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Veröffentlicht am 15.05.2026

Eine fesselnde Erzählung mit ambivalenten Figuren

Der Vater eines Mörders
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Inhalt: Das Wittelsbacher Gymnasium in München in den 1920er Jahren. Griechisch steht an. Nicht das stärkste Fach des Schülers Franz Kien, doch bisher konnte er sich irgendwie durchmogeln. Allerdings nimmt ...

Inhalt: Das Wittelsbacher Gymnasium in München in den 1920er Jahren. Griechisch steht an. Nicht das stärkste Fach des Schülers Franz Kien, doch bisher konnte er sich irgendwie durchmogeln. Allerdings nimmt diese Stunde eine unerwartete Wendung: Gerade als Studienrat Kandlbinder die Stunde beginnen möchte, öffnet sich erneut die Tür und der Rex tritt ein, um den Unterricht zu begutachten. Der Reihe nach fragt er das Wissen der Schüler ab - bis er bei Franz ankommt…

Inhalt: “Der Vater eines Mörders” ist eine Erzählung von Alfred Andersch. Erzählt wird die Handlung von einem allwissenden Erzähler, der aber meist in die Perspektive des Franz Kien schlüpft. Im Mittelpunkt der linearen Handlung steht eine Griechischstunde, der der gefürchtete, schwer einzuschätzende Rex beiwohnt. Während Kien die erste Hälfte der Stunde eher stummer Beobachter ist, wird er im zweiten Teil nach vorne zitiert und muss die griechische Grammatik über sich ergehen lassen. Insbesondere der erste Teil ist sehr gelungen: Durch Kiens Augen entfaltet sich für die Lesenden eine dicht beschriebene Dynamik zwischen Rex und Schülern, die seitens der Schüler zwischen Wegducken, leisem Protest, kleinen Solidaritätsbekundungen und offener Auflehnung changiert (zwischendurch mischt auch noch der Griechischlehrer mit, der zwischen Rex und Schülern steht, wodurch die Szene stellenweise noch brenzliger wird). Für weitere Spannung innerhalb der Handlung sorgt die Figur des Rektors, der titelgebende “Vater eines Mörders”. Denn: Die Identität des Rektors (und somit auch die Bedeutung des etwas sperrigen Titels) wird erst gegen Mitte der Handlung preisgegeben. Zudem ist der Rex eine leicht ambivalent gezeichnete Figur: Auf der einen Seite tritt er als Pädagoge autoritär bis tyrannisch auf und sieht kein Problem darin, Schüler wie Lehrer vorzuführen, auf der anderen Seite distanziert er sich eindeutig von der aufkeimenden NS-Ideologie (zu der Franz, mit dem man ja aufgrund seiner untergeordneten Schülerrolle eigentlich sympathisiert, sich hingegen hingezogen fühlt). Insgesamt entsteht so ein vergleichsweise komplexes Gefüge von Sym- und Antipathie, das ein Stück weit mit den Erwartungen der Lesenden spielt. Der Schreibstil der Erzählung ist geprägt von Hypotaxen, in denen mehrere Nebensätze in Hauptsätze verschachtelt werden (allerdings ist “Der Vater des Mörders” trotzdem sehr flüssig zu lesen). Unbedingt lesenswert ist auch das Nachwort von Alfred Andersch, in dem dieser detaillierter über die Figur Franz schreibt, die in mehreren Erzählungen das Alter Ego des Autors bildet. Andersch reflektiert hier über das autobiografische Schreiben, lotet (auch erzählerische) Möglichkeiten und Grenzen des Autofiktionalen aus und beleuchtet Differenzen zwischen Franz Kien und ihm selbst. Das Vorwort von Nora Bossong beschäftigt sich eingehender mit dem “Rex” und interpretiert ihn als komplexe Figur (da hier bereits verraten wird, wer er ist, sollte man, wenn man die Erzählung zum ersten Mal liest, das Vorwort besser nach der Lektüre lesen). Insgesamt ist “Der Vater des Mörders” eine fesselnde Lektüre über den Schulalltag vor 100 Jahren, die insbesondere durch ihre beiden ambivalenten Figuren besticht.

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Veröffentlicht am 10.05.2026

Ein facettenreicher Großstadtroman mit einer zarten Liebesgeschichte, die zwischen Tragik und Hoffnung changiert

Solange ein Streichholz brennt
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Inhalt: Köln. Alinas Karriere als Fernsehjournalistin steht vor dem Ende. Sie bekommt kaum wichtige Aufträge; die Angst vorm Scheitern nimmt täglich zu. Doch dann öffnet sich plötzlich eine neue Tür: Sie ...

Inhalt: Köln. Alinas Karriere als Fernsehjournalistin steht vor dem Ende. Sie bekommt kaum wichtige Aufträge; die Angst vorm Scheitern nimmt täglich zu. Doch dann öffnet sich plötzlich eine neue Tür: Sie soll die Recherche für eine brisante Talkshow übernehmen, die sich um soziale Problemherde drehen soll. Dabei trifft sie auf Bohm, einen hilfsbereiten, aber zugleich seltsam verschlossenen Wohnungslosen, der geschnitzte Holzmäuse verkauft. Für die Dreharbeiten begleitet Alina Bohm in seinem Alltag - und plötzlich ist da ein Funke zwischen den beiden…

Persönliche Meinung: “Solange ein Streichholz brennt” ist ein Großstadtroman von Christian Huber. Erzählt wird die Handlung aus den personalen Perspektiven von Alina und Bohm, wobei insbesondere die Figur Bohm für eine latente Spannung sorgt. Bohm ist eine ambivalente Figur - einerseits hilfsbereit und empathisch, andererseits abweisend und verschlossen -, wobei man früh erahnt, dass diese Verhaltensweisen (sowie seine Wohnungslosigkeit) mit einem einschneidenden Erlebnis aus seiner Vergangenheit zusammenhängen. Welches dieses ist, wird schrittweise entfaltet; sehr gefallen hat mir dabei die Offenbarung am Ende der Handlung. Hier wird - spoilerfrei gesagt - beeindruckend konzis (auf ca. 30 Seiten), mitreißend und eindrücklich der Niedergang Bohms gezeigt, der vermutlich die Wenigsten kalt lassen wird. Facettenreich ist der Weg vom Beginn der Handlung, den gemeinsamen Drehterminen von Alina und Bohm, bis zur Auflösung des Geheimnisses um Bohm: Behandelt werden hier neben gesellschaftlichen Themen wie Obdachlosigkeit und (in Bezug auf Alinas Job) toxische Männlichkeit auch eine Liebesgeschichte, die sich zwischen den ungleichen Figuren Alina und Bohm entspinnt. Diese wird eher zart beschrieben, nicht kitschig, und lebt davon, dass beide Figuren permanent hinterfragen, ob eine Beziehung zwischen ihnen überhaupt möglich ist. Der Schreibstil von Christian Huber ist sehr eingängig und flüssig zu lesen, wodurch “Solange ein Streichholz brennt” eine kurzweilige Lektüre wird. Insgesamt ist “Solange ein Streichholz brennt” ein facettenreicher Großstadtroman mit einer zarten Liebesgeschichte, die zwischen Tragik und Hoffnung changiert.

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Veröffentlicht am 06.05.2026

Ein empathisch geschriebener Liebesroman

Die Liebe an miesen Tagen
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Inhalt: Seitdem ihr Ehemann verstorben ist, lebt Clara allein. Momentan plagen sie finanzielle Engpässe, sodass sie sich schweren Herzens dazu entscheidet, dass Wochenendhaus, dass sie und ihr Mann in ...

Inhalt: Seitdem ihr Ehemann verstorben ist, lebt Clara allein. Momentan plagen sie finanzielle Engpässe, sodass sie sich schweren Herzens dazu entscheidet, dass Wochenendhaus, dass sie und ihr Mann in mühevoller Arbeit zur ihrem persönlichen Rückzugsort aufgebaut haben, zu verkaufen. Perspektivwechsel: Eigentlich hat Elias gar keine Lust, das Häuschen, dass seine Freundin Vera in einem Inserat gefunden hat, zu begutachten. Sie können es sich eh nicht leisten. Trotzdem hat er sich breitschlagen lassen – und trifft dort auf Clara…

Persönliche Meinung: „Die Liebe an miesen Tagen“ ist ein Liebesroman von Ewald Arenz. Im Fokus stehen die beiden Protagonisten Clara und Elias, aus deren personalen Perspektiven die Handlung wechselweise erzählt werden. Beide sind schon länger aus der Phase, in der man sich leichthin verknallt, heraus; glauben auch gar nicht mehr an die eine große Liebe – und trotzdem: Als sie sich am Wochenendhäuschen treffen, funkt es. Ewald Arenz zeichnet die Annäherung der beiden, die ersten Schmetterlinge sowie die weitere Entwicklung der Beziehung mit all ihren Höhen und Tiefen einfühl- und behutsam mit einem emphatischen Ton nach. Dabei werden die Gefühle und Unsicherheiten, die die Protagonisten mit sich herumtragen, sehr greifbar. Um nur einige Fragen zu nennen, die die beiden beschäftigen: Bin ich nicht zu alt, mich neu zu verlieben? Wie wird es mein (familiärer) Umkreis aufnehmen? Passt mein Lebensentwurf zum Lebensentwurf der anderen Person? Neben der Liebe werden noch weitere Themen im Roman berührt (Umgang mit Krankheit, Tod und Älterwerden der eigenen Eltern), wodurch „Die Liebe an miesen Tagen“ eine vielschichtige Lektüre wird. Die Handlung selbst ist nicht vorhersehbar und besitzt einige dramatische Wendungen. Insgesamt ist „Die Liebe an miesen Tagen“ ein emphatisch geschriebener Roman über die Liebe im erwachsenen Alter, der durchaus auch Lesende mitreißen kann, die noch jünger als die Protagonisten sind.

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Veröffentlicht am 01.05.2026

Facettenreiche Frühlingsgedichte

Ein Frühlingstag mit Rainer Maria Rilke
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“Ein Frühlingstag mit Rainer Maria Rilke” ist eine im Reclam Verlag erschienene Anthologie von Texten (Schwerpunkt: Gedichte), die Rilke zum Thema Frühling verfasste. Dabei werden verschiedene Facetten ...

“Ein Frühlingstag mit Rainer Maria Rilke” ist eine im Reclam Verlag erschienene Anthologie von Texten (Schwerpunkt: Gedichte), die Rilke zum Thema Frühling verfasste. Dabei werden verschiedene Facetten der Jahreszeit gezeigt. So finden sich im ersten Abschnitt “Winterhauch und Frühlingslicht” Gedichte wie “Ein Frühlingswind" oder das 25. Sonett an Orpheus, die den Frühling als Aufbruch/Neuanfang mit z. T. schicksalhafter Bedeutung darstellen. Der zweite Abschnitt “Erwachen und Erblühen” lenkt mit Gedichten wie “Wilder Rosenbusch” und “Blaue Hortensie” oder einem Auszug aus Rilkes einzigem Roman “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge” den Blick auf das Wachstum in der Natur. Der dritte Abschnitt “Blüten der Liebe” fokussiert (z. B bwi “Eros” oder “Die Liebende”) die im Frühling sprießende Liebe, wobei diese nicht immer glücklich verläuft. “Entstehen und Vergehen”, der vierte Abschnitt, thematisiert u.a. mit einem Auszug aus “Malte Laurids Brigge” und der Ballade “Geburt der Venus” den Keim des Destruktiven, der sich im scheinbar ausschließlich Schönen findet (der Auszug aus “Malte” beschreibt bspw. die Differenz zwischen der schönen Landschaft im Frühling und der inneren Zerrissenheit des Protagonisten). Der letzte Abschnitt “Frühlingsträume und Frühlingsgeschichten” enthält u.a. Gedichte aus dem Buch der Lieder, in denen Traum- und Fantasiewelten beschrieben werden. Insbesondere für die Gedichte gilt: Rilkes Wortwahl ist sehr überlegt und gewählt, die Texte besitzen einen angenehmen Klang und schöne sprachliche Bilder, der Ton der Gedichte ist dabei häufig empfindsam. Insgesamt ist “Ein Frühlingstag mit Rainer Maria Rilke” eine schön zusammengestellte Anthologie mit facettenreichen Frühlingstexten.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Eine abwechslungsreiche Frühlingsanthologie

Ein Frühlingstag mit Johann Wolfgang Goethe
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“Ein Frühlingstag mit Johann Wolfgang Goethe” ist eine im Reclam Verlag erschienene Anthologie von Texten, in denen Goethe den Frühling thematisiert. In der Anthologie finden sich Gedichte, Balladen und ...

“Ein Frühlingstag mit Johann Wolfgang Goethe” ist eine im Reclam Verlag erschienene Anthologie von Texten, in denen Goethe den Frühling thematisiert. In der Anthologie finden sich Gedichte, Balladen und Briefe von Goethe sowie thematisch passende Auszüge aus seinen Hauptwerken. So stehen neben Gedichten, die den Einzug des Frühlings in der Natur behandeln (z. B. “Rosenknospe” und “Das Veilchen”), Szenen aus “Die Wahlverwandtschaften” (Frühling im Garten des Baron Eduard) sowie “Faust” (der Osterspaziergang). Zu hymnischen Liebesgedichten (z. B. “Ganymed” und “Frühzeitiger Frühling”) gesellen sich Auszüge aus “Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre” (u. a. die Liebesepisode um den Baron Lothario) und gefühlvolle Briefe aus “Die Leiden des jungen Werther”. Auch eine “metaphysische” Liebe wird in einer Ballade (“Zuneigung”) behandelt: diejenige des Schriftstellers zur Muse. Eher “faktenbasiert” geht es in ausgewählten Briefen der “Italienischen Reise” zu, in denen Goethe die Natur um Palermo beschreibt und auf geologische Erkundungen geht. Abgeschlossen wird das Bändchen mit dem “Mailied”, für mich Goethes Frühlingsgedicht schlechthin, in dem, feurig erzählt, die aufkeimende Liebe des lyrischen Ichs mit dem Sprießen der Natur verquickt wird. Insgesamt ist “Ein Frühlingstag mit Johann Wolfgang Goethe” eine abwechslungsreiche Anthologie, die man am besten bei Sonnenschein, Vogelgezwitscher und Blumenduft lesen sollte.

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