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Veröffentlicht am 22.05.2026

Julian darf er selbst sein

Julian ist eine Meerjungfrau
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“Julian ist eine Meerjungfrau” von Jessica Love hat mich sofort angesprochen - zuerst wegen des Titels, dann wegen des Klappentextes und schließlich wegen der Illustrationen, die schon auf den ersten Blick ...

“Julian ist eine Meerjungfrau” von Jessica Love hat mich sofort angesprochen - zuerst wegen des Titels, dann wegen des Klappentextes und schließlich wegen der Illustrationen, die schon auf den ersten Blick eine besondere, warme Stimmung erzeugen. Die Geschichte um den kleinen Jungen Julian, der Meerjungfrauen über alles liebt, hat mich tief berührt. Als er im Zug drei als Meerjungfrauen verkleidete Frauen sieht, beginnt für ihn ein inneres Leuchten, das sich durch das ganze Buch zieht. Seine Fantasie, seine Kreativität und sein Mut, sich selbst auszudrücken, sind so liebevoll dargestellt, dass man ihn sofort ins Herz schließt.

Besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der Julian sich mit einer Gardine und Topfpflanzen ein eigenes Meerjungfrauenkostüm bastelt. Man spürt seine Freude, aber auch seine Unsicherheit, als die Oma ihn entdeckt. Für einen Moment glaubt man, dass er Ärger bekommt – und genau hier setzt das Buch ein Zeichen, das wichtiger kaum sein könnte. Die Oma reagiert nicht mit Ablehnung, sondern mit Wärme, Verständnis und echter Unterstützung. Sie schenkt ihm sogar eine ihrer Perlenketten, damit sein Kostüm vollständig wird und nimmt ihn mit zu einer Parade, bei der alle Menschen als Meereswesen verkleidet sind. Dort kann Julian ganz er selbst sein und sich zugehörig fühlen.

Was dieses Bilderbuch zusätzlich so besonders macht, ist die Tatsache, dass es nur sehr wenig Text enthält. Die Illustrationen tragen die Handlung fast vollständig und erzählen Julians Geschichte auf eine Weise, die ohne viele Worte auskommt. Die Bilder sprechen für sich, transportieren Emotionen, Atmosphäre und Botschaft mit einer Klarheit, die man nicht erklären muss. Gerade dadurch entsteht diese stille, eindringliche Wirkung, die lange nachhallt.

Es sind die feinen Untertöne, die das Buch so wertvoll machen. Die Botschaft, dass auch Jungen Meerjungfrauen, Verkleidungen und Schminke mögen dürfen, ist so selbstverständlich und gleichzeitig so notwendig. Noch immer ordnet die Gesellschaft solche Dinge überwiegend Mädchen zu und stempelt Jungen, die sie mögen, als Außenseiter ab. Jessica Love zeigt, wie falsch und verletzend das ist – und wie viel Selbstvertrauen Kinder entwickeln können, wenn man ihnen vermittelt, dass sie richtig sind, genauso wie sie sind. Die Bilder, wie Julian stolz und lächelnd neben seiner Oma durch die Stadt läuft, gehören für mich zu den schönsten Momenten des Buches.

Ein wunderbares Detail ist die reale Inspiration der Parade im Buch: die “Coney Island Mermaid Parade”, die jedes Jahr zur Sommersonnenwende in Brooklyn stattfindet. Die Kostüme dort sind genauso farbenfroh, fantasievoll und kunstvoll wie im Buch - ein Fun Fact, der die Geschichte noch lebendiger macht.

Die Illustrationen von Jessica Love machen das Buch zu einem visuellen Erlebnis. Die erdigen Hintergründe lassen die farbigen Akzente leuchten, ohne jemals aufdringlich zu wirken. Die Bilder strahlen Ruhe aus, erzeugen ein echtes Wohlgefühl und transportieren gleichzeitig so viele Emotionen. Die vielen kleinen Details - Julians Meerjungfrauenbuch im Zug, der wechselnde Ausblick aus dem Fenster, die Verwandlung des Hauseingangs von schlicht zu farbenfroh - zeigen, wie viel Liebe in jedem Strich steckt. Auch die Kostüme der Parade sind traumhaft gestaltet und laden dazu ein, jedes Bild länger zu betrachten.

Fazit: Ein wunderschönes, warmherziges Bilderbuch über Akzeptanz, Diversität und Individualität, das mit wenigen Worten und starken Bildern zeigt, wie viel es bewirken kann, wenn Kinder einfach sein dürfen, wer sie sind. Für mich ein wunderbares Kinderbuch über Diversität.

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Veröffentlicht am 13.05.2026

Ein Sommerroman, der mitten ins Herz trifft

Last Kiss of Summer
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Sommerromane haben für mich gerade einen ganz besonderen Reiz. Vielleicht liegt es am sonnigen Wetter, vielleicht daran, dass man endlich wieder gemütlich auf der Terrasse lesen kann – aber „Last Kiss ...

Sommerromane haben für mich gerade einen ganz besonderen Reiz. Vielleicht liegt es am sonnigen Wetter, vielleicht daran, dass man endlich wieder gemütlich auf der Terrasse lesen kann – aber „Last Kiss of Summer“ hat mich schon mit seinem Cover sofort eingefangen. Der rosa getönte Himmel, das Meer im Hintergrund, die Figuren in sommerlicher Kleidung: All das versprach Leichtigkeit, Wärme und eine klassische Young-Adult-Romance mit Friends-to-Lovers und Second-Chance Tropes. Zwei beste Freunde aus Kindheitstagen, erste Liebe, Missverständnisse, ein wahrscheinliches Happy End – was sollte da schon schiefgehen? Wie sich herausstellt: sehr viel mehr, als man erwartet.

Denn diese Geschichte besitzt eine Tiefe, die man dem Cover und dem Klappentext nicht ansieht. Ich habe gelacht, mitgefiebert – und seit Langem nicht mehr so sehr bei einem Buch geweint. Taschentücher sind beim Lesen definitiv Pflicht. Gleichzeitig möchte ich gar nicht zu viel über die Handlung verraten, denn schon kleine Details könnten Wendungen vorwegnehmen, die ihre volle Wirkung nur entfalten, wenn man sie selbst erlebt.

Sera und Luke sind zwei Figuren, die sich sofort echt anfühlen. Ihre Gefühlswelt ist feinfühlig, nachvollziehbar und manchmal schmerzhaft authentisch. Beide tragen ihre eigenen Lasten mit sich herum, beide verheimlichen einander Dinge, obwohl sie beste Freunde sind – und genau daraus entstehen die Konflikte. Sie reagieren wie 18‑Jährige nun einmal reagieren: impulsiv, eifersüchtig, unsicher, manchmal verschlossen. Ja, manches Drama hätte sich mit Ehrlichkeit vermeiden lassen, aber dann wäre es kein Jugendroman, sondern eine Therapiesitzung.

Besonders beeindruckt haben mich die unerwarteten Wendungen. Ich war fest überzeugt, die Richtung der Geschichte zu kennen, doch sie hat mich mehrfach überrascht – und genau das hat sie für mich in den 5‑Sterne‑Bereich katapultiert. Es ist lange her, dass mich ein Buch so sehr mitgerissen hat, dass ich es an einem Tag durchgelesen habe. Dieses hat es mühelos geschafft. Und das Ende… auf seine ganz eigene Art wunderschön, bittersüß und absolut tränenreich.

Fazit: „Last Kiss of Summer“ ist weit mehr als eine sommerliche Young-Adult-Romance. Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt über Freundschaft, Verlust, erste Liebe und den Mut, offen mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Ein Buch, das man nicht nur liest, sondern fühlt – und das lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 12.05.2026

Bezaubernde Hommage an die Autorin, die meine Kindheit geprägt hat

Kennst du Astrid Lindgren?
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Schon in der Grundschule war Astrid Lindgren für mich mehr als nur eine normale Autorin. Pippi Langstrumpf war mein Lieblingsbuch, Ronja Räubertochter mein liebster Film, und das schönste Geburtstagsgeschenk ...

Schon in der Grundschule war Astrid Lindgren für mich mehr als nur eine normale Autorin. Pippi Langstrumpf war mein Lieblingsbuch, Ronja Räubertochter mein liebster Film, und das schönste Geburtstagsgeschenk war ein dicker Madita-Sammelband, den ich bis heute wie einen Schatz hüte. In meinem Bücherregal gab es ein eigenes Fach nur für meine Astrid-Lindgren-Sammlung. Rückblickend kann ich also mit voller Überzeugung sagen, dass sie meine erste Lieblingsautorin war.

Vielleicht spricht mich dieses Buch deshalb so an. Kennst du Astrid Lindgren? fühlt sich an wie eine liebevolle Einladung, meinen Kindern genau jene zeitlosen Klassiker ans Herz zu legen, die mich selbst geprägt haben. Geschichten über Freundschaft, Mut, Optimismus und den eigenen Kopf; all das, was Kinder brauchen, um ihre ganz persönlichen Abenteuer zu meistern.

Besonders spannend fand ich den Blick in Astrid Lindgrens Kindheit und in ihr Leben, lange bevor sie zur weltberühmten Autorin wurde. Irgendwie hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm, dass sie auch die Lieder zu den Filmen und Kinderserien selbst geschrieben hat. Das hat bei uns sofort einen kleinen Familienmoment ausgelöst: Wir haben unser altes Liederbuch wieder hervorgeholt - Das große Astrid Lindgren Liederbuch vom Oetinger Verlag aus dem Jahr 2007, das ich früher bei meiner Arbeit im Kindergarten und Schulhort ständig benutzt habe - und gemeinsam ein paar der Lieder gesungen. Meine Kinder kennen diese Lieder seit ihrer Geburt, und das gemeinsame Singen hat viele sehr schöne Erinnerungen in uns wachgerufen.

Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie viel man über Astrid Lindgren erfahren und lernen kann. Ein Zitat von ihr hat uns besonders zum Lachen gebracht, vor allem meine Kinder - sie wissen nur zu gut, wie es aussieht, wenn ich versuche, in Bäumen herumzukraxeln, um Kirschen zu pflücken. Gleichzeitig ist es faszinierend zu entdecken, wie viele Elemente aus ihrem eigenen Leben in ihre Kinderbücher eingeflossen sind.

David Sundin hat Texte geschrieben, die die Stationen ihres Lebens wunderbar einfangen. Sie sind informativ, kindgerecht und genau in der richtigen Länge, damit junge Leser:innen den Inhalt gut aufnehmen können. Die Illustrationen von Amanda Berglund strahlen in kräftigen Farben und machen jede Seite zu einem kleinen Kunstwerk. Überall gibt es liebevolle Details zu entdecken: den Teppich unter Astrids Schreibtisch, aus dem Blumen wie auf einer Wiese wachsen, Bilder von Pippi und Michel an der Wand oder den kleinen Herrn Nilsson, der auf der Sofalehne sitzt.

Für mich ist dieses Buch eine rundum gelungene Hommage an eine der bedeutendsten Kinderbuchautorinnen überhaupt. Ich wünsche mir sehr, dass durch solche Bücher noch viele Kinder und Eltern auf Astrid Lindgren aufmerksam werden. Denn Kinder brauchen nicht nur Figuren wie Peppa Wutz, Paw Patrol oder MarvelHelden. Sie brauchen kleine, echte Helden, mit denen sie sich identifizieren können, weil sie ähnliche Sorgen, Freuden und Herausforderungen erleben wie sie selbst. Genau deshalb hoffe ich, dass uns diese wunderbaren Klassiker noch sehr lange erhalten bleiben.

Fazit: Ein warmherziges, wunderschön gestaltetes Buch, das Astrid Lindgrens Leben für Kinder greifbar macht und gleichzeitig die Magie ihrer Geschichten weiterträgt. Für mich ein echtes Herzensbuch und ein Geschenk an die nächste Generation kleiner Leser:innen.

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Veröffentlicht am 03.05.2026

Ein Kind sucht Halt – und findet Worte

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein autofiktionaler Roman, in dem Lilli Tollkien ihre Kindheitserlebnisse aus den 80er Jahren literarisch verarbeitet. Die Protagonistin Lale ist zwar erfunden, ...

„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein autofiktionaler Roman, in dem Lilli Tollkien ihre Kindheitserlebnisse aus den 80er Jahren literarisch verarbeitet. Die Protagonistin Lale ist zwar erfunden, aber man spürt sofort, wie nah die Handlung an der Realität der Autorin liegt. Ich habe mir bewusst Zeit gelassen, um dieser Art von Erinnerungsarbeit gerecht zu werden, und das hat meinen Zugang zum Buch verändert.
Der Roman spricht sehr ernste Themen an: Alkoholsucht, Drogenkonsum, Vernachlässigung, verbale, psychische sowie sexualisierte Gewalt. Beim Lesen geht man durch viele Emotionen. Man ist betroffen, wütend, traurig, manchmal abgestoßen, und gleichzeitig fühlt man Lales Angst, ihre Verletzlichkeit, ihre Verlorenheit und ihre Suche nach Halt. Es gibt Momente, in denen man das Buch einfach zur Seite legen muss, um das Gelesene zu verarbeiten.
Einige Dinge konnte ich sehr gut nachvollziehen, weil ich selbst mit einem alkoholsüchtigen Elternteil aufgewachsen bin. Die morgendlichen Gerüche nach kaltem Rauch und Bier, die Treffen am Kiosk, die übergriffigen „netten“ Erwachsenen, die einen auf den Schoß ziehen wollen – das alles hat mich direkt in meine eigene Kindheit zurückgeworfen. Solche Erfahrungen verändern Kinder nachhaltig, und das zeigt der Roman sehr deutlich.
Gleichzeitig hat das Buch viele nostalgische Momente, die mich als 80er-Jahre-Kind sofort abgeholt haben. Klebrige Schlümpfe, Wassereis, bunte Polyester-Jogginganzüge, Sticker, Kaufhäuser, in denen man alles bekommen hat – das hat schöne Erinnerungen ausgelöst, die neben den schweren Themen stehen, ohne sie zu relativieren.
Am Anfang wirkte der Text auf mich etwas wirr. Als ich dann noch einmal von vorne begonnen und mir mehr Zeit genommen habe, ergab die Erzählweise plötzlich Sinn. Erinnerungen verlaufen nicht linear, sie springen, sie verschieben sich, und genau so erzählt Tollkien. Lale spricht durchgehend aus ihrer Sicht, zwischendurch tauchen Dialoge anderer Personen aus ihrem Umfeld auf. Die Sprache ist poetisch, aber nicht überladen.
Was einen immer wieder beschäftigt, ist die Frage, warum niemand Lale geschützt hat. Warum das Jugendamt Besuche ankündigt. Warum Erwachsene wegsehen, obwohl das Elend offensichtlich ist. Diese Fragen bleiben hängen und machen das Buch so herausfordernd.
Auch das Cover mit dem Bild der Künstlerin Xenia Hausner möchte ich hervorheben. Ich finde es sehr schön – die Farben und der Stil passen unglaublich gut zur Stimmung des Buches. Auf Instagram gibt es ein Foto der Autorin, auf dem sie sich das Cover teilweise vors Gesicht hält, und es ist faszinierend, wie perfekt das Design in seiner Gesamtheit harmoniert.

Fazit: Ein intensiver, poetischer und emotional fordernder Roman, der zeigt, wie ein Kind versucht, in einer instabilen Umgebung Halt zu finden. Für mich sind es 5 Sterne, weil die Autorin ihre Erinnerungen in eine Form bringt, die ehrlich wirkt und lange nachklingt.

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Veröffentlicht am 11.04.2026

Ein Buch, das mich persönlich sehr berührt hat

Pina fällt aus
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Danke an Thalia Book Circle und den List Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die fünf Sterne stehen für ein Buch, das mich auf eine Weise berührt hat, die selten vorkommt. “Pina fällt aus” beginnt mit ...

Danke an Thalia Book Circle und den List Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die fünf Sterne stehen für ein Buch, das mich auf eine Weise berührt hat, die selten vorkommt. “Pina fällt aus” beginnt mit einem Cover, das mich sofort in seinen Bann gezogen hat: der müde, direkte Blick der Frau, der gleichzeitig herausfordert und einlädt, genauer hinzusehen. Die kühle blaue Farbgebung erinnert an Krankenhauslicht und an jene Momente, in denen man erschöpft ist und trotzdem wachsam bleiben muss. Noch bevor ich den Klappentext gelesen hatte, fühlte ich mich in dieser Frau wieder – in ihrer Müdigkeit, ihrer Anspannung und ihrer ständigen Bereitschaft, alles zusammenzuhalten.

Im Roman setzt sich diese Intensität fort. Man ist sofort mitten in Pinas Alltag, in den vielen kleinen Handgriffen, den Ritualen und der ständigen Planung, die notwendig sind, damit der Tag mit Leo nicht aus dem Ruder läuft. Die Darstellung von Leos Gedankenwelt, besonders der Vergleich mit dem Automaten, hat mich tief berührt, weil er so treffend beschreibt, wie man manchmal den richtigen Mechanismus finden muss, damit etwas wieder funktioniert. Viele Szenen haben mich an meinen eigenen Alltag mit meiner Tochter erinnert – an die Supermarkt‑Momente, die fehlende Spontanität, die kostbaren Stunden Allein‑Zeit und die ständige Sorge, was passiert, wenn man selbst einmal ausfällt.

Gerade dieser Gedanke wird im Buch zu einem zentralen Thema, denn Pina fällt tatsächlich aus. Der Moment, in dem sie sich im Krankenhaus wiederfindet, ist ein Wendepunkt. Sie kämpft dort nicht nur körperlich, sondern auch innerlich. Es fällt ihr schwer, nicht ununterbrochen an Leo zu denken. Selbst während der Genesung kreisen ihre Gedanken darum, ob er zurechtkommt, ob er sicher ist, ob jemand seine Bedürfnisse wirklich versteht. Wie sehr sie selbst im Krankenhaus gedanklich bei ihm bleibt, ist so eindringlich geschildert, dass es mich beim Lesen tief berührt hat. Gleichzeitig wird deutlich, wie tief Pina in ihrer Verantwortung verwurzelt ist – selbst in Momenten, in denen sie längst an ihre Grenzen stößt.

Gerade deshalb ist ihre Entwicklung so bewegend. Pina muss lernen, sich auf andere zu verlassen. Sie muss akzeptieren, dass sie nicht alles allein schaffen kann, dass es Menschen gibt, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, und dass Leo nicht nur ihr Kind ist, sondern ein Mensch, der auch in anderen Herzen Platz findet. Der Moment, in dem sie sich eingesteht, künftig auf Leos „drei Vögel“ bauen zu müssen, ist einer der stärksten des Buches. Er zeigt, wie viel Mut es braucht, Hilfe anzunehmen – und wie befreiend es sein kann.

Zola ist dabei eine der Figuren, die mich am meisten überrascht haben. Unter ihrer Wut liegt eine enorme Einfühlsamkeit, die sich vor allem im Umgang mit Leo zeigt. Sie beobachtet, versteht intuitiv, reagiert richtig – und das, obwohl sie selbst kaum Halt bekommt. Ihre Entwicklung ist einer der emotionalsten Fäden des Buches, weil sie zeigt, wie viel Potenzial in einem Menschen steckt, dem niemand etwas zutraut. Gleichzeitig schmerzt es, wie wenig Anerkennung sie von ihrem Vater erhält, der weder zuhört noch versteht, was sie eigentlich braucht.

Inge ist eine Figur, die sich leise, aber kraftvoll ins Herz schleicht. Sie begegnet Zola ohne Vorurteile, hört zu, nimmt sie ernst und schafft damit einen Raum, in dem Zola sich öffnen kann. Ihre ruhige, klare Art und ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, machen sie zu einem emotionalen Ankerpunkt der Geschichte. Gleichzeitig zeigt der Ärger um den Lebensnachweis, wie absurd bürokratische Hürden sein können und wie sehr sie Menschen belasten, die ohnehin schon viel tragen.

Wojtek hat mich ebenfalls berührt. Sein Verhalten wirkt an manchen Stellen so, als würde er selbst irgendwo auf dem Spektrum liegen, ohne dass es benannt wird. Es ist schön zu sehen, wie er durch Leo aufblüht und in der Nachbarschaft eine neue Rolle findet.

Der Roman macht sehr deutlich, wie verschieden Menschen mit Verantwortung umgehen. Manche wachsen daran, andere ziehen sich zurück oder blenden alles aus. Besonders schmerzhaft ist die Distanz mancher Figuren, die Pinas unsichtbare Arbeit nicht sehen wollen oder können. Gleichzeitig wirken die warmen Momente – gemeinsames Essen, kleine Rituale, gegenseitige Unterstützung – dadurch umso intensiver. Die Nachbarschaft mit ihren Geschichten, Problemen und kleinen Geheimnissen verleiht dem Buch zusätzlich Lebendigkeit und zeigt, wie sehr Leo die Menschen um sich herum verbindet.

Am Ende bleibt ein Gefühl von Aufbruch. Die Figuren stehen an einem Punkt, an dem neue Wege möglich werden, ohne dass alles auserzählt wird. Für Pina bedeutet das vor allem, dass sie sich selbst wiederfindet – nicht als jemand, der alles allein tragen muss, sondern als Teil eines Netzes, das sie hält. Dieses offene Ende fühlt sich ehrlich an, wie ein Moment des Durchatmens nach einer langen, schweren Zeit, in dem man spürt, dass Veränderung möglich ist.

Fazit: Ein zutiefst berührender Roman, der mit großer Sensibilität erzählt, wie sich Verantwortung, Erschöpfung, Liebe und Hoffnung im Alltag mit einem behinderten Kind anfühlen. Die Figuren sind vielschichtig, die Emotionen authentisch, und viele Szenen hallen lange nach. Für mich ein starkes, wichtiges Buch, das zeigt, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind – und wie viel Kraft in echter Verbundenheit steckt.

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