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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.02.2023

Lesenswert!

Die Perfektionen
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Ich las diesen schmalen Roman in einem Rutsch durch. Dieses subtile Porträt zweier Leben faszinierte mich unter anderem auch deshalb, weil es, oberflächlich gesehen, mit meinem Leben und sozialen ...

Ich las diesen schmalen Roman in einem Rutsch durch. Dieses subtile Porträt zweier Leben faszinierte mich unter anderem auch deshalb, weil es, oberflächlich gesehen, mit meinem Leben und sozialen Umfeld nicht viel gemein hat.
Theresia Enzenberger nennt diesen Roman auf dem Klappentext einen Berlinroman, lakonisch, satirisch, glänzend.

Damit ist klar, wo der Roman spielt: in Berlin, diesem pulsierenden, facettenreichen melting pot.
Latronico beginnt seinen Roman mit einer ausufernden detailreichen Beschreibung einer Wohnung, besser gesagt mit dem Bild einer Wohnung. Die Wohnung ist hip wie in hipster, voller shabby chic, gewollt unangestrengt lässig und mit den unvermeidlichen Monstera Pflanzen. Mein inneres Auge weiß genau wie diese Wohnung aussieht, auf hunderten Instagram Fotos und Lifestyle Magazinen sah es sie schon.
Es ist die Wohnung des nach Berlin gezogenen Pärchens Anna und Tom. Beide arbeiten selbständig als Graphik Designer, sie sind jung und das Leben ist unkompliziert und schön.
Diese Unkompliziertheit bringt schon in diesen ersten Berliner Jahren eine gewisse Unverbindlichkeit und Beliebigkeit mit sich, die sich auf Freundschaften, Arbeitsleben und Sexleben gleichermaßen ausdehnt. In Anna und Tom keimt eine Unzufriedenheit, die beide aber nicht greifen oder benennen können.

„Sie fürchteten zufrieden zu sein, weil sie sich zufriedengegeben hatten.“

Die perfekten Bilder, denen sich beide ohne Unterlass auf Social Media aussetzten, verstärkt das Gefühl von innerer Leere und Sinnlosigkeit, ohne dass sie es merken oder gar ändern könnten.

Als sich mit den Jahren Berlin verändert, gentrifizierter wird, und ihre Freunde in ihre jeweiligen Heimatländer zurückkehren oder eine Familie gründen, wächst in Anna und Tom die Sehnsucht nach einem neuen Aufbruch.

Ich habe den Begriff „Generationenporträt“ zu diesem Roman gelesen. Anna und Tom werden nicht als Individuen beschrieben, sondern sind Stellvertreterinnen für ein sehr kosmopolitisches urbanes Umfeld, in dem sicher nicht ihre ganze Generation zu Hause ist. Doch dieses innere Bild von dem perfekten Leben, das immer nur oberflächlich perfekt aussieht, sich aber nie perfekt anfühlt, steht universell für die Suche nach einem Leben mit Bedeutung und Sinnhaftigkeit, nach dem wir alle streben.

Mir hat Latronicos vielschichtiger und interpretationsoffene Roman sehr gut gefallen. Ich las ihn eher als beschreibend, denn als wertend. Latronico überlässt es mir als Leser
in ein persönliches Fazit zu ziehen oder aber auch nicht. Zu überlegen, ob ich selbst in den „Gefängnissen des Überflusses“ stecke.

Für mehr Buchvorstellungen besucht mich auf Instagram (@lustaufliteratur)!

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Ungewohnt gediegenes, aber erfreuliches Leseerlebnis

Hellere Tage
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Disclaimer: „Hellere Tage“ ist die Fortschreibung der Geschichte von Ruth Lember, die Ulrich Woelk in „Mittsommertage“ begonnen hat. Beide Romane können natürlich unabhängig von einander gelesen werden, ...

Disclaimer: „Hellere Tage“ ist die Fortschreibung der Geschichte von Ruth Lember, die Ulrich Woelk in „Mittsommertage“ begonnen hat. Beide Romane können natürlich unabhängig von einander gelesen werden, aber meine nachfolgende Rezension von „Hellere Tage“ enthält logischerweise Hinweise auf die Handlung von „Mittsommertage“.

„Mittsommertage“ hatte mich damit, wie gut mir der Roman gefallen hat, Anfang des Jahres ziemlich überrascht. Klar, dass ich dann unbedingt lesen wollte, wie es im Leben von Ruth, der kontrollierten Ethikprofessorin, weitergeht.

In der Ausgangssituation von „Hellere Tage“ ist Ruth jetzt schon länger von Ben, ihrem Mann getrennt und die beiden streiten sich um die gemeinsame Dachgeschosswohnung, in der Ben jetzt mit seiner jüngeren Geliebten lebt. Der Staub um die große Aktivistinnenenthüllung der Vergangenheit hat sich mittlerweile gelegt, auch wenn Ruth nicht an ihren vorherigen Karriereweg anknüpfen kann.

Doch es ist etwas ganz anderes, was Ruth gerade am meisten beschäftigt. Ihr Vater ist mit über 90 Jahren gestorben und sie sichtet den Nachlass. Sie findet Briefe, die darauf hindeuten, dass ihr Vater eine heimliche homosexuelle Beziehung hatte.
Wer war eigentlich dieser Mann, den Ruth als ihren Vater kannte? Wie viele Asopekte seines Lebens hatte er vor ihr verborgen?

Auch ein anderer nahestehender Mensch macht Ruth Sorgen: ihre (Stief-) Tochter Jenny kommt mit der Trennung ihrer Eltern nicht gut zu recht, sie scheint die Orientierung in ihrem Leben verloren zu haben. Entsprechend ihrer Generation macht Ruth das an Jennys Aussehen fest:

„Neben Ben sitzt Jenny, die Ruth seit dem vergangenen Oktober nicht mehr gesehen hat. Sie sieht nicht gut aus. Der Rest jener jugendlichen Frische, die ihr lange eigen war, hat sich aus ihrem Wesen verloren. Sie hat geschätzt etwa zehn Kilo zugenommen.“

Wie schon in „Mittsommertage“ verhandelt Woelk in „Hellere Tage“ die Themen unserer Zeit. Oder besser gesagt, die Themen, die eine gewisse elitäre Gesellschaftsschicht beschäftigen. Ruth und ihr gesamtes Umfeld bewegen sich in finanziell und intellektuell saturierten Kreisen, der prekäre Kampf um Teilhabe und das alltägliche Überleben ist nicht ihr Schlachtfeld. 

Vielmehr ist Ruth besorgt über die Orientierungslosigkeit der jungen Generation, die sie nicht nur bei ihrer Tochter, sondern auch bei vielen ihrer Student*innen feststellt. Oder ist es nur ihr eigenes Alter und der Generationenunterschied?

Sensibel lässt Woelk seine Figur über zeitgemäße gesellschaftliche Fragen nachdenken, die wohl einigen von uns genauso oder ähnlich durch den Kopf gehen.

„Ruth verdammte innerlich die sozialen Medien. Sie brachten nichts hervor außer Rechtsextremismus, Homophobie, Hassrede, Fake News und jetzt also Tradwives …“

Ruth fängt auch wieder mit dem Dating an, auch wenn sie es nicht so nennen würde. Doch neue Love Interests bringen neue, ungewohnte Fragestellungen mit sich. Und eigentlich muss sie erst einmal die Verletzungen aus Bens Vertrauensbruch verarbeiten. Ich bewundere Ruth für ihre moralisch integre und kontrollierte Art, ihre inneren und äußeren Konflikt zu reflektieren ohne dabei in Prinzipienreiterei zu erstarren sondern auch Verletzlichkeit und Fehlbarkeit zuzulassen. Eigenschaften, die ich selbst gerne mehr für mich in Anspruch nehmen würde.

Besonders habe ich mich über die Entwicklung der Beziehung zwischen Ruth und ihrer Tochter Jenny gefreut und habe die Interaktion der beiden gerne beobachtet.
Ich fand „Hellere Tage“ war für mich wieder ein, aufgrund der gediegenen Figuren und Erzählweise, ungewöhnliches, aber sehr erfreuliches Leseerlebnis. Ich wäre definitiv dabei, falls Woelk Ruths Geschichte in eine weitere Runde führen würde!

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Veröffentlicht am 28.04.2026

atmosphärischer historischer Roman

Der Fährmann
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“Dass nämlich in ihrem Fährmann ein schrecklicher Sturm tobte, der drauf und dran war, ihn von innen zu zerreißen, weil das, was er immer schon gewusst hatte, dass er die Elisabeth Hofer mehr liebte als ...

“Dass nämlich in ihrem Fährmann ein schrecklicher Sturm tobte, der drauf und dran war, ihn von innen zu zerreißen, weil das, was er immer schon gewusst hatte, dass er die Elisabeth Hofer mehr liebte als sein eigenes Leben und dass irgendwann der Moment kommen würde, wo er sie ganz und gar aus seinem Kopf verbannen musste - zusammen mit jeder Hoffnung, sie könnte irgendwann die Seine werden -, dass dieser Moment nun gekommen war und dies einen kaum auszuhaltenden Schmerz für
ihn darstellte.”

Mit diesem Zitat möchte ich diesen Text über den Roman „Der Fährmann“ von Regina Denk beginnen, denn es spiegelt gut den Erzählton und die emotionale Leidenschaft wider, die dich in diesem Roman erwarten. Inhaltlich wird es dem historischen Roman allerdings nicht gerecht, denn es steckt weitaus mehr als Herzenschmerzen in Denks zweitem Roman und präsentiert sich so als Upmarket-Literatur, die anspruchsvolle, literarische Qualität mit hoher kommerzieller Attraktivität verbindet.

Denk siedelt den Roman im deutsch-österreichischen Grenzgebiet an, einer Gegend in der sie selbst, laut Klappentext, geboren wurde. Zeitlich starten wir im Jahr 1894, als der junge Hannes, der einmal „Der Fährmann“ werden wird, sechs Jahre alt ist. Denk erzählt die Geschichte, die bis in den Ersten Weltkrieg reicht, chronologisch fortschreitend aus vier Perspektiven. Das Setting ist ländlich, bäuerlich, die Geschlechterrollen stark ausgeprägt und patriarchal.
Hannes, der Fährmann, ist ein absoluter Hottie und hat das Herz am rechten Fleck, darf aber leider, leider nicht heiraten, eben weil er der Fährmann ist. Begehrt wird er gleichermaßen von Elisabeth wie von Annemarie, Hannes liebt aber, wie das Eingangszitat beschreibt, nur die Elisabeth. Die wird aus finanziellen Gründen mit dem Josef, einem reichen Hoferben und baldiger Großbauern verheiratet. Der wiederum steht aber eigentlich nur auf Annemarie (wegen ihrer wilden Locken?) und hält sie sich als nicht ganz freiwillige Geliebte.

Glücklich ist mit der aus Konventionen und sozialen Zwängen heraus entstandenen Konstellation niemand. Wobei, das ist zu euphemistisch. Besser ist: es entsteht richtig großes Leid, das vor allem die beiden Frauen hart trifft.
Und nicht nur die Menschenhand (Josef!) schlägt brutal zu, sondern auch das Schicksal und verhindert immer wieder, dass zusammenfindet, was zusammengehört.
Dann bricht der Erste Weltkrieg aus, und vieles wird anders…

Ich fürchte, ich kann nicht ganz verhehlen, dass vielleicht so ein paar Details nicht so ganz meinen Lesegeschmack entsprochen haben. Die von den Figuren trotz ihrer miserablen Lebenssituation tief empfundenen Liebesleidenschaft füreinander löst bei mir, die ich meine eigentlich geliebten Mitbewohner*innen manchmal schon aus prosaischtem Anlass wie liegengelassene Socken oder auch nur PMS am liebsten ermorden möchte, ein gewisses Augenrollen aus. Aber ich nehme an, das dieser Aspekt für die oben erwähnte kommerzielle Attraktivität des Genres sorgt.

Was mir an Denks Roman besonders gut gefallen hat, ist, dass sie die schrecklichen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges thematisiert und aber vor allem, wie sie die Figur des klassischen Antagonisten Josef anlegt. Josef, der den drei anderen, moralisch strahlenden Figuren, entgegensteht, ist nicht der platte Bösewicht, der sadistische Tyrann, wie ich ihn aus anderen Romanen, wie beispielsweise „Die Säulen der Erde“, kenne. Denk gibt ihm einen eigene Stimme und zeigt auf, wie erst die Gewalt und die emotionale Härte ihn zu dem Menschen werden lassen haben, der anderen und sich selbst nicht mehr lieben kann.

„Mehr gehauen als dich selbst, weil er ein Bub ist und darum die Härte früh kennen muss, um sie später selbst zu haben, dem man ein Leben lang alles Gute aberzogen hätte, weil das Weichsein eine Schand ist.“

Diese psychologische Tiefe in Verbindung mit Denks fesselnden und gekonnt in der Tonlage jener Zeit (oder zumindest wie wir uns das heute so vorstellen) gehaltenem Erzählstil machen „Der Fährmann“ zu einem Pageturner, den ich trotz einigem Augenrollens gerne und gut unterhalten gelesen habe.

Wenn du gerne zu qualitativ hochwertigen historischen Romane greifst und raumeinnehmende Liebesgeschichten für dich kein No-Go sind, ist „Der Fährmann“ bestimmt eine Empfehlung für dich!

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Veröffentlicht am 05.04.2026

Ein verlassenes Haus

Ein verlassenes Haus
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Das Cover von „Ein verlassenes Haus“ sticht mir sofort ins Auge. Ich liebe die kontrastreiche und farbige Gestaltung und die wie bei Kremayr & Scheriau immer hochwertige Buchausgabe.
Der Roman ist der ...

Das Cover von „Ein verlassenes Haus“ sticht mir sofort ins Auge. Ich liebe die kontrastreiche und farbige Gestaltung und die wie bei Kremayr & Scheriau immer hochwertige Buchausgabe.
Der Roman ist der Debütroman der Wahlhamburger Schriftstellerin Lisa Wölfl. Für ihren ersten Roman hat sie eine Ich-Erzählerin gewählt, die sonst nicht besonders viel Aufmerksamkeit bekommt. Das liegt zum einen an ihrem Alter, denn Frauen um die fünfzig bekommen in der Öffentlichkeit, in Filmen und auch in Romanen nur noch wenig Screentime. Zum anderen liegt es an ihren Lebensbedingungen, die zwar prekär, aber noch innerhalb einer gesellschaftlichen Teilhabe sind. Obwohl Sonja neben der Kindererziehung und dem Haushalt im Einzelhandel arbeitet und ihr Mann oft Doppelschichten schiebt, ist das Geld immer knapp.
Ein anstrengendes Leben immer am Limit, dennoch möchte Sonja mit niemanden tauschen, denn sie liebt ihren Mann und ihre Kinder. Oder? Manchmal wünscht sie sich ein ganz anderes Leben. Zum Beispiel das ihrer kinderlosen Schwester Gabi, die einen reichen Mann geheiratet hat und keine Geldsorgen hat. Sonja fühlt sich abgearbeitet und ausgelaugt.

„Mein Körper ist ein verlassenes Haus und ich könnte die Wände bemalen, die Löcher stopfen, aber was bringt das, wenn die Struktur fault?“

Die Lebenssituation der Erzählerin verschlechtert sich immens, als sie ihren Job verliert und bei ihrem jüngeren Sohn Sebastian Diabetes Typ 1 festgestellt wird. Sonja muss seinen Gesundheitszustand und seinen Insulinspiegel jetzt konsequent überwachen und fühlt sich durch diese zusätzliche Verantwortung sehr belastet.
Als ihr eine Freundin aus der Vergangenheit eine unkomplizierte, aber moralisch fragwürdige Möglichkeit vorschlägt, von zu Hause aus und nebenbei Geld zu verdienen, zögert Sonja nur kurz.
Doch diese Nebentätigkeit stößt bei der Erzählerin Entwicklungen an, die die ganze Familie beeinflussen wird.

Mir hat das Thema in der Kurzbeschreibung sofort angesprochen. Der zusätzliche Betreuungs- und Pflegeaufwand, den eine Diabetes- (oder eine andere) Erkrankung eines Kindes bedeutet, wird meistens von Frauen aufgefangen, und gesellschaftlich kaum gesehen, geschweige denn honoriert.

Ich finde, Lisa Wölfl hat mit ihrer Erzählerin Sonja gut die Erschöpfung und Überforderung eingefangen, die entsteht, weil sie seit Jahren immense Kraft aufwenden muss, um die Familie unter prekären Bedingungen zusammenzuhalten.

„Ich liebe ihn wie mich selbst: vielleicht zu wenig, um das alles auf die Dauer auszu-halten.“

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, fand aber die Psychologie der Figuren nicht immer nachvollziehbar ausgearbeitet. Gerade Sonjas Beziehung zu ihrem Mann fühlte sich für mich nicht immer stimmig an. Das verursachte bei mir beim Lesen so ein bisschen Dissonanz, die mich aber nicht sehr gestört hat.
Sehr schön fand ich auch die Spannung, die Wölfl gegen Ende des Romans aufkommen lässt, die in einem, wie ich fand, gelungenen Schluss endet.

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Veröffentlicht am 07.03.2026

Überraschend explizit

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
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Okay, zuerst müssen wir über dieses Cover reden. Nie im Leben hätte ich mich dieses Design gereizt, den Roman in die Hand zu nehmen. Die Farben, die Fonts, die Frauengestalt, alles daran weckt in mir sofort ...

Okay, zuerst müssen wir über dieses Cover reden. Nie im Leben hätte ich mich dieses Design gereizt, den Roman in die Hand zu nehmen. Die Farben, die Fonts, die Frauengestalt, alles daran weckt in mir sofort Assoziation a die „Junge-Frauen-Romane“ aus den 70er, die ich aus Mangel an Alternativen lesen musste. Auch der Titel ist meiner Meinung nach denkbar wenig vielversprechend. Nun gut, zum Glück gibt es Leseproben und in diesem Fall hatte sie mich gleich überzeugt.

Ja, es geht um eine ältere Frau über 60, die ihr Leben neu sortieren muss, aber auf wesentlich weniger betulichere Art, als das Cover vermuten lässt. Gerade in Hinblick auf Sex und weibliches Begehren wird Mühleisen oft erfrischend deutlich und kommt komplett ohne blümerante Umschreibungen aus.

“Ich bin mit Marie zusammen.”

Das eröffnet Erikas Mann ihr am letzten Abend des Italienurlaubs, gerade als sie ihm vorschlagen will, die Beziehung zu öffnen. Wenckes Ich-Erzählerin Erika fehlt schon länger der Sex und die Intimität in ihrer langjährigen Ehe und sie erhoffte sich vom Öffnen der Ehe neue sexuelle und persönlichen Impulse.
Turns out, ihr Mann holt sich das alles schon länger bei einer 15 Jahre jüngeren Frau, nämlich bei Marie.

Erika, die selbst vor 20 Jahren eine außereheliche Affäre hatte, stürzt das Bekenntnis ihres Mannes zu seiner neuen Freundin in eine tiefe Krise. Sie fühlt sich nicht nur um die körperliche Nähe betrogen, die ihr ihr Mann schon so lange verweigert, sondern sie stellt die ganzen letzten Jahre, nein, sogar die ganze Dauer ihrer Ehe in Frage.
Außerdem quält sie der Liebeskummer und das Bedürfnis, sich ganz fest an ihren Mann zu klammern, dem sie nur aus Gründen der Selbstachtung nicht nachgibt.

Ich mochte die Erzählerin und den Roman sehr gerne, vor allem weil Mühleisen, die sich als Schriftstellerin mit Themen wie Gender Sexualität, Feminismus und Politik beschäftigt, eine ordentlich Portion davon in ihren Roman einfließen lässt.

“Ich schämte mich dafür, dass ich eine dieser Frauen war, die ständig herummeckerte, eine echte Zicke. Dass wir fast wie ein Schatten unserer Eltern in den 1950er Jahren waren. Unerträglich.”

Dabei ist Erika durchaus eine Frau ihrer Generation. Für jüngere Leserinnen mag es irritierend sein, mit welche wenig schmeichelhaften Worte Wenckes betrogene Protagonistin für die in ihren Augen wenig attraktive jüngere Geliebte ihres Mannes beschreibt. Vor allem deren Gewicht ist in Erikas Augen ein Beweis ihrer moralischen Verdorbenheit, das Wort „dick“ taucht immer wieder auf, wenn Erika a die jüngere Frau denkt.

“Jans Wahl seiner Geliebten hatte etwas zutiefst Verstörendes.”

Mühleisen zeigt meiner Meinung nach damit gut, wie internalisierte Misogynie funktioniert und gegen wen sie sich richtet. Spoiler: natürlich nicht gegen die Herren der Schöpfung, die sich außerhalb des Machtbereichs von Frauen
befinden und auch auf Grund von Abhängigkeitsverhältnissen für Kritik nicht adressierbar sind.

Der Roman erreicht, wie ich finde, nicht die Reflexionstiefe von beispielsweise des autobiografischen „Ein Versuch ,meine Liebe zu ordnen“ von Christien Brinkgreve, dazu baut er zu sehr auf Unterhaltung. Dennoch freue ich mich über die feministische Ausrichtung und den Stellenwert von Sex und körperliche Intimität in dem Roman. Das ist nicht selbstverständlich und leider auch heute noch ziemlich selten, gerade bei Protagonistinnen über 60.

Ich würde jetzt gerne auch noch „Alles, wovor ich Angst habe, ist schon passiert“ von der norwegischen Autorin lesen, ein weiterer auf Deutsch vorliegender Roman, den ich aber ebenfalls vorschnell wegen des Covers für mich ausgeschlossen hatte.

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