unbequem sein kann. Ihre Geschichten konfrontieren und machen sichtbar, was oft ausgeblendet wird.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 06.04.2026

✎ Leonie Ossowski - Die große Flatter

Die große Flatter
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„Die große Flatter“ von Leonie Ossowski ist ein Buch, welches unter die Haut geht.

Als ich den Klappentext gelesen habe, hatte ich keine klare Vorstellung davon, was mich erwartet. Ich war eher vorsichtig ...

„Die große Flatter“ von Leonie Ossowski ist ein Buch, welches unter die Haut geht.

Als ich den Klappentext gelesen habe, hatte ich keine klare Vorstellung davon, was mich erwartet. Ich war eher vorsichtig neugierig als wirklich vorbereitet. Rückblickend war genau das der richtige Ausgangspunkt, denn diese Geschichte trifft ungebremst.

Schocker und Richy, zwei Jugendliche aus einer Berliner Obdachlosensiedlung, wollen nur eines: raus. Weg aus den Baracken, weg aus der Enge, weg aus einem Leben, das ihnen längst keine Perspektive mehr bietet. Was zunächst wie ein vertrauter Fluchtgedanke klingt, entwickelt sich schnell zu einer Erzählung, die sich festsetzt. Alkohol, Gewalt und zerbrochene Familien prägen den Alltag, und Ossowski schildert das mit einer Nüchternheit, die kaum Raum zum Ausweichen lässt. Nichts wird abgefedert, nichts romantisiert. Gerade diese Direktheit macht den Roman so eindringlich.

Beim Lesen hatte ich immer wieder Momente, die mich getroffen haben. Nicht, weil bewusst auf Schock gesetzt wird, sondern weil sich vieles erschreckend real anfühlt. Ossowskis Erfahrung als Sozialarbeiterin verleiht dem Ganzen eine Glaubwürdigkeit, die man nicht ignorieren kann. Statt einfache Antworten zu liefern, rückt sie Verständnis in den Mittelpunkt und zwingt dazu, genauer hinzusehen.

Trotz dieser Schwere halte ich den Roman für besonders geeignet im schulischen Kontext. Nicht als Pflichtprogramm, sondern als echte Auseinandersetzung mit einer Lebensrealität, die vielen fremd ist. Gerade für Jugendliche, die in stabilen Verhältnissen aufwachsen, entsteht hier ein Perspektivwechsel, der hängen bleibt und zum Nachdenken zwingt. Dass das Buch auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen nichts an Relevanz verloren hat, spricht für sich.

Es ist kein Stoff für entspannte Lesestunden. Die Sprache ist rau und der Ton schonungslos - nah an der Lebenswelt der Figuren. Für mich hat diese Nüchternheit dazu beigetragen, dass das Gelesene lange nachwirkt.

Am Ende habe ich das Buch zugeklappt und brauchte einen Moment, um das Gelesene einzuordnen. Leonie Ossowski formuliert ihr Anliegen im Nachwort selbst: »Ich schrieb das Buch für Jugendliche über Jugendliche unseres Landes, damit statt Vorurteilen das Fragen nach dem „Warum“ gelernt wird.« (S. 206, Nachwort der Autorin, 1977)
Nicht urteilen, sondern verstehen. Das ist es, was den Roman bis heute relevant macht.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 16.03.2026

✎ Jaap ter Haar - Behalt das Leben lieb

Behalt das Leben lieb
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„Behalt das Leben lieb“ von Jaap ter Haar ist ein Jugendbuch, das seit Jahrzehnten immer wieder im Schulunterricht gelesen wird. Als ich erfahren habe, dass es an der Schule meines Kindes teilweise zur ...

„Behalt das Leben lieb“ von Jaap ter Haar ist ein Jugendbuch, das seit Jahrzehnten immer wieder im Schulunterricht gelesen wird. Als ich erfahren habe, dass es an der Schule meines Kindes teilweise zur Lektüre gehört, wollte ich zuerst selbst einen Blick hineinwerfen. Mich hat vor allem interessiert, wie der Autor mit dem Thema Blindheit nach einem Unfall umgeht.

Der Roman erzählt die Geschichte des dreizehnjährigen Beer, der nach einem schweren Unfall sein Augenlicht verliert und sich plötzlich in einer völlig neuen Realität zurechtfinden muss. Neben der körperlichen Veränderung steht vor allem die emotionale Verarbeitung im Mittelpunkt: Verzweiflung, Wut, Hoffnung und schließlich der vorsichtige Versuch, das eigene Leben neu zu begreifen.

Der Schreibstil in „Behalt das Leben lieb“ ist leicht zugänglich. Man findet schnell in die Handlung hinein, viele Szenen lesen sich flüssig und manche Momente haben mich tatsächlich berührt. Gleichzeitig gibt es Passagen, in denen sich die Geschichte etwas zieht und der Erzählfluss kurz ins Stocken gerät.

Weniger überzeugt hat mich der Unfall selbst, der den Ausgangspunkt der Handlung bildet. Wenn man sich die Situation bildlich vorstellt, wirkt sie wenig glaubwürdig. Es fiel mir schwer nachzuvollziehen, dass Beer unter diesen Umständen überhaupt überlebt haben soll. Dieser Einstieg wirkte auf mich konstruiert und hat mich gleich zu Beginn etwas aus der Geschichte herausgerissen.

Überzeugender fand ich dagegen die Darstellung von Beers Umfeld. Seine Familie, die Menschen um ihn herum und die vielen kleinen Alltagssituationen wirken deutlich authentischer. Beim Lesen wird man immer wieder mit Fragen konfrontiert, über die man als sehender Mensch normalerweise kaum nachdenkt: Wie bewegt man sich sicher durch eine Wohnung? Wie verändert sich der Schulalltag? Wie reagieren Freundinnen und Freunde? Gerade diese Perspektiven machen das Buch interessant, weil sie einen Einblick in Lebensrealitäten gibt, die vielen Lesenden fremd sind.

Spannend fand ich auch die Einblicke in die praktischen Aspekte, die nebenbei vermittelt werden. Der Roman zeigt, wie Blindenschrift funktioniert und wie blinde Menschen Fächer wie Mathematik oder Physik lernen können. Solche Details verdeutlichen, wie viel Anpassung und Lernbereitschaft hinter einem Alltag ohne Augenlicht stehen.

Die Handlung selbst bleibt allerdings an einigen Stellen vorhersehbar. Bestimmte Entwicklungen zeichnen sich relativ früh ab. Ein Beispiel ist ein Geschenk für Beer, das ich bereits mehrere Seiten vorher erwartet hatte. Dadurch verliert die Geschichte stellenweise etwas an Spannung.

Inhaltlich kehrt der Roman immer wieder zu einer zentralen Botschaft zurück: dass innere Werte wichtiger sind als die äußere Erscheinung. Gerade für Jugendliche in der Pubertät ist das eine Erinnerung, die vermutlich nicht oft genug ausgesprochen werden kann. In einem Alter, in dem Aussehen und Wirkung nach außen eine große Rolle spielen, kann ein Buch wie dieses zumindest zum Nachdenken anregen.

Das Buch erschien ursprünglich 1976 und ist damit inzwischen ein halbes Jahrhundert alt. Dass „Behalt das Leben“ lieb trotzdem noch immer im Unterricht gelesen wird, zeigt, wie langlebig manche Jugendbücher sind. Gleichzeitig frage ich mich, ob es heute nicht auch modernere Geschichten über Blindheit gibt, die näher an der heutigen Lebensrealität von Jugendlichen liegen.

Trotz einiger Schwächen habe ich das Buch insgesamt gern gelesen. Die Geschichte überzeugt vor allem durch ihren einfühlsamen Blick auf Familie, Freundschaft und den schwierigen Prozess, ein Leben mit einer plötzlichen Behinderung neu zu ordnen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 12.03.2026

✎ Efua Traoré - Kuki und das Flüstern der Muscheln

Kuki und das Flüstern der Muscheln
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Dieses Buch hat mich ehrlich gesagt zuerst ganz oberflächlich erwischt - durch sein Cover. Dieses satte Lila hat sofort etwas in mir ausgelöst. Für mich sah das nach Magie aus, nach Geheimnissen, nach ...

Dieses Buch hat mich ehrlich gesagt zuerst ganz oberflächlich erwischt - durch sein Cover. Dieses satte Lila hat sofort etwas in mir ausgelöst. Für mich sah das nach Magie aus, nach Geheimnissen, nach einer Geschichte, die ein wenig anders sein könnte als viele andere Kinderbücher. Genau dieses Gefühl hat mich neugierig gemacht.

Auch der Klappentext klang vielversprechend. Besonders hängen geblieben bin ich an den Namen Kuki, Enilo und Moji - drei Namen, die man hierzulande eher selten hört. Schon dadurch entstand in meinem Kopf die Erwartung, dass mich „Kuki und das Flüstern der Muscheln“ in eine andere kulturelle Welt führen könnte. Da Efua Traoré eine deutsch-nigerianische Kinder- und Jugendbuchautorin ist, lag die Vermutung nahe, dass Nigeria eine Rolle spielen würde. Gerade solche Perspektiven fehlen im Kinderbuchbereich noch immer erstaunlich oft, weshalb mich dieser Hintergrund besonders interessiert hat.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Kuki, die nach einem Umzug versucht, sich in einer neuen Schule zurechtzufinden. Der Neustart gestaltet sich allerdings schwieriger als erhofft. Einsamkeit, Unsicherheit und Konflikte prägen ihren Alltag, vor allem durch ihre Mitschülerin Moji, die sie unter Druck setzt und manipuliert. Gleichzeitig begegnet Kuki dem geheimnisvollen Mädchen Enilo, das plötzlich eine ganz andere, fast magische Ebene in ihr Leben bringt. So verbindet der Roman Schulalltag, Freundschaft und mythologische Elemente miteinander.

Vor allem das Thema Mobbing hat mich beim Lesen stark beschäftigt. Szenen, in denen Kinder gezielt andere (verbal) verletzen, gehen mir immer nahe, und auch hier war das nicht anders. Besonders Moji hat bei mir viele Gefühle ausgelöst - Wut, Mitleid, aber auch eine gewisse Neugier. Immer wieder wird angedeutet, dass hinter ihrem Verhalten mehr steckt. Während des Lesens habe ich darauf gewartet, mehr über ihre persönliche Geschichte zu erfahren. Diese Hinweise bleiben jedoch recht vage und verlieren am Ende an Bedeutung. Gerade hier hätte ich mir gewünscht, dass die Geschichte emotional noch etwas tiefer geht.

Kuki selbst hingegen funktioniert als Hauptfigur sehr gut. Sie wirkt glaubwürdig, verletzlich und gleichzeitig mutig. Obwohl sie ein Schwarzes Mädchen ist und die Handlung in einem anderen kulturellen Umfeld spielt, glaube ich, dass sich viele Kinder problemlos in sie hineinversetzen können. Ihre Sorgen sind universell: neu in der Schule sein, Anschluss suchen, mit Ausgrenzung umgehen, Freundschaften aufbauen, Dinge vor den Eltern verheimlichen. Genau diese alltäglichen Erfahrungen machen sie als Figur greifbar.

Enilo wiederum hat mich lange im Unklaren gelassen. Anfangs wirkt sie beinahe unheimlich und schwer einzuordnen, als würde sie ein Geheimnis mit sich tragen. Mit der Zeit wächst die Spannung darum, wer sie wirklich ist und welche Rolle sie in Kukis Leben spielt. Als schließlich mehr über sie ans Licht kommt, fügen sich einige zuvor rätselhafte Momente sinnvoll zusammen. Diese Enthüllung gehört für mich zu den gelungenen Teilen von „Kuki und das Flüstern der Muscheln“.

Insgesamt hat mir gut gefallen, wie differenziert die Figuren angelegt sind. Es gibt kein klares Schwarz-Weiß-Schema. Niemand ist einfach nur gut oder böse. Die Charaktere wirken vielschichtig und menschlich; sie haben eigene Motive, Unsicherheiten und Fehler. Gerade für ein Kinderbuch wirkt diese Differenzierung angenehm realistisch.

Ein besonderes Highlight ist außerdem der Schauplatz. Nigeria als Handlungsort für einen Kinderroman zu wählen, ist ungewöhnlich und gerade deshalb spannend. Solche Geschichten öffnen Türen zu anderen Kulturen und Perspektiven und geben Einblicke in andere Lebensrealitäten. Sie erweitern den Horizont junger Lesenden. Zusätzlich fließen mythologische Elemente ein, die auf nigerianischen Erzähltraditionen basieren. Im Anhang des Buches geht Efua Traoré auf einige dieser Hintergründe näher ein, was dem Ganzen zusätzliche Tiefe verleiht.

Trotz vieler interessanter Ideen bleibt für mich jedoch ein kleiner Kritikpunkt bestehen. Der Roman greift sehr viele Themen gleichzeitig auf: Mobbing, Neuanfang, Scham, Manipulation, Diebstahl, Geheimnisse innerhalb der Familie, Schuldgefühle und moralische Entscheidungen. Jedes dieser Themen hätte für sich genommen genug Stoff für eine eigene Entwicklung geboten. Stattdessen werden manche Konflikte nur angerissen und nicht vollständig ausgearbeitet. Kindern ab etwa zehn Jahren kann man meiner Meinung nach durchaus zutrauen, komplexere Entwicklungen auszuhalten.

Am Ende bleibt „Kuki und das Flüstern der Muscheln“ für mich ein Kinderbuch mit einer starken Grundidee, einer sympathischen Hauptfigur und einem faszinierenden kulturellen Hintergrund. Gleichzeitig hatte ich beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass einige emotionale und erzählerische Fäden noch mehr Raum verdient hätten. Gerade weil der Roman so viele spannende Ansätze bietet, hätte er an manchen Stellen ruhig noch ein Stück tiefer gehen dürfen.

©2026 Mademoiselle Cake