Eine spitze Bemerkung von Kritiker Dennis Scheck und das Interesse an Ildikó von Kürthys neuem Buch „Alt genug“ war geweckt, nicht nur bei mir! Vor zwei Jahren habe ich mit Vergnügen „Altern“ von Elke ...
Eine spitze Bemerkung von Kritiker Dennis Scheck und das Interesse an Ildikó von Kürthys neuem Buch „Alt genug“ war geweckt, nicht nur bei mir! Vor zwei Jahren habe ich mit Vergnügen „Altern“ von Elke Heidenreich gelesen und dachte mir, das reicht wohl an Altersliteratur. Nun habe ich das neue Hörbuch gehört, Ildikó von Kürthy hat es selbst, und das ganz wunderbar und authentisch, gelesen, und ich weiß nicht so recht, wie ich es einordnen soll.
Die Autorin, noch jünger als ich, hat sich laut eigener Erkenntnis vollkommen sinnlos und das jahrelang, durch ein Leben gequält, dass von Angststörungen und Phobien nur so durchgeschüttelt wurde. Nun endlich ist sie doch der Schulmedizin erlegen, nimmt Antidepressiva und Hormone und fühlt sich endlich wohl in ihrer Haut. Sie nimmt diesen Wandel zum Anlass, das Alt- oder Älterwerden ins Visier zu nehmen, nicht nur ihres, auch das ihrer Freundinnen. Und hier begann an mir der Zweifel zu nagen, ob es gut ist, so viel, so lange und so intensiv über die Krebserkrankungen und Therapien ihrer liebsten Freundinnen zu berichten. Mich haben diese Erzählungen mehr belastet, als ich vermutet hätte. Und im Gegensatz zu Dennis Scheck denke ich, dass der von ihm sarkastisch erwählte Erzählraum wohl ein Missgriff war. Die vier Freundinnen würden wohl eher auf einem Sofa sitzen (was sie im Buch ja auch tun) oder in einem schummrigen Café, um ihren Kummer zu teilen. Mit anderen in einem WC wohl nicht. Dass die Autorin den Kummer so öffentlich macht und wie einen dünnen Blätterteig auswalzt, das ist ihre Entscheidung.
Es gibt natürlich auch lustige Momente, ironische Bemerkungen jede Menge, die das Erzählte auflockern und unterhaltsam machen, aber der echte Funke ist diesmal nicht übergesprungen. Ich habe zwar bis zum Ende alles angehört, aber so richtige Freude kam bei mir dann doch nicht mehr auf.
Fazit: Ich vergebe 1 Stern für das authentische Vorlesen, 2 Sterne für die gnadenlose Ehrlichkeit, 1 Stern für gute Unterhaltung = ergibt glatte 4 Sterne.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Schwesternland – der Anfang einer geplanten Romanreihe – hat mir gut gefallen. Warum ich diesen Roman für mich zur Lektüre erkoren habe, das muss ich erklären: Die Verlagsbeschreibung traf nämlich genau ...
Schwesternland – der Anfang einer geplanten Romanreihe – hat mir gut gefallen. Warum ich diesen Roman für mich zur Lektüre erkoren habe, das muss ich erklären: Die Verlagsbeschreibung traf nämlich genau meine Interessen, bei Ahnenforschung, Familienstammbaum, Generationenroman, Hugenotten und Recherche horche ich sofort auf. Genealogie im weitesten Sinne ist eines meiner Hobbys, bis zum Jahr 2000 war ich sogar fest überzeugt, von Hugenotten abzustammen.
Der Roman Schwesternland hat aber noch einiges mehr zu bieten. Wir kommen mitten hinein in eine Familienfeier, Henriette, die Großmutter der Ich-Erzählerin Antonia feiert ihren 100. Geburtstag. Mit ziemlich viel Aufwand und auch mit vielen Gästen, nur einer fehlt, das ist ihr Sohn, Antonias Vater, der ein Jahr zuvor (13 Monate, wird im Roman betont) Suizid beging. Antonias drei Schwestern sind sehr unterschiedlich, die musikalische Chiara kam mit der Mutter Eva in die Ehe, ist also die Älteste, dann sind da noch Elisa, die Altersforscherin, und Lucia, die als kleines Mädchen adoptiert wurde. Antonia ist Geschichtsstudentin und auf dem Weg zu ihrem Master. Die Mutter besitzt eine kleine Manufaktur, in der sie mit Lucia, die gerne und viel an Neuem tüftelt, arbeitet, Stoffe herstellt, webt und verkauft. Später im Roman wird man sich klar, woraus diese Profession entstanden ist.
Schon während der Feier macht sich Differenzen bemerkbar, die nur schwer zu kontrollieren sind. In der Nacht nach der Feier erfährt Antonia von ihrer Verwandten Maximiliane, gern nur Max, bitte englisch ausgesprochen, genannt, dass diese sich mit der Vorfahrengeschichte nicht nur wegen Henriettes Geburtstagsgeschenk beschäftigt hat, sondern einiges mehr an interessanten Details zu Tage brachte. Es soll hugenottische Vorfahren geben, speziell eine Frau namens Jeanne Beauvais, die 1685/1686 aus ihrer Heimatstadt Lyon nach Preußen geflüchtet ist. Antonia ist Feuer und Flamme, diese Erkenntnis korrespondiert sogar mit dem Thema ihrer Masterarbeit, das sie nach einiger Überlegung verändert und speziell auf das Schicksal der vermutlichen Vorfahrin zuschneidet.
Max gibt ihr einen Ansprechpartner in der Schweiz, er trägt den verheißungsvollen Namen Georges Bellamy, und ist ein etwas kauziger Experte der Hugenottengeschichte. Antonia wird ihn besuchen und er schickt sie nach Lyon, weitere Spuren zu finden. Was sie ziemlich schnell findet, ist ein neuer Freund, Jules, der ihr freie Unterkunft bietet und bald auch Liebe. Rückblickend auf ihren Ex-Freund denkt sie aber „Patrick war eigentlich ein Guter gewesen…“, warum sich beide getrennt haben, das konnte ich nicht genau erkennen. Die Recherchen in Lyon gestalten sich schwierig, die Beziehung zu Jules zunehmend unerfreulich. Antonia zieht wieder um, zu Latifa, die ein Café betreibt und bei der sie stundenweise etwas Geld verdienen kann. Obwohl Antonia schon siebenundzwanzig Jahre alt ist, erscheint sie mir doch noch sehr naiv und unerfahren. Vielleicht ist das so, wenn man jeden Monat das Geld für den Lebensunterhalt von der Mutter überwiesen bekommt.
Parallel zu dieser heutigen Familiengeschichte und den Erlebnissen von Antonia entsteht die schicksalhafte Lebensgeschichte der Jeanne Beauvais, beginnend im November 1685 in Lyon. Die wechselnden Orte und Zeiten erfährt man unter den Kapitelnummern nur, wenn sie sich ändern. Geschildert wird die Flucht der Familie Beauvais nach Repressalien gegen die Hugenotten, sie wollen niemals ihren Glauben aufgeben, deshalb geben sie die Heimat auf. Die erste Hälfte des Romans wechselt häufig Ort und Zeit, nimmt Ereignisse nicht unbedingt chronologisch in den Blick. Das Ziel der Beauvais‘ ist Brandenburg- Preußen, aber nicht alle werden es erreichen.
Erst etwa ab der Mitte des Buches fand ich in den Rhythmus des Erzählten hinein, bis dahin waren mir alle Protagonisten doch recht fremd geblieben, trotz der dramatischen Ereignisse. Auch Antonia wuchs mir nicht so recht ans Herz. Das änderte sich, als Jeanne in Cölln (gegenüber von Berlin, auf der linken Spreeseite) ankam. Plötzlich fand ich ihre Geschichte sehr berührend und las das Buch mit Spannung bis zum Ende.
Auch Antonias Geschichte gewann ab der Mitte an Spannung, so dass beide Stränge parallel einen interessanten Einblick gaben. Antonia erfährt auch etwas, das für sie sehr schockierend ist. Als Berliner würde ich sagen, dass ich mir „die Platze geärgert“ hätte, wenn mir das passiert wäre. Aber ich will nicht zu viel verraten!
Noch eine Bemerkung zur Recherchearbeit der Autorin. Katharina Fuchs hat sich aus meiner Sicht schon allein für diese höchste Anerkennung verdient. Für mich war der Roman nicht nur ein Unterhaltungs- und Familienroman, sondern er hat mir auch einiges an zusätzlichem Wissen vermittelt. Gerade wenn es um die Lebensbedingungen und sozialen Verhältnisse in Brandenburg-Preußen im ausgehenden 17. Jahrhundert geht, gebe ich meine Wissenslücken freimütig zu. Die schwierige Integration der französischen Flüchtlinge, die in den kommenden Jahrhunderten tatsächlich zur Blüte z. B. ihrer Handwerkskunst kamen, interessierte mich sehr. Ablehnung Fremder ist kein neuzeitliches Phänomen, es entstand gleichsam mit der Entwicklung der Menschheit mit. Besser verstehen kann man die „Fremden“, wenn man sich mit persönlichen Schicksalen auseinandersetzt, die allgemeinen „Volksreden“ von Politikern über Integration sind da kein Hilfsmittel. Mir gefiel in diesem Zusammenhang auch, dass die Recherche auch die Sprache der damaligen Zeit beinhaltete, z. B. „Es frommt nichts.“ ist heute unbekannt, wir würden sagen „Es nützt nichts.“
Dass einiges im Dunkeln bleibt, auch nach der letzten Seite, das ist wahrscheinlich dem geplanten Reihen-Charakter geschuldet. Mir war es manchmal zu viel des Verschweigens in dem Roman, aber Schwesternland wird weiterleben. Genug Entwicklungspotential sehe ich auf jeden Fall. Mir hat das Buch gut gefallen, ein strafferes Lektorat und ein penibleres Korrektorat hätten es noch besser machen können. Das Cover aber macht alles wieder wett, es passt wie ein maßgeschneidertes Seidenkleid!
Fazit: Für alle die Familiengeschichten, Schwesterngeschichten, Ahnenforschung und Spannung mögen ist das genau der richtige Roman für diesen Sommer! Es liest sich einfach gut. 4 ehrliche Sterne.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Auf der Rückseite des Einbands steht „Ein Buch zum Schmökern und Entdecken, zum Schwelgen und Verschenken!“ Dem stimme ich fast vorbehaltlos zu, aber verschenken kann ich es wohl nicht mehr, so viele Bemerkungen ...
Auf der Rückseite des Einbands steht „Ein Buch zum Schmökern und Entdecken, zum Schwelgen und Verschenken!“ Dem stimme ich fast vorbehaltlos zu, aber verschenken kann ich es wohl nicht mehr, so viele Bemerkungen und Unterstreichungen, wie ich beim Lesen gemacht habe, die möchte wahrscheinlich niemand geschenkt haben.
Obwohl Meike Winnemuth schon seit etlichen Jahren Bücher veröffentlicht und als Journalistin für viele Zeitschriften ihre Beiträge schreibt, habe ich (bewusst) noch nichts von ihr gelesen. Ihr neues Buch „Eine Seite noch“ traf bei mir nun einen Nerv und nachdem ich die Leseprobe gelesen hatte und folgendes Zitat fand „Jedes Buch löst einen Vergleichsreflex aus: Ich auch. Ich nicht. Ich ganz anders, ich so ähnlich.“, war mein Klick zum Kauf nur noch Sekunden entfernt: Ich lese gern und schreibe gern Rezensionen, nicht selten mit jenen vergleichenden Gedanken. Da interessiert mich sehr, wie die Autorin diese Aspekte und noch viel mehr in Einklang mit ihren eigenen Gedanken bringt.
Dieses Buch hat keine besondere Genrebezeichnung, aber den Untertitel „Warum Lesen uns so glücklich macht“. Nach dem Lesen würde ich das Genre vielleicht als sommerliches Lesetagebuch oder als Buchgedankensammler bezeichnen, Meike Winnemuth nimmt ihre Leser mit von Mai bis Oktober, am Ende jedes Monatskapitels gibt es als Erinnerung noch eine Liste der Bücher und Hörbücher aus dem jeweiligen Monat. Muss ich jetzt von mir enttäuscht sein, dass ich insgesamt nur vier Bücher und ein Hörbuch aus diesen Listen selbst gelesen bzw. gehört habe? Ich glaube nicht, ich habe in jenen sechs Monaten mehr als 50 andere Bücher gelesen und gehört, sie rezensiert und in etliche Leseproben hineingelesen, über etliche Bücher in den Feuilletons erfahren, und habe mich mit vielen Titeln mehr als ausführlich beschäftigt. Nur eben mit völlig anderen. Und darin liegt für mich der Reiz von Meike Winnemuths Versuch, ein halbes Jahr Lesen, Denken, Fühlen und Diskutieren über Literatur zu analysieren und ihren Lesern nun damit den Mund wässrig zu machen.
Und es bleibt nicht bei Büchern allein! Eines der schönsten Kapitel im Buch ist der Juni, die Autorin besucht Südengland und hat so unerwartete wie wunderbare Erlebnisse, dass ich direkt hätte neidisch werden können. Besser kann man seinen 65. Geburtstag nicht begehen als mit solchen Eindrücken: „Derek Jarman’s Garden“ und sein Prospect Cottage sind schon allein die Reise wert, dann noch der Dalloway Day, jener Mittwoch Mitte Juni, der alljährlich von den Literaturfans der Virginia Woolf begangen wird und den die Autorin exklusiv bezahlt im Monk’s House verbringen darf. Wie schön ist das denn? Auf meine Bücherwunschliste schreibe ich also als erstes Virginia Woolf. Gefeiert wird dann mit Fish and Chips, wunderbar!
Ich kann nicht auf alles eingehen, was mir gefallen hat, manchmal ist es nur ein Satz, ein kleines Zitat, ein Verweis auf etwas Neues, mir Unbekanntes. Als sehr lehrreich empfand ich die Gedanken von anderen Schriftstellern, Kritikern oder Literaturwissenschaftlern zum Lesen, besser gesagt zum Rezipieren von Büchern. Ein Beispiel: „Fiktion ist wie Leben ohne die langweiligen Stellen.“ (so Kritiker Clive James).
Und ja, das Auge isst immer mit, „…das Buch muss einen hübschen Umschlag haben.“ (laut A. J. Fikry). Ich habe auch mit dem Auge gekauft, der Einband mit dem Bullauge, hinter dem man eine lesende Frau sieht, schon fast im Dunkeln, aber eine Seite noch, der hatte es mir gleich angetan. Deshalb kein E-Book diesmal. Das habe ich dann aber ein wenig bereut, weil die Auszeichnungsschrift für die hervorgehobenen Zitate diese leider nicht hervorhob. So spitz, wie diese Schrift ist, und auch so klein, das muss man bei einer so soliden, gut lesbaren Grundschrift erst mal hinbekommen.
Mehrfach erwähnt wird natürlich der Ulysses von James Joyce. Nach wie vor weiß ich nicht, ob ich dieses Buch lesen möchte, eine richtige Empfehlung gab die Autorin mir nicht auf den Weg. Ist er besser auf Deutsch zu verstehen, oder nehme ich doch ein Original? Ich las kürzlich über die Entstehungsgeschichte bei Uwe Neumahr in „Die Buchhandlung der Exilanten“, das war für mich wahrscheinlich interessanter als der Roman. Aber man weiß es eben nicht, wenn man es nicht gelesen hat.
Im August ist „Krieg und Frieden“ das Thema schlechthin, es hat mich an die 1960er Jahre, die Verfilmung durch Bondartschuk und die Premiere in Ostberlin erinnert. Ich war so hingerissen. (Spoiler: ich bin etwas älter als die Autorin) Und trotzdem habe ich es bis heute nicht gelesen. Dass es Ulrich Noethen ganz wunderbar vorliest, macht das Buch ja nicht kürzer. Und dann noch die Autorin, die über die verschiedenen Übersetzer/Übersetzungen schrieb und mich darauf brachte, dass die älteste vielleicht doch die schönste, literarisch ansprechendste Variante sein könnte. Was nun? Wo finde ich die Werner-Bergengruen-Übersetzung heute noch? Rauf auf die Wunschliste, dann sehe ich weiter.
Was mich, wie heutzutage sehr oft und auch bei anderen Autoren, etwas nervt, sind die ewig Studierenden, Lesenden, Hörenden. Ich bin nur lesend, wenn ich das Buch vor der Nase habe! Und die Studierenden sind auch nur studierend, wenn sie im Seminar sitzen oder mit der Nase im Buch etwas studieren. Ich also bin Leser, Hörer und Literaturfan. Leserin und Hörerin ginge ja noch, aber wenn es dann in der Mehrzahl daherkommt, nervt es mich auch. So freute ich mich höllisch über den letzten Satz im Buch, den ich absolut wörtlich nahm: Und Jane Eyre, wie alle Lesenden, „fürchtete nichts weiter, als gestört zu werden“. Das erweitere ich guten Gewissens auch auf alle Hörenden. Denn beim Lesen wie beim Hören ist jede Störung einfach fürchterlich.
Meike Winnemuth schreibt so, dass ich das Buch nicht nur gern sondern auch recht schnell ausgelesen habe. Am besten gefielen mir die tagebuchähnlichen Kapitel. Die monatlichen Halbmonde oder sind es halbe Sonnen? habe ich mit eigenen Texten aufgepeppt. Durch viele Markierungen, Klebezettel und Unterstreichungen werde ich in ihren Ausführungen über Bücher und Schriftsteller leicht wieder fündig. Da kann ich auch später noch des Öfteren Anregungen herauspicken. Die eingefügten Zitate waren mitunter etwas lang (Popova) und fanden auch nicht immer mein Interesse. Manchmal ist dann weniger doch mehr. Die angefügte Aufzählung von Büchern über das Lesen gefällt mir gut, einer meiner Lieblingsautoren (ja, so etwas habe ich auch) ist Wolf Haas, der „Wackelkontakt“ ist absolut genial, aber nicht jedermanns Sache. Auf meiner Wunschliste landet nun noch neben Helene Hanff auch George Saunders. Danke, liebe Meike Winnemuth, es war mir ein Lesevergnügen. Die Einzelkindnachmittage und das Lesen mit der Taschenlampe unter der Bettdecke werden uns für immer verbinden, die Liebe zu den Büchern auch.
Fazit: ein letztes Zitat „Diese Buchstabensuppe ist eine Nährlösung, in der mein Gehirn badet.“ Ich empfehle sehr tiefe Teller!
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Mein erster Roman von Martina Bogdahn und mein erster Eindruck ist positiv! Ich bin in eine Welt eingetaucht, die ich nicht kenne, ins katholische, fiktive Dorf Blumfeld in Bayern, mit all seinen urigen ...
Mein erster Roman von Martina Bogdahn und mein erster Eindruck ist positiv! Ich bin in eine Welt eingetaucht, die ich nicht kenne, ins katholische, fiktive Dorf Blumfeld in Bayern, mit all seinen urigen und kauzigen Bewohnern und Geschichten.
Der Leser lernt sie alle kennen und fast würde ich sagen, auch lieben, die Bewohner und die Geschichten auch. Letztere erfährt man von der Haushälterin des verstorbenen Pfarrers Josef, man könnte beinahe meinen, sie wäre seine Witwe, aber nein, das geht ja nicht, sie war wirklich nur die Haushälterin. Und nun steht sie da mit ihrem Talent (sie kann nämlich so gut wie alles) und bekommt im Handumdrehen einen neuen Pfarrer ins Haus. Fridtjof, ein Norddeutscher wie er im Buche steht, und dessen Predigten sogar zum Nachkochen anregen. Aber da will ich nicht vorgreifen.
Anna, die Haushälterin, mit Mitte 50 noch längst nicht in Rente, versucht den „Neuen“ so gut es geht in die Geheimnisse von Blumfeld einzuweihen. Dass ihre Dorfgeschichten manchmal etwas lang werden, nun ja, das muss der Fridtjof wie der Leser aushalten, wenn er wissen will, wie die Geschichte ausgeht.
Was die Anna selbst betrifft, so braucht sie keinen Beichtstuhl, sie geht lieber auf den Dachboden und erzählt alles, was sie bedrückt, den ausgeknockten Heiligenfiguren. Der Fridtjof staunt nicht schlecht, als er das erste Mal unters Dach steigt im Pfarrhaus.
Der verstorbene Pfarrer Josef - der recht jung mit 57 Jahren beim heimlichen Kuchenschmaus um Mitternacht das Zeitliche segnete - hatte einen letzten frommen Wunsch, den nun die Anna erfüllen will, und bei diesem Vorhaben bekommt sie auch kräftige Unterstützung. Unter anderem ist da Manfred Tanner, der ehemalige Fahrschullehrer, mit dem sie sich verbündet, oder er sich mit ihr, ganz wie man es liest. Und die Asche soll ins Meer, koste es was es wolle.
Der schöne Mirabellenbaum in Pfarrers Garten hat natürlich auch seine Auftritte, die schönste Idee jedoch kommt von den Pfadfindern, die wollen nun endlich mal Schnaps brennen. Man kann ihn direkt auf der Zunge schmecken!
Es gibt traurige und tiefgründige Momente im Buch, einige lustige und manches kommt einem recht spanisch, nein, italienisch vor. Für Abwechslung ist jedenfalls gesorgt.
„… Das Leben ist am Ende doch so etwas wie eine Reise.“ sagt die vom Schicksal gebeutelte Frau Schuster zur Anna. Wie recht sie hat.
Das Cover ist eines der schönsten, das derzeit auf den Ladentischen liegen kann, selbst wenn die Rückseite nach oben schaut.
Fazit: Wer gern liebevoll erzählte Geschichten liest und sich davon in den siebten Lesehimmel bringen lassen will, der ist bei „Mirabellentage“ genau richtig.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Irische Literatur hat, wie es scheint, zurzeit Konjunktur, beim Alfred Kröner Verlag ist dieser Roman erschienen, aber auch andere haben Irland entdeckt bzw. wiederentdeckt, z. B. „Twist“ von Colum McCann ...
Irische Literatur hat, wie es scheint, zurzeit Konjunktur, beim Alfred Kröner Verlag ist dieser Roman erschienen, aber auch andere haben Irland entdeckt bzw. wiederentdeckt, z. B. „Twist“ von Colum McCann oder der neueste Roman „Die Schwestern“ von Colm Tóibín. Der Ursprung der bekannten irischen Literatur für jeden heutigen Bücherfan ist aber sicher „Ulysses“ von James Joyce. Dass der wirkliche Ursprung irischen Erzählens und Dichtens sehr viel weiter zurück liegt, lässt Tadhg Mac Dhonnagáin (der Name spricht sich so aus: Teig Mäc Ronnagahn oder Gonnagahn) – der wohl bisher den wenigsten als Romanautor ein Begriff war –, die Leser in diesem Roman erfahren.
Für mich war die umfangreiche Werbung für den Roman „Madame Lazare“ ein Hauptgrund, mich darauf einzulassen. Denn die Ankündigung enthielt Hinweise auf die verwickelte Lebensgeschichte jener Madame Hanna Lazare, um die es im Roman in erster Linie geht: Eine Jüdin estnischer Herkunft, die in Paris mit ihrem Mann Samuel lebt und niemandem, auch nicht der früh verstorbenen Tochter Brigitte und erst recht nicht ihrer Enkelin Levana, über ihre Kindheit und Jugend und ihre furchtbaren Erlebnisse berichten will. Levana wächst bei ihren Großeltern, Mémé und Pépé, erzogen im jüdischen Glauben auf und geht von klein auf mit ihnen in die Synagoge, feiert Schabbat, achtet peinlich darauf, dass alle jüdischen Gesetze eingehalten werden, so wie sie es bei ihrer verstorbenen Mutter lernte. Der Großvater gibt sich größte Mühe, Levana alles recht zu machen, die Großmutter aber wird immer zurückhaltender, abweisender und mürrischer.
Das war Mitte der 1990er Jahre, 20 Jahre später arbeitet Levana in Brüssel, besucht die mittlerweile verwitwete Großmutter möglichst häufig und muss feststellen, dass diese in eine Demenz abgleitet. Sie nimmt die Großmutter zu sich nach Brüssel in ein Seniorenheim, um sich besser kümmern zu können. Noch ist die Großmutter klar genug, um ihr das Betreten ihrer Pariser Wohnung in ihrer Abwesenheit zu verbieten. Aber sie dämmert immer mehr dahin und vergisst. Nur nachts kommen ihre Erinnerungen zurück, aber es ist nicht Französisch oder gar Estnisch, das sie im Traum oder Halbschlaf laut spricht, es ist Irisch.
Levana beginnt über die seltsamen Worte nachzugrübeln und findet einen Übersetzer, Gearailt, der ihr hilft, den Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Alles beginnt mit dem Namen eines Vogels. Heimlich wird im Laufe der Zeit immer wieder die Stimme der Großmutter aufgenommen und die langwierigen Recherchen ergeben, dass sie von einer Insel in Irland stammt, wo ein spezieller irischer Dialekt gesprochen wird.
Der Roman spielt in der Gegenwart von 1996, 2006, 2015 bis 2018 und wechselt in die Vergangenheit von Muraed, einem Mädchen, das in ärmlichen Verhältnissen mit ihrem Vater, der Schwester Bid und ihrem geistig behinderten Zwillingsbruder Páraic aufwächst. Muraed ist sehr gut in der Schule, aber die meiste Zeit verbringt sie mit ihrem Bruder, um den sie sich aufopferungsvoll kümmert. Das Besondere an diesem einsamen, abgeschiedenen Leben ist aber die traditionelle Art der Geschichtserzählungen, die oftmals in Form sehr langer, komplizierter Gedichte von Generation zu Generation weitergegeben werden. Muraeds Vater, ein einfacher Fischer, ist einer der großen Könner im Dorf, bei ihm finden die Zusammenkünfte der Leute statt, die sich diese Geschichten erzählen. Muraed ist fasziniert davon und als in der Schule aufgerufen wird, das Gehörte zu Papier zu bringen, um die Erforschung der Volkskunde zu befeuern, macht sie sich mit Eifer ans Werk. Später im Roman wird man von diesen Gedichten lesen, die nicht verlorengingen, sondern als nationales Erbe verwahrt wurden und unauslöschlich im Kopf der dementen Hanna fest verwurzelt sind.
Der Autor lässt seine Leser mehr erfahren, als es Levana vergönnt ist, aber auch den Lesern enthält er Entscheidendes vor. Das und die Geschichte von Muraed, die teilweise einem modernen, schrecklichen Märchen gleicht, haben mich nicht vollkommen überzeugt. Andererseits ist der Prolog für sich genommen bereits beinahe die Lösung des Rätsels um Hanna und das hat mich auch etwas gestört. Die sich langsam rückwärts und vorwärts bewegende Geschichte wäre viel geheimnisvoller gewesen ohne diese frühe Enthüllung.
Das Buch hat einen angenehm lesbaren Stil, aber die vielen irischen Namen und Texte sowie das eingestreute Französisch haben die literarische Melancholie, die über allem schwebte, immer wieder unterbrochen. Dieses Zitat „Doch die Welt, wie sie jetzt war, bestand nicht mehr aus einzelnen Räumen, sondern aus einem Flur, einem langen, namenlosen Flur.“ gibt wieder, wie sich Hanna in den letzten Jahren vor dem ihrem Tod fühlt. Die Protagonisten werden teilweise psychologisch gut in Szene gesetzt, aber vieles bleibt in der Schwebe oder im Dunklen.
Im Anschluss an den Epilog, der den Prolog noch einmal inhaltlich aufgreift, findet man ein Glossar und lautsprachliche Hilfen, im E-Book sind die Verlinkungen wirklich hilfreich. Was man nicht findet, das ist ein Nachwort des Autors. Ich hätte gern von ihm erfahren, welche seiner Ideen auf wahren Begebenheiten beruhen, nicht nur wenn es um die irische Volkskunde geht, sondern auch welchen Einfluss der Katholizismus bei allem hatte, wie Muraed trotz ihrer katholischen Erziehung ihre selbstgewählte Rolle als Jüdin spielen konnte. Es gab nicht nur im und nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch heutzutage bei großen Unglücken oder Terroranschlägen das Phänomen der Annahme falscher Identitäten. „Gelegenheit macht Diebe.“ Da hätte der Autor seine Leser nicht ohne etwas Erklärendes aus dem Buch entlassen sollen, nicht nur, was Muraed, auch was Samuel betrifft.
Fazit: Ein Roman, der in Erinnerung bleibt, aber der bei mir viele Fragen offenließ. Eine Story, die einem Märchen ähnlich ist, Schuld und Sühne inklusive.
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