Zwischen Patchworkchaos und ersten Gefühlen
Meine schrecklich chaotische (Alb-)Traumfamilie„Meine schrecklich chaotische (Alb-)Traumfamilie“ von Heike Abidi hat mich von Anfang an abholen können: Die 12-Jährige Nelly muss sich von ihrem Leben als Einzelkind verabschieden, denn ihre Eltern haben ...
„Meine schrecklich chaotische (Alb-)Traumfamilie“ von Heike Abidi hat mich von Anfang an abholen können: Die 12-Jährige Nelly muss sich von ihrem Leben als Einzelkind verabschieden, denn ihre Eltern haben sich getrennt und neue Partner gefunden, die ebenfalls Kinder mit in die neuen Beziehungen bringen. Nelly ist kreuzunglücklich, dass sie nun wechselweise unter einem Dach mit der neuen Familie ihres Vaters beziehungsweise ihrer Mutter leben muss. On Top kommt noch, dass Nellys Mutter zwanghaft für Harmonie sorgen will - bei Nelly sträubt sich einfach alles dagegen und so beginnen die Sommerferien mit einem absoluten Downer! Was kann sie nur tun, um endlich mal 5 Minuten nur für sich zu haben? Und wie soll sie zwischen all diesen Menschen ihren eigenen Platz finden?
Nelly ist mir von Beginn an sehr ans Herz gewachsen. Man merkte sofort, wie sehr sie eigentlich um ihr altes Leben trauerte und wie viel Überforderung hinter ihrem Humor steckte. Die Mischung aus witzigen Gedanken, Sarkasmus und gleichzeitig traurigen Gefühlen gegenüber ihrer doch sehr schwierigen Situation hat mir wirklich gut gefallen. Trotz allem blieb Nelly meist freundlich, zog sich eher zurück, statt laut zu werden, und versuchte ständig, es allen recht zu machen. Zu gern hätte ich sie einfach mal umarmt!
Besonders berührend fand ich, wie greifbar ihre Einsamkeit und Überforderung beschrieben wurden: kein wirklicher Rückzugsraum, neue Wohnorte, die beste Freundin nicht greifbar und Erwachsene, die oft nicht wahrnehmen, wie es ihr wirklich geht. Gleichzeitig schaffte das Buch aber eine wunderbar lockere, sommerliche Atmosphäre mit vielen humorvollen Szenen, sodass ich beim Lesen immer wieder schmunzeln musste. Die Mischung aus emotionalen Momenten, Familienchaos und den ersten zaghaften Gefühlen rund um einen Schwarm wirkte auf mich sehr authentisch und altersgerecht erzählt.
Auch die Dynamik innerhalb der Patchworkfamilie fand ich spannend. Nicht jede Figur war mir sofort sympathisch, aber jede für sich gut gezeichnet und die Geschichte lebendig haltend. Sehr schön fand ich auch, dass sich viele Beziehungen im Laufe der Handlung glaubwürdig entwickelten und Nelly langsam begann, sich einzuleben und anzukommen.
Der Schreibstil ist angenehm leicht und flüssig, ohne dabei simpel zu wirken. Obwohl sich das Buch eher an jüngere LeserInnen richtet, hatte ich auch als Erwachsene viel Freude beim Lesen. Die Geschichte fühlte sich insgesamt warm, gemütlich und voller Herz an. Und da nicht nur Nelly im Familienchaos manchmal den Überblock verloren hat, empfand ich die kleine Vorstellung der Figuren zu Beginn als sehr hilfreich, denn bei den vielen Namen musste ich anfangs doch öfter mal zurückblättern. ;)
Einen kleinen Kritikpunkt habe ich dennoch: Ich hätte mir gewünscht, dass Nellys Eltern noch stärker bzw. aktiver/forschender auf ihre Bedürfnisse eingegangen wären und ihr deutlicher gezeigt hätten, dass ihre Gefühle wichtig sind. Zwar wurde vieles im Verlauf liebevoll aufgefangen, trotzdem hätte ich mir hier doch noch etwas mehr Sensibilität der Erwachsenen gewünscht.
Insgesamt ist es aber ein humorvolles, emotionales und schönes Wohlfühlbuch über Familie, Veränderung, erste Verliebtheit und das Gefühl, irgendwo dazuzugehören.