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Veröffentlicht am 08.05.2026

Der Colson Whitehead der 60er Jahre

Ein anderer Takt
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57 Jahre nach dem Erscheinen dieses Meisterwerks haben wir nun auch die Möglichkeit den Debütroman von - dem bei uns noch vollkommen unbekannten - William Melvin Kelley auf Deutsch lesen zu können und ...

57 Jahre nach dem Erscheinen dieses Meisterwerks haben wir nun auch die Möglichkeit den Debütroman von - dem bei uns noch vollkommen unbekannten - William Melvin Kelley auf Deutsch lesen zu können und dürfen.
Der Roman erzählt aus verschiedenen Perspektiven ein einschneidendes Ereignis, welches zur massenhaften Migration von schwarzen Amerikanern aus einem fiktiven Südstaat nach Norden führt. Ein schwarzer Farmer versalzt sein Ackerland, zerstört seine Habseligkeiten und brennt sein Haus nieder, um dann den Staat zu verlassen. Ihm folgen alle anderen Schwarzen und nun leitet Kelley aus den Perspektiven verschiedener Weißer her, warum es dazu gekommen sein könnte. Dabei handelt es sich um private einblicke, die natürlich allgemeinere und weitreichendere Interpretationen zulassen.

Der Roman entwickelt einen Sog, wie ich ihn bisher nur von Colson Whitehead kenne. Ob Kelley ein Vorbild für Whitehead war, kann ich nicht beurteilen, beide treiben jedoch den Plot ähnlich voran, indem sie zunächst von einem einzigen Ereignis ausgehen, welches zunächst unverständlich und schwer nachvollziehbar erscheint. Erst zum Ende hin wird durch immer mehr Indizien das ganze (oder vielleicht auch nie ganze) Bild für den leser offenbart. Diese Art des Schreibens beindruckt mich sehr und führt auch zu einer großen Beageisterung für dieses kluge, zeitlose Buch.

Ein wenig zu übertrieben finde ich das Vor- und das Nachwort zusammen. Beide ordnen das vorliegende Werk des Autors aus unterschiedlichen Sichten für den Leser ein. Eins der beiden hätte aber auch ausgereicht. Da das Nachwort von der Tochter Kelleys stammt, würde ich eher das Vorwort weglassen, sodass der Leser sofort und ungehindert mit diesem hervorragenden Roman starten kann.

Dieses Buch empfehle ich dringend allen Fans des aktuell (verhältnismäßig) erfolgreichen Colson Whitehead. Ihr werdet gefangen und begeistert sein.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein tolles Konzept!

Laufen
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In Isabel Bogdans neuen Roman läuft der Leser mit der Ich-Erzählerin viele viele Kilometer und gewinnt dabei einen Einblick in ihre verwundete Seele.
Die Geschehnisse setzen ein Jahr nach dem Tod des Partners ...

In Isabel Bogdans neuen Roman läuft der Leser mit der Ich-Erzählerin viele viele Kilometer und gewinnt dabei einen Einblick in ihre verwundete Seele.
Die Geschehnisse setzen ein Jahr nach dem Tod des Partners der Erzählerin ein. Sie entscheidet sich dafür wieder Joggen zu gehen und nutzt die Zeit, um sich Gedanken über den Tod des Partners, die gemeinsame Vergangenheit aber auch die Trauer, ihre Freunde und die Zukunft zu machen. Dabei begleiten wir die Erzählerin über ein Jahr hinweg und erleben sie immer wieder in ihrem unablässigen Gedankenstrom während des Laufens.

Bogdan gelingen hier mehrere Kunststücke. Sie beschäftigt sich nicht, wie einige andere Autoren, mit der Zeit direkt nach einem Verlust, sondern setzt später im Trauerprozess ein. Nachdem "das Trauerjahr" eigentlich schon vorbei sein sollte und alles wieder in Ordnung. Dass dies eben nicht so ist, zeigt sie durch den Kniff allein den Gedankenstrom der Erzählerin auf den Leser wirken zu lassen. Und so wie das Laufen den Menschen in Bewegung hält, hält es auch die Handlung in Bewegung und lässt den Roman nie langatmig werden. Die Länge von 200 Seiten ist auch perfekt getroffen, um einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt einer "Hinterbliebenen" zu bekommen.
Mich hat dieser Roman gefesselt und auch berührt. Mir sind sogar einmal die Tränen gekommen und zwar nicht an einer traurigen Stelle, nein, an einer Stelle in der es um Mut, Freundschaft und Apfelstückchen geht.

Es handelt sich hierbei um einen aus meiner Sicht großartigen, reduzierten Roman, der den Trauerprozess einer Person mal aus einer ungewöhnlichen Perspektive heraus erzählt. Sehr empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Eine Sammlung von Meisterwerken

Das wahre Wesen der Dinge
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Diese Kurzgeschichtensammlung von Ted Chiang herausgegeben vom tollen Golkonda Verlag versammelt alles, was den Autor auszeichnet und wofür er - zu Recht - bisher auch schon vielfach ausgezeichnet wurde.

Die ...

Diese Kurzgeschichtensammlung von Ted Chiang herausgegeben vom tollen Golkonda Verlag versammelt alles, was den Autor auszeichnet und wofür er - zu Recht - bisher auch schon vielfach ausgezeichnet wurde.

Die Kurzgeschichten rangieren zwischen Science-Fiction, Horror und Kuriositäten, Sozial-, Technik- und Wissenschaftskritik. All diese Bereiche bearbeitet der Autor literarisch herausragend. Das Niveau der Geschichten ist gleichbleibend hoch und der Leser wird durchgängig kognitiv gefordert. Bei der Varianz der behandelten Themen frage ich mich, ob der Autor ein Universalgenie ist oder einfach "nur" sehr gut wissenschaftlich recherchieren kann. Egal um was es sich handelt, das Resultat ist atemberaubend.

Diese Textsammlung gefällt mir noch einmal viel besser als "Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes". Auch beim Cover hat sich der Verlag hier einen Hingucker geleistet. Uneingeschränkt empfehlenswert für anspruchsvolle Leser.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein moderner Klassiker

Von dieser Welt
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Baldwin erzählt in seinem Roman nicht nur die Geschichte des 14jährigen, afroamerikanischen Jungen John, der in einer für Schwarze unerbittlichen Zeit im New York der 1930er Jahre aufwächst, getragen von ...

Baldwin erzählt in seinem Roman nicht nur die Geschichte des 14jährigen, afroamerikanischen Jungen John, der in einer für Schwarze unerbittlichen Zeit im New York der 1930er Jahre aufwächst, getragen von der Liebe der Mutter und fast zerstört durch die tyrannischen Religiösität des predigenden Stiefvaters. Der Roman erzählt auch in Rückblenden Geschichten aus einer gesellschaftlich noch viel schwereren Vergangenheit der Elternteile im Süden Amerikas.

Der Autor findet dafür eine einmalige Sprache, die für mich die größte Stärke des Buches ausmacht. Sie wirkt fast durchgängig wie eine Predigt, ein Gospel, niedergeschrieben, um die Kämpfe der verschiedenen Familienmitglieder mit sich und mit Gott darzustellen. Selbst - und gerade - als atheistischer Mensch bekommt man dadurch ein Gefühl davon, wie stark sich manche christliche Gemeinden in den USA an die Erzählungen der Bibel klammern und durch Heraufbeschwören der ewigen Sünde gebannt nach einem gnädigen Gott suchen. Diese Suche mündet nicht selten in fast hysterisch anmutendem Rausch eines Gottesdienstes mit Erweckungsorgien. Ohne auf weitere der vielen inhaltlichen Facetten dieses Buches einzugehen, macht für mich diese Einheit von Inhalt und Sprache auf der Metaebene dieses Buch zu einem modernen - 1953 erschienenen - Klassiker.

In diesem Zusammenhang ein besonderes Lob möchte ich an die Übersetzerin Miriam Mandelkow aussprechen. Ihr gelingt die Sprache Baldwins in ihrer Besonderheit ins Deutsche zu überführen. Das Vorwort von Verena Lueken rundet das literarische Erlebnis ab.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Auf diesem "Feld" gibt es viele großartige Geschichten zu ernten

Das Feld
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Dieser Roman ist eigentlich eine Sammlung kurzer Geschichten, welche alle durch ein Band zusammengehalten werden. Es kommen verschiedene Verstorbene eines Ortes zu Wort, welche auch dem sogenannten "Feld", ...

Dieser Roman ist eigentlich eine Sammlung kurzer Geschichten, welche alle durch ein Band zusammengehalten werden. Es kommen verschiedene Verstorbene eines Ortes zu Wort, welche auch dem sogenannten "Feld", dem Friedhof, begraben liegen. So entspinnt sich ein Geflächt aus Beziehungen zueinander, welches sich erst nach und nach für den Leser öffnet.

Meines Erachtens liegt die Stärke dieses Buches in den hervorragenden sprachlichen Fähigkeiten von Robert Seethaler in Kombination mit seinen ganz fein eingewebten philosophischen Gedanken zum Leben, der Liebe, Verlusten und dem Sterben. Es handelt sich dabei jedoch nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, um einen tottrurigen Roman. Nein, an vielen Stellen blitzten durchaus amüsante Sätze durch, die einem ein Lächeln auf die Lippen zaubern.

Insgesamt lässt sich der großartige Lesegenuss inhaltlich mit einem Zitat aus dem Roman unterstreichen: "Als Lebender über den Tod nachdenken. Als Toter vom leben reden. Was soll das? Die einen verstehen vom anderen nichts. Es gibt Ahnungen. Und es gibt Erinnerungen. Beide können täuschen." Ich hätte am liebsten noch mehr von diesen Ahnungen und Erinnerungen gelesen, doch darin liegt die Würze bei Seethaler, er hält sich kurz und lässt nicht den Hauch von Langatmigkeit aufkommen.

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