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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein unglaublich tolles, atmosphärisches Coming-of-Age

Little Hollywood
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Ich fand dieses Coming-of-Age absolut makellos. Inga Hanka hat mit viel Feingefühl eine ganz besondere Geschichte geschrieben, deren Figuren mich mit ihrer Authentizität sowie Ehrlichkeit bewegt und mitgenommen ...

Ich fand dieses Coming-of-Age absolut makellos. Inga Hanka hat mit viel Feingefühl eine ganz besondere Geschichte geschrieben, deren Figuren mich mit ihrer Authentizität sowie Ehrlichkeit bewegt und mitgenommen haben. Ich bin zwar ein etwas späterer Jahrgang, aber die Musik und Filme des Buches sind mir natürlich trotzdem bekannt. Und ich habe dieses Videothek-Setting sowie die sich entwickelnde Beziehung zwischen Leo und Jo so geliebt! Der Vibe des Ladens wurde wirklich ebenso gut abgebildet wie die allgemeine Atmosphäre eines Sommers nach dem Abi.

Dabei waren hier Tiefe und Leichtsinn in einer ganz tollen Balance. Die Charaktere lassen sich fallen und leben im Moment wie es als erwachsene Person nur noch selten vorkommt. Gleichzeitig beschäftigen sie aber so ernste Dinge, dass mir eng ums Herz wurde. Hier werden Themen wie Mental Health, gewalttätige Elternteile und Trauer wunderbar feinfühlig und der Hauptfigur absolut angemessen besprochen. Die liebevolle Beziehung von Leo und ihrem Bruder Ben wird für immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen einnehmen. Ich fand es so toll, wie die beiden einander eine so wichtige Stütze sind.

Und auch Jo war eine tolle Männerfigur, die zwar neben Leo ein klein wenig blass erschien, aber vielleicht sollte das auch einfach das Geheimnisvolle dieser so besonderen Beziehung unterstreichen. Die Entwicklung von Bekannten zu Freund*innen zu romantischem Paar hat mir, eingebettet in die gemeinsame Leidenschaft, außerordentlich gut gefallen.

Am Ende ist dies ein Buch, das mich wie kaum ein anderes mit seiner flimmernden Atmosphäre für sich eingenommen hat. Ein Roman, der seine Lesenden sanft trägt und eine Nostalgie hervorruft, die ich in der Form lange nicht mehr hatte. Eine Geschichte, die tiefgründig ist und mit ganz viel Atmosphäre sowie Liebe besticht. Perfekte Sommerlektüre - ob Kind der 90er/00er oder nicht.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein dichtes, hochpolitisches und spannungsvolles Werk

Schon schwankte die Welt
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Ich mochte schon das Debüt von Felicitas Prokopetz sehr gern und ihr neuer Roman konnte das noch einmal toppen. Eine wirklich runde Erzählung mit hohem Tempo, pointierten Perspektivwechseln, einer scharfzüngigen ...

Ich mochte schon das Debüt von Felicitas Prokopetz sehr gern und ihr neuer Roman konnte das noch einmal toppen. Eine wirklich runde Erzählung mit hohem Tempo, pointierten Perspektivwechseln, einer scharfzüngigen politischen Komponente und einer Prise Raben-Mystik.



Die Figuren sind alle total spannend und ergänzen sich ganz toll. Ich bin besonders beeindruckt davon, wie die Autorin Perspektivwechsel einsetzt, um die Geschichte dichter zu machen. Das Tempo der Wechsel zieht manchmal so stark an, dass wir in einer bestimmten Szene quasi mit dabeisitzen und die verschiedenen Wahrnehmungen und Gedanken gleichzeitig erleben dürfen. Außerdem gelingt es ihr, die Spannung verschiedener Situationen auszuhalten. Die Empfindungen der Figuren in einem bestimmten Moment sind teilweise völlig gegensätzlich und diesen Raum zu halten ist anstrengend, aber eben eine wahre Kunst.



Die Sprache ist teils anspruchsvoll, die Sätze wirken nahezu wie Wort für Wort kuratiert. Das ist nicht immer mein Fall, hier ist es aber wohldosiert eingesetzt und bei einem so schmalen Buch nehme ich auch gern in Kauf, manche Sätze doppelt lesen zu müssen.



Ich finde es großartig, dass hier so politisch geschrieben wird. Feminismus, Veganismus, Klimakrise - alles ganz wichtige Themen und Prokopetz nimmt hier kein Blatt vor den Mund. Außerdem liebe ich ältere Frauenfiguren, die happily single sind und sich nicht dem gesellschaftlichen Narrativ einer „richtigen" Familie unterordnen wollen. Männer kommen dagegen nicht so gut weg und auch, wenn Polly als etwas klischeehaft eingeordnet werden kann, akzeptiere ich das gern - denn viele cis Männer sind eben genau auf diese Art „feministisch“. Wie subtil sexistisches Denken wirkt, fand ich unglaublich fein herausgearbeitet.

Das Ende greift die mystische Raben-Storyline noch einmal auf und hinterlässt seine Lesenden mit ein paar Fragezeichen. Das passt für mich nicht immer, aber hier war es mit Blick auf die gesamte Interaktion mit dem Raben stimmig. Nicht alles wird geklärt und das ist auch okay so.

Eine wirklich tolle, intensive Erzählung mit starken Figuren, die uns dank vieler Perspektivwechsel keineswegs schonen. Prokopetz jongliert eine schiere Masse an Themen und vermittelt sie auf anspruchsvolle, aber kluge Weise, die mich völlig für sich eingenommen hat. Die Kürze des Romans verhindert an manchen Stellen eine gewisse Tiefe, die mein Urteil insgesamt aber nicht verändert. Bitte mehr davon!

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Perfekte Unterhaltung mit ganz viel Schwesternliebe

Beth is dead
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Ich lese keine Thriller. Und doch hat mich „Beth is dead“ aufgrund der guten Besprechungen und dem Fakt, dass er ab 14 Jahren empfohlen wird, zu sehr interessiert, als dass ich ihn hätte im Laden liegen ...

Ich lese keine Thriller. Und doch hat mich „Beth is dead“ aufgrund der guten Besprechungen und dem Fakt, dass er ab 14 Jahren empfohlen wird, zu sehr interessiert, als dass ich ihn hätte im Laden liegen lassen können. Und das war eine äußerst gute Entscheidung!

Der Roman ist eine Art moderne Adaption des berühmten Klassikers „Little Women“. Das Buch selbst wird in dieser Geschichte vom Vater der Schwestern veröffentlicht und führt zu nicht vorhersehbaren Konsequenzen. Beth wird gleich zu Beginn ermordet aufgefunden. Darauf folgt nicht nur eine detektivische Arbeit, die so ungefähr alle Figuren einmal ins Visier nimmt, sondern auch die liebevolle Erforschung der Schwesternbeziehungen.

Andere haben es bereits geschrieben: Die Darstellung dieser Schwesternschaft ist absolut warmherzig, authentisch und zu einem gewissen Punkt auch ambivalent - in jedem Fall ist sie aber einfach wundervoll geschrieben. Ich fand alle vier Schwestern toll, auch wenn der Fokus natürlich auf den drei verbleibenden liegt. Immer wieder gibt es Rückblenden, welche sowohl die Figuren selbst als auch deren Beziehungen zueinander noch detaillierter zeichnen.

Bestimmt kann kritisiert werden, dass die Verdächtigen relativ linear aufkommen und für eingefleischte Thriller- und Krimi-Lesende ist es vielleicht zu vorhersehbar. Ich habe aber im Laufe der Erzählung fast alle Verdächtigungen mitgefühlt und wurde damit äußerst gut unterhalten. Dafür, dass es ein Jugendthriller ist, kann er problemlos auch von Erwachsenen gelesen werden, denen (wie mir) Schreckmomente und rohe Gewalt zu viel sind, die aber trotzdem atemlos mit einer Geschichte mitfiebern wollen.

Außerdem fand ich es ganz toll, dass die Autorin hier auch immer wieder andere, moderne Themen anspricht, die ich jetzt nicht spoilern möchte. Die vielen Twists und Ebenen sind an einigen Stellen schon echt dicht, aber ich kann beim besten Willen nichts von meiner Bewertung abziehen. Ein großartiger Spannungsroman, der seine tollen Figuren modern und glaubwürdig interpretiert. Ich empfehle ihn für alle Altersstufen - dass er mich nicht mit klopfendem Herzen zurücklässt, sondern eher emotional gepackt hat, ist für mich eine klare Stärke.

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Spannend gestricktes Drama darüber, was Familie eigentlich bedeutet

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Es war mein erstes Buch von Alena Schröder und auch, wenn es sich um den letzten Teil einer Trilogie handelt, lässt es sich problemlos ohne Vorwissen lesen. Die Figuren lassen sich aber bestimmt noch tiefer ...

Es war mein erstes Buch von Alena Schröder und auch, wenn es sich um den letzten Teil einer Trilogie handelt, lässt es sich problemlos ohne Vorwissen lesen. Die Figuren lassen sich aber bestimmt noch tiefer verstehen, wenn die beiden Vorgänger schon gelesen wurden.

Ich wurde von Anfang an stark in die Atmosphäre der Geschichte eingesaugt. Alena Schröder schreibt locker, gut verständlich und teils messerscharf.

Die wechselnden Zeitebenen waren on point gesetzt und haben für ein tolles Pacing mit angenehmen Spannungsmomenten gesorgt. Die Geschichtsfetzen sind gut miteinander verwoben, am Ende geht alles auf, gewisse Leerstellen bleiben aber auch stehen. Was total Sinn macht, weil sich diese Leerstellen auch für die Protagonistin Hannah nicht füllen lassen, da sie keine lebenden Vorfahrinnen mehr hat.

Ich mochte besonders die Elemente darum, was Familie eigentlich bedeutet. Hannah hatte als Figur eine glaubwürdige und empowernde Entwicklung. Auch die besondere Beziehung zwischen Marlen und Wilma im Güstrow der Vergangenheit hat mich mit ihrer Komplexität für sich eingenommen.

Die Autorin wird immer wieder explizit politisch, insbesondere in Bezug auf Antirassismus, Feminismus und ansatzweise auch gegen das DDR-Regime. Ich mochte die teils bissigen Sätze sehr gern. Außerdem geht es generell viel um weibliche Solidarität, die sowieso einen besonderen Platz in meinem Herzen hat.

Männer bekommen erfrischend wenig Raum. Besonders die problematischen Charaktere erfahren auch Konsequenzen und das ist so selbstverständlich wie literarisch selten. Wer sich für verschiedene Zeitebenen und starke Frauenfiguren sowie das Thema Wahlfamilie begeistern kann, kann unbesorgt zu diesem Werk greifen.

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Veröffentlicht am 07.04.2026

Eine unbedingte Empfehlung voller Herzenswärme und Ernsthaftigkeit

Pina fällt aus
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Vera Zischkes Debüt hat mir schon außerordentlich gut gefallen und auch in ihrem zweiten Werk setzt die Autorin wieder auf eine Perspektive, die bislang viel zu selten eingenommen wird. Ich war begeistert ...

Vera Zischkes Debüt hat mir schon außerordentlich gut gefallen und auch in ihrem zweiten Werk setzt die Autorin wieder auf eine Perspektive, die bislang viel zu selten eingenommen wird. Ich war begeistert von der Warmherzigkeit und Authentizität der Erzählung!

Ich habe beim Lesen immer wieder Parallelen zu „Der Bademeister ohne Himmel“ gesehen, wo ebenso eine schicksalhafte Gemeinschaft thematisiert wird, nur dass es da um das Thema Demenz geht und Zischke hier den schwer autistischen Leo ins Zentrum ihrer Geschichte setzt. Die Parallelen könnten positiver nicht sein, denn beide Werke sind ganz klare Highlights für mich. Sie eint eine Warmherzigkeit und Solidarität unter den Figuren, die mir beim Lesen unendlich viel Hoffnung gegeben haben, dass die Welt doch ein guter Ort sein kann.

Zischke nimmt auch in ihrem zweiten Roman eine Perspektive ein, zu der sie eine persönliche Nähe hat - und das zahlt sich absolut aus. Aus der Erzählerin spricht ebenso viel Wärme wie deutlicher Ernst - etwa in Bezug auf die Abwertung behinderten oder neurodivergenten Lebens und die kräftezehrende Lebensrealität einer alleinerziehenden, pflegenden Mutter. Indem die Autorin die Hauptpflegerin vorübergehend und ersatzlos aus der Geschichte streicht, wird die unbezahlte Arbeit überdeutlich.

Solidarische Momente in Büchern sind für mich etwas ganz Besonderes und ja, vielleicht läuft es manchmal ein bisschen zu glatt - aber wofür haben wir denn bitte Literatur, wenn nicht zum Erdenken einer besseren Welt?! Die zentralen Figuren sind fein herausgearbeitet und angenehm divers. Obwohl sie sich im Alter stark unterscheiden, eint sie alle eine gewissen Einsamkeit, die durch das gemeinschaftliche, solidarische Sorgen für Leo gelindert werden kann. Ich hätte sie zwar auch gern noch tiefer kennengelernt, fand es aber in Abwägung der Romanlänge absolut ausreichend.

Ich kann gar nicht genug betonen, wie großartig ich Zischkes Aussagen im Buch finde. An keiner Stelle gibt es den ernsthaften Anspruch, Leo an die Gesellschaft anpassen zu müssen. Stattdessen schreibt sie Sätze wie: „Behindert ist nicht die kaputte Version von normal […] Leo ist Teil dieser Welt wie alle anderen auch. Ich will nicht, dass er versorgt ist. Ich will, dass er dazugehört.“

Und viel mehr will ich dazu auch eigentlich gar nicht sagen. Ich habe selten eine derart starke literarische Stimme gelesen, welche sich so unnachgiebig menschlich für eine Gruppe einsetzt, die zu den marginalisiertesten unserer Gesellschaft gehört. Diese Geschichte liest sich fast schon zu schnell für den Genuss, den ich mit ihr hatte. Sie ist warmherzig und ehrlich und genau damit das, was wir alle brauchen.

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