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Waschbaerin

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Veröffentlicht am 18.04.2018

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Die letzte wahre Geschichte
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In der Vergangenheit habe ich schon viele schöne Bücher vom Insel Verlag gelesen. Nun schloss sich mit dem Roman "Die letzte Wahre Geschichte" von Tahmima Anam erneut ein außergewöhnlicher Roman an.

Dieses ...

In der Vergangenheit habe ich schon viele schöne Bücher vom Insel Verlag gelesen. Nun schloss sich mit dem Roman "Die letzte Wahre Geschichte" von Tahmima Anam erneut ein außergewöhnlicher Roman an.

Dieses Buch der Kategorie "Schöne Literatur" hat wirklich alles, was mir ein Roman bieten muss. Zuerst erwarte ich eine gute und ausgefeilte - in diesem Fall ist es ein blumige - Sprache. Dazu eine interessante Handlung und was für mich ebenfalls von Bedeutung ist: Das Gelesene muss meinem Denken Weite und Nahrung geben. All das finde ich in dem vorligenden Buch.

Erzählt wird das Leben der Paläontologin Zubaida aus Bangladesch. Verbinden wir dieses Land allgemein mit Armut, so hatte sie das Glück, als Adoptivkind in einer wohlhabenden Familie - die es auch dort gibt - aufzuwachsen und in den USA studieren zu dürfen. Sie führt ein Leben zwischen zwei völlig unerschiedlichen Welten. Schon lange ist für sie klar, dass sie ihren Jugendfreund heiraten und ein traditionelles Leben führen wird. Doch was nicht geplant war ist, dass sie sich in den USA Hals über Kopf in den Amerikaner Elijahr verliebt und eine wunderbare Zeit mit ihm verlebt. Trotzdem geht sie aus Loyalität zurück nach Bangladesch und heiratet. Doch schon wenige Tage nach der Trauung weiß sie, diese Eheschließung war ein Fehler. Obwohl die geplante Eheschließung ihrer Beziehung mit Elijahr ein Ende setzte, versprachen sie sich beim Abschied, mit Hilfe der modernen Technik immer wieder persönliche Botschaften zu schicken, was ihre Verbindung nie ganz abreißen lässt.

Seite 142: "In diesem Augenblick musste ich an das zurückdenken, was du mir über das Verlangen der Seele gesagt hattes, Elijah. Über die Einsamkeit, immer im eigenen Körper gefangen zu sein, während der Geist doch nichts mehr will als Gemeinschaft."

Wir erleben die Aufs und Abs in Zubaidas Alltag. Ihre Mutter kämpft für die Rechte von vergewaltigten Frauen, zieht sogar für deren Rechte vor Gericht - doch Zubaida wirkt seltsam gleichgültig angesichts des Leides ihres Volkes.

Die Autorin entführt uns in den Luxus der Oberschicht des Landes als auch in die bitterste Armut der dortigen Menschen, die nicht einmal lesen und schreiben können. Vor unseren Augen entfaltet sich auf der einen Seite die Schönheit des Landes und großer Reichtum der Oberschicht, als auch das schreckliche Bild der Wertlosigkeit eines Menschenlebens. Wer jetzt an die guten Armen denkt, die sich gegenseitig helfen, ist im Irrtum. So wie reiche Bewohner von Bangladesch ihre Landsleute in den Fabriken oder beim Abwracken ausgemusterter Schiffe ausbeuten, so betrügen die Armen des Landes, ohne eine Spur von schlechtem Gewissen oder Mitgefühl diejenigen, die noch schwächer sind als sie selbst.

Den größten Teil der Handlung lesen wir aus der Sicht von Zubaida und sehen die handelnden Personen mit ihren Augen. Das Ende des Romans ist offen und lässt der Phantasie des Lesers viel Raum.

Mich hat dieses Buch sehr beeindruckt und ich wollte es nicht aus der Hand legen weil es für mich alles vereinbart, was ich von "Schöner Literatur" erwarte.

Veröffentlicht am 26.02.2018

Grenzenlos bis zum Zusammenbruch

Das Gewicht der Freiheit
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Das Florian Burkhardt viele Talente hat, beweist er mit dem vorliegenden, autobiographischen Roman "das Gewicht der Freiheit!

Lernten wir in dem Vorgängerbuch "Das Kind meiner Mutter" einen kindlichen ...

Das Florian Burkhardt viele Talente hat, beweist er mit dem vorliegenden, autobiographischen Roman "das Gewicht der Freiheit!

Lernten wir in dem Vorgängerbuch "Das Kind meiner Mutter" einen kindlichen und überbehüteten Florian kennen, der überall an Grenzen stieß, so erleben wir in dem vorliegenden Werk den erwachsenen Florian, der voller Gier auf das pralle Leben zu bersten droht und alle Grenzen auf einmal niederreißen will. Nichts scheint mehr unmöglich für ihn. Er beginnt sein Leben auf der Überholspur.

Das Buch "das gewicht der freiheit" beginnt mit dem bitteren Ende, als Florian an seinen eigenen Anforderungen und Erfolgen zerbrochen ist und schon wochenlang nicht mehr die Wohnung verlassen kann. Ein menschliches Wrack. Seine eigene Psyche setzt ihm die Grenzen, von denen er glaubte, dass sie für ihn nicht mehr existierten. Florian bittet selbst um seine Einweisung in die Psychiatrie, weil er dieses Leben nicht mehr länger erträgt.

Im Rückblick erzählt er von diesem Punkt an seinen kometenhaften Aufstieg und seinen jähen Absturz.

Endlich frei! In seiner jungendlich-männlichen Selbstüberschätzung sieht er sich schon als Filmstar, bevor er überhaupt in Los Angeles die ersten Kontakte in der Filmbranche knüpfen konnte. In seiner Vorstellung lag ihm die Welt bereits zu Füßen, als Maschine startete. Dass man ihm bei seiner Ankuft in L.A. noch nicht den roten Teppich ausrollte lag nur daran, dass die Filmschaffenden noch nicht wussten, welches Genie im Anflug war und auf Entdeckung wartete, war er überzeugt. Doch die Realität holte ihn ein. Das Geld wurde knapp - auch ein Zimmer in einer sehr schlechten Wohngegend wollte bezahlt werden.

Doch Florian hatte Biss entwickelt und gab nicht auf. Letztendlich startete er eine Karriere als männliches Model. Sein Gesicht hat das gewisse Etwas, kommt an in der Werbebranche. Ganz sicher würde er auch heute noch zu den ausgebuchten, männl. Models gehören, wäre er noch immer auf dem Markt. Er wurde für die unterschiedlichsten Werbeaufnahmen gebucht. Von da an ging es Berg auf. Florian war d i e Entdeckung und er lief für die ganz Großen der Modebranche über den Laufsteg. Heute Mailand, morgen New York, übermorgen London. Er hatte es geschafft. Zwei Jahre lang hielt er dieses unstete Leben aus, dann wusste er, das ist nicht, was er auf Dauer wollte. Schnitt.

Ahnte er schon damals, dass er sich übernahm, auspowerte bis es nicht mehr ging? Mit sehr schönen Worten beschreibt er, wie er in die Schweiz zurückkehrte, einen Lebenspartner fand und zu innerer Ruhe fand. Doch noch immer war zuviel unruhiges Leben in ihm, das ihn antrieb und gelebt werden wollte. "Electroboy" ist ein Film, der über die nachfolgende Lebensphase Florians berichtet. Es scheint, was er anfasste brachte ihm Erfolg und riss ihn mit sich. Seine Kreativität beflügelte ihn. Florian Burkhardt lässt den Leser auch an dieser Zeit seiner elektonischen Musikkarriere teilhaben.

Am Ende des Buches lernen wir den heutigen Florian kennen der lernen musste, seine Grenzen einzuhalten, weil sonst seine Psyche und sein Körper streikt. Das Leben lehrte ihn. Langsam tastete er sich in den Alltag zurück, immer bewusst darüber, wie fragil sein neues Dasein ist.

Dieses Buch hat mich während des Lesens gepackt und ich kann es nur weiterempfehlen. Ich frage mich, wie viele junge Menschen brachen/brechen aus ihrem eingeengten Leben in eine vermeintlich grenzenlose Weite aus und mussten/müssen entdecken, dass sie von all den Möglichkeiten, die das Leben bietet überfordert sind und aufgefressen werden. Was aber nicht heißen soll, ängstlich zurück zu bleiben. Jedoch, mit dem eigenen Dasein sorgsam und pfleglich umzugehen.

Veröffentlicht am 24.02.2018

Katzen - gestern und heute

Der Tiger in der guten Stube
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Für Katzenliebhaber ist das Buch "Der Tiger in der guten Stube" von Abigail Tucker eine wahre Offenbarung. Obwohl die Autorin einige humorvolle Geschichten ihrer eigenen Stubentiger einfügte, ist das vorliegende ...

Für Katzenliebhaber ist das Buch "Der Tiger in der guten Stube" von Abigail Tucker eine wahre Offenbarung. Obwohl die Autorin einige humorvolle Geschichten ihrer eigenen Stubentiger einfügte, ist das vorliegende Buch in erster Linie ein Sachbuch. Allerdings, und das ist das große Plus, es werden wissenschaftliche Erkenntnisse mit lockerem Schreibstil gepaart und schon entstand ein Werk, welches auch von Laien gelesen und verstanden werden kann. Aufgelockert werden die Texte durch wunderschöne Zeichnungen, an denen ich meine helle Freude hatte. Stubentiger mit menschlichen Gesichtszügen, denen man die jeweilige Gemütslage ansehen kann. Einfach köstlich!

Die Verbreitung der Katzen ist phänomenal. Sie überdauerten die Steinzeit (Seite 79), und eroberten nach und nach die ganze Welt. Im Alter von 6 Monaten werden Hauskatzen bereits geschlechtsreif. Die Autorin legt dar, dass ein Katzenpaar in nur 5 Jahren 354 294 Nachkommen haben könnte, falls alle überlebten (Seite102). In Deutschland leben heute ungefähr 13 Millionen Hauskatzen, plus geschätzter 2 Millionen verwilderter Exemplare. Das sind nur ein paar Zahlen, die etwas über die Verbreitung dieser Schmusetiere aussagen.

Doch warum lieben wir Katzen so sehr, dass wir mit ihnen das Haus teilen, obwohl wir nichts von ihnen haben? Einen Hund kann man dressieren, dass er die Zeitung oder die Pantoffeln bringt, bellt wenn sich Fremde dem Haus nähern oder auch als Rettungshund dem Menschen dient. Und Katzen? Absolute Fehlanzeige. Diese fressen, schlafen, schmusen wenn sie Lust dazu verspüren. Damit nicht genug, sie beanspruchen auch noch unseren Lieblingssessel im Wohnzimmer oder gar den besten Platz auf dem Sofa, wenn sie ein Nickerchen machen wollen. Erziehungsversuche laufen meist ins Leere, erklärt uns die Autorin. Und trotzdem eroberten diese Tiere die Herzen der Menschen. Die Erklärung dafür gibt Abigail Tucker auf Seite 82: ... Das Gesicht einer Katze ist das eines überragenden Beutegreifers und zugleich das eines Kindes, und dieser spannende Widerspruch zieht uns in seinen Bann."

Die Autorin nimmt uns mit in die Entwicklungsgeschichte der Katzen und wie sie es schafften, seit vielen Jahrhunderten zu überleben. Der Leser begibt sich beim Lesen dieses Buches auf eine spannende Zeitreise um die ganze Welt. Auf Seite 110 erfahren wir von felinen Staatsdienern und auf Seite 116 werden wir mit der Guerillataktik dieser Tiere konfrontiert. Dass es sich um Jäger handelt, zeigt sich allein schon daran, dass die Zähne dazu ausgelegt sind die Beute zu erlegen und dann zu zerlegen. Damit Katzen sich den Bauch füllen können, müssen viele andere Tiere sterben. Nicht nur Mäuse, wie wir Menschen es gerne sehen, sondern auch Vögel und vor allem (Klein)Tiere die vom Aussterben bedroht sind, werden bei ihren Beutezügen erlegt. Dieser Abschnitt fand ich besonders interessant, aber auch gleichzeitig erschreckend. Die Ausführungen der Autorin schafften es, dass ich den wunderschönen Kater von nebenan anfing mit anderen Augen zu sehen.

Es würde jetzt in der Rezi zu weit führen, auf jedes einzelne Kapitel dieses Buches einzugehen. Ich gebe gerne zu wie überrascht ich nach dieser Lektüre war, dass das Thema "Katzen" tatsächlich so breit gefächert ist. Die Eigenwilligkeit und der Überlebenswille dieser geschmeidigen Tiere, auch mit den widrigsten Lebensbedingungen auszukommen - im Volksmund sagt man, eine Katze habe 7 Leben - verdienen Bewunderung.

Wie ich schon zu Anfang schrieb, dieses Buch ist ein Sachbuch mit ausführlichem Quellennachweis und Register am Ende, aber so interessant und verständlich geschrieben, dass ich als Laie meine helle Freude daran hatte.

Veröffentlicht am 19.02.2018

Persönlichkeitsveränderung

Ich schwöre!
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Das Cover des Buches "Ich schwöre" von Marc Hudek vermittelt dem Betrachter schon auf den ersten Blick, welches Thema in diesem Buch angesprochen wird: Salafismus. Deshalb ist anzunehmen, der Autor schreibt ...

Das Cover des Buches "Ich schwöre" von Marc Hudek vermittelt dem Betrachter schon auf den ersten Blick, welches Thema in diesem Buch angesprochen wird: Salafismus. Deshalb ist anzunehmen, der Autor schreibt aus gutem Grund unter einem Pseudonym.

Dabei liest sich das Buch sehr gut und ist in einer saloppen und jungen Sprache verfasst. Es fängt alles recht harmlos an. Wir lernen den Protagonisten Lenny, ein etwas gehemmter Sportstudent, kennen. Er stammt aus einem ganz normalen Elternhaus der unteren Einkommensklasse. Wie viele tausend andere junge Männer auch. Seine besten Freunde sind Yussuf, der in der Philosophie beheimatet ist und immer denkt, sowie der einfach gestickte Faris, der den Mädchen gerne auf den Po schaut und es sich auch sonst gut gehen lässt. Dass sie Muslime sind, war in ihrer ganzen, bisherigen Freundschaft kein großes Thema, nahmen alle eine Glaubenszugehörigkeit nicht sonderlich wichtig. Doch plötzlich wird alles anders. Yussuf und Faris verkehren in angeblichen Literaturkreisen, in denen Lenny ausgeschlossen bleibt. Doch das ist nicht was Lenny besorgt. Es sind die veränderten Verhaltensweisen seiner Freunde. Sie entgleiten ihm, werden ihm fremd.

Dem Autor gelingt es sehr gut zu beschreiben, wie sich das Wesen, die Sprache und Ausdrucksweise der beiden muslimischen Freunde wandelt. Anfangs ist es nur ein Gefühlt von Lenny und es dauert eine ganze Zeit bis er sich sicher ist, was mit seinen Freunden passiert. Doch da sind diese schon mitten drin in der Szene, keinem Gegenargument mehr zugänglich. Wie kommt es, dass junge Männer, die in einer freien Welt aufgewachsen sind sich dazu entscheiden, Kämpfer des IS zu werden? Was fasziniert einen jungen Mann, der bisher nie gewaltbereit auftrat daran, in einen Glaubenskrieg zu ziehen? Selbst die Eltern der beiden jungen Männer sind fassungslos und haben keine Erklärungen dafür. Lenny versucht mit allen Mitteln - auch als verkleideter Muslime - seine beiden Freunde von ihrem Vorhaben abzubringen. Dieses Kapitel ist urkomisch.

Wie anfangs gesagt, der Roman ist in einem lockeren Ton geschrieben und wird gleichzeitig dem tödlichen Ernst des Themas gerecht. Dass zur Auflockerung auch noch eine Liebesgeschichte mit Lenny und Anna eingeflochten wurde, verleiht dem Buch bei der ganzen Dramatik auch noch etwas Romantik.

Mich hat das vorliegende Werk sehr angesprochen.

Veröffentlicht am 08.11.2022

Nachdem die Träume zerplatzten

Revolution der Träume
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Um es vorweg zu sagen, bei diesem Buch sollte man erst gar nicht versuchen, den Roman mal so eben nebenbei zu lesen wie ein banaler Krimi. Der Autor hat gute Recherche betrieben und einen Roman verfasst, ...

Um es vorweg zu sagen, bei diesem Buch sollte man erst gar nicht versuchen, den Roman mal so eben nebenbei zu lesen wie ein banaler Krimi. Der Autor hat gute Recherche betrieben und einen Roman verfasst, bei dem wahre geschichtliche Ereignisse mit Phantasie gepaart wurden. Ich kann nur sagen: Gelungen.

Die drei Protagonisten Isi, Artur und Carl kennen wir schon aus dem ersten Band "Schatten der Welt". Das vorliegende Werk ist der 2. Band der Trilogie.

Man kann "Revolution der Träume" lesen, ohne den ersten Band zu kennen, da diese Geschichte ist in sich abgeschlossen ist. Natürlich ist es von Vorteil, den Werdegang der drei Freunde - der manchmal schon etwas chaotisch und auch kriminell war - in ihren jungen Jahren zu kennen. Die einzelnen Charaktereigenschaften sind dem Leser schon bekannt und im 2. Band hat man das Gefühl, wieder alte Freunde zu treffen.

Doch nun zum Inhalt: Der erste Weltkrieg ist verloren und vorbei. Der Kaiser abgesetzt. Doch von politischer Ruhe gibt es keine Spur. Das Volk erstürmt das Berliner Schloss und Plünderungen sind vorprogrammiert. Die unterschiedlichsten politischen Kräfte treffen in Berlin aufeinander und jede Gruppierung will das Sagen haben. Es beginnt eine wilde Zeit mit viel krimineller Energie.

Hier hat der Autor richtig gute Arbeit bei den Recherchen geleistet. Man hat zwar von den Unruhen dieser Zeit gehört, mit viel Glück im Geschichtsunterricht in der Schule auch Wichtiges darüber gelernt, doch im Laufe der Jahre etliches wieder vergessen. Im Rahmen dieses Buches gibt es eine Auffrischung des Geschichtswissens. Das passiert übrigens ganz nebenbei und ohne Leistungsdruck, eingebettet in die Handlungen eines fesselnden Romans.

Wie man schon im ersten Band lesen konnte, so war Artur der Draufgänger, gewitzt und ließ Gesetz schon mal Gesetz sein. Isi die Aufmüpfige und Carl der Ruhige, ein Künstlertyp. Durch die Kriegsereignisse kristallisierten sich die Persönlichkeiten der drei Freunde noch stärker heraus. Als sie sich in Berlin wieder trafen, war da Artur mit der Maske, die sein verstümmeltes Gesicht verbergen sollte, eine Größe der Berliner Halbwelt. Isi, die Kämpferin klaut einem Soldaten mit ihrer kecken Art einen LKW voller Waffen und Carl war mit seiner Kamera unterwegs um viele wichtige Ereignisse abzulichten. Dass er Zeuge der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurde, deren verlorenen Schuh er auf dem Pflaster ablichtete, nachdem man Rosa Luxemburg ins Auto zerrte, ließ ihn lange nicht zur Ruhe kommen. .

Jeder der drei Freunde geht seinen Weg und obwohl sie so unterschiedlich sind, gehen sie trotzdem zusammen, aber jeder in seine Richtung. Carl, aus dessen Sicht erzählt wird, landet in den Filmstudios, lernt Filmgrößen wie Pola Negri und Ernst Lubitsch kennen und macht so die ersten Schritte hinter die Kamera des Filmgeschäfts.

Was mir durch dieses Buch erst so richtig vor Augen geführt wurde war, dass diese Zeit nach dem Krieg voller Gewalt und Kriminalität war. Erst dachte ich, dem Autor sei da ab und zu die Phantasie durchgegangen. Doch dann beschäftigte ich mich mit anderen Quellen und irgendwann kam ich zu dem Ergebnis, dass es sich tatsächlich damals in etwa so abspielte, wie in diesem Roman beschrieben. Welch eine unruhige und aufregende Epoche. Würde ich mir wünschen, damals gelebt zu haben - auf keinen Fall.

Während der Lektüre bekommt man ein Gefühl dafür, wie all das Schreckliche, das sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte, langsam an die Oberfläche driften konnte.

Ich glaube, das ist einer der Vorzüge dieses Romans, dass man rückblickend versteht, was den Boden bereitete, für das, was noch kommen sollte.

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