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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein liebevoller Blick auf Verluste und Hoffnungen

Die geheimen Leben der Schneiderin
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Angelika Waldis wirft in ihrem Buch "Die geheimen Leben der Schneiderin" einen Blick in das Leben der 46jährigen Schneiderin Jolie. Alles dreht sich um ein von ihre veranstaltetes Familienfest zu Ehren ...

Angelika Waldis wirft in ihrem Buch "Die geheimen Leben der Schneiderin" einen Blick in das Leben der 46jährigen Schneiderin Jolie. Alles dreht sich um ein von ihre veranstaltetes Familienfest zu Ehren der nun 80jährigen Eltern. In diesem Rahmen tauchen auch die Gedanken an ihren vor über 30 Jahren toten Bruder wieder an die Oberfläche. Er gilt als ertrunken, die Leiche wurde nie gefunden. Und so dreht sich dieser gefühlvolle Roman um Verlust, Hoffnung aber auch das eigene sowie das Familienleben.

Sprachlich ist der Text genau auf Kante genäht. Waldis schreibt nie mehr als sein muss, sagt damit jedoch unendlich viel aus dem Gefühlsleben ihrer Protagonistin Julie. Dafür verwendet die Schriftstellerin wunderschöne punktgenaue Metaphern, die an die zwei Generationen jüngere Kolleginnen Mariana Leky oder Karen Köhler erinnern lassen. Immer wieder tauchen im Text kleine alltagsphilosophische Einträge aus dem Auftragsbüchlein aus Jolies Schneiderei auf, die anregen, rühren und zum Hinterfragen der Welt führen. Ebenso tiefgründig wie liebevoll sind die gedanklich verfassten Suchanzeigen von Jolie, mit denen sie den verschollenen Bruder herbeisehnt.

Dies alles führt dazu, dass man als Leser immer stärker mit Jolie auf der Suche nach ihrem Bruder mitfiebert. Man fragt sich, ob sie ihn unter den Lebenden oder den Toten finden wird. Der Leser hofft, bangt, wartet und sucht mit Jolie. So nah habe ich mich schon lange nicht einer Protagonistin gefühlt. Wir lernen ihre Familie mit allen Macken und Freuden kennen und das alles auf so wenigen Seiten.

Dieses Büchlein zeigt, dass ein Autor nicht auf Proust'schen Wegen wandeln muss, sondern mit wenigen, präzisen Schilderungen eine ganze Gefühlswelt öffnen kann. Dieses Buch würde ich jederzeit weiterempfehlen, an alle, die sich Gedanken über die philosophischen Fragen - die kleinen - des Alltags machen wollen.

Besonders möchte ich zuletzt noch die Gestaltung des Buches hervorheben. Der Wunderraum Verlag hat dieses wunderbare Werk ganz liebevoll verpackt. Dieses Buch liest man nicht nur gern, sondern befühlt und bewundert es ebenso gern. Das angefügte Autoreninterview rundet die Veröffentlichung schließlich sehr schön ab.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Großartig, mitreißend, perfekt!

Die Nickel Boys
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Mit diesem Roman unterstreicht Colson Whitehead weshalb er den Pulitzer Preis im Bereich Fiction gewonnen hat. Wir begleiten unter anderem die beiden jungen Elwood und Turner auf ihrem Weg in die und aus ...

Mit diesem Roman unterstreicht Colson Whitehead weshalb er den Pulitzer Preis im Bereich Fiction gewonnen hat. Wir begleiten unter anderem die beiden jungen Elwood und Turner auf ihrem Weg in die und aus der Besserungsanstalt für Kinder und Jugendliche genannt "Das Nickel" im Florida der 60er Jahre, inlusive Rassentrennung und Diskriminierung. Die großen Themen des Autors.

Dabei werden schreckliche Abartigkeiten, die an den Minderjährigen begangen werden unaufgeregt und nie pathetisch geschildert. Wenn man noch während des Prolog Sorge hat, dass das Szenario für den Leser kaum aushaltbar wird, so macht es der Autor mit seiner Sprache für den Leser "erträglich". Besonders da man einen der beiden Jungen in Episoden seines Erwachsenenlebens begleitet und somit zumindest von Anfang an weiß: Er überlebt den Horror zumindest. Mit dem erlebten Greul muss der Protagonist jedoch, wie wir mitbekommen, sein gesamtes Leben kämpfen und jeden Tag aufs Neue überleben.

Dem Autor gelingt, dass man unter Verwendung nur weniger Beschreibungen die heiße, erbarmungslose Südstaaten-Welt eines rassistischen Amerikas vor Augen hat. Das Buch saugt den Leser ein und spuckt ihn als veränderten Menschen wieder aus. Das kann nur Weltliteratur und dazu gehört, ebenso wie der Vorgänger "Underground Railroad", dieses Buch.
Erwähnenswert ist meines Erachtens die Schutzumschlaggestaltung des Hanser Verlags. Es wurde bewusst auf die Plastikverpackung verzichtet und der Schutzumschlag so gefaltet und verklebt, dass er das Buch nicht nur rundum schützt, sondern auch zu einem Hingucker im Buchladen macht.

Ich kann das Buch für Leser anspruchsvoller Themen, die trotzdem eingängig und mitreißend erzählt werden, eindeutig, uneingeschränkt und dringend empfehlen.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Sowohl authentisch als auch witzig. Ja, das geht!

Wir von der anderen Seite
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Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, also fange ich jetzt einfach damit an: Ich finde das Buch total klasse!

Anika Decker lässt uns in ihrem ersten Roman eintauchen in die Welt einer "fiktiven" (dazu ...

Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, also fange ich jetzt einfach damit an: Ich finde das Buch total klasse!

Anika Decker lässt uns in ihrem ersten Roman eintauchen in die Welt einer "fiktiven" (dazu komme ich später noch) Drehbuchautorin, welche nach einer schweren Uro-Sepsis aus dem Koma wieder erwacht. Mit viel Witz schildert sie die schwere Zeit der Genesung danach.
Drei große Themenbereiche habe ich dabei für mich herausgelesen, die mir wichtig sind zu erwähnen. Zum einen schildert Decker äußerst authentisch die Krankenhaussituation auf den verschiedenen Stationen, in den unterschiedlichen Einrichtungen und mit den ganzen Ärzten und Pflegern. All die Passagen finde ich wirklich sehr gelungen. Auch die Schilderungen aus Sicht der Patientin sind, ich sage es gern nochmal, sehr authentisch. Spätestens bei der Hälfte des Buches wollte ich wissen, ob die Autorin selbst eine vergleichbare gesundheitliche Odyssee durchgemacht hat, weil ich es kaum glauben konnte, dass Recherche so dermaßen gut funktionieren kann. Bei Befragung des allwissenden Internets fand ich heraus, dass Decker (ohne, dass dies in der Autorin-Bio im Umschlagtext benannt wurde) tatsächlich eine Sepsis überlebte. Des Weiteren legt die Autorin mit sehr viel bissigen Witz einige Mechanismen des Filmbusiness frei, von denen ich ihr abnehme, exakt so in der Realität auftreten zu können. Zuletzt wird auch die komplizierte Rollenfindung in der Familie und Partnerschaft während und nach einer schweren Erkrankung sehr realitätsnah und nachvollziehbar dargestellt.
Auch wenn das Buch kein biografischer Text sondern ein Roman ist, denke ich, dass viele Erlebnisse der Autorin darin eingegangen sind. Spätestens wer selbst schon einmal in der ganz bestimmten Reha-Klinik an der Ostsee gewesen ist (der Name soll hier nicht enthüllt werden, Insider erkennen sie sofort im Buch) und den ganz bestimmten Arzt mit Joggingpartner dort erlebt hat, wird die Örtlichkeiten und Akteure problemlos identifizieren.

Zuletzt möchte ich noch ein paar Worte zur Aufmachung des Buches sagen. Mir gefällt sehr, dass sich der Ullstein Verlag dazu entschlossen hat, wie auch schon Hanser bei seiner "Die Nickel Boys"-Veröffentlichung, nicht nur gänzlich auf die Plastikfolie zu versichten, sondern auch noch eine kreative Lösung zur "Verschlussproblematik" zu finden. Aber noch erwähnenswerter ist das schöne Cover des Buches. Das illustrierte Eichhörnchen trifft man natürlich auch im Roman wieder und wie ich bei meinen Internetrecherchen gesehen habe: selbige Illustration scheint ebenso den rechten Unterarm der Autorin zu zieren.

Anika Decker ist aus meiner Sicht ein sehr authentischer, bissig-witziger Roman gelungen, den ich definitiv weiterempfehlen kann und werde.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Seepferde sind nicht niedlich!

Hippocampus
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In diesem großartigen Roman von Gertraud Klemm trifft eine "alte Emanze" aufgrund einer "toten Emanze" auf einen in sexuellen Stereotypen denken jungen Kerl und erlebt eine Roadstory mit viel Hintersinnigkeit.

Seit ...

In diesem großartigen Roman von Gertraud Klemm trifft eine "alte Emanze" aufgrund einer "toten Emanze" auf einen in sexuellen Stereotypen denken jungen Kerl und erlebt eine Roadstory mit viel Hintersinnigkeit.

Seit diesem Buch bin ich ein Fan von Gertraud Klemm. Ihre Sprache ist messerschaft, nie zurückhalten und häufig Hau-Drauf. So direkt habe ich selten eine Autorin über Feminismus, den Literaturbetrieb und gesellschaftliche Ungegerchtigkeiten als solche schreiben sehen. Der Roman ist mit viel Witz geschrieben. Manche Anspielungen auf österreichische Alternativbewegungen versteht man als deutsche Leserin vielleicht nicht sofort, dies bremst jedoch nicht den Lesespaß aus. Man hat das Gefühl jeden Satz genau und aufmerksam lesen zu müssen, weil man sonst den nächsten Seitenhieb verpassen könnte. Sich selbst als Laienkritiker sollte man dabei nicht zu ernst nehmen, denn auch in diese Richtung wird geschossen.

Ich nehme an Klemm hat nicht vor irgendeinen Buchpreis zu gewinnen, denn sie hat so ziemlich alle demontiert mit ihrem vorliegenden Roman. Verdient hätte sie die Ehrung!
Diesen Roman kann ich jedem empfehlen, der sich etwas tiefgründiger mit den Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern, welche sowohl historisch auftraten als auch noch real existierend sind, beschäftigen möchte. Dies aber nicht auf toternste Weise vor hat.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Wenn aus einer Beregnungsgemeinschaft eine Begegnungsgemeinschaft wird

Vom Miteinander
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Victoria Hohmann versammelt in ihrem Band "Vom Miteinander" in ihrer - wie aus vorherigen Veröffentlichungen - bekannten Manier 13 Texte, welche inhaltlich durch verschiedene Beschreibungen von Möglichkeiten ...

Victoria Hohmann versammelt in ihrem Band "Vom Miteinander" in ihrer - wie aus vorherigen Veröffentlichungen - bekannten Manier 13 Texte, welche inhaltlich durch verschiedene Beschreibungen von Möglichkeiten des Miteinanders zusammengehalten werden. Wir treffen Individuen, welche sich versuchen aus der Einsamkeit wieder zurück in die dicht bevölkerte Welt zu integrieren. Aber auch Paare, Verwandte und ganze Dorfgemeinschaften, die so einiges miteinander verbindet oder auch trennt. Dieser Band unterscheidet sich sichtbar durch den Umfang von den vorherigen Bänden zu den Themen "Vom Dazwischen" und "Von Verwandlungen". Umfassten diese beiden noch ca. 200 Seiten, so sind es hier schon fast 300. Es gibt viel zu sagen zum Thema Miteinander. Das auf das im Design Wesentliche reduzierte Cover reiht sich angenehm zu den Vorgängern.

Stilistisch bleibt Hohmann in ihren Texten stets abwechslungsreich. So wird auch mal fragmentarisch mit Zeilenumbrüchen als Stilmittel gearbeitet. Dies sind zwar zunächst ungewohnte und auch recht anspruchsvolle Texte bzw. Textpassagen, der Leser wird jedoch gerade dort mit hochinteressanten Gedanken und Denkanstößen belohnt. An anderer Stelle wird schnell eine Sympathie für die Protagonisten durch einen liebevollen, amüsierten, auktorialen Blick der Erzählerin auf ihre Figuren hergestellt.

"Vom Miteinander" ist definitiv keine Lektüre für nebenher. Hier werden Ideenräume aufgemacht, die während dessen und nach jeder Geschichte für sich verarbeitet werden müssen. Diese Sammlung lohnt die Beschäftigung damit, denn danach wird man wahrscheinlich anders auf alltägliches und nicht-alltägliches/mitunter abstruses Aufeinandertreffen verschiedenster menschlicher Charaktere sehen. Kommunikation, Antizipation sozialer Handlungen, Intra- und Intergruppenprozesse - kurz das Miteinander in seinen vielen, verschiedenen Facetten. Sehr schön.

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