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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.07.2024

Eine ganz besondere Reise

Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland
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Als ich dieses Buch zur Hand nahm, habe ich einen Reisebericht zur Transsibirischen Eisenbahn im Jahre 1899 erwartet. Das Cover und die Leseprobe hatten mir Lust auf dieses Buch gemacht. Bekommen habe ...

Als ich dieses Buch zur Hand nahm, habe ich einen Reisebericht zur Transsibirischen Eisenbahn im Jahre 1899 erwartet. Das Cover und die Leseprobe hatten mir Lust auf dieses Buch gemacht. Bekommen habe ich allerdings viel mehr: Einen Roman voller Überraschungen, Spannung und Mystik – ein ganz außergewöhnliches Abenteuer.

Doch von vorn: Schon während der Vorstellung der einzelnen Reisenden herrscht eine eigenartige Stimmung. Egal ob es sich um Maria handelt, die unter einem falschen Namen reist, oder den Naturforscher Grey; alle rechnen mit einer Reise voller Gefahren. Erst nach und nach wird klar, worin die bestehen. Aber das sollte jeder Interessierte selbst nachlesen. Auf dieses Buch sollte man sich einlassen, ohne vorher zu viel vom Inhalt zu kennen. Nur so kann man die Spannung genießen, das Mystische auskosten.

Das Buch ist voller Überraschungen. Mich hat es ein wenig an das Leseerlebnis erinnert, das ich vor vielen Jahren im ersten Teil der Tintenblut-Trilogie von Cornelia Funke hatte. Auch dort standen unheimliche Dinge im Vordergrund.

Sahra Brooks ist mit ihrem Debütroman ein großartiger Wurf gelungen. Ihr Schreibstil ist bildhaft und hebt die teilweise gruseligen Aspekte gekonnt hervor. Die Charaktere sind vielfältig und so beschrieben, dass sie sich gut auseinander halten lassen. Das Unheilvolle, das über der ganzen Reise schwebt, kann Gänsehaut entfachen. Auch spart sie nicht an Gesellschafts- und Umweltkritik. Kurzum: Wer mal etwas ganz anderes lesen möchte, ist hier gut aufgehoben.

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Erinnerungskartons

Kairos
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Was tun, wenn einem plötzlich zwei Kartons vor die Tür gestellt werden, in denen sehr emotionale Erinnerungen gestapelt sind? Katharina braucht eine Weile, ehe sie sich daran wagt und damit eine nicht ...

Was tun, wenn einem plötzlich zwei Kartons vor die Tür gestellt werden, in denen sehr emotionale Erinnerungen gestapelt sind? Katharina braucht eine Weile, ehe sie sich daran wagt und damit eine nicht gerade einfache Zeit noch einmal zum Leben erweckt.

Sie war 19, als sie sich in einen Mittfünfziger verliebte. Er war verheiratet und sie nicht seine erste Nebenbei-Gespielin. Es entwickelte sich eine sehr intensive Beziehung, deren Aufs und Abs in diesem Buch sehr ausführlich erzählt werden.

„Wie soll man es aushalten, dass die Gegenwart Moment für Moment hinabrauscht und Vergangenheit wird?"

Hier wird eine Liebe beschrieben, die eigentlich von Anfang zum Sterben verurteilt war. Sie kamen aus völlig unterschiedlichen Generationen: während er als Kind noch Vertreibung miterlebte, fehlte ihr jegliche Lebenserfahrung. Nur spielten die Hormone so verrückt, dass sie beide sich das niemals eingestanden.

Die Geschichte spielt kurz vor dem Mauerfall in Ostberlin. Der im Klappentext erwähnte Satz „Vor dem Hintergrund der untergehenden DDR“ hat mich dazu bewogen, das Buch zur Hand zu nehmen. Denn auch dreißig Jahre danach ist die Zeit für mich immer noch sehr spannend. Leider wurde die Zeitgeschichte im ersten Teil des Buches weitgehend ausgespart, dafür bekam ich als Leserin die Gefühle der Protagonisten sehr detailliert geschildert. So konnte ich erleben, wie sich die beiden in ihre Verlorenheit hineinsteigerten, sich in ihren Unsicherheiten einrichteten und sie nicht mehr aufgeben wollten.

Jenny Erpenbeck (*12. März 1967 in Ostberlin) hat zugegeben, dass sie hier eine autobiographische Erfahrung in Worte gefasst hat. Eine Liebesgeschichte, die sich so oder so ähnlich sicherlich oft ereignet. Dabei hat sie uns ganz tief in die Gefühle der beiden mit hinein genommen.

Bei mir blieb im Nachklang aber vor allem Mitleid mit den Protagonisten. Ich litt mit der jungen Frau, die bei ihrem Liebhaber Halt suchte, während er davon träumte, mit ihr noch einmal jung zu sein, bis ihm der Altersunterschied bewusst wurde und er sich fragte, ob er ihr überhaupt genug sein könnte.

Schade fand ich, dass der entscheidende politische Umschwung erst so spät thematisiert wurde. Allerdings war auch diese Zeit sehr intensiv beschrieben, wodurch ich den etwas undurchsichtigen und verwirrenden Schluss gerne verzeihen konnte.

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Veröffentlicht am 16.08.2024

Das Gedächtnis des Wassers

Am Himmel die Flüsse
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Das Wasser hat in seinem unermüdlichen Kreislauf viel erlebt. Dem geht die Autorin in ihrem Roman nach, der zwischen 630 v.Chr. bis in die Jetztzeit spielt. Vier Personen lässt sie abwechselnd in den Vordergrund ...

Das Wasser hat in seinem unermüdlichen Kreislauf viel erlebt. Dem geht die Autorin in ihrem Roman nach, der zwischen 630 v.Chr. bis in die Jetztzeit spielt. Vier Personen lässt sie abwechselnd in den Vordergrund treten:

Zuerst tritt König Assurbanipal aus Ninive (in der Nähe des Tigris) in Erscheinung. Er hatte bereits lange vor unserer Zeitrechnung eine legendäre Bibliothek mit 32000 Tontafeln aufgebaut, liebte die Kunst und war ein machtvoller, aber auch grausamer Herrscher.

Scherben dieser Tontafeln faszinierten Arthur, der 1830 als Sohn einer Schatzsammlerin im Themseschlamm geboren wurde und den Namen >König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere< erhielt. Er hat in diesem Roman ein unglaubliches Gedächtnis, war sehr wissensdurstig und sein Lebensweg führte ihn schließlich bis nach Mesopotamien.

Das Land zwischen Euphrat und Tigris war 2014 auch das Ziel von Narin und ihrer Großmutter. Beide gehören zu den Yesiden, die wegen eines geplanten Stausees aus der Heimat vertrieben und unsäglichen Grausamkeiten durch den IS ausgesetzt sind.

Die in London lebende Hydrologin Zaleekhah stammt aus dem Irak und stellt immer wieder die Verbindung zum Wasser her.


Das Buch beginnt ziemlich brutal, doch dann wird es unglaublich interessant. Wir bekommen Informationen über das Altertum und hören von Geschichten aus der Bibel, die schon lange vor der Niederschrift von Generation zu Generation weitererzählt wurden. Die Zeit, in der das British Museum in London Fragmente aus der Ferne bekommt und diese ausgewertet werden, regt ebenso zum Weiterrecherchieren an, wie die Jetztzeit, in der der IS die Macht übernimmt und sich zum Herrscher aufspielt.


Die britisch-türkische Schrftstellerin Elif Shafak wurde im Oktober 1971 in Straßburg geboren und gehört in der Türkei zu den meistgelesenen Schriftstellern. Für mich war >Am Himmel die Flüsse< nach >Der Architekt des Sultans< und >Das Flüstern der Feigenbäume< ihr drittes Buch. In allen thematisiert sie die Vergangenheit. Sie erzählt mitreißend vom Orient und macht auf viele Probleme aufmerksam, die das Leben in der Fremde mit sich bringt.


Mich hat dieses von Pegah Ferydoni eingelesene Hörbuch knappe 15 Stunden regelrecht in sich hineingezogen. Mehrmals habe ich mir gegönnt, nichts nebenbei zu tun, sondern mich ganz entspannt hinzusetzen und nur der Stimme und der außerordentlich gelungenen Geschichte zu lauschen. Das war eine tief beeindruckende Erfahrung und hat mir eine Menge Wissen vermittelt.


Fazit: Ein Highlight des Bücherjahres 2024.

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Interessantes zeitdokument

Fliegt, Wilde Schwäne
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Dieses Buch interessierte mich, weil die Autorin ebenso alt ist wie ich. Ich wollte vergleichen, wie unterschiedlich die Leben von Frauen aus Westeuropa und China verlaufen sind. Zumindest was die Jugend ...

Dieses Buch interessierte mich, weil die Autorin ebenso alt ist wie ich. Ich wollte vergleichen, wie unterschiedlich die Leben von Frauen aus Westeuropa und China verlaufen sind. Zumindest was die Jugend angeht, konnte ich nur dankbar sein, dass uns in Westeuropa alle Möglichkeiten zur Verfügung standen, und nicht, wie in China zur Mao-Zeit, Bildung verboten war. Jung Chang hatte das Glück, aus einem gebildeten Haushalt zu stammen, der seine Bücher vor der von Mao angeordnetenVerbrennung versteckte. So konnte sie sich auch in den zehn Jahren ohne Schulunterricht bilden und nach langem Hin und Her 1976 sogar nach England ausreisen, wo sie später ihren Ehemann und Co-Autor Jon Halliday kennenlernte.

Spätestens hier war mein Ansinnen, unsere Leben zu vergleichen, schon in den Hintergrund gerückt. Die Beschreibung, wie Chinesinnen auch im Ausland von ihrem eigenen Staat unterdrückt wurden, ließen mich nur noch ungläubig weiterlesen. Ab hier war ich ganz und gar auf den Spuren der Schriftstellerin, die mich ausführlich an ihren Recherchearbeiten zu einer Mao-Biografie teilhaben ließ. Ich erfuhr, dass er die Weltherrschaft an sich reißen wollte und dafür auch das Leben und Wohlergehen und Leben seines eigenen Volkes aufs Spiel setzte. Kein Wunder, dass ihre Veröffentlichung seines Lebensstils zu Repressalien führte. Außer, dass sich chinesische Freunde gezwungenermaßen von ihr distanzierten, wurden ihr bei ihren Einreisen nach China Steine in den Weg gelegt, die so weit reichten, dass sogar vor ihren Augen einer ihrer Koffer entführt wurde, so dass sie einen Flug verpasste, der nur einmal die Woche stattfand.

Dieser Bericht über das chinesische Vorgehen kritischen Personen gegenüber ist erschütternd. So hatte sie immer wieder große Schwierigkeiten, ihre alte Mutter in China zu besuchen. Trotzdem fand ich erstaunlich, wie viel sie als Schriftstellerin für ihre Recherchen unterwegs war. Allerdings gefiel mir nicht, dass sich einige Teile ihrer Autobiografie wie eine Rechtfertigung lesen.

Alle Werke der am 25. März 1952 geborenen Autorin sind in China verboten. Dazu gehören neben der mehrfach preisgekrönten Autobiografie über ihre Familie „Wilde Schwäne“ auch die Mao-Biografie (2005) und eine Biografie über die Kaiserin-Witwe Cixi (2014).

Fazit: Wer mehr über China erfahren will, ist hier gut aufgehoben.

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Veröffentlicht am 29.04.2026

Ankommen im fremden Land

Moosland
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Elsa ist eine von 500 deutschen Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Island gingen, um ein Jahr auf einem Hof mitzuhelfen. In diesem Buch begleiten wir sie vom Tag ihrer Ankunft in der Fremde und ...

Elsa ist eine von 500 deutschen Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Island gingen, um ein Jahr auf einem Hof mitzuhelfen. In diesem Buch begleiten wir sie vom Tag ihrer Ankunft in der Fremde und erleben hautnah, wie schwer es ist, sich einzuleben.

Die einzelnen Episoden sind sehr ruhig und gemächlich erzählt und vermittelt dem Leser/Hörer das Gefühl, selbst die Einsamkeit und Verlassenheit auf dem kargen Land zu fühlen. Elsa ist der Sprache nicht mächtig und daher sehr still. Doch die Autorin versteht es, uns die Umgebung durch Elsas Augen zu zeigen, lässt uns schlaflos helle Sommernächte erleben und die Kälte vieler Tage spüren. Wir begleiten Elsa beim Reiten lernen und erforschen zusammen mit ihr die Gewohnheiten des isländischen Lebens.

Der Autorin gelingt es hervorragend, uns die Eigenheiten des kargen Landes näher zu bringen. Ein ganzes Jahr erleben wir an Elsas Seite, erfahren vom Fernweh der jungen Leute ebenso, wie von der Heimatverbundenheit anderer. Sehr gut ist es ihr gelungen, zu zeigen, dass das Leben im fremden Land einfacher wird, wenn man sich voll darauf einlässt.

Maria Wördemann hat dieses Hörbuch mit einer Stimme eingelesen, die neutral klingt und gerade deshalb die vielen Emotionen besonders gut zur Geltung bringt.

Fazit: Empfehlenswert für alle, die einen tiefen Einblick in fremde Lebenswelten bekommen möchten.

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