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Veröffentlicht am 21.04.2026

Ein kulturelles und intellektuelles Feuerwerk

Bildnis eines Unsichtbaren
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Hans besuchte seinen damaligen Weggefährten Serge nach vielen Jahren in Paris. Sie wollten Silvester 1999 gemeinsam verbringen. Die vielen Jahre AIDS hatten die Stadt entvölkert. Serge war bisher auf dreiundvierzig ...

Hans besuchte seinen damaligen Weggefährten Serge nach vielen Jahren in Paris. Sie wollten Silvester 1999 gemeinsam verbringen. Die vielen Jahre AIDS hatten die Stadt entvölkert. Serge war bisher auf dreiundvierzig Beerdigungen gewesen. Er verbrachte nur noch jedes vierte Wochenende in Paris, den Rest der Zeit arbeitete er auf dem kleinen Weingut seiner betagten Eltern in Roussillon.

Hans erinnert die Zeit, als er achtzehn war und mit dem Zug zum ersten Mal nach Paris kam. Kurz vor Antritt des Zivildienstes wollte er die Stadt der Liebe gesehen haben. Er war in einer Jugendherberge untergekommen, die sich als ausgebaute Gartenlaube mit je sechs Pritschen entpuppte. Nach der langen Fahrt schlief er ein, und als er erwachte, saß Serge auf dem Bett gegenüber. Einen so schönen Mann hatte er noch nie gesehen. Trotz Hans Schüchternheit kamen sie ins Gespräch. Er wollte in die Oper und da Serge selbst noch nie in der Oper war, begleitete er ihn. Am nächsten Abend saßen sie im Palais Garnier und lauschten der Musik Monteverdis.

Danach entdeckten sie gemeinsam Versailles – die Pracht auf Erden. Sechzig Kilo Gold in den Tapisserien verwebt. Sie lachten über Ludwig den XIV.

… hielten ihn für die erfolgreichste heterosexuelle Tunte, die je geatmet hat. Mit Federbüschel, Quasten, Tressen am Hut, Rubingehänge und Schnallenschuhe mit roten Absätzen. S. 13

Nach drei Wochen saß Hans im Nachtzug und heulte. Er dachte, sie würden sich nie wieder sehen. Doch dann reisten sie mit einem klapprigen VW-Käfer durch Deutschland. Sie führten ein Jahr lang konsequent Briefkontakt und jedes Jahr war Hans bei Serge. Bei einer Schlossbesichtigung in der Nähe von Melun brach Serge plötzlich vor dem Porträt Liselottes von Pfalz schweißgebadet zusammen. Nach einer Pause und einem Steak ging es besser. Serge war der erste HInfizierte den Hans kannte.

Fazit: Der vielfach ausgezeichnete Autor Hans Pleschinski erzählt in dieser Neuauflage fünfunddreißig Jahre seines Lebens und von den Menschen, denen er begegnete. In seiner atmosphärischen Erzählung gewinne ich einen Eindruck seiner Zeit, in der ich selbst vierzehn war. HIV hielt Einzug und verunsicherte die Schwulenszene zutiefst. Plötzlich konnte jeder Träger dieses (damals) todbringenden Virus sein. Die unmittelbaren Gefahren des Kalten Krieges und des Wettrüstens waren gegenwärtig. Als junger Künstler und Intellektueller wollte er dem spießigen Muff des Bürgertums mit allen Konventionen entgehen und schloss sich dem Lebensstil der Bohème, entstanden im Pariser Quartier Latin, an. Er fand Weggefährten aus den künstlerischen Bereichen, die ihn unterstützten und mit denen ihn lebenslange Freundschaft verband. Allen voran den älteren Galeristen Volker, mit dem er dreiundzwanzig Jahre, bis zu dessen Tod eine tiefe Beziehung pflegte. Der Autor erzählt über die Beschaffenheit der nüchternen Persönlichkeit Volkers, der den jüngeren sehnsüchtigen Hans erdete. Die Geschichte ist ein kulturelles, intellektuelles Feuerwerk. Feurige Lebenslust gepaart mit Aufbruchstimmung findet Abkühlung in den weltlichen Katastrophen und es erfordert eine Menge Lebensmut, den Gefahren nicht mit depressivem Rückzug zu begegnen. Das Buch ist ein Zeitzeugnis aus der Sicht einer anderen Gesellschaftsschicht. Und ich muss gestehen, dass ich nicht nur außen vor geblieben bin, sondern mich regelrecht ausgeschlossen habe. Das passiert mir selten in Büchern und ich habe lange darüber nachgedacht, woran das liegt. Ich hatte den Eindruck einer elitären Gruppe dabei zuzusehen, besonders zu sein und das war so weit von meiner Lebenswirklichkeit, von meinen Nöten und Ängsten entfernt, dass ich mich distanziert habe. Ich muss aber auch betonen, dass das mein ganz persönlicher Eindruck ist. Ich habe von Leser*innen gehört, die das Buch sehr schätzen konnten. Für alle, die „Zwei Männer in einem Raum“ von Walter Vogt mochten.

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Veröffentlicht am 17.04.2026

Verstörend

Das zwölfte Haus
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Mollis Haus steht kurz vor dem Fjord. Fünfunddreißig Quadratmeter für sie und ihren Hund. Es ist das zwölfte Haus, in dem sie wohnt, diesmal allein. Sie wird bald dreißig, arbeitet in einem Pflegeheim. ...

Mollis Haus steht kurz vor dem Fjord. Fünfunddreißig Quadratmeter für sie und ihren Hund. Es ist das zwölfte Haus, in dem sie wohnt, diesmal allein. Sie wird bald dreißig, arbeitet in einem Pflegeheim. Die Tote vor ihr ist erst gestern eingeliefert worden und hörte in der Nacht auf zu atmen. Molli zündet fünf Kerzen an und öffnet das Fenster.

An ihrem sechzehnten Geburtstag ist sie mit zwei Pappkartons und einer Decke ausgezogen. Sie fuhr mit dem Bus zur eigenen Wohnung, schloss auf, legte sich auf den Fußboden, zog die Decke über sich und schlief bis zum nächsten Abend.

Sie sitzt auf der Bank vor dem Pflegeheim, als Karla anruft. Sie geht nicht gleich ran. Karla ruft selten an, meistens ist es Molli und dann gibt Karla sich so, als würde sie stören, als hätten sie gerade erst telefoniert, dabei ist es schon vier Monate her.

Karla kann ihre Aufregung kaum verbergen: „Sie haben Bill und Ib am Fluss gefunden. Zwischen Ibs Zehen steckte noch die Spritze. Beide hatten blutige Gesichter. Bill liegt im Krankenhaus und atmet trotz gebrochener Rippen. Sie wissen nicht, ob er wieder aufwachen wird.

Es gibt viele Arten von Gewalt, man kann einen ganzen Strauß davon abbekommen. S. 18

Karla wurde von einem fürchterlichen Mann erwählt: Sein Blick, wenn Mollis Gabel beim Abendessen versehentlich über den Teller kratzte, seine flache Hand, die auf den Tisch krachte, die Stille davor und danach, der Puls an seinem Hals.

Fazit: Malin C.M. Rønning erzählt eine düstere Familiengeschichte aus Sicht der zehnjährigen Molli. Ihre Mutter Karla träumt von einer Fußbodenheizung, einer Wäscheleine ganz für sich und Ruhe im Haus, denn Karla verdient ihr Geld nachts. Der kontrollsüchtige Frank kann ihr das bieten und so zieht sie mit ihren Kindern Molli und Bill in ein abgelegtes Industriegebiet in Franks blaues Haus. Der sechzehnjährige Bill bewohnt den ausgebauten Keller, die anderen leben oben. Schnell wird klar, dass Frank keine störenden Kinder mag. Als Karla Frank für vier Wochen zu einem Job begleitet, beauftragt sie ihren Bruder Dan, auf die Kinder aufzupassen und schon bald laufen die Ereignisse aus dem Ruder. Die Gewaltherrschaft durch Frank und einige andere Vorkommnisse verunsichern Molli tief, die sich zunehmend zurückzieht. Es ist tragisch zu sehen, wie Karla an diesem Mann festhält, der völlig unzulänglich ist. Wie sie sich die Dinge schönredet. Eine Weile macht es den Anschein, als wäre sie eine liebevolle Mutter, doch tatsächlich will sie stets für gute Stimmung sorgen und alle bei Laune halten vor allem Frank, der unter der Oberfläche immer brodelt. Der Autorin ist eine Geschichte gelungen, die unangenehm und verstörend ist. Molli sieht Dinge, die selbst bei mir, einer Erwachsenen, Albträume hervorrufen würden, ganz abgesehen von dem Mangel an Fürsorge, Struktur und Verlässlichkeit. Für alle, die psychologisch tiefgreifende Plots mögen. Erinnert am ehesten an „An Rändern“ von Angelo Tijssens.

Muss ich erwähnen: Das Cover fühlt sich an wie Wachs und ist haptisch vergnüglich.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Wie ein Heusaunanachmittag

Mirabellentage
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Die letzten Meter muss Anna ihr Fahrrad schieben. Der Vorderreifen ist geplatzt und schlabbert um die Felge. Es ist noch ruhig in Blumfeld. Die Kirchenglocke läutet blechern sieben Mal. Sie überquert den ...

Die letzten Meter muss Anna ihr Fahrrad schieben. Der Vorderreifen ist geplatzt und schlabbert um die Felge. Es ist noch ruhig in Blumfeld. Die Kirchenglocke läutet blechern sieben Mal. Sie überquert den Marktplatz, ihre Sohlen klatschen leise auf das Kopfsteinpflaster. Die Tür der Bäckerei steht offen und der Geruch des frischen Brotes lässt ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Sie ist noch niemandem begegnet und ist froh darum, denn wie sollte sie erklären, dass jetzt alles anders ist. Am Zaun der Pfarrei lehnt sie ihr Fahrrad an den Zaun, nimmt Jacke und die Wiesenblumen aus dem Korb am Lenker und öffnet das Holztörchen, das leise ächzt. Auf den Eingangsstufen liegen mehrere Briefe, die sie zusammenklaubt und mit hineinnimmt. Sie schaut sie kurz durch, sieht die betenden Hände von Dürer und weiß wieder glasklar, dass der Josef jetzt tot ist.

Während der Beisetzung schweift Annas Blick über die verhangenen Felder. Hoffentlich hat keiner der Sargträger gemerkt, dass der Josef gar nicht darin ist. Sie hat den Bestatter beauftragt, ein paar Steine ins Innere zu legen, so wie Josef es ihr aufgetragen hat, Wochen bevor er starb. Es war ein regnerischer Nachmittag. Sie saßen in der Küche am Tisch und hatten sich die Tageszeitung geteilt, als der Josef sich plötzlich räusperte. „Du Anna, was hältst du davon, wenn ich nicht neben meiner Mutter beerdigt würde?“ Da dachte die Anna, sie hat nicht richtig gehört und fragte noch einmal nach.

Fazit: Martina Bogdahn hat nach ihrem Bestseller-Erfolg „Mühlensommer“ wieder eine Geschichte über Dorfbewohner geschrieben. Die Ich-erzählende Haushälterin des Pfarrers hat dessen Tod zu betrauern. Sie kannten sich seit Kindertagen und standen sich nahe. Sein Tod schwemmt einige neue, ungewohnte Ereignisse in Annas Leben und dazu gehören nicht nur eine gefakte Beerdigung und ein neuer Pfarrer, der von der Gemeinde bald schon vergöttert werden wird. Anna ist die Frau im Dorf, die alle zusammenhält und die Gemeinschaft festigt. Der Erzählstil von Martina Bogdahn ist gemächlich. Die Autorin versucht mit ausschweifenden Beschreibungen Bilder in mir zu erzeugen und das war mir stellenweise zu viel. Allerdings haben ihr feiner Humor und die Gabe Situationskomik zu zeigen, mich wieder abgeholt. Alles in allem ist der Autorin ein genüsslicher Wohlfühlroman ohne störende Konflikte gelungen. Wer das mag, sich von Martina Bogdahn in ein warmes Badetuch einwickeln zu lassen und die Geschichte in der Horizontalen genießt, wird eine ganz unbeschwerte Zeit verbringen, ähnlich eines Heusaunanachmittags.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Kluge, sympathische Frau

Ein Haus für mich
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Christine ist in dreiundzwanzig Jahren einundzwanzig Mal umgezogen. Es kamen Menschen und Kinder hinzu und gingen wieder. Jetzt visioniert sie ein kleines Haus für sich, eines, das zum Bleiben einlädt. ...

Christine ist in dreiundzwanzig Jahren einundzwanzig Mal umgezogen. Es kamen Menschen und Kinder hinzu und gingen wieder. Jetzt visioniert sie ein kleines Haus für sich, eines, das zum Bleiben einlädt. In dem sie für Menschen, die an ihrem großen Tisch sitzen kocht, die mit ihr darüber sprechen, wie sich die Welt gestalten lässt.

Wenn ich also Haus sage, dann will ich über Bedürfnisse sprechen, über Kühlschrankinhalte und Eigentumsverhältnisse, über Provinz und Metropolen, über diejenigen, die die Häuser planen, und diejenigen, die darin wohnen. S. 15

Christine ist Literaturagentin für postjugoslawische Literatur und vertritt bosnische, kroatische und serbische Autor*innen. Es ist kein lukrativer Job. Die Verlage können sie nicht lesen, also braucht es einen Gutachter. Sie arbeitet eher mit kleinen, unabhängigen Verlagen, die solche Stimmen nach Deutschland holen. Das Honorar ist gering und eine Platzierung auf der Bestsellerliste ist nicht zu erwarten.

Lange hat sie geglaubt, dass Erbe, Ehe und Grundbesitz zwei Menschen unglücklich miteinander macht, samt den dazugehörigen Kindern, so hat sie es schließlich selbst erlebt. So hat sie sich bisher in ihrer früh gewonnenen Lebenswirklichkeit eingenistet, auf Geld, Ehe und Haus verzichtet und versucht ihr Glück zu erzwingen. Es hat lange gedauert, bis ihr klar wurde, dass der Alkohol das Glück ihrer Eltern zerstört hat.

Nun hat sie ein kleines Häuschen gefunden, in dem sie sich finden und alles bisherige anders machen wird. Zuerst wird entkernt, dann der Elektriker zurate gezogen, der einen Preis aufruft, den Christine gerade noch stemmen kann und dann fährt sie für drei Monate in die Suchtklinik nach Brandenburg.

Fazit: Christine Koschmieder, Autorin und Literaturagentin, hat nach ihrem großen Erfolg „Dry“ wieder über sich geschrieben. Die Großstadtdiva möchte einen neuen Weg einschlagen. Sie sucht und findet ein kleines sanierungsbedürftiges Häuschen in der Provinz und beginnt mit der Entkernung. Diese zieht die Komplettsanierung der Stromversorgung nach sich. Während der Elektriker ihres Vertrauens sich austobt, begibt sie sich in eine Klinik und bringt den Alkoholentzug hinter sich. Wieder zurück, renoviert sie die alten Holzdielen und bilanziert ihr bisheriges Leben. Dabei erfahre ich einiges über ihre unstete Vergangenheit, aber auch über ihre Träume. Sie möchte einen kleinen Raum ihres Häuschens an bedürftige Autorinnen abtreten, denen Ruheort und Zeit fehlen und insgesamt einen geschützten Ort für Menschen und Gespräche schaffen. Ich erfahre aber auch viel über ihre Interessen. Die Architektur und besonders der Bauhaus-Stil haben es ihr angetan. Sie hat einen feinen Schreibstil, der auch ihre spannenden Gedanken der Selbsterkenntnis transportiert. Alles wird nüchtern erzählt, ähnlich dem schlichten Bauhaus-Stil, frei von Übertreibungen. Und so entsteht das Bild einer klugen, sympathischen Frau, die sich innerlich und äußerlich auf das Wesentliche, das Wahre reduziert.

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Veröffentlicht am 07.04.2026

Bildreiche Inszenierung

Heimgehen
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Donnerstag 13 Uhr

Seine Nachricht kam überraschend. Sie hat ihn seit Kindertagen nicht mehr gesehen. Sie versucht sich seine Stimme vorzustellen. Kann es nicht. Angst und Vorfreude. Sie könnte jetzt durch ...

Donnerstag 13 Uhr

Seine Nachricht kam überraschend. Sie hat ihn seit Kindertagen nicht mehr gesehen. Sie versucht sich seine Stimme vorzustellen. Kann es nicht. Angst und Vorfreude. Sie könnte jetzt durch ihr lichtdurchflutetes Arbeitszimmer gehen und die unfertigen Bilder vollenden oder Manuels Geruch einsaugen. Sie muss weg, hat sie ihm gesagt. Eine Auszeit, hat die Unterrichtsstunden abgesagt, den Anrufbeantworter ausgestellt und Manuel um Geduld gebeten. Er hat es nicht gut aufgenommen und sie dann doch ziehen lassen. Sie läuft durch die Straßen dieser Stadt, von der sie noch nichts gesehen hat. Blaulicht flimmert am Himmel, Martinshörner drängen sich von hinten an ihr Ohr. Eine Frau in schwarzer Lederjacke, schwarzen Haaren läuft eilig über den Asphalt. Sie spürt einen stechenden Schmerz. Ein Knall drückt sie zu Boden, fühlt eine warme Flüssigkeit, die klebrig auf den Boden rinnt, schließt die Augen.

Donnerstag 14 Uhr

Fragmente. Der erste Schuss trifft sein Trommelfell. Er wirft sich über Rico, der am Boden liegt und zittert. Erinnerung an das Gespräch mit den Sanitätern, die hektisch herumlaufen. Eine Gewehrmündung. Rico, dem er sanft auf die Wange klopft, flüchtende Passanten. Nur ein Streifschuss, so ein Glück, haben sie gesagt. Sie können jetzt nach Hause gehen. Kreislaufstabil entlassen. Dann Zuhause reagiert Rico nicht. Seine Augen schwarze Löcher, in die er sich zurückgezogen hat. Rico ist kalt, er deckt ihn zu, sagt: „Rico, du bist Zuhause, es ist der zehnte September, du bist in Sicherheit. Er wiederholt es mantramäßig und plötzlich fluten Ricos Lider.

Fazit: Elke Cremer, Autorin und Filmbeschreiberin, hat in eindringlichen Episoden das Leben von 12 Menschen in 24 Stunden beschrieben. Gegen Mittag schießt ein Amokläufer auf mehrere Menschen. Der Einzeltäter hat es zuvor im Netz angekündigt und konnte doch nicht aufgehalten werden. Seine Mutter hat schon lange keinen Zugang mehr zu ihm. Zu seinem Vater hat er keinen Kontakt, er ist es, dem er mit seiner Tat imponieren will. Von Anfang an baut die Autorin eine spannende Szenerie auf. Und doch ist die Tat eher ein Hintergrundrauschen. Viel faszinierender ist, wie die Autorin die Beteiligten miteinander verwebt. Ich bekomme einen Einblick in jedes dieser Leben, was die Menschen ausmacht, was sie bewegt. Nebenbei ereignet sich eine ganz andere Katastrophe und am Ende schließt sich der Kreis und ich verstehe, in welchen Zusammenhängen die Leute verbunden sind. Das hat mich ganz stark an den Film „Short Cuts“ erinnert. Interessantes Thema, feiner Schreibstil, bildreiche Inszenierung.

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