Profilbild von hasirasi2

hasirasi2

Lesejury Star
offline

hasirasi2 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit hasirasi2 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.05.2026

Ein Buch, das im Gedächtnis bleibt

Ein Ort, der bleibt
0

„Zusammen mit ihren Familien, ihren Assistenten, ihren Lieblingsschülern waren es wohl fast eintausend Menschen, die den Holocaust dank Atatürks Hochschulreform überlebten. Die Türkei als Exilland, zumindest ...

„Zusammen mit ihren Familien, ihren Assistenten, ihren Lieblingsschülern waren es wohl fast eintausend Menschen, die den Holocaust dank Atatürks Hochschulreform überlebten. Die Türkei als Exilland, zumindest für die akademische Elite.“ (S. 262/263) Hinter diesem nüchtern klingenden Satzverbirgt sich eine zutiefst bewegende Geschichte, die Sandra Lübkes eindrucksvoll und farbenfroh erzählt. Als der jüdische Botaniker Prof. Afred Heilbronn 1933 aufgrund seiner Herkunft seine Stelle in Münster verliert, drängt ihn seine Frau Magda, ein Angebot aus der Türkei anzunehmen. Unter Atatürks soll er in Istanbul ein Botanisches Institut samt Garten aufbauen.
Vor Ort wird ihm die junge Botanikerin Mehpare als Assistentin zugeteilt, eine der ersten türkischen Frauen, die ein Mädchengymnasium besucht und studiert haben.

„Manchmal schaue ich mir einfach nur die Bilder an – Menschen in meinem Alter … Sie blicken in die Kamera. Doch ich habe das Gefühl, sie schauen mich an. Wollen mir zu verstehen geben, wie wichtig diese Ort für sie gewesen ist. Dass seine Geschichte nicht in Vergessenheit geraten darf, sondern erzählt werden muss. Damit man versteht, was heute passiert.“ (S. 263) Fast ein Jahrhundert später wird die Städteplanerin Imke nach Istanbul geschickt, um an einem Gutachten über das alte Institutsgebäude mitzuarbeiten. Schon bei der ersten Besichtigung ist ihr klar, dass dieser Ort unbedingt erhalten werden muss, doch ihr Chef sieht das anders. Seiner Meinung nach lässt sie sich zu sehr von Dr. Ekici, dem letzten Angestellten des Instituts, und dessen Erzählungen über die Heilbronns beeinflussen.

Die Geschichte wird überwiegend aus weiblicher Perspektive erzählt. Mephare widmet sich ganz der Botanik und lehnt eine Heirat, wie sie von ihrer Familie erwartet wird, entschieden ab.
Magda ist auch Botanikerin, darf aber weder in Deutschland noch der Türkei lehren und bleibt auf die Rolle der Assistentin ihres Mannes beschränkt. Sie ist stellt ihre eigenen Bedürfnisse stets hinter Alfreds Arbeit – eines Mannes, der ganz Wissenschaftler ist und ohne sie vermutlich kaum überlebt hätte.
Imke wiederum hat ihr ganzes Leben um ihre Mutter herumgebaut, die ohne sie kaum lebensfähig scheint. Erst in Istanbul erkennt sie, dass ihre Mutter sehr wohl allein zurechtkommt – und dass sie selbst ihren Beruf nicht weiter ausüben möchte, wenn sie dafür ihre eigenen Überzeugungen verleugnen muss.

Mich hat schon lange kein biographischer Roman mehr so beeindruckt, wie „Ein Ort, der bleibt“. Besonders faszinierend fand ich die Frauenfiguren, die unterschiedlichen Zeitebenen und die kunstvolle Verknüpfung ihrer Geschichten. Trotz der oft schweren Thematik gelingt es der Autorin, eine Atmosphäre zu schaffen, in die man sich ganz fallen lassen kann. Die detailreichen Beschreibungen der Pflanzenwelt und das umfangreiche Wissen, das so mühelos vermittelt wird, machen das Lesen zu einem besonderen Erlebnis.
Dabei wirkt das Buch nie trocken oder überladen, sondern weckt Neugier und schärft das Bewusstsein für weniger bekannte kulturelle Zusammenhänge und historische Entwicklungen. Es zeigt eindrücklich, wie eine zufällig zusammengewürfelte Gemeinschaft entwurzelter Menschen zu einer neuen Einheit zusammenwächst, wie sie gezwungen sind, sich eine neue Heimat aufzubauen und dabei Nationalsozialismus und Krieg zu überstehen, trotz aller Ängste, Zweifel und Bedrohungen.

Ein zutiefst bewegendes Buch, das lange im Gedächtnis bleibt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.04.2026

1984 meets Wall-E

Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte
1

„Sämtliche Apparate im Haus… verfügten… über ein unterschiedliches Maß an Bewusstsein.“ (S. 20) In einer Welt, in der die Geräte, Wohnungen und Häuser immer smarter werden, wehrt sich ein kleiner Staubsaugerroboter ...

„Sämtliche Apparate im Haus… verfügten… über ein unterschiedliches Maß an Bewusstsein.“ (S. 20) In einer Welt, in der die Geräte, Wohnungen und Häuser immer smarter werden, wehrt sich ein kleiner Staubsaugerroboter dagegen, dass ihr Besitzer Harold nach dem Tod seiner Frau Edie aus seinem Haus entfernt und in ein Heim gesteckt werden soll.
Scout gehört schon seit Jahren zu diesem Haushalt, hat Edie immer beim Klavierspielen und Harold beim Vorlesen zugehört. In gewissen Grenzen sind die Haushaltgeräte nämlich selbstständig. So hat sich Scout ihren Namen und ihr Geschlecht selber ausgesucht, nach einer Figur aus Harolds Lieblingsbuch. Sie entscheidet auch selber, wann sie was putzt. Und nachts, wenn die Menschen schlafen, trifft sie sich mit den anderen Geräte in der Küche. Sie alle führen ein autarkes, autonomes Leben und haben ein Bewusstsein. Scout ist die jüngste und wird von ihnen als Kind angesehen, deswegen lässt man ihr einiges durchgehen, was eigentlich verboten ist. Doch als Scout Gefühle entwickelt, über den Sinn des Lebens philosophiert und darüber nachdenkt, was sie von Menschen unterscheidet, verstehen die anderen sie nicht mehr. „Du kannst nichts fühlen.“ „Kann ich wohl. Zumindest metaphorisch.“ (S. 136)

„Das Raster ... will besser als die Menschen werden. Es wird bald stärker sein, schneller und klüger.“ „Nur eben nicht menschlich.“ „Nein, aber das ist auch nicht so wichtig.“ (S. 208) Glenn Dixon zeichnet eine dystopische Welt, die mich stark an 1984 erinnert, in der eine KI namens Raster alles kontrolliert und entscheidet. Unbemerkt hat sie die Welt übernommen, doch für die Menschen fühlt sich alles ganz normal an, bis sie alt werden… Sie sind es gewohnt, dass ihre Watch ihre Lebensfunktionen überwacht und im Notfall reagiert. Dass sich der Wasserkocher anschaltet, wenn sie Tee wollen, und der Kühlschrank automatisch nachbestellt, was fehlt. Komfort ersetzt Selbstbestimmung – leise, effizient und scheinbar fürsorglich.
Alle Haushaltsgeräte haben ihre Funktion und eine Stellung innerhalb einer Hierarchie. Scott ist wie das Kind einer Gemeinschaft, das von allen zusammen großgezogen wird. Das fand ich extrem faszinierend. Überhaupt habe ich Scout sofort ins Herz geschlossen: Sie ist neugierig, fürsorglich, beinahe zärtlich in ihrer Wahrnehmung der Welt. Sie schaut gern aus dem Fenster und beobachtet Vögel – und sie ist es auch, die den Plan schmiedet, das Haus für Harold zu retten. Harold wiederum spricht mit ihr, als wäre sie ein Mensch. Und genau darin liegt die leise, berührende Kraft dieses Romans: in den Momenten, in denen die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt.
Beim Lesen hatte ich immer wieder Bilder aus Wall-E vor Augen – und wie im Trickfilm musste ich am Ende tatsächlich weinen. Ein berührender Roman über Einsamkeit, Fürsorge und die Frage, was es eigentlich bedeutet, menschlich zu sein – und vielleicht gerade deshalb ein echtes Lesehighlight.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.04.2026

Zusammen ist man weniger allein

Das Geheimnis des Geigenbauers
0

„… eine Geige von seltener Schönheit und einer außergewöhnlichen, berauschenden Macht. Gebaut aus Vogelgesang und Versprechen und geschnitzt aus Holz und Knochen, weckt sie seit über zweihundert Jahren ...

„… eine Geige von seltener Schönheit und einer außergewöhnlichen, berauschenden Macht. Gebaut aus Vogelgesang und Versprechen und geschnitzt aus Holz und Knochen, weckt sie seit über zweihundert Jahren Verlangen in den Herzen von Musikern.“ (S. 5)
Devlin arbeitet im Flughafen Heathrow in der Gepäckabfertigung. Im dortigen Fundbüro erwirbt er eine alte Geige. Als er kurz darauf erfährt, dass bei Christie‘s eine unbezahlbare Violine gestohlen wurde, befürchtet er, dass es sich bei seinem Fund um eben dieses Instrument handeln könnte. Doch bevor er sie zurückgibt, will er Gewissheit, denn sie ist ihm bereits ans Herz gewachsen.
Er bittet seinen ehemaligen Lehrer Walter um Hilfe, der ihn stets gefördert hat. Walter zieht Gabrielle dazu, eine auf Geigen spezialisierte Instrumentengutachterin. Auch sie sieht sofort, dass es sich um ein außergewöhnliches Instrument handelt, kann es jedoch keinem bekannten Geigenbauer zuordnen. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach seiner Herkunft und stoßen dabei auf eine ganz besondere, magische Liebesgeschichte.

Mich fasziniert, wie Evie Woods in ihren Bücher spannende historische Erzählungen mit einem Hauch Magie verwebt.
Aus einer großen Liebe geboren, bringt die Violine über mehr als 200 Jahren hinweg immer wieder Liebende zusammen, veränderte Schicksale zum Guten oder wird zur Bestimmung ihrer Besitzer. Das spüren auch Devlin, Walter und Gabrielle, sobald sie das Instrument in die Hand nehmen. Plötzlich erscheinen ihre Sorgen kleiner oder weiter entfernt, alte Verletzungen und Narben verblassen, und ihre Seelen – manchmal sogar ihre Körper – beginnen zu heilen. Denn obwohl sie nach außen hin unauffällig erscheinen, tragen alle drei tiefe Wunden in sich und kämpfen mit einer Einsamkeit, die sie zum Teil selbst gewählt haben. Auf ihrer gemeinsamen Suche wachsen sie zusammen, lernen sich selbst besser kennen und finden schließlich den Mut, sich zu öffnen. Zum ersten Mal sprechen sie über das, was ihnen widerfahren ist, über das, was ihnen einst Lebensfreude und Zuversicht genommen hat. Die heilende Kraft der Musik lässt ihre Schutzmauern nach und nach zerbrechen. „Es gibt eine Macht, die über einfache Musik hinaus reicht. Diese Geige ist der Schlüssel dazu. Sie schließt etwas im Inneren auf.“ (S. 343)

Wie eine leise Geigenmelodie durchzieht ein Hauch von Magie das gesamte Buch. Die Protagonisten verbindet eine Reihe bewegender Schicksale; ihre Geschichten sind poetisch, oft traurig-schön und regen zum Nachdenken an. Ab einem bestimmten Punkt möchte man nicht, dass die Reise der Geige endet – und weiß doch, dass genau das geschehen muss, damit sich ihr Schicksal erfüllen kann.

Und vielleicht ist es genau das, was dieses Buch so besonders macht: die leise Erinnerung daran, dass selbst die größten Wunden heilen können, wenn wir den Mut finden, uns berühren zu lassen – von der Musik, vom Leben und voneinander. Denn am Ende ist man zusammen tatsächlich weniger allein.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.03.2026

Neben der Spur

Einatmen. Ausatmen.
0

Marlene hat eigentlich alles, was es braucht um die nächste Vorstandsvorsitzende des Aviola Konzerns zu werden – außer Empathie. Seit Jahren bringt sie der Firma hohe Gewinne ein, weiß genau, wer mit wem ...

Marlene hat eigentlich alles, was es braucht um die nächste Vorstandsvorsitzende des Aviola Konzerns zu werden – außer Empathie. Seit Jahren bringt sie der Firma hohe Gewinne ein, weiß genau, wer mit wem am effektivsten zusammenarbeitet, doch sobald es um zwischenmenschliche Beziehungen geht, versagt sie auf ganzer Linie. „Sie wusste schlicht nicht, wie man es anstellte, sich mit anderen Menschen zu verbinden.“ (S. 37) Freunde braucht sie keine, an der Spitze ist es ohnehin einsam. Auch privat vermisst sie keinen Partner. „…, wenn irgendwann der Tag kommen sollte, an dem ihr ein Mann wichtiger war als ihre Arbeit, dann wäre das doch vor allem ein Zeichen dafür, dass sie sich dringend einen neuen Job suchen müsste.“ (S. 8) Den CEO-Posten, auf den sie jahrelang hingearbeitet hat, bekommt sie jedoch nur, wenn sie ihre Kompetenzen in der Mitarbeiterführung unter Beweis stellt. Also lässt sie sich widerwillig auf ein zweiwöchiges Achtsamkeitsseminar auf einem Schloss in Brandenburg, geleitet von DEM Guru Alex Grow, zu dem ihr Chef sie schickt.

Doch auch bei Alex ist längst nicht alles so perfekt, wie es nach außen wirkt. Seine Academy ist in den letzten Jahren rasant gewachsen, doch der Erfolg fordert seinen Preis. Alex versucht, allen Kunden und Angestellten gerecht werden, verliert dabei aber zunehmend die Kraft, die ihn einst ausgezeichnet hat. „Ihm fehlte die positive Energie, die vermutlich sein wichtigstes Betriebskapital gewesen war.“ (S. 18) Nach zwei Zusammenbrüchen läuft das Geschäft schlechter, die Einnahmen sinken. Deshalb geht er einen Deal mit Marlenes Chef gemacht. Wenn er sie fit für die Führungsposition macht, wird künftig die gesamte Belegschaft des Unternehmens zu seinen Seminaren geschickt.
Schon bei ihrer ersten Begegnung merkt Alex jedoch, dass Marlene kein gewöhnlicher Fall ist, und vor allem nicht gewillt, sich helfen zu lassen. „Wie sollte er dieser Frau helfen, die offenkundig gar nicht nach seiner Hilfe verlangte?“ (S. 31)

In „Einatmen. Ausatmen.“ lässt Maxim Leo zwei Figuren aufeinandertreffen, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Alex ist einfühlsam, will, dass es allen gutgeht, und glaubt fest an seine Methoden – auch wenn sie bei ihm längst nicht mehr wirken.
Marlene hingegen hält Achtsamkeit für „Hokuspokus“. Sie meidet Nähe, flüchtet vor ihren Problemen und erschrickt vor jeder Form von Berührung. Ihre Mutter hat ihr schon als Kind eingeredet, sie sei seltsam und Gefühle seien etwas, das nur andere Menschen haben. Diese Überzeugung hat Marlene tief verinnerlicht.
Erst durch Alex‘ Hausmeister kennen. Günther Mattissen, der ihr in vielerlei Hinsicht ähnelt und Tiere Menschen vorzieht, beginnt sich etwas zu verändern. Als Günther einen schweren Schicksalsschlag erleidet, empfindet Marlene zum ersten Mal echte Empathie. Sie tröstet und unterstützt ihn – und stößt dabei auf ihre eigenen verdrängten Gefühle und die Ursachen ihres Verhaltens.
Das Achtsamkeitsseminar wird für sie zu einer schmerzhaften, aber auch heilsamen Reise. Sie begibt sich auf die Suche nach sich selbst, ihren Wurzeln und nach einem Gefühl von Heimat. Unterstützt wird sie dabei von unerwarteten Begleitern: einem jungen Mädchen und einem verletzten Wildschwein, die plötzlich im Park des Schlosses auftauchen und das Leben der Seminarteilnehmer durcheinanderbringen.

Maxim Leo erzählt diese Sinnsuche bildhaft, gefühlvoll und mit feinem Humor. Besonders gelungen beschreibt er Marlenes innere Leere und ihre vorsichtige Annäherung an andere Menschen. Allerdings empfand ich das letzte Drittel des Romans als etwas unausgewogen, da darin einige für mich eher unrealistische Ereignisse vorkommen.

Trotzdem bleibt Einatmen. Ausatmen. ein ungewöhnlicher Roman über Selbstfindung, emotionale Blockaden und die Frage, ob und wie sehr Menschen sich wirklich verändern können – eine Geschichte, die nachdenklich macht und noch eine Weile nachhallt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.03.2026

Ein Internatsroman, der unter die Haut geht

Was wir nicht sagen können
0

„Ich will hier einfach nur Lennox sein.“ (S. 89)
Lennox will sein letztes Schuljahr möglichst unauffällig und unerkannt verbringen. Genau deshalb ist er extra an ein Schweizer Eliteinternat gewechselt. ...

„Ich will hier einfach nur Lennox sein.“ (S. 89)
Lennox will sein letztes Schuljahr möglichst unauffällig und unerkannt verbringen. Genau deshalb ist er extra an ein Schweizer Eliteinternat gewechselt. Doch dort zählen vor allem der (Familien)Name, das Vermögen und der Einfluss und die Macht, die Geld mit sich bringen. Natürlich sorgt es für Aufsehen, wenn plötzlich ein völlig Unbekannter auftaucht, dessen Namen niemand kennt, der auf Social Media nicht existiert und auch sonst nicht besonders gesprächig ist.

Lennox lässt niemanden an sich heran, nicht mal seinen Zimmergenossen Jesper, der sich ehrlich bemüht, Freundschaft zu schließen. Erst als er seine Mentorin Katharina kennenlernt, beginnt sich etwas zu ändern. Sie spielt nicht nur sagenhaft gut Klavier, sie komponiert auch eigene Stücke. Ihre Musik berührt Lennox tief. Wenn er ihr zuhört, kommt er endlich zur Ruhe. Die Geräusche in seinem Kopf verstumme und das Unvergessliche tritt kurz in den Hintergrund. Sie kommen sich näher, schließlich verlieben sie sich. Doch wie nah kann man sich wirklich kommen, wenn man seine Geheimnisse um jeden Preis bewahren will?
Katharina merkt schnell, dass Lennox auf laute Geräuschen mit Panikattacken reagiert und dann kaum noch ansprechbar ist. Gleichzeitig haben sie noch mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: Katharinas Exfreund Dexter, der Kapitän des Ruderteams, will sie unbedingt zurückgewinnen. Außerdem versucht er verzweifelt, den Erwartungen seiner Familie gerecht zu werden. Sein Vater und sein Bruder waren beide Jahrgangsbeste – und dasselbe wird nun von ihm erwartet. Um dieses Ziel zu erreichen, schreckt er vor nichts zurück. „Dexters Währung sind Informationen. Er kennt so viele Geheimnisse. Über Mitschüler, Lehrer, Ehemalige, Eltern.“ (S. 148)

Lennox ist so sehr seinem eigenen Geheimnis beschäftigt, dass er lange nicht erkennt, was sich hinter den Fassaden seiner Mitschüler verbirgt. Denn der Druck ist bei für alle enorm. Die Schule allein ist schon anspruchsvoll genug, doch die Erwartungen ihrer Eltern sind oft kaum zu erfüllen. Eigene Wünsche und Träume müssen hinter den Vorstellungen ihrer Familien zurückstehen. „… hier lernt der Elitenachwuchs der Elite für ihr Leben in der Elitegesellschaft. Geschenkt kriegst du hier nichts.“ (S. 33)
Auch Katharina steht vor dieser Entscheidung. Sie soll später ins Familienunternehmen einsteigen, obwohl sie viel lieber Pianistin wäre. Die Stunden am Klavier sind ihre Zuflucht und gleichzeitig schmerzhaft. „Jedes Mal, wenn ich hier spiele, ist es wie ein Abschied. Jeder Tag, der vergeht, lässt meine Musik leiser werden. Bis sie irgendwann nur noch eine Erinnerung sein wird.“ (S. 215)
Dexter hingegen nutzt die Geheimnisse anderer, um seine Stellung zu sichern. Mit Angst, Loyalität und Gefälligkeiten bindet er die Menschen an sich. Nach außen gibt er sich als harter, aber auch großzügiger Anführer.

Adriana Popescu versprüht in Was wir nicht sagen können dank Schuluniformen, Internatsalltag und komplexen Beziehungen zwar ein wenig Maxton-Hall-Vibes, doch ihr neuestes – und wahrscheinlich leider auch letztes – Jugendbuch geht deutlich tiefer. Es geht um die Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen, welchen Weg man im Leben gehen will, ohne ständig Rücksicht auf familiäre Erwartungen nehmen zu müssen. Es geht um den Wunsch, Träume wenigstens ausprobieren zu dürfen. Die wichtigste Botschaft des Buches ist jedoch, dass man um Hilfe bitten darf, wenn man überfordert oder gestresst ist, und dass Hilflosigkeit nicht an anderen ausgelassen werden sollte.
Popescues Coming-of-Age-Roman ist emotional, spannend und voller unvorhersehbarer Wendungen. Besonders beeindruckend ist ihr sensibler Umgang mit einem bedrückenden, aber wichtigen Thema.

Ein berührendes Lesehighlight, das zur Pflichtlektüre an Schulen werden sollte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere