Profilbild von galaxaura

galaxaura

Lesejury Star
offline

galaxaura ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit galaxaura über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.07.2024

Bitte schneller als schnell die Fortsetzung!

Die Toten von Veere. Ein Zeeland-Krimi
0

„Die Toten von Veere“, ein Zeeland-Krimi aus der Feder von Maarten Vermeer, erschienen 2024 bei HarperCollins, ist ein Kriminalroman, der es auf unfassbar vielen Ebenen in sich hat und den mensch nicht ...

„Die Toten von Veere“, ein Zeeland-Krimi aus der Feder von Maarten Vermeer, erschienen 2024 bei HarperCollins, ist ein Kriminalroman, der es auf unfassbar vielen Ebenen in sich hat und den mensch nicht eine Sekunde aus der Hand legen kann. Eingebettet in ein sehr atmosphärisches düsteres Cover mit geprägter Schrift, das große Beklemmung ausstrahlt, schließt sich beim Lesen ein Ring ums Herz, der so schnell nicht mehr zu sprengen ist.
Es geht los, wie mensch es von Krimis kennt, wobei eigentlich sogar das schon nicht, denn das Eskalationslevel ist direkt maximal: Hoofdinspecteur Liv de Vries trifft bei der übereilten Klärung eines Selbstmordattentatfalls eine unglückliche Entscheidung und wird danach von ihrem Vorgesetzten aus der Schusslinie genommen und zur Aufklärung eines scheinbar harmlosen Vermisstenfalls in die Provinz nach Veere geschickt. Mit ihr zusammen ihre neue Kollegin Noemi Bogaard. Doch was sich dann in Veere entspinnt, ist alles andere als ein harmloser Fall, denn hier führt jede Spur zu einer weiteren Entdeckung, die immer tiefer in die Vergangenheit führen – und ihre Opfer fordern.
Vermeer schreibt unglaublich dicht und packend, sein Plot ist absolut unvorhersehbar und die Abgründe, denen er sich genussvoll widmet, sind Untiefen, gegen die das Meer nur ein flacher Priel ist. Der Handlungsstrang ist so genial, dass ich ihn am liebsten hier wiedergeben würde, um ihn würdigen zu können, aber natürlich soll rein gar nichts verraten werden!
Was verraten werden kann und muss ist aber, dass „Die Toten von Veere“ auch deshalb für alle Preise der Welt nominiert werden sollte, weil Vermeer sich auf beeindruckende Art darin einem Thema widmet, dass die Welt gerade beschäftigt: Der Rechtsruck, der durch fast alle Staaten geht. Wie er dabei einen Bogen von der Vergangenheit bis heute und morgen schlägt und Mechanismen hellsichtig aufdeckt, und das inmitten einer Krimihandlung und ohne aufzutragen mit seiner aktiven politischen Haltung, immer eingebettet in eine Krimihandlung, die sich notwendig damit verbindet und doch so deutlich in dem, was er an Zeitanalyse vermitteln will, das ist ein ganz großer Coup. Selten habe ich einen so politischen Krimi gelesen, der dabei vollkommen unaufgeregt unpolitisch ist auf der Oberfläche. Ein kleines Manko ist, dass Vermeer bei der Behandlung des Charakters von Noemi Bogaard selbst in die Rassismusfalle tritt, indem er diesem Charakter leider nur sehr wenig Fleisch und Backstory gibt im Verhältnis zu den anderen Hauptcharakteren und diese Figur sehr funktional behandelt – etwas, was er unserer Gesellschaft zu Recht vorwirft. Dafür muss es einen halben Stern Abzug geben, aber dennoch kann hier nur empfohlen werden, diesen Zeeland-Krimi (eine viel zu harmlose Kategorie!) unbedingt zu lesen. Ideal an einem Wochenende, an dem mensch nicht viel vorhat. Denn ein Weglegen: Ist kaum möglich.
Und der Cliffhanger am Ende (Böse! Böse böse böse!!!) macht große Hoffnung auf eine Fortsetzung. Bitte schnell. Ich weiß nicht, wie ich das aushalten soll.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.06.2024

Niemand will zu einem Passfoto werden

Ich stelle mich schlafend
0

„Ich stelle mich schlafend“ von Deniz Ohde, erschienen 2024 im Suhrkamp Verlag, ist ein Buch, das mit leiser Stimme eindringlich das Aufwachen einer Gesellschaft einfordert. Auf dem Schutzumschlag in einer ...

„Ich stelle mich schlafend“ von Deniz Ohde, erschienen 2024 im Suhrkamp Verlag, ist ein Buch, das mit leiser Stimme eindringlich das Aufwachen einer Gesellschaft einfordert. Auf dem Schutzumschlag in einer Pfütze auf Asphalt, die wahrscheinlich bald verschwinden wird, eine Häuserfassade in Ockertönen – die Erinnerung an ein Leben, das einfach weggerissen werden kann und einem dennoch ein Leben lang den Spiegel vorhält, wie die Spiegelung in der Pfütze. Das Gefühl von Brache, Abrisshalde, welches das erste Kapitel vorgibt, zieht sich durch das ganze Buch, ebenso die Schwere von Asphalt und Beton, die auf dem geschilderten Leben lastet und einfach nicht weggelebt werden kann. In verschiedenen Zeitebenen taumeln wir, schleichen wir, rennen wir, frieren wir ein durch das Leben von Yasemin, einer Frau, die in einer der unendlichen möglichen Varianten erlebt, was noch immer alle Frauen erleben: Ein Aufwachsen und Dasein in der Präsenz von männlicher Gewalt, dem Frauen noch immer qua Sozialisation und fehlender gesellschaftlicher Solidarität viel zu wenig entgegenzusetzen haben.
Ohde findet durchweg starke und schöne Sprachbilder in großen Mengen in diesem Buch. Die Charaktere werden anfangs zunächst bewusst rätselhaft, wie Schemen eingeführt und sind doch schon sehr gut erahnbar, auch ihre Beziehung zueinander deutet sich gut an. Klar wird: Hier ist etwas vorgefallen, und es war nicht gut, es war toxisch – und es beschäftigt noch lange. Im weiteren Verlauf dringen wir lesend langsam tiefer in die Schichten, und die Wahrheit des Geschehens liegt vor allem zwischen den Zeilen und den Gedanken. Ohde schreibt unglaublich dicht, ich konnte kaum Luft holen beim Lesen, jeder Satz ist ein Kosmos und löst Begeisterung aus – und zeitgleich hält sie die Spannung, was nun geschehen wird, bis zum Ende hoch. Über allem schwebt permanent ein Unheil, das wabert über den Menschen, die Stimmung ist durchweg wie vor einem Gewitter, und die erlösende Sintflut will sich nicht einstellen. Es ist erschreckend zu sehen, wie wenig sich Yasemin erlaubt zu leben, dauerhaft und in einer inneren Leere kreist. Sie wirkt wie ein total traumatisierter Mensch, der sich einfach kein Glück erlaubt und sich immer, einfach immer schuldig fühlt.
Der Erzähldruck lässt im letzten Drittel des Buches etwas nach, weil Ohde dringend noch politischen Inhalt unterbringen möchte, aber nicht immer zwingende Erzählanlässe dafür findet, das wirkt manchmal etwas reingepropft. Was sie erzählen will, ist aber wichtig, denn es ist das, was ALLE Frauen kennen: Wie sehr wir in einer grundsätzlichen Angst leben, immer, wie sehr wir als schuldig angesehen werden, immer, wie Täter-Opfer-Umkehr systematisch geschieht, immer, wie oft wir uns entschuldigen, immer. Ich habe kurz davor gerade „Sorry Not Sorry“ von Anika Landsteiner gelesen und kann das in dem Kontext nur jede:m ans Herz legen. „Niemand wollte zu einem Passfoto werden, es war nichts, was man selbst in der Hand hatte.“, ist ein zentraler Satz, den Yasemin denkt, als sie über Vermisstenanzeigen sinniert. Was man dagegen in der Hand hat, ist, ein Leben in der Vermeidung zu leben, wie wir es automatisiert ständig tun, ohne das hinterfragen zu können, weil wir uns nur so schützen können – und das bringen wir auch unseren Töchtern von klein auf bei. Wir kennen es alle: Erzieht nicht eure Töchter, erzieht eure Söhne – dieses Buch ist ein starkes Plädoyer dafür. Und es ist so schlimm, dass sich noch immer so wenig daran tut. Yase hat also überlebt, wie wir schon am Anfang des Buches erfahren, durch Glück, durch Zufall. Und ich ertappe mich selbst dabei, ihr Mitschuld an vielem zu geben, was sie erlebt hat, weil sie so konstant an allen Zeichen vorbeischaut, sich so einfangen lässt, sich so sehr selbst die Grube gräbt. Aber liegt dem allen nicht eine Gesellschaft zugrunde, die Frauen das von Anfang an tun lässt, die sie genau dahin erzieht, die sie noch immer in eine dauerhafte Scham zwingt? Sprachlich bleibt das Buch bis zum Schluss sehr stark. Das angedeutete Happy End hätte ich so nicht gebraucht. Spannender war es, wie Yasemin zunehmend in ihren Körper zurückfindet, der auf so vielen Ebenen versehrt ist. Da sehe ich eher den Weg – wir sollten uns nicht mehr retten lassen. Wir können selbst aufstehen und gehen.
Dieses Buch gewinnt vor allem durch all das, was nicht gesagt ist, es ist ein wortkarges Buch, trotz all der Worte in ihm, und dieses Schweigen bringt die Lesenden emotional fast um. Ein starkes Buch, das ich in einem Rutsch verschlungen habe. Wir dürfen uns nicht mehr schlafend stellen. Unser Frauenleben gehört uns.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.05.2024

Pflicht für alle

Sorry not sorry
0

„SORRY NOT SORRY“ von Anika Landsteiner, erschienen bei Rowohlt Polaris, ist eines dieser Bücher, in denen mensch einfach viel zu viele Sätze anstreichen möchte. Es geht um Scham, es geht spezifischer ...

„SORRY NOT SORRY“ von Anika Landsteiner, erschienen bei Rowohlt Polaris, ist eines dieser Bücher, in denen mensch einfach viel zu viele Sätze anstreichen möchte. Es geht um Scham, es geht spezifischer um die Scham von weiblich gelesenen Menschen und eigentlich geht es im Kern vor allem auch um die Frage: Warum schweigen wir? Immernoch?
Das Buch kommt mit einem lärmenden Cover in knalligem Grün und Lila aus dem Bücherregal entgegengesprungen – und das ist gut so. Denn viel zu lange waren weiblich gelesene Menschen und ihre patriarchal gemachte Scham zum Stillsein verdonnert. Um in die Stimme zu kommen und laut zu werden, ist dieses Buch ein wichtiger Beitrag. Denn es muss aufhören, dass weiblich gelesene Menschen sich schämen für Dinge, die andere ihnen antun. Eine Schlüsselstelle, gleich am Anfang des Buches: „Denn ich dachte lange Zeit, dass Scham diejenigen empfinden, denen etwas Peinliches passiert ist. Die sich fehlverhalten haben und daraufhin entblößt werden. Dieser Denkweise nach müssten sich die Täter schämen, nicht jedoch das Opfer.“ (Seite 10) Fun Fact: Dass hier nicht gegendert wird, ist kein Zufall, denn im Verlauf des Buches wird immer klarer: Die Scham ist ein Werkzeug patriarchaler Unterdrückung und kapitalistischer (oder religiöser), männlich regierter Systeme. Landsteiner analysiert die Scham anhand von vielen unterschiedlichen Facetten und unterteilt grundlegend erst einmal in Körperscham, Identitätsscham und Statusscham. Die Freunde der Scham sind Geheimhaltung, Schweigen und Verurteilung. Ihr großer Feind ist Empathie. So weit, so universell. Nicht universell ist die schon im frühkindlichen Alter geschehende Sexualisierung des weiblichen Körpers, die von Kultur und Sozialisierung anerzogenen Gründe für die weibliche Scham und die vielen falschen Glaubenssätze, die dazu führen, dass weiblich gelesene Menschen sich unter anderem nahezu manisch entschuldigen und Fehler zumeist immer erst einmal bei sich suchen. Es ist erschütternd, wie viele Themen und Belege Landsteiner innerhalb dieses, sehr gut und anschaulich zu lesenden und umfassend recherchierten, Buches findet. Körper, Geld und Wertigkeit, Single-Sein und Freiheit, Fernsehen und Kultur, Schwangerschaft, Altern, Periode, Heiraten, generell Paarmodelle, Gewalt – die Liste nimmt kein Ende. Und am Ende steht die Wut, die keine Auflösung findet.
All das ist so zwingend argumentiert und nur an so wenigen Punkten in Frage zu stellen, dass dieses Buch eine Pflichtlektüre für alle Menschen sein sollte. Ja, alle. Denn Sexismus findet überall im Denken statt, Rollenbilder sind in jedem Kopf vorhanden. Auch im weiblichen. Dass selbst Landsteiner davon nicht frei ist, ist einer der wenigen Kritikpunkte am Buch. Auch sie kommt nicht daran vorbei, an vielen Stellen doch nicht ganz frei davon zu sein, eine Partner:innenschaft als heimliches Lebensziel zu haben und dass sie, auch wenn sie Argumente dafür hat, nicht noch weitere marginalisierte Gruppen in ihrem Buch betrachtet, ist für mich ein Manko, das leicht behebbar gewesen wäre, wenn mensch sich mit anderen Autor:innen zusammengetan hätte für ein zusätzliches Kapitel. Guter Feminismus ist multiperspektivisch, darum komme ich nicht daran vorbei, einen halben Stern abzuziehen. Aber geschenkt! Was ist schon ein halber Stern angesichts dieses mutmachenden Buches. Welt, zieh dich an. Die Zeit des Schweigens ist vorbei. Anika Landsteiner spricht mir aus der Seele, wenn sie sagt: „Gegen das System muss angeschrien werden. Meine Wut ist weiblich.“ Bitte alle alle alle lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.05.2026

Starker Auftakt einer neuen nordischen Crime-Serie

Vega Varg – Das Schweigen der Insel
0

Mit „Vega Varg – Das Schweigen der Insel“, erschienen 2026 bei Heyne, startet die bekannte Romanautorin Åsa Hellberg eine neue Krimireihe – und konnte mich direkt als Fan gewinnen.

Der Roman spielt auf ...

Mit „Vega Varg – Das Schweigen der Insel“, erschienen 2026 bei Heyne, startet die bekannte Romanautorin Åsa Hellberg eine neue Krimireihe – und konnte mich direkt als Fan gewinnen.

Der Roman spielt auf den Kosterinseln, im Grenzgebiet zwischen Schweden und Norwegen. Vega Varg ist eine ungewöhnliche Ermittlerin, sie ist Polizeichefin und schon 62 Jahre alt, gleichermaßen beharrlich wie auch manchmal einfach müde von langen Dienstjahren. Der Polizeidienst liegt in der Familie, ihr Vater war Polizist und ihre zwei Söhne haben auch eine Laufbahn bei der Polizei eingeschlagen. Aus der Reihe fällt das Sorgenkind in der Familie, ihre Tochter Moa, die sie in einem One-Night-Stand zeugte und die im Roman lange mit Abwesenheit glänzt – was Vega keine Ruhe lässt.
Die Familienverhältnisse sind kompliziert – und der Fall auch, obwohl es zunächst anders aussieht. Eine Gruppe von Immobilienmaklern, die auf den Kosterinseln ein Team-Incentive absolviert, stößt auf eine Leiche. Es ist der Barmann aus dem Hotel in dem die vier, Bente, Meja, Svein und Måns, untergekommen sind. Der scheinbar lokale Fall nimmt schnell eine Wendung, die einen viel größeren Kontext offenbart – und Vega und ihre Vergangenheit auch ganz persönlich betrifft. Als eine norwegische Zeugin plötzlich verschwindet, muss über die Grenzen zusammengearbeitet werden, was Leopold Posse aus Oslo auf den Plan ruft, bester Freund von Vega und Patenonkel ihrer Tochter. Leopold gibt Vega in den Ermittlungen zunächst Sicherheit – doch immer mehr muss sie auch seine Rolle in ihrem Leben in Frage stellen. Die Ermittlungen treiben Vega in eine Konfrontation mit ihrer eigenen Vergangenheit, ihrer Familie und dem Tod ihres Ehemanns vor vielen Jahren. Am Ende wird nichts mehr sein wie zuvor gedacht.

Die Autorin schafft es hervorragend, einen durchgehenden Spannungsbogen zu erzeugen und findet ein wirklich gutes Maß aus Ereignissen in der Gegenwart und Rückblicken in die Vergangenheit. Vega als Figur ist plastisch und realistisch, man kommt ihr nahe und ihre leise Sperrigkeit macht sie sehr sympathisch. Eine starke Frauenfigur, die sich durchbeißt. Die Immobilienmakler sind zugegeben sehr klischeehaft gezeichnet, für den Roman ergibt das so Sinn, ich hätte ihnen dennoch ein bisschen mehr „echten Menschen“ gewünscht. Das Buch hat ein gutes Tempo, und Hellberg findet überraschende Wendungen, die die Spannung bis zum Ende halten. Dabei tut die Szenerie ein Übriges, dieser Kriminalroman ist ein stimmiges Ganzes.

Hier liegt somit ein sehr lesenswerter erster Band vor, der schon Vorfreude auf einen zweiten schafft. Ein sehr guter Einstieg in eine neue nordische Crime-Serie, die ein bisschen nach Verfilmung schreit.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.04.2026

Starkes Zeitdokument

Das Tränenhaus. Roman
0

„Das Tränenhaus“, ein Roman von Gabriele Reuter, aus ursprünglich 1908, neu aufgelegt 2026 bei Reclam in der Reclams Klassikerinnen Reihe, für die man Reclam immer wieder nur begeistert danken kann, ist ...

„Das Tränenhaus“, ein Roman von Gabriele Reuter, aus ursprünglich 1908, neu aufgelegt 2026 bei Reclam in der Reclams Klassikerinnen Reihe, für die man Reclam immer wieder nur begeistert danken kann, ist ein zeitgeschichtlich erstaunlich mutiger Roman mit autobiographischem Hintergrund, den frau allein für diesen Mut schon lesen sollte. Die Autorin hat das Schicksal ihrer Protagonistin ähnlich erlebt, weiß also genau, wovon sie spricht – und da zur Jahrhundertwende der gossip über sie ganz sicher in town gewesen sein dürfte, ist es umso erstaunlicher, wie ehrlich sie hier aus einem Frauenkünstlerinnenleben berichtet.

Das titelgebende „Tränenhaus“ ist ein Heim für schwangere ledige Frauen. Zur Jahrhundertwende war ein Kind ohne den passenden Ehemann eine große Schande, weshalb schwangere Frauen sich oft in den ländlichen Raum zurückzogen, um dort ohne Zeugen das Kind zur Welt zu bringen und dann bestenfalls in Pflege zu geben, während sie selbst wieder in ihr bisheriges Leben zurückkehrten – finanzielle Mittel vorausgesetzt. So zieht auch Cornelie, die Protagonistin, feministische Autorin wie Gabriele Reuter, finanziell eigenständig und auch sonst Freigeist, in das besagte Tränenhaus ein. Ihr Fall ist hierbei besonders, es scheint so, als ob der Vater des Kindes sie durchaus heiraten würde, doch Cornelie will den Mann nicht in das Zwangsgefängnis der Ehe drängen (und sich selbst vermutlich auch nicht, würde sie dadurch doch ihre Eigenständigkeit verlieren). So findet sie sich unter Frauen wieder, die weit von ihrem eigenen Bildungs- und Erfahrungsstand entfernt sind und muss sich in diesem Milieu neu zurechtfinden. Was ihr zunächst nicht leicht fällt, führt zunehmend zu einem starken Solidaritätsgefühl den anderen Frauen gegenüber und einer fragilen Gemeinschaft, in der die Frauen sich gegen die geldgierige Wirtin und Hebamme Frau Uffenbacher wehren und füreinander einstehen.

Der Roman beschreibt das Schicksal ganz unterschiedlicher Frauen und macht die Unterdrückung der Frau und ihre fehlenden Rechte mehr als deutlich. Dabei lässt die Sprache Reuters die Bildungsschichten und den sozialen Umraum sehr lebendig werden, ebenso wie viele Beschreibungen Ort und Gegend deutlich erzählen. Männer lässt sie dabei außen vor – sie tauchen im Roman kurz auf, werden beschrieben, haben jedoch keinen wirklichen Einfluss auf die Handlung – ein bissiger Kommentar Reuters auf die männliche Vorherrschaft.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Autofiktion zur Zeit ihres Erscheinens für mächtig Furore gesorgt hat und es sehr mutig war, dieses Buch zu veröffentlichen, wie Gabriele Reuter sowieso ein äußerst mutiges Leben geführt hat. Für mich ist am bedrückendsten, dass die Strukturen nach wie vor da sind, die Auswirkungen zwar zumindest hier bei uns gemildert, aber im Grunde ist alles noch genau so und das macht das Buch sehr aktuell. Wie sehr Frauen nach wie vor „Schande“ und „Schlampe“ entgegengerufen wird, während Männer sich durchweg einfach nehmen dürfen und es fast immer nur um ihre Rechte und so gut wie nie um ihre Verantwortung geht, es ist doch erschütternd. Wenn frau die Strukturen des Patriarchats einmal in Gänze gesehen hat – können sie nicht mehr nicht gesehen werden. Ich denke, so geht es auch Cornelie in dem Buch, die sich entscheiden muss zwischen ihrer Freiheit und ihrer Kunst einhergehend mit dem Label gefallenes Mädchen oder der Sicherheit des Ehehafens. Dass sie diesen Weg nicht geht, obwohl er ihr scheinbar doch offensteht: Stark. Zumal die Autorin hier ja nicht naiv schreibt. Cornelie als Figur entblättert sich langsam, ihre Schwangerschaft, ihre Geschichte, aber auch ihr Ruhm, ihre Kompetenz als Fachautorin, das alles kommt Scheibchen für Scheibchen. Und Reuter erspart uns dankenswerterweise Romantik. Ein wirklich interessantes Zeitdokument des feministischen Schreibens, das nur teilweise dann doch etwas überbordend erzählt, weitestgehend aber realistisch mit klarem Stilgefühl die Jahrhundertwende greifbar macht. Hilfreich ist dazu auch noch das sehr informative Nachwort von Annette Seemann. Klare Leseempfehlung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere