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Veröffentlicht am 13.05.2026

Genug Sympathie für den Teufel?

Grüne Welle
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Der Roman von Esther Schüttpelz erzählt von einer Frau, die sich einmal im Monat mit ihrer einzigen Freundin im Kino trifft. Danach fährt sie in ihrem alten Golf Kombi mit Rolling-Stones-Aufkleber, defektem ...

Der Roman von Esther Schüttpelz erzählt von einer Frau, die sich einmal im Monat mit ihrer einzigen Freundin im Kino trifft. Danach fährt sie in ihrem alten Golf Kombi mit Rolling-Stones-Aufkleber, defektem Blinker und Türen, die sich nicht mehr richtig verschließen lassen, zu ihrem Mann nach Hause. An diesem Abend jedoch zwingt eine Umleitung sie durch die Straßen ihrer früheren Kunststudentinnenzeit. Sie verfährt sich, will an der nächsten roten Ampel wenden – doch alle Ampeln stehen auf Grün.
Was folgt, ist eine scheinbar ziellose Fahrt durch die Nacht, getragen von einem inneren Monolog.

Schüttpelz verzichtet fast vollständig auf Namen und reduziert das Personal auf ein Minimum. Statt Handlung dominiert Reflexion: über das Leben der Protagonistin als Ehefrau eines erfolgreichen Anwalts und über ihre künstlerische Entwicklung. Dabei entsteht ein konstant unterschwellig bedrohliches Gefühl.

Ein Einschnitt erfolgt im Morgengrauen durch einen Rehunfall – wie vieles in diesem Roman von symbolischer Bedeutung. Später nimmt sie zwei Anhalterinnen mit, eher aus Überrumpelung als aus freier Entscheidung. Als sie nach ihrem Namen gefragt wird, nennt sie sich spontan „Amy“, inspiriert von einem Song von Amy Winehouse. Mit diesem Namen verändert sich auch ihr Verhalten: Sie wirkt offener, interessierter, beinahe befreit. Erst als eine der jungen Frauen ihre Fassade durchdringt, bricht diese Rolle zusammen – und die Protagonistin flieht.

Zentrales Thema des Romans ist Gewalt in Beziehungen, insbesondere in ihrer subtilen, schwer greifbaren Form. Explizit benannt wird die physische Gewalt erst auf Seite 49; bis dahin bleibt sie eine Ahnung. So ergeht es auch der Freundin der Protagonistin: Sie spürt, dass etwas nicht stimmt, begegnet dem Ehemann, der nach außen charmant und kontrolliert wirkt, und gerät dennoch kurz in seinen Bann.
Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es zeigt, wie geschickt toxische Dynamiken verborgen werden und wie schleichend Manipulation das Selbstvertrauen der Betroffenen untergräbt, bis ihnen die Kraft zur Flucht fehlt.

Schüttpelz arbeitet stark mit Symbolen. Nahezu jedes Detail ist bedeutungstragend, besonders die im Radio gespielten Songs. Der Rolling-Stones-Aufkleber zu Beginn findet seine Entsprechung am Ende in „Sympathy for the Devil“ – ein möglicher Wendepunkt, an dem die Protagonistin erkennen könnte, dass ihre „Sympathie“ für den Teufel ein Ende haben muss.

„Großartig“ trifft es, auch wenn das Buch keine leichte Lektüre ist. Die präzise, durchdachte Sprache verlangt Aufmerksamkeit, belohnt diese jedoch auf jeder Seite. Die Namenlosigkeit der Figuren unterstreicht dabei die eigentliche Aussage: Diese Geschichte könnte jede treffen.

Veröffentlicht am 13.05.2026

Alltagsnahe Psychologie mit Tiefgang

Was dein Leben leichter macht
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Meine Erwartungen an "Was dein Leben leichter macht" waren zunächst eher verhalten. Zu oft verbergen sich hinter solchen Titeln vereinfachte Ratgeber mit schnellen Lösungen. Hier ist das jedoch anders. ...

Meine Erwartungen an "Was dein Leben leichter macht" waren zunächst eher verhalten. Zu oft verbergen sich hinter solchen Titeln vereinfachte Ratgeber mit schnellen Lösungen. Hier ist das jedoch anders. Sina Haghiri verfolgt keinen klassischen „So wirst du glücklicher“-Ansatz, sondern lädt dazu ein, die eigenen Denk- und Verhaltensmuster besser zu verstehen – und genau darin liegt die Stärke des Buches.

Inhaltlich spannt sich der Bogen über verschiedene Lebensbereiche wie Alltag, Psyche, Gesellschaft und Gesundheit. Die Themen sind vielfältig und reichen von ganz konkreten Situationen bis hin zu grundlegenden Fragen darüber, wie wir denken, entscheiden und miteinander umgehen. Vieles wirkt vertraut, und gerade deshalb entsteht häufig ein Moment des Wiedererkennens, der zum Weiterdenken anregt.

Besonders gelungen ist die Art der Vermittlung: Hintergründe werden verständlich erklärt und durch anschauliche Beispiele ergänzt – mal aus der Forschung, mal aus realen Begebenheiten. So bleiben nicht nur die Inhalte besser im Gedächtnis, sondern auch die Bilder und Geschichten, die sie transportieren. Der Stil ist dabei angenehm zugänglich, ohne ins Oberflächliche abzurutschen.

Die kurzen, in sich geschlossenen Kapitel erleichtern es, das Buch in den Alltag zu integrieren. Einzelne Abschnitte lassen sich unabhängig voneinander lesen, ohne dass der rote Faden verloren geht, und liefern dennoch immer wieder neue Impulse. Nicht jedes Thema ist gleich spannend, und stellenweise wirkt die Zusammenstellung etwas unsystematisch – was angesichts der thematischen Breite jedoch kaum überrascht.

Unterm Strich ist es ein Buch, das weniger konkrete Handlungsanweisungen bietet als viel mehr Denkanstöße liefert. Wer sich für psychologische Zusammenhänge interessiert und Lust hat, sich selbst und andere besser zu verstehen, wird hier fündig.
Auch langjährige Profis können hier noch Anregungen für ungewöhnliche Lösungswege finden – insbesondere dann, wenn bewährte Verfahren an ihre Grenzen stoßen. Zudem stellt der Autor aktuelle Forschungserkenntnisse vor, die im professionellen Handeln berücksichtigt werden sollten.

Veröffentlicht am 13.05.2026

Über weibliche Lebensrealitäten und den Wunsch nach dem „schönsten Leben“

Das schönste aller Leben
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Mit „Das schönste aller Leben“ gelingt Betty Boras ein eindringlicher Debütroman, der persönliche Geschichte mit großen gesellschaftlichen Fragen verbindet. Im Zentrum steht Vio, die nach dem Ende der ...

Mit „Das schönste aller Leben“ gelingt Betty Boras ein eindringlicher Debütroman, der persönliche Geschichte mit großen gesellschaftlichen Fragen verbindet. Im Zentrum steht Vio, die nach dem Ende der rumänischen Diktatur mit ihren Eltern aus dem Banat nach Deutschland kommt – und dort früh verinnerlicht, dass Zugehörigkeit oft Anpassung, Leistung und Schönheit voraussetzt.

Gleich zu Beginn des Romans überschattet ein schwerer Unfall das Leben der erwachsenen Vio: Ihre kleine Tochter trägt eine sichtbare Brandnarbe im Gesicht davon. Für Vio steht sofort fest, dass sie das Leben ihres Kindes „zerstört“ hat. Diese Überzeugung zieht sich durch den gesamten Roman. Getrieben von Schuldgefühlen und der Angst vor gesellschaftlicher Bewertung zieht sie sich mit ihrer Tochter immer weiter zurück, meidet die Öffentlichkeit und verliert zunehmend den Zugang zu einem normalen Leben. Erst gegen Ende, mit professioneller Hilfe, öffnet sich langsam wieder ein Weg zurück zu Teilhabe und Selbstakzeptanz.

Das Banat bleibt dabei weit mehr als nur ein Herkunftsort: Es wirkt als emotionale und kulturelle Prägung fort, die sich nicht einfach abstreifen lässt – selbst dann nicht, wenn ein neues Leben längst begonnen hat. Besonders eindrucksvoll zeigt der Roman, wie Migration nicht nur Neuanfang bedeutet, sondern auch Verlust, Entwurzelung und ein ständiges Dazwischen. Diese Erfahrung prägt Vios Selbstbild ebenso wie ihr Verständnis davon, was ein gelungenes Leben eigentlich ausmacht. Die eindringlichen Passagen, in denen die alte Heimat eine eigene Stimme bekommt, verstärken dieses Gefühl noch.

Parallel erzählt Boras die Geschichte von Theresia im 18. Jahrhundert, die unter Zwang ins Banat gebracht wird. Ihre Erfahrungen machen deutlich, dass die Bewertung und Kontrolle weiblicher Körper sowie moralische Zuschreibungen eine lange Geschichte haben. Die Verbindung der beiden Erzählstränge zeigt, wie tief solche Denkmuster über Generationen hinweg weitergegeben werden.

Sprachlich überzeugt der Roman durch seine dichte, bildhafte und oft sehr direkte Art. Die Wechsel zwischen Zeiten und Perspektiven machen die Geschichte vielschichtig, auch wenn sie beim Lesen gelegentlich etwas Konzentration erfordern.

Fazit:
Ein kraftvolles, emotional intensives Debüt über Migration, Mutterschaft und die Last gesellschaftlicher Erwartungen. Besonders die Verbindung von persönlicher Schuldgeschichte, generationenübergreifenden Prägungen und dem Banat als emotionalem Ursprung verleiht dem Roman große Tiefe. Bewegend und absolut lesenswert.

Veröffentlicht am 25.04.2026

Auf der Suche nach Heimat und Zugehörigkeit

Halber Stein
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Zur Beerdigung ihrer Großmutter Agneta reist Sine gemeinsam mit ihrem Vater Johann nach Michelsberg in Siebenbürgen. Hier hat sie die Sommer ihrer Kindheit verbracht, bevor ihre Eltern einen Ausbürgerungsantrag ...

Zur Beerdigung ihrer Großmutter Agneta reist Sine gemeinsam mit ihrem Vater Johann nach Michelsberg in Siebenbürgen. Hier hat sie die Sommer ihrer Kindheit verbracht, bevor ihre Eltern einen Ausbürgerungsantrag stellten. Mit der Rückkehr in das Haus der Großmutter und der erneuten Erkundung der Umgebung kehren auch längst vergessene Erinnerungen zurück. Sine begegnet Julian, ihrem Freund aus Kindertagen, der das Dorf nie verlassen hat. Gemeinsam besuchen sie vertraute Orte wieder, Sine entdeckt deren Schönheit dabei neu und sie erkennt ihre anhaltende Bedeutung für ihr eigenes Leben.

Sines Reise nach Michelsberg fällt in eine Phase des Umbruchs. Sie hat ihr Studium abgeschlossen, ist zu ihren Eltern zurückgezogen und hat sich bislang eher halbherzig und erfolglos beworben. Der Aufenthalt im Haus der Großmutter gibt ihr den notwendigen Raum zur Reflexion und hilft ihr, Klarheit über ihre Zukunft und anstehende Entscheidungen zu gewinnen.

Trotz des traurigen Anlasses ist Halber Stein kein deprimierender Roman. Er lebt von einer poetischen, ruhigen Sprache sowie von eindrucksvollen Beschreibungen der landschaftlich reizvollen Region und der inneren Prozesse der Protagonistin. Zwar gibt es einzelne dramatischere Begegnungen, insgesamt bleibt der Roman jedoch zurückhaltend und entfaltet gerade dadurch eine nachhaltige, nachdenklich stimmende Wirkung. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Heimat, Erinnerung und Zugehörigkeit.

Auch die Geschichte und Kultur der Siebenbürger Sachsen sowie die Situation der ausgebürgerten und in Deutschland oft unwillkommenen Menschen werden sensibel und unaufdringlich in die Handlung eingeflochten, ohne belehrend zu wirken.

Halber Stein ist ein leiser, atmosphärischer Roman, der durch Tiefe, Sprachgefühl und emotionale Ehrlichkeit überzeugt und lange nachhallt.

Veröffentlicht am 25.04.2026

Die Freiheit der Tauben

Der letzte Sommer der Tauben
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Auf dem Dach züchtet der vierzehnjährige Noah Tauben. Gemeinsam mit seinem Onkel Ali kümmert er sich um den Schlag, und jede der Tauben trägt einen Namen: Regenbogen, Tänzer oder Schneeweiß. Noch kreisen ...

Auf dem Dach züchtet der vierzehnjährige Noah Tauben. Gemeinsam mit seinem Onkel Ali kümmert er sich um den Schlag, und jede der Tauben trägt einen Namen: Regenbogen, Tänzer oder Schneeweiß. Noch kreisen sie ruhig über der Stadt – bis der Lärm der Helikopter die Idylle zerschneidet. So beginnt Abbas Khiders neuer Roman.

Mit der Ausrufung des Kalifats gerät Noahs Welt aus den Fugen. Für seine Familie hat das unmittelbare Folgen: Die bunten Kleider aus dem Geschäft seines Vaters müssen Niqabs weichen, auf Verpackungen werden weibliche Figuren geschwärzt und schließlich werden die nicht mehr tolerierten modischen Kleidungsstücke öffentlich verbrannt.

Noch stärker treffen die neuen Regeln die Frauen. Sie müssen sich vollständig verhüllen, dürfen ihre Berufe – mit wenigen Ausnahmen – nicht mehr ausüben und das Haus nur noch in Begleitung verlassen. Mädchen werden zwangsverheiratet und über allem wachen die neuen Machthaber.
Mit dem vierzehnjährigen Noah hat Abbas Khider eine sehr passende Erzählerfigur gewählt. Noah ist jung genug, um noch nicht von festen Überzeugungen geprägt zu sein, aber alt genug, um die Veränderungen um ihn herum wahrzunehmen und zu hinterfragen. Als Junge kann er sich trotz aller Einschränkungen noch vergleichsweise frei bewegen – und wird so zum stillen Beobachter der Veränderungen. Gerade dieser Blick von der Schwelle zum Erwachsenwerden funktioniert hier besonders gut.

Innerhalb der Familie zeigen sich unterschiedliche Reaktionen auf das zunehmend totalitäre Regime – Anpassung, leiser Widerstand oder Resignation –, ohne dass der Roman diese Haltungen ausdrücklich bewertet.
Im Laufe der Handlung verliert Noah nach und nach seine kindliche Naivität. Besonders eindrücklich wird das in Szenen wie der, in der er ein Manuskript seines Onkels versteckt, oder später, als ihn sein Vater zwingt, einen Meineid auf den Koran abzulegen. In solchen Momenten wird deutlich, wie Noah den wenigen Handlungsspielraum nutzt und eigene Entscheidungen trifft.

Der Stil passt gut zu dieser Perspektive. Die vielen kurzen Kapitel wirken fast wie Tagebucheinträge oder Momentaufnahmen einzelner Tage. Gleichzeitig ist Khiders Sprache sehr poetisch und stark bildhaft. Besonders in den Passagen über die Tauben entstehen ruhige, fast lyrische Bilder, die einen starken Kontrast zur zunehmenden Brutalität des Regimes bilden. Gerade dieser Gegensatz verstärkt die Wirkung vieler Szenen.

Auffällig ist außerdem, dass der Schauplatz bewusst unbestimmt bleibt. Es geht weniger um ein konkretes Land als um die Mechanismen eines religiös legitimierten totalitären Regimes. Auf gut 200 Seiten zeigt Khider, wie eine solche Herrschaft Familien, Nachbarschaften und schließlich ganze Gesellschaften verändern und zerstören kann. Der Ton bleibt dabei meist nüchtern und beobachtend – wodurch die Gewalt der Ereignisse umso eindringlicher wirkt.

Bis zu einem gewissen Punkt – vor allem in den Szenen mit Onkel Ali – wirkt der Ton sogar etwas leichter und stellenweise humorvoll. Spätestens bei den öffentlichen Bestrafungsszenen kippt die Stimmung jedoch deutlich.

Sehr gelungen ist das offene Ende. Es bleibt unklar, ob Noah einfach an einer Hoffnung festhält oder ob sich tatsächlich eine Veränderung abzeichnet. Beides bleibt möglich – und gerade diese Ambivalenz macht den Schluss so überzeugend.