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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.04.2026

Familiengeheimnisse unter mediterraner Hitze

Die Touristin
1

Eine Frau reist auf eine kleine Mittelmeerinsel, nicht aus Fernweh, sondern aus einem inneren Druck heraus. Sie will endlich verstehen, wo sie herkommt, konkret: wer ihr Vater ist und warum dieses Kapitel ...

Eine Frau reist auf eine kleine Mittelmeerinsel, nicht aus Fernweh, sondern aus einem inneren Druck heraus. Sie will endlich verstehen, wo sie herkommt, konkret: wer ihr Vater ist und warum dieses Kapitel in ihrem Leben immer ein blinder Fleck geblieben ist. Während sie sich vor Ort vorsichtig an Menschen und Erinnerungen herantastet, entfaltet sich parallel die Geschichte ihrer Mutter in der Vergangenheit. Zwei Perspektiven, die sich zunächst unabhängig anfühlen, aber nach und nach immer enger ineinandergreifen ... bis klar wird, dass hier mehr verborgen liegt, als man anfangs vermutet.

Die Geschichte wirkt nicht wie ein klassischer Thriller, der einen sofort packt und durchzieht, sondern eher wie ein langsames Hineingleiten in etwas Unangenehmes. Es beginnt fast ruhig, beinahe unspektakulär und genau das macht es so effektiv. Diese unterschwellige Spannung baut sich leise auf, fast unmerklich, bis man irgendwann merkt, dass man längst mittendrin steckt. Juno ist dabei alles andere als glatt oder sympathisch im klassischen Sinne. Sie schwankt, zweifelt, passt sich an, zieht sich zurück und genau das kann auch mal nerven. Aber gleichzeitig macht es sie greifbar. Man versteht irgendwann, warum sie so ist, auch wenn man nicht jede ihrer Entscheidungen gutheißt. Ihre Entwicklung passiert nicht plötzlich, sondern eher in kleinen, glaubwürdigen Schritten.

Die Rückblicke haben für mich eine ganz eigene Wirkung. Sie fühlen sich intensiver an, emotional aufgeladener, teilweise auch widersprüchlich. Man merkt schnell, dass Erinnerungen nicht immer verlässlich sind und dass Menschen sich ihre eigene Version von Wahrheit zurechtlegen. Gerade diese Unschärfe fand ich spannend, weil sie einen als Leser ständig zweifeln lässt.
Was die Atmosphäre angeht, lebt das Buch stark vom Kontrast: diese helle, fast schon kitschige Inselkulisse und darunter ein Gefühl von Enge, von unausgesprochenen Dingen. Es ist nicht laut oder dramatisch, sondern eher dieses stille Unbehagen, das sich festsetzt. So ein Gefühl, dass hinter freundlichen Fassaden etwas kippen kann. Auch die Figuren rund um die Protagonistin bleiben bewusst schwer einzuordnen. Man weiß nie so genau, wem man trauen kann, und genau das sorgt dafür, dass man gedanklich immer dranbleibt. Es gibt keine klaren Schwarz-Weiß-Zeichnungen, sondern viele Grautöne.

Für mich ist das Buch kein typischer Pageturner im klassischen Sinn, sondern eher eines, das sich langsam entfaltet und dabei immer mehr Spannung aufbaut. Es lebt von Stimmung, von zwischenmenschlichen Dynamiken und von der Frage, wie gut man die Menschen kennt, die einem am nächsten stehen. Und genau das bleibt auch nach dem Lesen noch hängen.

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Veröffentlicht am 07.04.2026

Zwischen Freiheit und Verantwortung (Hörbuch)

Little Hollywood
1

Ein Sommer zwischen Aufbruch und Absturz: Leo steht nach dem Abi an genau diesem Punkt, an dem alles offen ist und gleichzeitig nichts sicher. Eigentlich will sie nur raus, frei sein, ihren eigenen Weg ...

Ein Sommer zwischen Aufbruch und Absturz: Leo steht nach dem Abi an genau diesem Punkt, an dem alles offen ist und gleichzeitig nichts sicher. Eigentlich will sie nur raus, frei sein, ihren eigenen Weg finden. Doch das Leben funkt dazwischen: familiäre Spannungen, Verantwortung, die sie sich nicht ausgesucht hat, und Gefühle, die komplizierter sind als gedacht. Zwischen all dem wird die Videothek „Little Hollywood“ zu einem Rückzugsort, ein Platz voller Geschichten, an dem Leo langsam beginnt, ihre eigene zu verstehen.

Es ist kein Hörbuch, das laut sein will und genau darin liegt seine Stärke. Es zieht einen nicht mit großen Wendungen rein, sondern mit Atmosphäre, Gefühl und dieser leisen Ehrlichkeit, die sich erst nach und nach entfaltet. Man hört zu und merkt plötzlich, wie nah einem das alles geht.

Was sofort hängen bleibt, ist dieses unglaublich authentische Lebensgefühl. Leo wirkt nicht wie eine klassische Romanfigur, sondern wie jemand, den man kennen könnte. Ihre Gedanken sind roh, manchmal widersprüchlich, oft unsicher aber genau deshalb so glaubwürdig. Dieses Hörbuch trifft diesen seltsamen Schwebezustand zwischen Jugend und Erwachsensein erstaunlich präzise.

Die 90er Jahre sind dabei nicht nur Setting, sondern fast schon ein eigener Charakter. Ohne aufgesetzt zu wirken, entsteht dieses besondere Gefühl von damals: ein bisschen langsamer, ein bisschen direkter, irgendwie greifbarer. Die Videothek als zentraler Ort verstärkt das noch. Sie steht für Eskapismus, aber auch für Orientierung in einer Zeit, in der noch nicht alles digital und sofort verfügbar war.

Inhaltlich passiert viel, aber nichts wirkt überladen. Themen wie Familie, Verantwortung, erste Liebe, Selbstfindung oder auch Überforderung fließen ganz natürlich ineinander. Es fühlt sich nicht konstruiert an, sondern wie echtes Leben: chaotisch, manchmal unfair, oft leise.

Ein großes Plus ist die Umsetzung als Hörbuch: Die Stimme trägt die Geschichte wunderbar. Unaufgeregt, nahbar und genau richtig dosiert. Es wird nicht überdramatisiert, sondern Raum gelassen, für Zwischentöne, für eigene Gedanken. Genau das macht das Zuhören so intensiv.

Am Ende bleibt kein spektakulärer Höhepunkt, sondern ein Gefühl, das sich festsetzt. So ein leises, ehrliches Nachklingen. Und irgendwie ist genau das viel stärker als jedes große Finale.

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Veröffentlicht am 06.04.2026

Wenn aus Feierlaune Angst wird

Bachelorette Party
1

Ein abgelegener Ort, eine Gruppe von Freundinnen und ein Wochenende, das eigentlich unvergesslich schön werden sollte. Doch was als entspannter Junggesellinnenabschied geplant ist, entwickelt sich schnell ...

Ein abgelegener Ort, eine Gruppe von Freundinnen und ein Wochenende, das eigentlich unvergesslich schön werden sollte. Doch was als entspannter Junggesellinnenabschied geplant ist, entwickelt sich schnell zu einem nervenaufreibenden Spiel aus Geheimnissen, Misstrauen und Angst. Tessa reist mit gemischten Gefühlen an, denn die Insel birgt eine düstere Vergangenheit: Vor Jahren sind hier vier Frauen spurlos verschwunden. Als die Gruppe plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten ist, wird aus der idyllischen Kulisse eine beklemmende Falle und bald steht fest, dass niemand hier wirklich sicher ist.

Der Autorin gelingt es, von Anfang an eine dichte, fast greifbare Atmosphäre aufzubauen. Diese besondere Mischung aus sommerlicher Leichtigkeit und unterschwelliger Bedrohung zieht sich durch die gesamte Geschichte und sorgt dafür, dass man sich als Leser:in selbst wie Teil der Gruppe fühlt. Die Insel wird dabei mehr als nur ein Schauplatz, sie wirkt lebendig, geheimnisvoll und gleichzeitig unheimlich still.

Im Mittelpunkt stehen die Beziehungen der Frauen untereinander. Alte Erinnerungen, unausgesprochene Konflikte und verborgene Wahrheiten kommen nach und nach ans Licht und verleihen der Handlung eine intensive emotionale Tiefe. Jede Figur bringt ihre eigene Geschichte mit, wodurch sich ein vielschichtiges Bild ergibt, das die Spannung kontinuierlich steigert.

Besonders fesselnd ist die Perspektive von Tessa, die mit wachem Blick und feinem Gespür für Details versucht, die Ereignisse zu durchdringen. Ihre Gedanken und Beobachtungen geben der Geschichte eine zusätzliche Dynamik und machen es leicht, sich in die Situation hineinzuversetzen. Mit zunehmender Dauer verdichtet sich die Handlung immer mehr, und die bedrückende Stimmung wird spürbar intensiver. Die Kombination aus abgeschottetem Setting, zwischenmenschlicher Dynamik und dunkler Vergangenheit sorgt für einen durchgehenden Spannungsbogen, der bis zum Ende trägt.

Bachelorette Party ist ein atmosphärischer Thriller, der vor allem durch seine dichte Stimmung, starke Figuren und ein packendes Setting überzeugt. Perfekt für alle, die Geschichten lieben, in denen sich Spannung langsam, aber unaufhaltsam entfaltet.

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Zwei Fremde, ein leiser Weg nach Hause

Frankie – Unter Menschen
1

Frankie ist ein Kater, der eigentlich alles hat; ein bequemes Zuhause, gutes Futter und seinen Menschenfreund Gold. Doch als dieser plötzlich verschwindet und Frankie nach einem nächtlichen Streifzug in ...

Frankie ist ein Kater, der eigentlich alles hat; ein bequemes Zuhause, gutes Futter und seinen Menschenfreund Gold. Doch als dieser plötzlich verschwindet und Frankie nach einem nächtlichen Streifzug in einem Müllauto landet, beginnt für ihn eine unfreiwillige Reise ins Ungewisse. Fern von allem Vertrauten kämpft er sich durch eine fremde Welt und trifft dabei auf Shattab, ein Mädchen, das selbst auf der Flucht ist. Gemeinsam schlagen sie sich durch ein raues, manchmal grausames Umfeld, begegnen skurrilen wie gefährlichen Gestalten und halten sich aneinander fest ... auf der Suche nach Zugehörigkeit, Sicherheit und vielleicht so etwas wie einem neuen Zuhause.

Die Geschichte entfaltet sich leise und eindringlich, mit einer ganz eigenen Mischung aus Lakonie, Wärme und trockenem Humor. Besonders gelungen ist die Perspektive aus Frankies Sicht: Sie wirkt nie künstlich vermenschlicht, sondern bleibt eigen, leicht schräg und dabei überraschend klar. Gerade diese Distanz macht viele Beobachtungen über Menschen umso treffender. Zwischen absurden Begegnungen und berührenden Momenten entsteht ein Roadtrip, der sich gleichzeitig leicht und schwer anfühlt.

Shattab bringt eine zweite emotionale Ebene in die Handlung. Ihre Geschichte ist rauer, direkter, manchmal kaum auszuhalten, ohne je ins Sentimentale abzurutschen. Die Dynamik zwischen ihr und Frankie wirkt dabei nie konstruiert, sondern entwickelt sich glaubwürdig und still. Es sind oft die kleinen Gesten, die diese Verbindung so stark machen.

Sprachlich überzeugt der Roman mit Klarheit und Rhythmus. Die Sätze sind oft knapp, fast beiläufig, tragen aber viel zwischen den Zeilen. Der Humor blitzt genau dann auf, wenn es fast zu schwer wird, und verhindert, dass die Geschichte kippt. Gleichzeitig scheut sich das Buch nicht, unangenehme Wahrheiten zu zeigen: über Einsamkeit, Ausgrenzung und das Gefühl, nirgends wirklich dazuzugehören.

Es ist kein lautes Buch, aber eines, das nachhallt. Es erzählt von Verlust und Freundschaft, von Orientierungslosigkeit und Hoffnung und davon, wie zwei sehr unterschiedliche Wesen einander Halt geben, ohne große Worte zu brauchen. Am Ende bleibt ein bittersüßer Eindruck, der lange nachwirkt.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Wenn Freundschaft Risse bekommt

Der Sommer, der uns blieb
1

Schon zu Beginn wird deutlich, worum es in diesem Buch geht: Drei Freunde, ein einschneidender Sommer und die Frage, ob man sich Jahre später noch einmal wirklich begegnen kann. Britta, Pia und Martin ...

Schon zu Beginn wird deutlich, worum es in diesem Buch geht: Drei Freunde, ein einschneidender Sommer und die Frage, ob man sich Jahre später noch einmal wirklich begegnen kann. Britta, Pia und Martin wachsen in einer idyllischen Kleinstadt auf, verbringen unbeschwerte Tage zwischen Seen und Feldern, bis ein Ereignis ihre enge Verbindung zerreißt. Zwei Jahrzehnte später treffen sie wieder aufeinander, mit all den Erinnerungen, Gefühlen und einem Geheimnis, das nie ganz verschwunden ist.

Auch die Gestaltung des Buches ist etwas ganz Besonderes. Der „Schnitt“ durch den Titel ist nicht nur ein optischer Hingucker, sondern passt auch inhaltlich erstaunlich gut zur Geschichte und ihren Brüchen. Der bedruckte Buchschnitt und das Page Overlay sind wunderschön umgesetzt und machen das Buch zu einem echten Schmuckstück, das man gern in den Händen hält.

Die Autorin erzählt mit einer ruhigen, sehr einfühlsamen Stimme. Die Atmosphäre ist dicht und gleichzeitig angenehm leicht, fast wie ein warmer Sommertag, an den man sich lange erinnert. Besonders die Verbindung zwischen den drei Figuren wirkt authentisch. Diese Mischung aus Nähe, Vertrautheit und all den unausgesprochenen Dingen, die zwischen ihnen stehen.

Die Rückblicke sind dabei besonders treffend beschrieben. Die 90er Jahre sind so lebendig eingefangen, dass man sie förmlich spüren kann, mit all ihren kleinen Details, Stimmungen und diesem ganz eigenen Lebensgefühl. Gleichzeitig ist die Charakterzeichnung sehr gelungen: In der Vergangenheit wirken Britta, Pia und Martin noch kindlich und unbeschwert, während sie in der Gegenwart klar gereift sind und doch tragen sie noch immer denselben Kern in sich. Genau diese Kontinuität macht die Figuren so glaubwürdig und nahbar. Gerade dieses Wechselspiel macht die Geschichte so berührend. Es geht um Freundschaft, um Liebe, um Schuld und darum, was es bedeutet, sich selbst wirklich zu begegnen.

„Der Sommer, der uns blieb“ ist ein zarter und zugleich kraftvoller Roman, der lange nachklingt. Eine Geschichte, die nicht laut sein muss, um tief zu berühren und die zeigt, dass manche Verbindungen selbst die Zeit überdauern.

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