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Veröffentlicht am 22.04.2026

Unsichtbarkeit

Mit anderen Augen
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Morbus Invisibilis. Eine Unsichtbarkeitserkrankung wird Tilda diagnostiziert. Wie kommt es dazu? Eines Tages sieht sie ihren kleinen Finger nicht mehr, es folgen Nase und ein Ohr.

Dass Frauen ab einem ...

Morbus Invisibilis. Eine Unsichtbarkeitserkrankung wird Tilda diagnostiziert. Wie kommt es dazu? Eines Tages sieht sie ihren kleinen Finger nicht mehr, es folgen Nase und ein Ohr.

Dass Frauen ab einem bestimmten Alter, das durchaus variabel ist, sich nicht mehr gesehen fühlen, dürfte jedem bekannt sein. Egal, ob es einen selber betrifft oder ob man so manches Gespräch mitverfolgt, dieses Phänomen ist allgegenwärtig und hauptsächlich sind es Frauen, die mit sich und der Welt hadern. Es ist fühlbar, nicht mit Händen zu greifen.

Tilda jedoch sind gut sichtbar bzw. eben nicht mehr sichtbar einige Körperteile beim Blick in den Spiegel abhanden gekommen. Ein Szenario, dem Jane Tara sich hier annimmt. Tilda hat mit Freunden ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, ihre Zwillingstöchter gehen ihren eigenen Weg, auch ist sie kreativ unterwegs – sie hätte also keinen Grund, sich zu beklagen. Und doch fehlt etwas in ihrem Leben. Zudem ist sie selbstkritisch, ihr Selbstwert ist angekratzt, man könnte durchaus meinen, das Ich, die Selbstliebe, die Zufriedenheit mit sich selbst ist irgendwann verloren gegangen.

Sind wir nicht alle ein wenig Tilda? Rennen dem äußeren Schein nach, denken an jeden, wollen es allen recht machen, trainieren uns verbissen jedes vermeintlich überflüssige Gramm ab, wollen perfekt sein in den Augen der anderen. Und vergessen dabei uns selbst.

Jane Tara hält uns den Spiegel vor, ihre Tilda ist direkt aus dem Leben gegriffen. Eine ganz normale Frau, die funktioniert. Mit ihren 52 Jahren ist sie nicht mehr jung, aber alt ist sie noch lange nicht, sie steht mit beiden Beinen im Leben. „Mit anderen Augen“ ist klug, ist witzig, ist originell und unterhaltsam. Sichtbarkeit fängt immer bei uns selbst an, der blinde Patrick, der urplötzlich in Tildas Leben drängt, macht es vor. Ein Buch, dessen Botschaft als Metapher der sichtbaren Unsichtbarkeit daherkommt, zuweilen etwas zu ausführlich ins Detail gehend, aber dennoch gut nachvollziehbar.

Mein Schlusswort gebe ich an Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ weiter, der auch im Buch – wie viele andere, den Kapiteln vorangestellten, sinnigen Sprüchen – mit einfließt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

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Veröffentlicht am 21.04.2026

Die Zeit läuft unaufhaltsam ab

Noch fünf Tage
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Für die Spitzenköchin Liz Castrop ist nur das Beste gut genug. Nach einem Vorfall im Restaurant des Sternekoches Quirin nimmt sie die Schuld auf sich, wird jedoch sofort von der superreichen Familie Harman ...

Für die Spitzenköchin Liz Castrop ist nur das Beste gut genug. Nach einem Vorfall im Restaurant des Sternekoches Quirin nimmt sie die Schuld auf sich, wird jedoch sofort von der superreichen Familie Harman engagiert. Dort ist sie so viel mehr als nur die exzellente Köchin, sie ist Ideengeberin für jeden einzelnen. Ihr Silvestermenü jedoch überleben die Harmans nicht und auch für Liz ist die Zeit sehr begrenzt, die Ärzte geben ihr fünf Tage. Im Essen wurde Gift gefunden, Liz wird beschuldigt - was sie anspornt, den wahren Giftmischer zu finden. Der Countdown läuft.

Ab Tag eins um 04:38 Uhr verfolge ich Liz Gedanken und auch das Treiben um sie herum. „Wie alt ist sie? Fünfundvierzig. Das ist bitter.“ Im Krankenwagen nimmt sie diesen kurzen Dialog zwischen einem blonden Mann und einer weniger blonden Frau wahr. Diese wähnen sie bewusstlos, sie lässt sie in dem Glauben und auch weiß sie nun, dass sie bestenfalls noch fünf Tage zu leben hat. In der Privatklinik stellt sich ihr Esmeralda, kurz Esme genannt, als ihre persönliche Krankenschwester vor. Draußen warten schon Cosima, Liz Tochter und ihr Ex-Mann. Ihre Gedanken – sind es die letzten? – sind dem Sterben gewidmet. Nicht dem eigenen Sterben, aber doch…

Helena Falke hat für diesen Thriller eine nicht alltägliche Handlungsstruktur gewählt, was mich sofort angesprochen hat. Ein Opfer sucht seinen Mörder – ein gar absurdes Unterfangen, zumal sie in diesem Krankenzimmer bleiben muss, da ihre körperliche Verfassung logischerweise nachlässt. Was wird aus ihrer Tochter? Sie will sie in guten Händen wissen. Sie denkt zurück, denkt an Quirin und sein Sternelokal und an jeden einzelnen der Milliardärsfamilie Harman. Sie reist mit ihnen und selbstredend kommt auch das familieneigenen Flugzeug zum Einsatz. Sie wird hofiert, sie wird gedemütigt, sie hat ihre Launen auszuhalten.

Von Tag eins bis zum fünften Tag zählt Liz die ihr noch verbleibenden Stunden und Minuten herunter. Je mehr ich von Liz und ihrem Leben erfahre, desto mehr wird mir klar, dass sie eine starke Persönlichkeit ist. Sie ist intelligent und zielstrebig, sie lässt sich in ihrem Vorhaben, den wahren Täter zu finden, nicht beirren und – sie hat in Esme eine loyale Verbündete an ihrer Seite, die sie nach Kräften unterstützt.

Trotzdem man weiß, dass das Ende naht, hat die Story nichts Schwermütiges an sich. Es bleibt auch keine Zeit dafür, denn Liz Anliegen erfordert ihre ganze Stärke, die sie noch aufbringen kann. Indem sie zurückblickt auf die einzelnen Stationen, erkennt sie schlussendlich, wer denn für ihre Situation verantwortlich ist. Nicht nur diese Person, auch alle hier Agierenden sind treffend charakterisiert. Es ist ein mitunter schmerzhafter Blick auf das Leben der Reichen und Schönen und der Erfolgreichen, die sich ohne schlechtes Gewissen das nehmen, was ihnen vermeintlich zusteht.

„Noch fünf Tage“ wartet mit einer ungewöhnlichen Handlung auf, die spannend und durchweg unterhaltsam ist und einem Schluss, den man so dann doch nicht vorhersehen kann.

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Veröffentlicht am 19.04.2026

Sommer 1986, ein See, ein versenktes Auto und noch sehr viel mehr

Tainted Love
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„Im Radio lief Tainted Love, ein Song, der dem draußen am Peugeot vorbeiziehenden Bilderbuchsommer eine eigentümliche Kraft und Traurigkeit verlieh.“

TAINTED LOVE. Sofort habe ich diesen Song aus den ...

„Im Radio lief Tainted Love, ein Song, der dem draußen am Peugeot vorbeiziehenden Bilderbuchsommer eine eigentümliche Kraft und Traurigkeit verlieh.“

TAINTED LOVE. Sofort habe ich diesen Song aus den 1980er Jahren im Ohr. Nicht von ungefähr hat Vincent Tal diesen Titel für das erste Buch seiner neuen Krimi-Reihe gewählt, die er in das nordhessische Zonenrandgebiet verortet. Er fängt damit perfekt den Flair dieser Zeit ein, katapultiert mich mit diesem Buch vierzig Jahre zurück. Das Leben damals war aus heutiger Sicht entschleunigt, wenn man an die stetige Erreichbarkeit und die sozialen Medien mit all den unschönen Seiten denkt, ohne war es zu jener Zeit dennoch nicht. Die Schlagworte Wackersdorf, Tschernobyl, RAF, um nur einiges Wenige zu nennen, dürften noch jedem ein Begriff sein.

Sommer 1986. Martin Ritter und Christine Lehmann, der Bibliothekar mit Hang zur Fotografie und die scharfsinnige Journalistin mit Weitblick, sind die Hauptcharaktere, denen ich gespannt folge. Kennengelernt haben sie sich in jener Zeit, als ein kleines Mädchen verschwand. Und nun kommt Christine zufällig an einem See vorbei, dessen Wasserstand durch die Sommerhitze ziemlich niedrig ist und ein Schrottauto zum Vorschein kommt. Die Polizistin wimmelt sie ab, sie aber will der Sache auf den Grund gehen.

Die flirrende Hitze ist beim Lesen direkt spürbar, auch stellt sich mir die Frage, warum ein Mercedes 300 SL in diesem kleinen See versenkt wurde. Christine forscht mit tatkräftiger Unterstützung, auch von Martin, nach. Sie kommen so manch Ungereimtheit auf die Spur, auch jenseits dieser versenkten Luxuskarosse.

Die Story ist vielschichtiger, als es zunächst den Anschein hat, sie ist in sich stimmig, untermalt mit auch heute noch gut hörbaren und wie ich finde zeitlosen Songs und einem angenehmen, gut lesbaren Schreibstil. Private Momente fließen gekonnt in das Kriminalistische, die beiden Hauptakteure gehen in der Sache zielstrebig vor und miteinander behutsam um. Gerne bin ich in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts mit Christine und Martin abgetaucht. Der gelungene Reihenauftakt macht neugierig auf mehr, ich freu mich auf „Sweet Dreams“, den nächsten Band, der jedoch noch ein Weilchen auf sich warten lässt.

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Veröffentlicht am 16.04.2026

Lügen, nichts als Lügen

Liars all around me
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„Am frühen Morgen wurde am Leuchtturm die Leiche einer unserer Schülerinnen gefunden. Den Ermittlungen zufolge handelt es sich um Sheila Parker. “

Alles beginnt damit, dass die Musterschülerin Avery ...

„Am frühen Morgen wurde am Leuchtturm die Leiche einer unserer Schülerinnen gefunden. Den Ermittlungen zufolge handelt es sich um Sheila Parker. “

Alles beginnt damit, dass die Musterschülerin Avery den ziemlich anrüchigen Ryle bittet, ihr eine Waffe zu besorgen. Was dieser jedoch ablehnt. Und nun ist Sheila tot. Erschossen. Die ersten Anzeichen deuten auf Suizid, jedoch bleiben Zweifel. Schon allein die Tatsache, dass Avery ein paar Tage zuvor eine Waffe will, spricht gegen sie. Sie versucht, Ryle davon zu überzeugen, dass sie mit Sheilas Tod nichts zu tun hat. Eine Woche gibt er ihr Zeit, ihre Unschuld zu beweisen. Mit ihrer besten Freundin Micah sucht sie nach Hinweisen. Sie findet heraus, dass Sheila, genau wie sie auch, Drohbriefe erhalten hat.

Sowohl Sheilas als auch Averys Umfeld werden durchleuchtet, auch bekomme ich Einblicke in Ryles Familie, die – im Gegensatz zu Sheila und Averys vermögenden Familien – am Existenzminimum ihr Dasein fristet.

Alle Eventualitäten werden durchgespielt, jeder wird durchleuchtet, was die Story dann doch ziemlich in die Länge zieht. Ein Jugendroman mit kriminalistischen Elementen, dem ich nach dem starken Anfang nicht viel abgewinnen konnte. Weitergelesen habe ich dennoch und – es hat sich gelohnt. Gut, erste zarte Bande gehören schon auch dazu, dann aber sind es auch ernste Themen wie Depressionen und psychische Erkrankungen, einhergehend mit Medikamentenmissbrauch, dazu sehr viele Lügen und Erpressung bis hin zu Stalking und noch so einiges mehr an menschlichen Abgründen. Aber auch von dem genauen Gegenteil lese ich. Von Freundschaft und Geborgenheit, von Vertrauen und vom Verzeihen. Dafür braucht es nicht mehr als Herzenswärme, egal ob reich oder arm.

Die Story endet mit einem letzten Knall. Ja, Liars all around me. Ein – wenn auch nicht durchgehend – spannender Roman im Jugendmilieu, untermalt mit Songs von Genesis, Lana Del Rey, Hurts, Taylor Swift und noch so einigen mehr. Die vollständige Playlist ist dem Geschehen vorangestellt.

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Veröffentlicht am 16.04.2026

Beklemmend, grausam, rachsüchtig

Bachelorette Party
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Der Prolog führt zurück ins Jahr 2012 und schon diese ersten Seiten haben es in sich. An diesem 12. Mai haben sich die vier Freundinnen Matilda, Anna, Evelina und Linnea verabredet, wie jedes Jahr auf ...

Der Prolog führt zurück ins Jahr 2012 und schon diese ersten Seiten haben es in sich. An diesem 12. Mai haben sich die vier Freundinnen Matilda, Anna, Evelina und Linnea verabredet, wie jedes Jahr auf eine kleine Schäreninsel überzusetzen – Isle Blind. Sie gehört Annas Eltern. Bald ist die erste der Freundinnen tot und kurz danach folgt die nächste… Bis heute fehlt jede Spur von ihnen, lediglich das verlassene Boot wurde gefunden.

Zehn Jahre später dann will Anneliese das Ende ihres Singledaseins mit ihren Freundinnen feiern, dafür hat sie sich Isle Blind ausgesucht. Es gibt hier mittlerweile ein erstklassiges Hotel, das kurz vor der Eröffnung steht. Irene hat die Insel gekauft, sie bietet im Schärengarten ihr Yoga-Retreat, ein rundum Sorglos- und Wohlfühl-Paket, an. Zu Anneliese gesellen sich Mikaela, Theresa, die Tessa genannt wird, Caroline und Natalie. Letztere ist in ihrem Freundeskreis neu, sie kennt noch nicht alle. Neben den sechs Frauen ist lediglich ein Koch anwesend, sie können sich also vollkommen ungestört fühlen. Vier Tage liegen vor ihnen, es werden neben entspannenden auch alkoholgeschwängerte Stunden sein.

Gespannt folge ich den Frauen, zwischendurch dann lese ich von einer Schuld, die das Innerste Ich dieser Person auszureden versucht. „Nichts davon ist deine Schuld.“ Was es damit auf sich hat, ist bis ziemlich zuletzt nicht greifbar. Eine der Freundinnen musste weg – angeblich. Das Boot, mit dem sie gekommen sind, war fest vertäut – angeblich. Nun schwimmt es weit draußen. Auch im Haus geschieht Mysteriöses, die ganze Umgebung im Haus und auch außerhalb wird immer unheimlicher. Alles spitzt sich zu, man kann kaum atmen, bis dann eine der Frauen tot aufgefunden wird. Was ist hier los? Hat das Ganze mit den Ereignissen von vor zehn Jahren zu tun? Der Prolog lässt darauf schließen, aber dennoch mag sich ein Zusammenhang nicht recht erklären.

So leicht und locker der Titel daherkommt, umso mehr dreht sich die Story Richtung Albtraum - so fesselnd wie düster, so unterhaltsam wie nervenaufreibend. Spannend, mit nicht vorhersehbaren Wendungen. Trotz ihrer langen Freundschaft sind es ganz unterschiedliche Charaktere. Irene, die Besitzerin des Retreats und der Koch mit eingeschlossen. Zunächst scheint alles eitel Sonnenschein zu sein, es ist beinahe ein wenig langweilig. WLAN – gibt es nicht. Handy, Tablet und dergleichen werden bei Ankunft konfisziert, der Focus liegt darin, im Moment zu leben. Bald jedoch wendet sich das Blatt…

Camilla Sten hat schon als Kind Geschichten geschrieben, wie sie verrät – vielleicht ein wenig inspiriert von ihrer Mutter Viveca, zu deren Thrillern ich gerne greife. Die Familie besitzt ein Ferienhaus in den Stockholmer Schären und was liegt da näher für Camilla, ihre „Bachelorette Party“ dorthin zu verorten. Gerne bin ich ihr gefolgt, es war mein erstes, aber bestimmt nicht mein letztes Buch aus ihrer Feder. Sie hat mir intensive, schaurig-beklemmende Lesestunden beschert.

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