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Veröffentlicht am 26.04.2026

Starkes Zeitdokument

Das Tränenhaus. Roman
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„Das Tränenhaus“, ein Roman von Gabriele Reuter, aus ursprünglich 1908, neu aufgelegt 2026 bei Reclam in der Reclams Klassikerinnen Reihe, für die man Reclam immer wieder nur begeistert danken kann, ist ...

„Das Tränenhaus“, ein Roman von Gabriele Reuter, aus ursprünglich 1908, neu aufgelegt 2026 bei Reclam in der Reclams Klassikerinnen Reihe, für die man Reclam immer wieder nur begeistert danken kann, ist ein zeitgeschichtlich erstaunlich mutiger Roman mit autobiographischem Hintergrund, den frau allein für diesen Mut schon lesen sollte. Die Autorin hat das Schicksal ihrer Protagonistin ähnlich erlebt, weiß also genau, wovon sie spricht – und da zur Jahrhundertwende der gossip über sie ganz sicher in town gewesen sein dürfte, ist es umso erstaunlicher, wie ehrlich sie hier aus einem Frauenkünstlerinnenleben berichtet.

Das titelgebende „Tränenhaus“ ist ein Heim für schwangere ledige Frauen. Zur Jahrhundertwende war ein Kind ohne den passenden Ehemann eine große Schande, weshalb schwangere Frauen sich oft in den ländlichen Raum zurückzogen, um dort ohne Zeugen das Kind zur Welt zu bringen und dann bestenfalls in Pflege zu geben, während sie selbst wieder in ihr bisheriges Leben zurückkehrten – finanzielle Mittel vorausgesetzt. So zieht auch Cornelie, die Protagonistin, feministische Autorin wie Gabriele Reuter, finanziell eigenständig und auch sonst Freigeist, in das besagte Tränenhaus ein. Ihr Fall ist hierbei besonders, es scheint so, als ob der Vater des Kindes sie durchaus heiraten würde, doch Cornelie will den Mann nicht in das Zwangsgefängnis der Ehe drängen (und sich selbst vermutlich auch nicht, würde sie dadurch doch ihre Eigenständigkeit verlieren). So findet sie sich unter Frauen wieder, die weit von ihrem eigenen Bildungs- und Erfahrungsstand entfernt sind und muss sich in diesem Milieu neu zurechtfinden. Was ihr zunächst nicht leicht fällt, führt zunehmend zu einem starken Solidaritätsgefühl den anderen Frauen gegenüber und einer fragilen Gemeinschaft, in der die Frauen sich gegen die geldgierige Wirtin und Hebamme Frau Uffenbacher wehren und füreinander einstehen.

Der Roman beschreibt das Schicksal ganz unterschiedlicher Frauen und macht die Unterdrückung der Frau und ihre fehlenden Rechte mehr als deutlich. Dabei lässt die Sprache Reuters die Bildungsschichten und den sozialen Umraum sehr lebendig werden, ebenso wie viele Beschreibungen Ort und Gegend deutlich erzählen. Männer lässt sie dabei außen vor – sie tauchen im Roman kurz auf, werden beschrieben, haben jedoch keinen wirklichen Einfluss auf die Handlung – ein bissiger Kommentar Reuters auf die männliche Vorherrschaft.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Autofiktion zur Zeit ihres Erscheinens für mächtig Furore gesorgt hat und es sehr mutig war, dieses Buch zu veröffentlichen, wie Gabriele Reuter sowieso ein äußerst mutiges Leben geführt hat. Für mich ist am bedrückendsten, dass die Strukturen nach wie vor da sind, die Auswirkungen zwar zumindest hier bei uns gemildert, aber im Grunde ist alles noch genau so und das macht das Buch sehr aktuell. Wie sehr Frauen nach wie vor „Schande“ und „Schlampe“ entgegengerufen wird, während Männer sich durchweg einfach nehmen dürfen und es fast immer nur um ihre Rechte und so gut wie nie um ihre Verantwortung geht, es ist doch erschütternd. Wenn frau die Strukturen des Patriarchats einmal in Gänze gesehen hat – können sie nicht mehr nicht gesehen werden. Ich denke, so geht es auch Cornelie in dem Buch, die sich entscheiden muss zwischen ihrer Freiheit und ihrer Kunst einhergehend mit dem Label gefallenes Mädchen oder der Sicherheit des Ehehafens. Dass sie diesen Weg nicht geht, obwohl er ihr scheinbar doch offensteht: Stark. Zumal die Autorin hier ja nicht naiv schreibt. Cornelie als Figur entblättert sich langsam, ihre Schwangerschaft, ihre Geschichte, aber auch ihr Ruhm, ihre Kompetenz als Fachautorin, das alles kommt Scheibchen für Scheibchen. Und Reuter erspart uns dankenswerterweise Romantik. Ein wirklich interessantes Zeitdokument des feministischen Schreibens, das nur teilweise dann doch etwas überbordend erzählt, weitestgehend aber realistisch mit klarem Stilgefühl die Jahrhundertwende greifbar macht. Hilfreich ist dazu auch noch das sehr informative Nachwort von Annette Seemann. Klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 12.04.2026

Gegen jedes Protokoll

Die Stockholm-Protokolle
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„Die Stockholm-Protokolle“, der erste Teil einer Thrillerserie, geschrieben von Moa Berglöf und Joakim Zander, erschienen 2026 bei Rowohlt Polaris, ist ein sehr gut recherchierter politischer Roman, der, ...

„Die Stockholm-Protokolle“, der erste Teil einer Thrillerserie, geschrieben von Moa Berglöf und Joakim Zander, erschienen 2026 bei Rowohlt Polaris, ist ein sehr gut recherchierter politischer Roman, der, obschon Auftakt einer Serie, für mich durchaus auch als Stand-Alone lesbar ist. Allein der Thrill, den die Gattungseinordnung einfordert, kommt so erst auf den letzten Seiten auf – bis dahin lesen wir einen spannenden Roman, der sich mit den Abgründen von Spitzenpolitik beschäftigt. Dieser spielt in Schweden – man muss aber keine Kennerin der schwedischen Politikarchitektur sein, um gut folgen zu können.

In diesem Roman folgen wir Julia und Alfred, schon lange ein Paar mit Kindern, in deren Beziehung sich gerade die Verhältnisse verschieben. Julia, als Investigativjournalistin, hatte lange die beruflichen Hosen an und die Freiräume für sich beansprucht, während ihr Mann Alfred es in einem sicheren Job ruhiger angehen ließ und Julia familiär den Rücken freihielt. Doch jetzt wird Alfred plötzlich die Stelle des Pressesprechers des Ministerpräsidenten angeboten – während Julia nach einer gescheiterten Recherche aus dem politischen Bereich abgezogen wird und Schreibtischdienst schieben soll. Während Alfred schnell lernen muss, dass Politik ein Haifischbecken ist, ermittelt Julia heimlich weiter. Und so geraten beide unabhängig voneinander auf die Spur eines Politskandals, der sie zwingt, das Protokoll zu missachten, und der bis zum Ende des Romans immer wieder für Überraschungen sorgt und beide zunehmend in Gefahr bringt.

Die Handlung ist sowohl auf der privaten Beziehungsebene als auch auf der politischen Ebene sehr spannend, die Anzahl der Personen ist machbar, das Buch arbeitet gut gestaffelt, so dass ich beim Lesen langsam in den Konflikt eintauchen konnte. Alfred und Julia sind für mich ein glaubwürdiges Paar und der Kampf um die Karriere ist durchaus typisch für die Generation. Auch nicht ungewöhnlich ist die Art, wie sie beide nicht mehr wirklich begeistert vom anderen sind, aber noch aneinander festhalten, beide den anderen beruflich nicht für so kompetent halten, wie die Person sich selbst. Die Machtkämpfe in der politischen Riege und in den dazugehörenden dienstleistenden Ämtern finde ich sehr gut geschildert und auch auf eine gute Art fies.
Interessant zu sehen war, wie aus dem Lämmchen Alfred langsam ein Wolf wird, wie schnell Moral über Bord geworfen wird, wenn Macht greifbar ist. Der Interessenkonflikt, der in der Beziehung des Paares besteht, bietet viel Potenzial für Heimlichkeiten und Spannungsmomente. Den Atem hält man dabei nicht unbedingt an, aber das Autor:innenduo schreibt sehr gut und flüssig, mit klar gegriffenen Bildern und Charakteren, manchmal blitzt auch Humor auf.

Formal wird in wechselnden Sichtweisen von Julia und Alfred und sehr kurzen Kapiteln geschrieben, was das Lesen sehr abwechslungsreich und lebendig macht. machen das Lesen sehr spannend. Es gibt im Netz der politischen Intrige viele kleine Winkelzüge und die beiden Protagonisten entwickeln immer mehr Kontur. Dabei findet auch Alltag Raum, wie eine nervige Geschirrspülmaschine, das ist selten in dem Genre, gibt dem Ganzen aber viel Glaubwürdigkeit. Und auch der Umgang mit Erkenntnissen über den eigenen Wirkungsgrad ist bei beiden Charakteren reflektiert - hier sind erwachsenen Menschen in der Handlung und keine Klischees.

Das Ende des Buches löst nicht alles auf und ist deshalb gleichermaßen unbefriedigend wie realistisch. Nicht jedes schmutzige Geschäft kann direkt getilgt werden – und manchmal braucht es einen sehr langen Atem bzw. hier einen zweiten Band. Auf den freue ich mich schon, ich werde ihn auf jeden Fall lesen, denn hier trifft profunde Sachkenntnis auf sehr gelungene Schreibe – ein Muss für Fans des politischen Thrills, von dem es im zweiten Band dann gern noch ein bisschen mehr sein darf.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Das Ende vom Ende der Welt

Die Reise ans Ende der Geschichte
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„Die Reise ans Ende der Geschichte“, geschrieben von Kristof Magnusson und erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist ein herrlich humorvoll-skurriles Romanschätzchen mit dennoch viel Historie und Tiefgang, ...

„Die Reise ans Ende der Geschichte“, geschrieben von Kristof Magnusson und erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist ein herrlich humorvoll-skurriles Romanschätzchen mit dennoch viel Historie und Tiefgang, das über weite Strecken bestens unterhält, auch wenn ihm am Ende leider etwas die Luft ausgeht.

Auf knapp 275 Seiten folgen wir einer irren Doppelagentenreise, die, wie das sehr gelungene Cover schon andeutet, immer am Rande des Abgrunds balanciert – und das gilt sowohl für die Figuren als auch für die schriftstellerische Leistung, bei der man sich auf ein paar Prämissen einlassen muss, um den Roman einfach genussvoll wegsnacken zu können. Die rezensierende Person konnte das gut! Kristof Magnusson schenkt uns eine gute Struktur: Die Kapitel wechseln in der Erzählperspektive zwischen den drei Protagonist:innen (oder ist eine davon etwa eine Antagonistin? Wer weiß?), wobei der Autor uns hilft, indem Perspektive und Handlungsort immer in der Kapitelüberschrift zu finden sind.

Der Roman startet stark auf einem Höhepunkt: Dieter Germeshausen, seines Zeichens Doppelagent im deutschen und russischen Staatsdienstes wird im Jahr 1995 in einer Hotelbar in Kasachstan vergiftet. In der Folge blicken wir zurück auf mächtig erheiternde Verstrickungen, die ihn in diese Situation gebracht haben. Denn etwas zuvor warb Dieter den Schriftsteller Jakob Dreiser auf einer Feier des Endes vom Ende der Welt in der russischen Botschaft in Rom für den BND an – da er selbstkritisch festgestellt hat, selbst nicht unbedingt eine Leuchte im Bereich Kommunikation zu sein und einen Supercoup plant – für den genau diese Kommunikation aber unerlässlich ist. Jakob Dreiser als junger Schriftsteller mit großem Bezug zu Russland scheint hier eine Lücke ideal zu füllen, schließlich soll die Reise nach Almaty in Kasachstan gehen – aber vielleicht hat Dieter doch die Rechnung ohne den Wirt gemacht... Zumal es da auch noch Francesca Aquatone gibt, die viel Pfeffer in die Suppe streut und einen dreifachen Negroni, der es in sich hat.

Magnusson schreibt großartige Charaktere, der in sich festklemmende, geltungssüchtige Dieter, mit seinem doch sehr großen Selbstbewusstsein, das tapfer alle Fremdwahrnehmung ausblendet, der wirklich naive Jakob, Typ „hey, Hauptsache man lebt und es passiert was“, und wenn dann was passiert, dann findet er das schon auch ein bisschen doll, aber auch die Nebencharaktere wie Dominique Fishbowl (dieser Name!), die hinter ihrer Säuferinnenfassade wahrscheinlich richtig was draufhat, hier gefallen mir einfach alle und das ist gut gegensätzlich konstruiert. Der Ton ist eine perfekte Mischung aus Suspense und Comedy, das Dramedy Genre liest frau ja selten gut, hier ist es nahezu perfekt.
Der Autor scheut sich aber auch nicht vor Tiefgang und Gefühlen und webt vor allem viel Historisches wirklich perfekt in die Handlung ein. Die Atmosphäre des Kalten Krieges und das Aufwachsen in dieser Zeit, der Fall des Eisernen Vorhangs und die Freiheit aber auch die Unsicherheit bringt der Autor trotz aller Heiterkeit super rüber. Wie viel davon habe ich vergessen – und wie präsent ist es leider aktuell wieder, auch darum ist es das richtige Thema für ein Buch aktuell. Der Autor greift den Zeitgeist super und er braucht dafür nicht viel, ihm reicht Musikwahl und der Begriff „CD“ – nur als ein Beispiel. Und diese Verbindung aus Komik und Leichtigkeit und dann doch immer wieder auch Nachdenklichkeit und fast philosophische Einschübe – sehr geglückt.

Der Plot ist dabei an Skurrilität nicht zu überbieten und ja, das muss man mögen. Darauf muss man sich mit Wonne einlassen wollen, denn sonst könnten die Logik-Fragezeichen überhandnehmen. Für mich hat es gut funktioniert, der Autor zeigt sein Augenzwinkern deutlich genug. Die Sprachbilder sind großartig, ich habe mir so viele Stellen markiert, nur eine davon: „Er schwieg nicht nur auf Russisch und Englisch, sondern auch auf Italienisch“ (S. 17). Und auch das Finale lässt es an Plottwists nicht fehlen – leider fehlt dem Buch aber, und das ist ein großes Manko, ein wirkliches Ende. Auf einmal wird viel ausgelassen, es geht alles viel zu schnell und wir enden ehrlich gesagt ein bisschen im Irgendwo. Vielleicht ist das der Hinweis auf eine Fortsetzung, denn es bleiben SO viele Fragen offen. Leider schmälert es aber den Genuss dieses bis dahin so herrlichen Buches dann doch. Weshalb ich nur 4 Sterne vergeben kann, aber dennoch eine dringliche Leseempfehlung, denn wer Dieter und Jakob nicht kennenlernt: Hat wirklich etwas verpasst. Ein wundervoller Lesesnack zum Abschalten und Genießen, bei dem die Lesenden über weiter Strecken nur so durch die Seiten fliegen werden.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Therapie sind die anderen

Narbenmädchen
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„Narbenmädchen“, der Debutroman von Lilly Bogenberger, erschienen 2026 bei dtv, ist ein mutiges und ehrliches Buch über die mental issues einer jungen Generation, berührend und nah, ganz sicher nicht nur ...

„Narbenmädchen“, der Debutroman von Lilly Bogenberger, erschienen 2026 bei dtv, ist ein mutiges und ehrliches Buch über die mental issues einer jungen Generation, berührend und nah, ganz sicher nicht nur für die Zielgruppe Young Adult, und eine kleine Mahnung an eine Elterngeneration, sich trotz der ewigen Postadoleszenz mehr mit den eigenen Kindern zu beschäftigen – weil sie es verdienen. Das Cover ziert eindrücklich eine Distelblüte, ein starkes Bild einer Pflanze, die sich ein scheinbar bombensicheres Abwehrsystem gebaut hat – und doch von jedem starken Wind umgeknickt werden kann.

So geht es auch der Protagonistin Lara, 15 Jahre alt, die sich für vier Wochen auf einer Kur in einer Heilanstalt, dem Heilige-Elisabeth-Stift befindet, unter den Teilnehmenden „Elisabethknast“ genannt. Direkt im ersten Teil werden wir auf ihren Kur-Grund gestoßen: Lara verletzt sich selbst. Warum sie das tut, werden wir erst gegen Ende des Buches erfahren, wie generell die Hintergründe der Diagnosen der Jugendlichen, die sich auf der Kur befinden, erst mit der Zeit entblättert werden – was gut ist, denn viel wichtiger als die Begründungen für das Verhalten ist der Kampf der jungen Menschen mit ihren Symptomen und der angestrengte Versuch, in der Kur Therapie und Lebenslust zu finden. Lara fühlt sich im System Kur eingesperrt und nicht gesehen, ihr Drang zur Selbstverletzung ist auch ein Freund, der ihr hilft – und so braucht es vielleicht echte Freunde, um ihr einen Weg davon weg zu zeigen, ohne dass die Autorin behauptet, dass hierin die Lösung läge. Lara erlebt in der Kur auf dem engen Raum in einem geregelten Alltag viele Konflikte, aber auch eine zarte Annäherung an Finn und Neo, die ebenfalls große Päckchen mit sich tragen, wie alle der Jugendlichen. Bogenberger vereint viele Diagnosen in einem Raum und beschönigt dabei nicht, das Buch ist nicht ohne und spart auch suizidale Episoden nicht aus, lässt aber auch immer wieder eine Menge Humor aufblitzen und die Sonne der Hoffnung in die Welt scheinen. Es ist ein berührendes, nahbares Buch, in dem Bogenberger sehr genau den Ton und die Lebenswelt einer jungen Generation trifft, die von ihren Eltern aus vielen Gründen nicht gut gesehen wird. Ihr Roman ist auch ein Plädoyer dafür, sich nicht mit einfachen Sichtweisen und Antworten zufriedenzugeben, genauer hinzuschauen.

Ein Manko des Buches ist leider die Grundkonstellation – diese ist nicht real. Dieses Ausmaß an Diagnosen wäre nicht kur-fähig und die jungen Menschen würden deshalb nie eine solche Kur verschrieben bekommen, hier würde zunächst deutlich mehr Therapie verordnet werden, bevor eine Kur in Betracht käme. Daran krankt der Roman an vielen Stellen, wobei ein junges Publikum wahrscheinlich darüber hinwegliest – mich hat es doch sehr gestört. Und leider driftet die Autorin auch in Klischees ab, natürlich konsumieren die psychisch labilen Jugendlichen auch Drogen, trinken sehr viel Alkohol, rauchen usw. Da wird nicht viel ausgelassen und das ist schade, weil es zum einen nicht wirklich eingeordnet wird, zum anderen aber eben ein Klischee ist, wahrlich nicht alle psychisch instabilen Jugendlichen verhalten sich so, ich würde mutmaßen, noch nicht einmal die Mehrheit.

Davon ab aber habe ich die knapp 350 Seiten in einem Rutsch durchlesen können und bin von diesem Debut mehr als angetan. Bogenberger schreibt lebendige Figuren mit Tiefgang und lässt uns geschickt immer tiefer in diese und ihre Beziehungen eintauchen, sie schont die Lesenden nicht und zeigt auch offen, wie schwer es ist, hier passgenau zu helfen. Viele Szenen gehen sehr ans Herz und am Ende zeigt sich: Therapie sind immer die anderen. Es braucht ein gutes Netz und dieses muss selbstgewählt sein, nur dann kann das Schutzsystem aus Stacheln aufgebrochen werden. Verantwortungsbewusst stellt die Autorin eine ausführliche Triggerwarnung voran und im Nachwort finden sich viele Adressen für Hilfsangebote. Dieses Buch hätte mir vor 20 Jahren sicher viel bedeutet und auch heute noch hat es mich auf eine emotional glaubhafte Reise genommen. Von Lilly Bogenberger werden wir noch lesen.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Zeit im Keller

Ich, die ich Männer nicht kannte
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„Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman, erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist eine Wiederentdeckung, die das Lesen unbedingt los. Die Originalausgabe erschien schon 1995 – doch das Buch ...

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman, erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist eine Wiederentdeckung, die das Lesen unbedingt los. Die Originalausgabe erschien schon 1995 – doch das Buch ist mit seiner beklemmend misogyn-dystopischen Atmosphäre leider nur zu passend platziert in unserer Zeit, in der fast alle Staaten wieder rückwärts schreiten, wenn es um Frauenrechte, FLINTA-Rechte, Menschenrechte und Freiheit geht.

Die schon 1929 geborene belgische Schriftstellerin nimmt uns mit auf eine Reise in den Untergrund, ganz wortwörtlich. In einem Keller im Nirgendwo leben sie, 40 Frauen, eingesperrt in einem engen Käfig, bewacht von drei wechselnden männlichen Wächtern. Und keine weiß, wie sie dort hingekommen sind, was genau in ihrem Leben geschehen ist, was der Auslöser war. Sie heißen Thea, Dorothee, Annabelle, Emma, Marie, Bernadette usw., es sind altertümliche Namen für Frauen, die sich schon in der Mitte des Lebens befinden – auch wenn keine ihr konkretes Alter benennen kann, denn das Zeitgefühl ist verloren gegangen im Keller, in dem es nur künstliches Licht und zwei Mahlzeiten am Tag als Struktur gibt. Nur die Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans ist deutlich jünger und bleibt namenlos – kam sie doch schon als Kind in den Keller und erinnert sich kaum noch an das davor. Der Keller hat sie zu einem zutiefst isolierten Menschen gemacht, nicht nur setzt ihre Pubertät nie richtig ein, sie hat vor allem kaum Zugang zu Emotionen, kann Nähe nicht ertragen und ihr fehlt es an Wissen über viele Dinge der alten Welt.

Die Frauen leben in einem merkwürdigen Vakuum. Komplett von der Außenwelt abgeschottet, vegetieren sie vor sich hin, leben von Mahlzeit zu Mahlzeit, von Tag zu Nacht, ihren Bewachern ausgesetzt, die willkürliche Regeln festgesetzt haben. Niemand weiß, was der Hintergrund ist. Die Frauen haben aufgehört zu spekulieren. Anders die Protagonistin, die im Heranwachsen immer mehr Fragen stellt. Sie hinterfragt dabei nicht nur das Leben im Keller, sondern, ohne echten Kontakt zu Männern aufgewachsen, Konzepte wie Liebe und Romantik, Beziehungen, Hierarchien, letztlich jegliche Interaktion. Und langsam zeigen ihre Fragen Wirkung, zumal sie die Einzige ist, die versucht, ein Zeitsystem zu etablieren, anhand dessen die Frauen zunehmend feststellen, dass sie nicht entlang eines normalen Tag-/Nacht-Rhythmus leben. Was nur ist der Sinn hinter dieser Inhaftierung? Sämtliche Analysen scheitern, bis eines Tages etwas Unvorhergesehenes geschieht und der Begriff von Freiheit noch einmal eine ganz neue Dimension bekommt. Was in der Folge geschieht, war nicht erwartbar und entwickelt zunächst einen starken Sog – läuft allerdings irgendwann auch etwas ins Leere.

Der Roman ist dicht und atmosphärisch geschrieben und verfolgt durchaus schriftstellerischen Witz – so startet er mit einer literaturästhetischen Diskussion über das Schreiben von Vorworten beim: Schreiben eines Vorwortes. Die Frauen bekommen wenig Kontur, Harpman scheint es um etwas Größeres zu gehen als die Einzelperson – mit Ausnahme der Protagonistin. An vielen Stellen musste ich an den Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer aus dem Jahr 1963 denken – vielleicht durchaus eine Inspiration. Auch hier bleibt das System bis zum Ende rätselhaft.

Wie wenig wir unsere Möglichkeiten und Freiheiten alltäglich schätzen, macht Harpman plastisch. Wie schnell ein System kippen kann und dass SINN entscheidend ist, um Dasein und Vegetieren zu Leben zu machen, wie unsinnig es ist zu überleben, wenn der Sinn sich nicht finden lässt, das ist sehr eindrücklich zu spüren. Leise Spuren feministischen Denkens weben sich durch den schmalen Band und doch wird auch deutlich, dass die reine Anwesenheit von Frauen noch nicht zu Feminismus führt.

Es ist eine spannende Lesereise, die jedoch viel offenlässt, sehr viel, für mich am Ende zu viel. Worauf auch immer der Roman sich sicherlich parabelhaft bezieht, ist nicht unbedingt zu identifizieren. Und so bleibt er bei sich, in sich – wie die Hauptfigur. Dennoch ein starkes Stück Literatur, das ich auf jeden Fall empfehle.

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