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Veröffentlicht am 05.05.2026

Packender und temporeicher Thriller

39 Grad
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Nach "Minus 22 Grad" hat Quentin Peck eine Fortsetzung geschrieben, die auf den Vorgänger aufbaut. Man kann zwar "39 Grad" auch alleinstehend lesen, aber glaubt mir, wenn ihr diesen Thriller gelesen habt, ...

Nach "Minus 22 Grad" hat Quentin Peck eine Fortsetzung geschrieben, die auf den Vorgänger aufbaut. Man kann zwar "39 Grad" auch alleinstehend lesen, aber glaubt mir, wenn ihr diesen Thriller gelesen habt, wollt ihr Band Eins nicht missen!

Auch diesmal sind wir sofort direkt mitten im Geschehen. Ein Mörder hat es auf Frauen abgesehen, die er zuvor wochenlang stalkt, um sie danach brutal zu töten. Arrangiert werden die Opfer auf öffentlichen Plätzen. Alle tragen ein weißes Kleid, das Gesicht zu einem unnatürlichen Lächeln verunstaltet. Außerdem hinterlässt der Mörder immer wieder eine andere dreistellige Zahl, die Kriminalkommissar Lukas Johannsen Kopfzerbrechen verursacht. Gemeinsam mit Profilerin Berit Pernstein versucht er hinter das Spiel des raffinierten Täters zu kommen. Die Botschaften werden bald persönlich, denn der Mörder hat mit Lukas noch eine Rechnung offen. Das führt dazu, dass er vom Fall abgezogen wird. Doch wer Lukas kennt weiß, dass er nicht ans Aufgeben denkt....

Schon der erste Fall hat mir sehr gut gefallen. Mit "39 Grad" legt der Autor nochmals nach und lässt einem das Buch nur schwer aus der Hand legen. Leider konnte ich nicht immer so lesen, wie ich gerne gewollt hätte, denn dann hätte ich den Thriller wohl innerhalb eines Tages verschlungen.
Das Kopfkino ratterte ununterbrochen, denn jede Szene wird so bildgewaltig dargestellt, dass man direkt in der Handlung lebt und an den Seiten klebt.
Die Leserunden mit dem Autor sind immer wieder äußerst unterhaltsam. Er nimmt uns Leser direkt mit und verwirrt uns zusätzlich mit seinen perfiden Gedanken. Quentin Peck versteht es, den Leser auf falsche Fährten zu locken und mit überraschenden Wendungen zu punkten. Aber er verbreitet auch Hoffnung, wo man trotz allem weiß, dass sie vergebens sein wird.

Quentin Pecks Schreibstil ist direkt, temporeich und knackig. Die Handlung lebt vom spannungsvollen Wechsel zwischen Erwartung und unerwarteter Wendung.
Die Rückblicke in die Vergangenheit des Täters lassen einem oft sprachlos zurück. Der Autor versteht es, die menschliche Psyche und die Auswirkungen von dramatischen Ereignissen schonungslos einzubauen und darzustellen.
Hatte ich im ersten Teil noch den kleinen Kritikpunkt, dass Lukas als ermittelnder Kommissar zu wenig im Mittelpunkt steht und etwas blass bleibt, ist er im zweiten Teil omnipräsent. Er ist mir schnell ans Herz gewachsen und hat gemeinsam mit Berit den Fall getragen.

Gegen Ende nimmt die Handlung eine Wendung, die ich zwar geahnt/befürchtet habe, die mich aber dennoch überrascht, aber vor allem sprachlos zurückgelassen hat.

Fazit:
Ein temporeicher, intelligenter Psychothriller, der die tiefsten menschlichen Abgründe aufzeigt und der einem atemlos zurücklässt. Packend und eine große Empfehlung für Psychothriller-Fans!

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Packender Reihenauftakt mit atmosphärischem Setting

Moorland. Die Zwillinge
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Von Andreas Winkelmann habe ich bereits einige Thriller gelesen, auch unter seinem Pseudonym Frank Kodiak. Bisher waren es für mich spannende deutsche Thriller, die sich in die Riege von Arno Strobel und ...

Von Andreas Winkelmann habe ich bereits einige Thriller gelesen, auch unter seinem Pseudonym Frank Kodiak. Bisher waren es für mich spannende deutsche Thriller, die sich in die Riege von Arno Strobel und Linus Geschke einreihen, die man gut lesen kann, aber die ich bald wieder vergessen habe. Mit dem ersten Band seiner neuen Reihe "Moorland" hat er mich diesmal aber richtig überzeugen können! Wow!

An einem kalten und nebeligen Februartag wollen die 18jährigen Zwillinge Nike und Jana Content für ihren TikTok Kanal "Moormaid" drehen. Obwohl man kaum die Hand vor Augen sieht, machen sich die Mädchen im dichten Nebel auf ins Moor - doch nur eine von ihnen kehrt verletzt und vollkommen verstört zurück. Die Dorfgemeinschaft macht sich auf die Suche nach dem verschwundenen Zwilling - unter ihnen Ruth, die im Dorf auch "Fährtenleserin" genannt wird. Als nach und nach weitere Videos und Bilder ins Netz gestellt werden, sind diese schockierend und lassen Zweifel aufkommen, ob Jana noch lebend gefunden werden kann.

Die Handlung beginnt zunächst noch ruhiger. Der Autor führt die Figuren ein und stellt von Beginn an die düstere und bedrohliche Atmosphäre in den Vordergrund. Der Schauplatz passt hervorragend zur Krimihandlung. Beim Lesen spürt man richtig die Kälte und den Nebel durch die Buchseiten kriechen...

Malia Gold kommt als neue Ermittlerin nach fünfzehn Jahren wieder in ihren Heimatort Moorbach zurück, um den Fall zu bearbeiten. Mit dem örtlichen jungen Kollegen Sven Sellmann und der technischen Ermittlerin Ida Sophie Rossmann erhält sie zwei patente Kollegen vor Ort.
Malias persönliche Geschichte verleiht dem Thriller einen weiteren interessanten Hintergrund. Das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter Ruth und das lange unausgesprochene Zerwürfnis sorgt dabei für zusätzliche Spannung. Beide hatten über Jahre keinerlei Kontakt mehr zueinander und laufen sich im Dorf, wo jeder jeden kennt, viel zu schnell über den Weg.
Bei Malia sehe ich noch etwas Potenzial, was ihre Figur betrifft. Ich bin mir aber sicher, dass wir sie im nächsten Band noch etwas besser kennenlernen werden. Ruth fand ich als Charakter hingegen sehr interessant. Ihre offene, teils ruppige und rechthaberische Art kann zwar anstrengend sein, verleiht ihr aber gleichzeitig eine besondere Faszination.
Die vielen Figuren sind allesamt gut charakterisiert und haben Ecken und Kanten. Es gibt einige Verdächtige und manche der Dorfbewohner erscheinen teilweise sehr dubios. Man hat das Gefühl, dass jede Figur ein Geheimnis mit sich trägt.

Der Schreibstil ist fesselnd, flüssig und lässt sich sehr zügig lesen. Die Kapitel sind kurz gehalten und über jedem findet man Tag und Tageszeit.
In einem der letzten Abschnitte hatte ich dann endlich eine Vermutung, wer der Täter sein könnte und traf damit ins Schwarze. Die Auflösung war schlüssig, wobei mir das Motiv jedoch ein bisschen zu kurz kam.

Fazit:
Ein packender Reihenauftakt, der viel von der düsteren und geheimnisvollen Moorlandschaft lebt. Aber auch der Fall an sich ist spannend und hat mich richtig durch das 432 Seiten dicke Buch rasen lassen. Spannend und atmosphärisch! Ich freue mich schon auf den zweiten Band!

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Veröffentlicht am 09.04.2026

Großartiger Roman, der betroffen macht

Wo der Wind die Namen trägt
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Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und erzählt einmal aus der Sicht der 8jährigen und der 85jährigen Inge. Ein weiterer Handlungsstrang spielt kurz nach dem Kriegsende und wird aus der Perspektive von ...

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen und erzählt einmal aus der Sicht der 8jährigen und der 85jährigen Inge. Ein weiterer Handlungsstrang spielt kurz nach dem Kriegsende und wird aus der Perspektive von Helga von Borcke berichtet. Sie hat den Auftrag eine Chronik der Kreisbauernschaft zu erstellen. Ihre Gespräche mit Zeitzeugen und vor allem ihre Tagebucheinträge werden der Schlüssel - nicht nur für Inge, sondern auch für den Leser - um die Vergangenheit besser zu verstehen.
Die verschiedenen Handlungsstränge unterscheiden sich durch unterschiedliche Schriftarten im Buch, die sich alle gut lesen lassen.

Als Inge zum Klassentreffen der Volksschule eingeladen wird, hat sie keine Lust in die Lüneburger Heide, ihrer ehemaligen Heimat zu fahren. Bis heute liegt ihr ein bestimmtes Ereignis schwer im Magen, welches sie bisher erfolgreich verdrängt hat. Nun kommen die schlimmen Erinnerungen wieder hoch. Ihre Enkelin Nora lässt jedoch nicht locker und überredet sie gemeinsam, mit ihr und dem Urenkel Paul, in der Lüneburger Heide Urlaub zu machen, während Inge sich mit ihren alten Schulkollegen trifft. Ein Klassenkamerad gibt ihr die Aufzeichnungen von Helga zu lesen, die ihre Sichtweise auf die damalige Zeit nochmals verändern wird. Es sind schmerzliche Wahrheiten, die Inge erst im Alter erfährt, obwohl viele der Dorfbewohner davon wussten und geschwiegen haben.

In Rückblenden bekommt man die Sicht von Inge als Kind erzählt, die uns zeigen, wie trügerisch Erinnerungen sein können - vor allem in diesem Alter, wo man viele Dinge nicht oder falsch versteht.
Die damals 8jährige Inge zieht nach dem Kriegsende mit ihrer Mutter, einer angesehenen Kinderärztin, auf den Hof der Familie Oelkers auf Land. Dort bekommen sie ein Zimmer zugeteilt, nachdem ihre Wohnung in Hamburg zerbombt wurde. Inge fühlt sich in der Lüneburger Heide wohl und schließt schnell Freundschaften mit den Dorfkindern. Hofhund Arno wird ihr täglicher Begleiter, wenn sie durch die Heide und den Wald stromert. Als sie eines Tages einen Mann auf einer Geige spielen hört, bittet sie ihm, ihr das Geige spielen heimlich beizubringen und nennt ihn von nun an "den Geigenmann".

Vieles wirkt idyllisch nach den harten Kriegsjahren, doch diese trügt. Auch für Inge wird diese Idylle jäh zerstört, als man Arno mutwillig tötet und eine junge Frau tot aufgefunden wird.
Erst als Erwachsene erkennt Inge, wie die alten Naziseilschaften auch noch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weiter bestehen blieben und die Dorfgemeinschaft beeinflusst haben. Nach und nach bricht die Fassade auf und macht Platz für eine Wirklichkeit, die von Schweigen, Verdrängen und erschütternden Wahrheiten geprägt ist.

Durch die laufend wechselnden Perspektiven bleibt der Roman durchgängig spannend. Die Atmosphäre ist oftmals sehr beklemmend, die durch die bildhaften Naturbeschreibungen der Lüneburger Heide aufgelockert wird. Die Figuren sind lebendig und authentisch gezeichnet. Es gibt kein schwarz-weiß, wodurch die Charaktere glaubwürdig rüberkommen. Vor allem Inge fand ich im jeweiligen Alter überzeugend dargestellt - egal ob als Kind oder alte Dame.
Schweigen und Verdrängen heißt die Devise. So hat es Helga sehr schwer, die Dorfbewohner zum Sprechen zu bringen und die Mauer des Schweigens zu durchdringen. Zusätzlich legen ihr einige Menschen immer wieder Steine in den Weg und beginnen sie zu bedrohen, wenn sie ihre Nachforschungen weiter durchführt.

Vieles beruht auf wahren Begebenheiten. Die volle Bedeutung des Gelesenen erschließt sich einem erst auf den letzten Seiten des Buches. Die Recherche zu einigen historischen Begebenheiten, war sicher nicht einfach. Darauf geht die Autorin im Nachwort ausführlich ein. Mich hat der Roman sehr berührt und einige Stellen waren wirklich schwer auszuhalten. Obwohl ich schon viele Bücher zum Thema Zweiter Weltkrieg und auch der Nachkriegszeit gelesen habe, erfahre ich immer wieder neue schreckliche Dinge, die man sich oftmals gar nicht vorstellen kann oder will.

Anja Jonuleits Roman erinnert mich an die Bücher von Mechtild Borrmann, die starke Themen auf nicht mal 300 Seiten so erzählen kann, dass diese berühren und einem im Gedächtnis bleiben. Anja Jonuleit hat mit "Wo der Wind die Namen trägt" auf 384 Seiten ähnliches geschaffen und mich absolut einnehmen können mit ihrem neuen Werk.

Fazit:
Eine Geschichte, die betroffen macht, aufrüttelt und unter die Haut geht. Ganz wunderbar erzählt und für mich ein ganz besonderes Highlight!

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Veröffentlicht am 07.04.2026

Eine Gemeinschaft entzweit durch einen Fluss

Der Fährmann
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Wir befinden uns kurz vor dem ersten Weltkrieg an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Die Salzach trennt die beiden Länder, doch die beiden Orte, die direkt am Fluss liegen, sind verbunden ...

Wir befinden uns kurz vor dem ersten Weltkrieg an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Die Salzach trennt die beiden Länder, doch die beiden Orte, die direkt am Fluss liegen, sind verbunden durch Freundschaften, Familien und Handel. Hier wachsen auch Hannes, Elisabeth und Annemarie auf. Die drei verbindet von früher Kindheit an eine enge Freundschaft.
Der titelgebende Fährmann ist dabei eine zentrale und wichtige Figur für die beiden Orte. Er ist derjenige, der die Menschen aus dem jeweiligen Dorf über den Fluss bringt. Sein Beruf ist gefährlich und eine Ehe für ihn Tabu.

1894 ist Hannes gerade sechs Jahre alt geworden, als er mit seinem Onkel Georg, dem Fährmann, die Salzach überquert und ins Wasser fällt. Sein Leben hängt danach an einem seiden Faden. Beide Dörfer beten für sein Leben, denn er soll seinem Onkel folgen und der nächste Fährmann werden. Obwohl Hannes den Beruf nicht ergreifen will, der ein einsames Leben bedeutet, muss er den Wünschen seiner Familie nachgeben, als die Gebete erhört werden und er überlebt.
Auch seine beiden Freundinnen aus Kindheitstagen, Elisabeth und Annemarie, die auf der deutschen Seite leben, sehen sich mit einer Zukunft konfrontiert, die nicht in ihren eigenen Händen liegt. Annemarie wird früh dazu verpflichtet, im elterlichen Wirtshaus mitzuarbeiten und den Gästen stets freundlich zu begegnen – unabhängig davon, wie diese sich ihr gegenüber verhalten. Elisabeth, deren Herz Hannes gehört, wird von ihren Eltern mit Josef Steiner, einem österreichischen Großbauern verheiratet, um den familiären Wohlstand zu vergrößern.

Elisabeth erwarten sehr harte Jahre voller Gewalt, Hass und Missbrauch. Auf dem Hof hat sie nichts zu sagen. Es regiert der hartherzige Altbauer, der alle gleich schlecht behandelt, auch Josef, dem Hoferben. Dieser entwickelt sich zu einem genauso unbarmherzigen Mann, unter dem Mensch und Tier leiden.
Aber auch Annemarie hat kein Glück. Sie muss schon als Kind hart zupacken und sich im Gasthaus von betrunkenen oder aufgegeilten Männern alles gefallen lassen. Auch Josef kommt immer wieder zu ihr - auch als er bereits verheiratet ist.
Es ist zeitweise kaum auszuhalten, was die beiden Frauen über sich ergehen lassen müssen. Und wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen, legt Regina Denk noch ein Schäufelchen nach.

Einzig Hannes ist immer wieder der Anker, der seinen Kindheitsfreundinnen hilft - soweit er kann. Aber auch ihm sind die Hände gebunden.

Trotz des Titels „Der Fährmann“ stehen vor allem Elisabeth und Annemarie im Mittelpunkt des Romans. Gleichzeitig beleuchtet die Autorin die damalige gesellschaftliche Rolle der Frau. Diese wird entweder als Magd oder als Ehefrau dargestellt und ist in beiden Rollen vom Mann abhängig bzw. wird als dessen Besitz angesehen.
Alle Frauen in diesem Roman haben keine Chance sich gegen die Männer zu behaupten. Es hat mir beim Lesen Schmerzen bereitet, diese Brutalität und dieses Ausgeliefert sein spüren. Die Unterordnung der Frauen wurde damals nicht in Frage gestellt. Wenn sich eine von ihnen gewehrt hat, wurde sie ausgegrenzt oder der Hexerei bezichtigt. Das Patriarchat hatte das Sagen.
Erst als der Krieg ausbricht und die Männer nach und nach im Dorf diesseits und jenseits der Salzach eingezogen werden, kommen die Frauen mehr aus sich heraus. Es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig, denn die Arbeit der Männer macht sich nicht alleine. Es wird arbeitstechnisch noch schwerer, aber sie finden dadurch auch mehr Stärke und Selbstvertrauen. Manche von ihnen blühen auch richtig auf.

Der Schreibstil ist eindringlich, intensiv und die Sprache der damaligen Zeit angepasst. Regina Denk beschreibt das Leben, die gesellschaftliche und die politische Situation, wie sie damals gelebt worden ist. Dabei wird nichts beschönigt und der harte Arbeitsalltag am Land bildhaft beschrieben.
Über jedem Kapitel steht der Name der handelnden Figur. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild der einzelnen Charaktere. Man fühlt mit ihnen mit oder spürt die Angst, den Hass oder die Verzweiflung durch jede Zeile.
Dazwischen gibt es Einschübe vom "Anderswo" - der Sprache des Flusses. Dieser prägt die Atmosphäre des Romans und zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.

Die Charaktere empfand ich ein bisschen schwarz-weiß gezeichnet. Vor allem Josef ist durch und durch böse und Hannes das krasse Gegenteil - was für mich schon fast zu gut ist. Das ist jedoch der einzige Kritikpunkt, denn mit Annemarie hat Regina Denk eine tolle Figur entworfen, die sich auflehnt und weiterentwickelt. Sie war für mich schlussendlich der faszinierendste Charakter.
Das Ende wurde bei der Leserunde widersprüchlich empfunden. Für mich hat es aber zu 100% gepasst.

Der Ausspruch von Erich Maria Remarque, Autor von "Im Westen nichts Neues", der am Beginn des Buches steht, trifft es für mich perfekt:

„Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Krieg zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ Erich Maria Remarque.

Fazit:
Ein Roman, der einem packt, mitnimmt und aus dem man erst wieder auftaucht, wenn man die letzte Seite gelesen hat. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Ein richtiger Pageturner

Das Signal
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Bei Ursula Poznanski greife ich normalerweise lieber zu ihren Jugendbüchern, als zu ihren Thrillern, da letztere für meinen Geschmack sprachlich manchmal einen etwas zu jugendlichen Touch haben. Umso gespannter ...

Bei Ursula Poznanski greife ich normalerweise lieber zu ihren Jugendbüchern, als zu ihren Thrillern, da letztere für meinen Geschmack sprachlich manchmal einen etwas zu jugendlichen Touch haben. Umso gespannter war ich daher auf ihren neuesten Thriller „Das Signal“.
Bereits nach der Leseprobe stand für mich fest, dass ich das Buch unbedingt lesen möchte. Denn schon von den ersten Seiten an, hat mich die Geschichte absolut gefangen genommen.

Innenarchitektin Viola Decker erwacht im Krankenhaus. Sie hat beim Einsturz des noch nicht fertig renovierten Weinkellers ihres Mannes ein Bein verloren. Viola kann sich nicht erinnern, was sie im Weinkeller wollte, der nachweislich nicht sicher ist. Ehemann Adam kümmert sich liebevoll um sie und doch hat Viola das Gefühl, dass er ihrer ziemlich sicher bald überdrüssig werden wird, denn Adam ist ein Perfektionist und Viola ist nicht mehr perfekt. Außerdem scheint er es nicht wirklich eilig zu haben, dass gemeinsame Haus barrierefrei umzubauen. Während Viola im Erdgeschoss gefangen zu sein scheint und von der neu eingestellten Pflegerin überwacht wird, fühlt sie sich immer hilfloser.

Ursula Poznanski widmet sich diesmal dem Genre des Domestic Noir (d.h. das vermeintlich sichere Zuhause der meist weiblichen Protagonistin verwandelt sich in einen Schauplatz der Bedrohung).
Nach ihrem schweren Unfall ist Viola ans Bett gefesselt und vollständig auf Hilfe angewiesen. Ihre Pflegerin Otilia überwacht sie mit einer Strenge, die eher an Gefangenschaft als an Fürsorge erinnert. Zunehmend verschwinden Gegenstände aus Violas unmittelbarer Umgebung - ihre Krücken oder der Rollstuhl. Aus Angst, die Kontrolle vollends zu verlieren, bestellt sie GPS-Tracker, um ihre Sachen schneller wiederzufinden. Doch bald wird ihr Misstrauen größer. Als sich ihr Mann immer merkwürdiger verhält, steckt sie heimlich einen der kleinen Sender in seine Stiefeletten. Was sie daraufhin entdeckt, offenbart immer mehr Widersprüche in seinen Erzählungen und lässt die Grenzen zwischen Fürsorge, Manipulation und Bedrohung endgültig verschwimmen.

Erzählt wird aus der Sicht von Viola in der Ich-Form. Sie war für mich eine nahbare und sympathische Protagonistin. Der Verlust ihres Beines und die plötzliche Abhängigkeit von anderen, wurde sehr gefühlvoll und realitätsnah dargestellt. Auch das Gefühl, im eigenen Zuhause gefangen zu sein, wird so realitätsnah beschrieben, dass ich es gut nachempfinden konnte.
Die Erzählung einzig aus ihrer Sicht lässt allerdings auch die Frage aufkommen, ob Viola eine verlässliche Erzählerin ist? Oder ob sie manches falsch interpretiert?

Die unterschwellige Bedrohung und Spannung ist allgegenwärtig. Es geht aber nicht nur um Spannung, sondern auch um Manipulation, Kontrolle und Vertrauensverlust. Ursula Poznanski verteilt ihre Informationen gut dosiert. Ihr Schreibstil wirkt diesmal erwachsener und nicht wie in "Die Burg" eher jugendlich angehaucht. Deshalb hatte ich hier auch immer das Gefühl einen "richtigen Thriller" zu lesen und nicht einen Jugendthriller, der auf erwachsen programmiert ist.

Während mich bei Poznanski häufig die Charaktere nicht ganz überzeugen konnten, gibt es diesmal nichts zu bemängeln.
Viola ist eine starke und intelligente Protagonistin, die versucht hinter den Aktivitäten ihres Mannes zu kommen. Doch auch sie hat ein düsteres Geheimnis, welches sie lange verbergen konnte. Die wortkarge und strenge Pflegerin Otilia verursacht einem oftmals Gänsehaut, aber Ehemann Adam hat mir fast noch mehr Angst eingejagt. Dabei fragt man sich beim Lesen lange, ob er nur fürsorglich oder berechnend ist. Er bleibt lange nicht greifbar. Mein Lieblingscharakter war eindeutig Benno, der Nachbarsjunge mit Down Syndrom, der ihr unwissentlich eine große Hilfe ist.

Mein einziger kleiner Kritikpunkt ist die etwas dubiose Vergangenheit von Viola, die nicht ganz glaubwürdig wirkt. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau.
Das Ende ist gelungen und glaubwürdig.

Gefallen hat mir auch der Stadtplan von Wien auf der Innenseite des Covers. Oftmals gibt es keine genaueren Ortsangaben bei Posznankis Büchern. Umso mehr freue ich mich über diesen Wien-Thriller.

Fazit:
Ursula Poznanski konnte mich mit ihrem neuen Thriller diesmal richtig abholen, den ich innerhalb von zwei Tagen verschlungen habe. Spannung von der ersten bis zur letzten Seite! Leseempfehlung!

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