Eine fesselnde Erzählung mit ambivalenten Figuren
Der Vater eines MördersInhalt: Das Wittelsbacher Gymnasium in München in den 1920er Jahren. Griechisch steht an. Nicht das stärkste Fach des Schülers Franz Kien, doch bisher konnte er sich irgendwie durchmogeln. Allerdings nimmt ...
Inhalt: Das Wittelsbacher Gymnasium in München in den 1920er Jahren. Griechisch steht an. Nicht das stärkste Fach des Schülers Franz Kien, doch bisher konnte er sich irgendwie durchmogeln. Allerdings nimmt diese Stunde eine unerwartete Wendung: Gerade als Studienrat Kandlbinder die Stunde beginnen möchte, öffnet sich erneut die Tür und der Rex tritt ein, um den Unterricht zu begutachten. Der Reihe nach fragt er das Wissen der Schüler ab - bis er bei Franz ankommt…
Inhalt: “Der Vater eines Mörders” ist eine Erzählung von Alfred Andersch. Erzählt wird die Handlung von einem allwissenden Erzähler, der aber meist in die Perspektive des Franz Kien schlüpft. Im Mittelpunkt der linearen Handlung steht eine Griechischstunde, der der gefürchtete, schwer einzuschätzende Rex beiwohnt. Während Kien die erste Hälfte der Stunde eher stummer Beobachter ist, wird er im zweiten Teil nach vorne zitiert und muss die griechische Grammatik über sich ergehen lassen. Insbesondere der erste Teil ist sehr gelungen: Durch Kiens Augen entfaltet sich für die Lesenden eine dicht beschriebene Dynamik zwischen Rex und Schülern, die seitens der Schüler zwischen Wegducken, leisem Protest, kleinen Solidaritätsbekundungen und offener Auflehnung changiert (zwischendurch mischt auch noch der Griechischlehrer mit, der zwischen Rex und Schülern steht, wodurch die Szene stellenweise noch brenzliger wird). Für weitere Spannung innerhalb der Handlung sorgt die Figur des Rektors, der titelgebende “Vater eines Mörders”. Denn: Die Identität des Rektors (und somit auch die Bedeutung des etwas sperrigen Titels) wird erst gegen Mitte der Handlung preisgegeben. Zudem ist der Rex eine leicht ambivalent gezeichnete Figur: Auf der einen Seite tritt er als Pädagoge autoritär bis tyrannisch auf und sieht kein Problem darin, Schüler wie Lehrer vorzuführen, auf der anderen Seite distanziert er sich eindeutig von der aufkeimenden NS-Ideologie (zu der Franz, mit dem man ja aufgrund seiner untergeordneten Schülerrolle eigentlich sympathisiert, sich hingegen hingezogen fühlt). Insgesamt entsteht so ein vergleichsweise komplexes Gefüge von Sym- und Antipathie, das ein Stück weit mit den Erwartungen der Lesenden spielt. Der Schreibstil der Erzählung ist geprägt von Hypotaxen, in denen mehrere Nebensätze in Hauptsätze verschachtelt werden (allerdings ist “Der Vater des Mörders” trotzdem sehr flüssig zu lesen). Unbedingt lesenswert ist auch das Nachwort von Alfred Andersch, in dem dieser detaillierter über die Figur Franz schreibt, die in mehreren Erzählungen das Alter Ego des Autors bildet. Andersch reflektiert hier über das autobiografische Schreiben, lotet (auch erzählerische) Möglichkeiten und Grenzen des Autofiktionalen aus und beleuchtet Differenzen zwischen Franz Kien und ihm selbst. Das Vorwort von Nora Bossong beschäftigt sich eingehender mit dem “Rex” und interpretiert ihn als komplexe Figur (da hier bereits verraten wird, wer er ist, sollte man, wenn man die Erzählung zum ersten Mal liest, das Vorwort besser nach der Lektüre lesen). Insgesamt ist “Der Vater des Mörders” eine fesselnde Lektüre über den Schulalltag vor 100 Jahren, die insbesondere durch ihre beiden ambivalenten Figuren besticht.