Wer sich als Frau schon jahrelang mit Rheuma, Fibromyalgie, chronischem Schmerzsyndrom und Arthrose herumschlägt, dem wird einiges bekannt vorkommen in diesem Buch. Aber so präzise, wie hier insbesondere ...
Wer sich als Frau schon jahrelang mit Rheuma, Fibromyalgie, chronischem Schmerzsyndrom und Arthrose herumschlägt, dem wird einiges bekannt vorkommen in diesem Buch. Aber so präzise, wie hier insbesondere die Auswirkungen auf den weiblichen Körper und auch die weibliche Psyche beschrieben werden, habe ich es noch bei keinem (mir bekannten) Buch erlebt. Die Autorin spricht ihre Leserinnen direkt an, sie geht sofort und per Du in die Vollen, zeigt Defizite auf und Chancen. Ihre Vier-Wochen-Starter-Pläne wird kaum jemand alle auf einmal in Angriff nehmen, aber wenn ich neben der wöchentlichen, bisher schon geübten Gymnastik und dem Ergometertraining nun versuche, endlich meine Ernährung etwas zu verändern, dann hat dieses Buch schon sehr viel geschafft.
Der Satz "Entzündliches Rheuma betrifft nicht nur deine Gelenke oder dein Immunsystem – es verändert dein ganzes Leben." fällt mitten im Buch, er könnte aber als Motto schon auf Seite 1 stehen! Genau das ist das Problem, dass es nicht nur die Schmerzen oder die Nebenwirkungen der Medikamente sind, das sind ja vom Arzt "bekämpfbare" Symptome, es ist das sogenannte "Allgemeinbefinden", das leidet. Bei der Arbeit, wie bei der Hausarbeit, in den privaten Beziehungen und Freundschaften wirkt sich das aus und als chronisch Kranker ist es schwierig, das anderen Menschen begreiflich zu machen. Deshalb empfehle ich das Buch nicht nur betroffenen Frauen, sondern auch ihren Partnern, erwachsenen Kindern, Freunden oder Kollegen.
Der Schweizer Schriftsteller und Journalist Michael Hugentobler legt einen Roman vor, der seinesgleichen sucht. Ich bin absolut fasziniert von dieser Familiengeschichte, die man auch Familientragödie oder ...
Der Schweizer Schriftsteller und Journalist Michael Hugentobler legt einen Roman vor, der seinesgleichen sucht. Ich bin absolut fasziniert von dieser Familiengeschichte, die man auch Familientragödie oder Familienkomödie nennen könnte. Alles Arten von Unterhaltung, die gesammelt in einem einzigen Buch köstlich zu lesen sind, manchmal erschüttern und oft sprachlos machen. Hugentobler hat schon die ganze Welt bereist, er lässt seine Leser teilhaben an einer Fülle von Eindrücken, jeden beschreibt er, als hätte er ihn persönlich und genauso erlebt. Der Verlag vergleicht Hugentobler in seiner Ankündigung mit Mariana Leky und Nelio Biedermann, Vea Kaiser und John Irving. Dem stimme ich nach der Lektüre vorbehaltlos zu. Wobei ich insbesondere den Vergleich mit John Irving sehr treffend finde, vielleicht liegt es an den Bären oder an den Charakterstudien?
Auf dem Cover sieht man eine Familie, die offenbar in recht wilder Umgebung lebt und nicht besonders reich aussieht. Der Roman stellt sie uns vor, lässt sie zu lebendigen Menschen werden und mir sind sie irgendwie ans Herz gewachsen, so seltsam sie sich auch verhalten.
Worum geht es? Die deutsche Familie Lieber – dem Namen nach jüdischen Ursprungs – wandert Anfang des 20. Jahrhunderts aus, lässt sich in der Schweiz nieder und wartet (vergeblich) auf die Einbürgerung. Die vier Geschwister Belle (Isabelle), Cob (Jacob), Anne (sie heißt wohl so) und Elfie (Elfriede) empfinden die Schweiz als zu eng, zu wenig anheimelnd. Drei wandern aus und versuchen ihr Glück in der Ferne, Mamme Lieber (die Mutter) bleibt mit dem todkranken Vater zurück. Belle findet nach ihrer verlorenen Jugendliebe aus Deutschland, Baron Hirsch (Baron ist sein Vorname, kein Adelstitel) einen seltsamen Mann namens Robert, und geht mit ihm nach Brasilien, dort, wo alles grünt und blüht, wollen sie ihr Glück machen, was nicht gelingt, aber es gelingt ein kleiner Sohn, Max. Cob ist ein Turntalent, er wandert nach Deutschland aus, wird Zirkusartist, und hat später arge Schwierigkeiten, das Land wieder unbeschadet mit seiner großen Liebe Mira zu verlassen. Anne hat sich für Australien entschieden und ihre rebellische Art bringt sie sehr nahe an diverse Abgründe, sie wird einen Jungen adoptieren, Pedro, das Kind von Anarchisten. Elfie, die Einzige, die in der Schweiz bleibt, arbeitet rund um die Uhr, sie ist es auch, die die Familienbande oder besser die Fäden in der Hand behält und die Verbindungen untereinander und alle Geschichten bewahrt.
Elfies Sohn Constantin Kyd wird nach ihrem Tod all die unbekannten Puzzleteile zusammenfügen wollen. Ob ihm das gelingt und was er dabei noch erfährt, das lasse ich jeden selbst lesen. Es sind viele wunderbare kleine Begebenheiten und Erinnerungen, die in diesem Buch ans Licht kommen und von Hugentobler so lesenswert beschrieben werden.
Der Autor zeichnet jeden Protagonisten mit einer leichten Feder, ich konnte mir die vier Geschwister, ihre Liebschaften, ihre Kinder, ihr Glück und besonders ihr Unglück bildhaft vorstellen. Ein Buch, das ein wahres Kopfkino in Gang setzt, nicht nur mit zahlreichen Personen, ihren Gefühlen und Gedanken, sondern auch mit den Farben und Gerüchen der weiten Welt. Sei es der Urwald von Brasilien oder Sydney oder Rorschach, ich fühlte mich mittendrin.
Fazit: absolut lesenswert, wenn einem die Bücher der im ersten Absatz genannten Schriftsteller gut gefallen. Allen anderen gebe ich auch eine Leseempfehlung, vielleicht ist es Neuland, aber das betreten Hugentoblers Protagonisten ja auch.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Seit ich vor zwei Jahren „Isidor“ von Shelly Kupferberg gelesen habe, ist mir die Geschichte ihres Urgroßonkels nie mehr aus dem Kopf gegangen. Ich freute mich sehr über die Ankündigung des neuen Romans ...
Seit ich vor zwei Jahren „Isidor“ von Shelly Kupferberg gelesen habe, ist mir die Geschichte ihres Urgroßonkels nie mehr aus dem Kopf gegangen. Ich freute mich sehr über die Ankündigung des neuen Romans und ich wurde nicht enttäuscht. Shelly Kupferberg schreibt so poetisch, lebendig und mit so viel Empathie für ihre Protagonisten, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Ich las die Lebensgeschichte der Frau Martha immer mit Tränen in den Augen, weil ich mit ihr fühlen konnte, als wäre sie meine Verwandte. Meine Oma war auch eine Schneidertochter, machte den Haushalt und kümmerte sich um die Buchführung. Martha erinnert mich ein wenig an sie, besonders mit ihrem stolzen Spruch, mit dem sie sich bei den Brüdern Berkowitz um eine Stelle als Hausbesorgerin bewirbt »Ich bin das einzige Kind sehr gewissenhafter, frommer Menschen. Bescheidenheit, Verantwortung und Sparsamkeit wurden mir in die Wiege gelegt. Ich habe schon früh gelernt zu haushalten.« Wie schwer es ihr mit den Jahren fallen wird, allen Anforderungen gerecht zu werden, das weiß sie da noch nicht. Auch die persönlichen Verflechtungen mit der Familie Berkowitz stehen noch in den Sternen. Denn zuerst lernt Martha – die tatsächlich die begehrte Stelle erhalten hat, inklusive einer Wohnung in dem Schöneberger Mietshaus – ihren Willy kennen. Der ist Briefträger und wird nach längerem Werben dann auch ihr Ehemann. So ganz einfach hat der Willy es auch nicht mit seiner Martha, denn die pflegt die oben beschriebenen Eigenschaften nicht nur für ihr Dienstverhältnis, sie ist auch im Privatleben sehr, sehr sparsam und gewissenhaft. Aber Willy nimmt das gelassen und so verläuft die Ehe wie viele, nur leider ohne Kinder, denn nach dem ersten, verlorenen darf Martha nie wieder schwanger werden.
Kinder sind es aber, die ihren Blick oft anziehen, als ihr Dienstherr Henry Berkowitz sein Töchterchen Liane bekommt, stellt sich ein ganz besonderes Verhältnis ein. Henrys Ehefrau, russische Emigrantin und Sängerin, ist nicht die ideale Mutter; Martha ersetzt Liane zwar die Mutter nicht, aber sicher eine liebevolle Tante. Diese innige Beziehung besteht von der Geburt der kleinen Liane bis an ihr bitteres Ende.
Shelly Kupferberg beschreibt also nicht nur den Lebensweg der Martha, sondern die tragische Lebens- und Familiengeschichten der Berkowitz‘, auch der mit Berkowitz befreundeten Familie Samulewitsch, aber auch der Mitbewohner, Nachbarn und Bekannten. Mich hat dieses Buch sehr berührt, die schwersten Prüfungen, die alle, auch Martha und Willy bestehen müssen, die überleben wollen und es doch nicht immer können, das las sich trotz des angenehmen, leichten Schreibstils der Autorin überhaupt nicht leicht. Es machte mir das Herz schwer, welchen Qualen die Menschen ausgesetzt waren im Nationalsozialismus. Es sind nicht nur die Folterqualen, es ist der psychische Druck, der die Menschen nachhaltig beschädigt hat. Nicht jeder war und ist in der Lage, diese Traumata zu überstehen.
Ein Schlüsselmoment im Roman war für mich die Beschreibung des Badevergnügens von Liane und Remus im Sommer 1940, er erinnerte mich schlagartig an den Film „Hilde“, der die Geschichte von Hilde Coppi und der „Roten Kapelle“ erzählt. Ich hatte nicht, was ich sonst leider viel zu oft tue, das Nachwort zuerst gelesen. Hier wird Shelly Kupferberg die gut recherchierten Details zu diesem Roman erklären. Für mich wurden die Zusammenhänge noch während des Lesens klar, ich verrate hier keine Geheimnisse, das Schicksal von Liane Berkowitz ist öffentlich nachzulesen u. a. bei Wikipedia. Ich erinnerte mich direkt an ihren Namen beim Lesen, sie ist eine der Frauen aus dem Biografienband „Frauen gegen Hitler - Weiblicher Widerstand im ‚Dritten Reich‘“ von Christiane Kruse, erschienen 2024 beim BeBra Verlag. Und sie war eine von 50 Porträtierten, die mir so stark im Gedächtnis geblieben sind.
Zufällig ist auch in meiner weitverzweigten jüdischen Familienhälfte ein Alex Zadik Berkowitz, er hat sich diesen Namen selbst erwählt, wie einen Künstlernamen, und er starb im KZ Buchenwald. Ich habe mich lange und intensiv mit Recherchen zu Holocaustopfern und überlebenden Familienangehörigen beschäftigt, es ist sehr mühsam und aufwendig, bis so ein Buch entstehen kann. Die Hilfe von dem im „Dank“ erwähnten Johannes Tuchel und seinen Mitarbeitern kam auch meiner Arbeit zugute. Mein Vater wurde im Alter von 24 Jahren 1935 wegen Hochverrats zu zwölf Jahren Zuchthaushaft verurteilt, die nach zehn Jahren endete, weil er von der Roten Armee befreit wurde. Wäre er den Nazihäschern Anfang der 1940er Jahre in die Hände gefallen, hätte auch er ein Todesurteil erhalten. Ich hatte das während des Lesens immer im Hinterkopf, wie unsagbar tapfer Liane Berkowitz und all die anderen Widerstandskämpfer waren. Sie wussten, dass ihnen der Tod drohte. Und haben trotzdem mit ihren Aktionen nicht aufgehört.
Fazit: Shelly Kupferberg gelingt es, Menschen, die schon lange tot sind, in das Gedächtnis zurückzuholen, ihnen ein literarisches Denkmal zu setzen, der einfachen Frau Martha ebenso, wie der Widerstandskämpferin Liane Berkowitz, wie den Bewohnern dieses Schöneberger Mietshauses oder den Samulewitschs. Und es spielt keine Rolle, ob die Romanfiguren fiktiv oder real sind, ich sehe sie alle symbolisch für die Opfer des Nationalsozialismus. Der wunderbare Schreibstil lässt einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen, es fesselt bis zum Schluss. Absolute Leseempfehlung!
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Warum habe ich gerade zu diesem Buch gegriffen? Der Name des Autors? Er ist mir bekannt, weil ich regelmäßig die Feuilletonseiten der FAZ lese. Aber das war nicht der Grund, auch der Titel „Entscheidung ...
Warum habe ich gerade zu diesem Buch gegriffen? Der Name des Autors? Er ist mir bekannt, weil ich regelmäßig die Feuilletonseiten der FAZ lese. Aber das war nicht der Grund, auch der Titel „Entscheidung in Spanien“ war es nicht, erst beim Untertitel bin ich stehengeblieben. Es kamen mir gleich mehrere Bücher, die ich vor Kurzem über Literatur vor und im Zweiten Weltkrieg gelesen habe, in den Sinn: Uwe Wittstock mit „Februar 33“ und „Marseille 1940“, Uwe Neumahrs „Die Buchhandlung der Exilanten“, das große Nachschlagewerk von Helmut Kiesel „Schreiben in finsteren Zeiten“ und auch Florian Illies‘ „Wenn die Sonne untergeht“. Immer sind es solche Sachbücher, die die Verknüpfung von Geschichte und Literatur/Literaten bezeugen, die mich besonders interessieren. Nun also der Spanische Bürgerkrieg. „Der große Kampf der Literatur 1936-1939“. Ich war gespannt.
Paul Ingendaay ist ein absoluter Kenner Spaniens, seiner Geschichte und seiner Literatur, das bezeugen auch unzählige Artikel zu Schriftstellern, Büchern oder Ereignissen, die er kommentiert hat. Ein Beitrag brachte mich zum Schmunzeln, er erwähnte im Zusammenhang mit Francos 50. Todestag auch einige wichtige Biografien, insbesondere die „monumentale“ von Paul Preston, der er bescheinigte, dass sie „wohl nur Spezialisten von vorn bis hinten durchlesen.“ (FAZ, 18.11.25) Nach der Lektüre von „Entscheidung in Spanien“ bin ich davon überzeugt, dass Ingendaay wohl einer dieser Spezialisten ist. Sein durch Quellen aus Dokumenten und Büchern belegtes Wissen, an dem er mich als Leser teilhaben ließ, hat mich geradezu überwältigt. Aber nicht erschlagen! Das möchte ich betonen, denn Ingendaay ist es gelungen, eine „Erzählung“ (siehe FAZ.net-Podcast „Jakobsweg und Bürgerkrieg“ vom Dez. 2025) zu gestalten, die trotz der vielen Details gut lesbar und verständlich bleibt. Dass er als berufstätiger Autor dieses Werkes auch wirkliches Durchhaltevermögen bewiesen hat, wird einem als Leser spätestens dann klar, wenn man Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Personenregister studiert hat. Aber wer den Jakobsweg schafft, schafft auch dies. Meine Hochachtung vor beidem!
Zum Inhalt: Der Spanische Bürgerkrieg wurde mir in der Schule als ein Kampf der Kommunisten für ein freies Spanien erklärt, wir lernten das Lied „Spaniens Himmel…“ und wir schauten den Film „Hans Beimler – Kamerad“, da war ich gerade 15 Jahre alt und sehr beeindruckt. Dass dieser Krieg ein guter Übungsschauplatz für Hitlers und Mussolinis Soldaten, besonders die Flieger, und für die Technik war, wird allgemein als Wissen vorausgesetzt. Jetzt, 2026, jährt sich der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zum 90. Mal, ich empfinde es als guten Anlass, dieses Buch sehr gründlich zu lesen. Denn es enthält sehr viel mehr als mein damaliges Schulwissen und die bruchstückweise Beschäftigung mit dem Thema in den letzten Jahren (z. B. der Gerda-Taro-Roman „Der Blick einer Frau“, der Film „Liebe am Werk – Gerda Taro & Robert Capa“ oder die Arte-Doku „Der Spanische Bürgerkrieg - Ein langer Weg zur Versöhnung“). Dass es auf Seiten der Republikaner nicht nur Kommunisten waren, die für die Republik kämpften, das wird in diesem Buch überdeutlich, die Rolle der Anarchisten wird herausgehoben, aber auch der Einfluss Moskaus auf die Kriegführung, die die Strategie und Taktik dieses Krieges massiv beeinflusste. Dass es am Ende auch die Übermacht deutscher und italienischer Kampfverbände, insbesondere der deutschen Luftwaffe, war, die den Ausgang des Krieges herbeiführten, wird überdeutlich. Aber dass dieser Krieg dermaßen brutal und blutig auf beiden Seiten geführt wurde, ohne Pardon, das musste ich erst einmal verarbeiten.
Die in diesem Buch – nachdem die Ausgangslage kurz und anschaulich geschildert wurde – nach und nach auftauchenden Schriftsteller, die teilweise auch auf Seiten der Internationalen Brigaden kämpften, aber teilweise auch „nur schauen“ wollten, was in Spanien passiert, haben große Namen: Ernest Hemingway, Orson Wells, Erika und Klaus Mann, ich will sie hier nicht weiter aufzählen, hinzu kamen Fotografen und andere. Dass diese Intellektuellen schreiben, fotografieren und natürlich auch Geld verdienen wollten, liegt in der Natur der Sache. Interessant fand ich die eingestreuten Gedanken und Gefühle von Thomas Mann, der zwar aus der Ferne, aber mit sehr wachem Geist den Ereignissen, soweit er sie verfolgen konnte, seine Aufmerksamkeit widmete. Dass er nicht immer ein empathischer Zuhörer war, selbst wenn der Gast Artur Koestler hieß, verwundert nicht, wenn man seine „Marotten“ kennt. Koestler jedenfalls hat seine klinische Angstneurose das Leben gerettet. Man sollte also auch den Faktor Angst in einem Krieg nicht unterschätzen. An den „Mann“ konnte er diese Erkenntnis nicht so recht bringen.
Den Internationalen Brigaden widmet Ingendaay breiten Raum, aber er betrachtet sie auch mit kritischem Blick. Zitat: „Aber einen Vorteil hat die Republik von Anfang an: Die Kulturwelt – Literaten, Künstler, Musiker, Intellektuelle – ist mehrheitlich auf ihrer Seite. Die kommunistischen Parteien Europas rufen zur Unterstützung der Republik auf, schreiben flammende Artikel und sammeln Geld.“ Sie war aber nicht in der Lage, diesen Vorteil tatsächlich auszunutzen. Dass es maßgeblich an den Kommunisten lag, dass die Spanische Republik nach drei Jahren verlosch und sich der Hass und die grausame Abrechnung der Francisten Bahn brechen konnten, sollte niemand vergessen. Ich denke an die Leichtigkeit, mit der heute nicht genehme politische Gegner von den Linken zu „Faschisten“ degradiert werden. Und dann denke ich daran, wohin dieser ungezügelte Hass führen kann.
Mit dem Kapitel VIER, 1939, endet ein blutiger Krieg, die Opfer sind bis heute nicht alle gefunden, die Narben bis heute nicht alle verheilt. Nach dem Lesen dieses Buches sehe ich Spanien vor mir als eine zerrissene Landkarte, der nördliche Teil geht in blutroten Flammen auf, der südliche erstickt in Blutlachen, der Riss quer durchs Land ist gefüllt mit Toten, verbrannten Büchern, zerstörten Kirchen, zerbombten Städten, hungernden Kindern und trauernden Hinterbliebenen. Vielleicht hätte mich dieses grausame Bild auf dem Buchumschlag eher angezogen als die heile Stadtlandschaft es getan hat.
Fazit: Dieses Geschichtssachbuch liest sich flüssig wie ein Roman, spannend wie ein Krimi und birgt so viele interessante Details, dass ich es gleich noch einmal lesen möchte. Der Spanische Bürgerkrieg ist mir erstmals wirklich nahe gekommen mit all seiner Tragik und mit der (wiederholten) Erkenntnis, dass Kriege immer nur Verlierer hervorbringen, auch wenn sie meinen gewonnen zu haben. Unbedingte Leseempfehlung. Fünf Sterne sind eigentlich nicht ausreichend für die Bewertung.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Svenja Leiber hat sich ein schwieriges und nicht sehr populäres Thema für Ihren neuen Roman ausgewählt: Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Bekannt ist, ohne die 20 Millionen Zwangsarbeiter ...
Svenja Leiber hat sich ein schwieriges und nicht sehr populäres Thema für Ihren neuen Roman ausgewählt: Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Bekannt ist, ohne die 20 Millionen Zwangsarbeiter aus den besetzten Ländern hätte Deutschland den Krieg niemals so lange und hartnäckig führen können.
Bei „Nelka“ geht es in der Hauptsache um junge Frauen, die von der Straße weg nach Deutschland verfrachtet wurden wie Vieh und die in Deutschland oftmals noch schlechter als Vieh behandelt wurden. Und trotzdem haben viele durchgehalten, sich mit dem Wenigen am Leben gehalten, was die Herrenmenschen ihnen überließen. Manchmal war es Essen, manchmal ein Lächeln oder ein heimliches Bad im Teich. Nelka, die Hauptperson in diesem Roman, hatte es von Lemberg/Lwiw/Lwow nach Norddeutschland verschlagen, ihre Kenntnisse vom Apfelanbau, die sie vom Vater erfuhr, sind ihr Überlebensmittel, ebenso wie ihre deutschen Sprachkenntnisse. Marten, der Verwalter des Gutes, auf dem sie schuften muss, erkennt ihre Gabe und nutzt sie aus.
Zwischen beiden entwickelt sich eine sanfte Bindung, aber als der Krieg zu Ende ist, kennen beide nur eins: weg vom Gut. Marten aus Angst vor Vergeltung durch die Zwangsarbeiter, Nelka mit dem Ziel, wieder nach Hause zu kommen.
50 Jahre später wird Nelka nach Deutschland reisen, um Marten, den Hof und Gonda, die Tochter ihre Freundin, zu besuchen. Welchen Grund aber diese Reise hat, das erfährt der Leser erst zum Schluss. Da werde ich auch nicht vorgreifen.
Svenja Leiber hat trotz des unmenschlichen Themas eine sehr poetische Sprache für alle Geschehnisse gefunden. Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen, auch wenn es mich mitunter hat traurig werden lassen. Einiges hat mich sehr an die Erzählungen meiner Mutter erinnert, die mit 14 Jahren auf einem Bauernhof Arbeitsdienst leisten musste, als Deutsche sicher noch privilegiert, als Halbjüdin aber missachtet. Ihre heimliche Freundschaft zu französischen Zwangsarbeitern durfte niemals ans Licht kommen.
Hier ein Zitat, das mir sehr gefallen hat: »Menschen sind darauf bedacht, ihre Untaten zu verwischen, Gonda, auch bei uns. Aber die Natur ist wahrhaftig. Die Natur«, sagt Nelka, »spricht immer die Wahrheit. Sie erinnert, ohne dass wir sie dazu auffordern müssen. Nur Menschen sind vergesslich. Die Natur sehen bedeutet, sie zu lesen, auch wenn sie vom Tod handelt.«
Mich hat der Roman an „Irina“ von Sasha Colby erinnert, die darin die Geschichte ihrer Großmutter erzählt, und an Natasha Wodins „Sie kam aus Mariupol“ erinnert. Svenja Leibers Buch passt gut dazu, auch wenn es fiktional ist, wirkt es sehr wirklichkeitsnah. Das trifft auch auf die nach dem Krieg weitererzählten Leben von Nelka und Marten zu. Die Herrenmenschen schütteln sich wie Hunde nach dem Bad, darauf bezieht sich auch die Überschrift meiner Rezension, die gleichfalls ein Zitat ist. Die Zwangsarbeiter aber leiden ihr Leben lang.
Am Ende des Buches gibt es ein Nachwort, dass die Entstehung dieses Romans erläutert, das Interesse der Autorin erklärt. Schade, dass dieser in so wohlklingenden Sätzen verfasste Roman im Nachwort Gendersternchen und betont geschlechtergerechte Sprache verwendet. Das hat mich sehr verwundert. Da mir aber der Roman gut gefallen hat, lasse ich dies nicht in meine Bewertung einfließen.
Fazit: Ich gebe eine Leseempfehlung. Für alle, die sich häufig mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen, ist die Lektüre eigentlich ein Muss. Die Welt der Zwangsarbeiter wird nicht sehr oft so anschaulich und emotional beschrieben.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.