Existenzielle Konsequenz, subtil erzählt
Ins fahle Herz des Sommers"Ins fahle Herz des Sommers" ist eine Dystopie, die uns mitnimmt in eine, wie mir scheint, nicht allzu ferne Zukunft. In vielen Gegenden der Welt sind Dürren und Hitze bereits Alltag. Wassermangel und ...
"Ins fahle Herz des Sommers" ist eine Dystopie, die uns mitnimmt in eine, wie mir scheint, nicht allzu ferne Zukunft. In vielen Gegenden der Welt sind Dürren und Hitze bereits Alltag. Wassermangel und Mangel an anderen Ressourcen sind ebenso real. Allerdings spielen sich solche Szenarien bislang nicht in Europa ab. Und hier setzt Andreas Eschbach nun mit seiner Erzählung an:
Fausto, einer der wenigen, die sich noch im südlichen Europa aufhalten, erlebt seine feindliche Umwelt als Einzelgänger, der nur nachts das Haus verlässt, um auf Beutezug zu gehen. Dabei klärt Eschbach nicht darüber auf, wie diese hitzegeplagte Welt tatsächlich aussieht.
Muss er auch nicht, denn wo es kaum noch Pflanzen in freier Natur gibt, gibt es auch keine Insekten, Vögel oder andere Tiere. Nach Verwertbarem jagen lässt sich also nur noch in den verlassenen Häusern der Menschen, die sich nach Norden aufgemacht haben, um der erbarmungslosen Hitze zu entkommen.
Eine trostlose, einsame und gefährliche Welt, in der Fausto sich aber ganz gut eingerichtet hat.
Bis auf eine alte Dame, die noch im gleichen Dorf wohnt und von ihrer Tochter erzählt, die es angeblich nach Sibirien geschafft hat, sowie den Dorfpfarrer, der immer noch Messe hält, um sich selbst zu trösten, hat Fausto keine Gefährten.
Die Geschichte entfaltet sich mit einem zunächst starken Sog: Eschbach gelingt es, eine dichte, leicht melancholische Atmosphäre aufzubauen, die den Leser unmittelbar in ihren Bann zieht. Seine Sprache ist präzise, oft poetisch, ohne überladen zu wirken. Gerade die Beschreibungen von Stimmungen und inneren Zuständen gehören aus meiner Sicht zu den größten Stärken des Romans.
Allerdings zeigt sich schon nach den ersten Kapiteln ein zentrales Problem:
Die Handlung entwickelt sich vergleichsweise schleppend. Während Eschbach viel Raum für Reflexion und Atmosphäre lässt, bleibt die eigentliche narrative Dynamik teilweise auf der Strecke. Spannung wird eher angedeutet als konsequent aufgebaut.
Die Figuren, auch der Protagonist, wirken seltsam oberflächlich, ihre Entscheidungen erscheinen mitunter nicht ausreichend motiviert. Die Stärke des Erzählens liegt weniger in der Handlung als in der Atmosphäre und im sprachlichen Feinsinn als in erzählerischer Konsequenz. Der Roman arbeitet lange auf eine Zuspitzung hin, bleibt aber letztlich unspektakulär.
Und das ist, wie ich meine, der Lebenswirklichkeit des Protagonisten angemessen:
Fausto handelt wenig, entwickelt sich nicht, stellt sich Konflikten nicht, bleibt merkwürdig unlebendig und passiv. Faustos Überlebenskampf - ein Kampf gegen die Endlichkeit, ohne Aussicht auf erfreulichere Zustände wird nur unterbrochen vom Auftauchen der geheimnisvollen Valerie, die nicht sagen kann oder will, woher sie eigentlich kommt. Erstaunlich gut ist sie an die Verhältnisse angepasst. Eine kühle und fast roboterhafte Aura geht von ihr aus. Und wir ahnen: etwas stimmt hier nicht. Darüber gesprochen wird aber nicht. Der Leser darf sich auch hier seinen Teil denken.
Fausto hat in dieser Welt keine echte Zukunft, und dann wirkt das Ende von „Ins fahle Herz des Sommers“ plötzlich nicht mehr wie ein Ausweichen des Autors vor der Zuspitzung, sondern wie eine logische Konsequenz.
Jede klare Auflösung wäre fast unehrlich gewesen. Ein „sauberes“ Ende hätte eine Stabilität suggeriert, die diese Welt gar nicht hergibt. Das Offene wird zur Aussage: Nicht was passiert, ist entscheidend, sondern dass es keine tragfähige Lösung gibt. Die Passivität der Figur bekommt eine neue Bedeutung.
Der Leser muss aktiv ergänzen, was der Text selbst nur andeutet. Andreas Eschbach überlässt es der Phantasie seiner Leser, wie Fausto letztlich enden wird.
Für mich ist das Buch eine starke und logisch konsequent erzählte Geschichte eines Scheiterns in einer Lebenswirklichkeit, die normale menschliche Existenz wie wir sie kennen nicht zulässt.
Gelesen von Matthias Koeberlin - Hörenswert