Leseempfehlung
Mit beiden Händen den Himmel stützen„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien
Verlag: Aufbau
Ein Roman, der sich trotz der schweren Thematik schnell wegliest.
Lale wächst in den 80er Jahren in einer Männer-WG auf. Die drogenabhängige ...
„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien
Verlag: Aufbau
Ein Roman, der sich trotz der schweren Thematik schnell wegliest.
Lale wächst in den 80er Jahren in einer Männer-WG auf. Die drogenabhängige Mutter hat das Sorgerecht verloren, der Vater sitzt im Gefängnis und sein Freund Karlheinz holt aus schlechtem Gewissen und wegen 700 € Pflegegeld die kleine Lale aus dem Heim und gibt ihr ein Zuhause. Falls man eine Männer-WG mit Alkohol, Drogen und wechselnden Frauen als Zuhause gelten lassen mag.
Lale sehnt sich nach Sicherheit, Wärme, Umarmung und einer Brotdose für die Schule.
Sie bekommt Freiheiten, aber keine Regeln und keine Grenzen, keine Erziehung.
Die Autorin schreibt in einer etwas distanzierten, sachlichen, aber eindringlichen Art über die schweren Themen wie se*uellen Missbrauch, Abhängigkeiten und Vernachlässigung.
Beginnend mit Lales Zeugung bis zur Entbindung ihres Kindes wird chronologisch ihr schwerer Weg erzählt. Ein Buch, das mich aufwühlt, wütend macht und mich doch voller Mitgefühl und Empathie weiterlesen lässt. Die Autorin gibt uns Einblicke in die anti-autoritäre Erziehung. Lale bekommt schon als kleines Kind eine verkehrte Art von Beziehung aufgezeigt. Frauen werden benutzt, für verrückt erklärt, wenn sie sich auflehnen und so bekommt Lale ein verquertes Bild von Beziehungen. Auch ihr Selbstbild wird stark durch die Männer und deren verzerrtes Denken über Frauen, Alkohol und Drogen geprägt.
Ihr Vater, der nach dem Gefängnis in der Kommune lebt, nimmt Lale und ihre Ängste nicht ernst. Niemand beschützt das kleine Kind auf dem Weg zur Erwachsenen und das lässt mich beim Lesen voller Unverständnis den Kopf schütteln. Weder Jugendamt noch Lehrer oder Freunde der Männerkommune helfen, auch Lales Oma und ihre ältere Schwester greifen nicht ein.
Hoffen wir, dass das System heute besser organisiert ist.
Lale ist eine kleine Streberin in der Schule, die Regeln dort gefallen ihr und sie geht gerne dorthin. Bis sie abrutscht und sich in Kreisen bewegt, in denen Alkohol und Drogen dazugehören. Lale versucht immer wieder, aus diesem Kreislauf auszubrechen, doch sie kann nichts zu Ende bringen. Ihr Versuch, zu werden wie andere Personen, lässt sie scheitern, und sie findet sich erst wieder, als sie zu schreiben beginnt.
Der Missbrauch durch einen der Männer aus der Kommune wird erst Jahre später zugelassen. Ihre Scham über die Erregung währenddessen, obwohl sie sich ekelt, ist so groß, dass sie versucht, das Thema zu ignorieren. Was nicht ausgesprochen wird, existiert nicht.
Der Debütroman von Tollkien ist kein Buch für Zwischendurch, es ist eine klare Empfehlung für alle, die sich mit diesem schweren Thema auseinandersetzen können.
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