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Veröffentlicht am 08.05.2026

Sehr spannender und aufrüttelnder Wissenschaftsthriller/Hard Science-Fiction-Roman

Die Reinsten
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Der Roman von Thore D. Hansen führt uns in eine postapokalyptische Utopie/Dystopie im ausgehenden 22. Jahrhundert. Die Gesellschaft ist am Rande ihrer Existenz mitten in der Klimakatastrophe in verschiedene ...

Der Roman von Thore D. Hansen führt uns in eine postapokalyptische Utopie/Dystopie im ausgehenden 22. Jahrhundert. Die Gesellschaft ist am Rande ihrer Existenz mitten in der Klimakatastrophe in verschiedene Schichten eingeteilt. Es gibt die Reinsten, Angepassten, Degradierte, Kolonisten sowie Nachfahren der Gründer. Sie unterscheiden sich untereinander durch Zugang zur alles planenden künstlichen Intelligenz Askit, als auch zu Ressourcen und Technik. Im Mittelpunkt des Romans steht die Reinste Eve, welche wir dabei begleiten, wie sie die Wahrheit um die Ereignisse in der Vergangenheit, die tatsächliche klimatische Lage der Erde, nach Versuchen der Rettung, als auch aktuelle Machtstrukturen und Entscheidungsinstanzen, versucht zu ergründen. Hauptthemen des Buches liegen in den Folgen des Klimawandels und der zunehmenden Digitalisierung der Menschheit.

Hansen nutzt bei seinem Schreiben wissenschaftlich sehr realistische und nachvollziehbare Annahmen und bewegt sich dadurch literarisch im Bereich der Hard Science-Fiction. Sehr kurz und knackig holt er den Leser ab, egal, welchen Wissensstand er zu den besprochenen Themen hat, und vermittelt klug wissenschaftliche Zusammenhänge und Prognosen. Frank Schätzing hätte hierfür wahrscheinlich die 3-fache Seitenzahl benötigt. Hansen kann stets die Spannung beim Leser aufrechterhalten. Nie kommt es zu Langatmigkeit. Durch die auf das Wichtigste reduzierten aber gleichzeitig ausreichend detaillierten Schilderungen, kann sich der Leser vollständig in die prognostizierte Welt Ende des 22. Jahrhunderts imaginativ hineinversetzen. Die Sprache bleibt stets verständlich, trotz der dargestellten anspruchsvollen wissenschaftlichen Zusammenhänge. Die Hauptprotagonisten befinden sich glaubwürdig mit sich und ihrer Umwelt im Zweifel. Psychologische Abläufe werden nachvollziehbar dargelegt.

Für mich das herausragendste Zitat aus dem Buch soll hier unbedingt genannt werden:
„Unsere Vorfahren hatten sich in unzähligen literarischen Versionen ihre Apokalypse selbst ausgemalt, aber ihre dunklen Vorahnungen trieben sie nie dazu an, sie abzuwenden. Wenn es darum ging, die ganz realen Gefahren der Erderhitzung zu betrachten, litten die Menschen an einem unglaublichen Mangel an Vorstellungskraft.“ (S.201)

Ich hoffe, dass diese Feststellung des Autors nicht auch - wie zuhauf bei vielen anderen Werken geschehen - auf seinen Roman und die darin enthaltene Botschaft zutrifft. Der Roman hat durch sein spannendes Gewand die Chance vielleicht ein paar, bestenfalls sogar sehr viele, Leser aufzurütteln und zum Handeln zu bewegen. Das Potenzial ist da. Dieser und ähnliche literarische Werke sind definitiv wichtig und sollten von vielen Menschen gelesen werden. Wenn die reinen wissenschaftlichen Fakten scheinbar nicht ausreichen, um die Menschen zum Umdenken zu bewegen, so können es unter Umständen Texte wie diese auf der emotionalen Ebene.

Von meiner Seite gibt es ganz klar eine eindeutige Empfehlung für dieses Buch. Es handelt sich um einen packenden Wissenschaftsthriller bzw. einen Hard Science-Fiction-Roman, der anspruchsvoll aber immer nachvollziehbar ist.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein großartiges Familiengefüge

Niemals ohne sie
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In diesem Roman von Jocelyn Saucier verfolgen wir den Weg der in ärmsten Verhältnissen lebenden Erzsucherfamilie Cardinal im franko-kanadischen Bergland. Das Besondere an dieser Familie sind die 21 (!) ...

In diesem Roman von Jocelyn Saucier verfolgen wir den Weg der in ärmsten Verhältnissen lebenden Erzsucherfamilie Cardinal im franko-kanadischen Bergland. Das Besondere an dieser Familie sind die 21 (!) leiblichen Kinder, welche auch das Zentrum des Buches darstellen. Bei einem unfreiwilligen Familientreffen im Rahmen eines Kongresses der Erzsucher wird klar, dass eine Person fehlt und es ein dunkles Geheimnis um diese Leerstelle innerhalb der Familie gibt.

Aus Sicht verschiedenen Geschwistern erzählt, wird nun dieses Geheimnis für den Leser langsam wie bei einer Zwiebel aufgeschält. Die Autorin nutzt dabei von Kapitel zu Kapitel den Wechsel des Ich-Erzählers als spannungssteigerndes Stilmittel. Erfahren wir vom naiven jüngsten Cardinal Matz noch sehr wenig, außer seine Begeisterung für die Familiengeschichte, vervollständigt sich das Bild mit jedem neuen Blickwinkel eines Geschwisterkindes, jeweils erzählt aus Sicht der erwachsenen Person. Dass diese Familie in elenden Verhältnissen lebte, wird nicht nur aus den Schilderungen klar, sondern wird auch sehr gut im Cover des Buches wiedergespiegelt. Darauf sehen wir ein in Sepia gehaltenes Foto von drei Kindern, die scheinbar nicht viel haben, außer sich aneinander zu klammern. Die Unschärfe könnte hier für die Unschärfe in der Familiengeschichte stehen. Ein sehr passendes Design, was sich am zuvor bei Insel erschienenen „Ein Leben mehr“ orientiert.

Dass nun auch dieses bereits aus dem Jahr 2000 stammende Werk auf Deutsch erscheint, ist ein Gewinn für jeden Literaturliebhaber. Die Spannung wird bis zur letzten Seite aufrechterhalten und die Sprache von Saucier lässt den Leser vollkommen eintauchen in die Familie Cardinal. Wenn man Saucier unbedingt etwas vorwerfen möchte, dann lediglich, dass die Erzählstimmen sich ein wenig zu sehr ähneln. Bei unterschiedlichen Charakteren hätte man vielfältigere Stimmen erwarten können.

Insgesamt ist dieses spät-übersetzte und nun auch in Deutschland veröffentlichte Werk der Franko-Kanadierin äußert empfehlenswert, unter anderem für alle, die Interesse an spannenden Familiengeschichten und -gefügen haben.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Die Konter-Evolution

Der Gott am Ende der Straße
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Louise Erdrich greift in diesem Roman ein Thema auf, welches schon häufiger bearbeitet wurde, bisher meines Wissens jedoch noch nicht auf diese Art und Weise. Wir kennen "Children of Men" mit der Vorstellung, ...

Louise Erdrich greift in diesem Roman ein Thema auf, welches schon häufiger bearbeitet wurde, bisher meines Wissens jedoch noch nicht auf diese Art und Weise. Wir kennen "Children of Men" mit der Vorstellung, dass die Menschheit überaltert und keine Kinder mehr geboren werden. Oder von mir zuletzt begeistert gelesen "Die Geschichte der schweigenden Frauen", worin immer weniger Mädchen geboren werden und deshalb ein Geschlechterungleichgewicht mit entsprechender Ausbeutung zustande kommt.

In ihrer Dystopie entwirft Erdrich einen Bericht einer schwangeren, katholischen Indianerin, die für ihr Ungeborenes ihren Weg und wichtige Überlieferungen aus der Zeit "davor" in einer Art Tagebuch festhält. Wir erfahren keine wissenschaftliche Hintergründe, aber immer deutlicher scheint durch, dass sich die Evolution umkehrt und alle Lebewesen von der Pflanze über das Tier hin zum Menschen Nachkommen prähistorischer Ausprägung ausbilden. Der Plot ist in der Nahen Zukunft verortet, denn die Protagonistin kann sich noch an eine Kindheit mit Schnee erinnern. Denn auch der Klimawandel ist vorangeschritten und richtige Winter gibt es nicht mehr.

Mir gefällt der Erzählstil der Autorin sehr gut. Spannend verfolgt man die Flucht der Schwangeren von religiösen Fanatikern, die nun die Geschicke des Staates in der Hand haben. Und so zieht einen die Autorin hinein in ihre Schreckens-Fantasie. Nur, dass der Schrecken nicht durch die Veränderung der evolutionären Veränderung daherkommt, sondern viel mehr durch die beängstigenden Versuche der "Zivilisation", diese durch gänzlich unzivilisertes Verhalten aufrechtzuerhalten. Schmerzlich wird dem Leser bewusst, wie schnell Grundrechte ausgehebelt werden können, um angeblich "das Richtige" zu tun. Plötzlich verliert eine gesamte Bevölkerungsschicht das Recht über den eigenen Körper zu bestimmen.

Der einzige Kritikpunkt meinerseits, bei dem ich mich jedoch dafür entschieden habe, ihn keine Auswirkung auf meine Punktebewertung zu haben, ist der Titel und das Layout der deutschen Ausgabe. Die Übersetzung des Romans ist wirklich sehr gut gelungen, aber was sich der Verlag beim Cover gedacht hat, ist fraglich. Die Originalausgabe des Buches trägt den viel passenderen Titel "The Future Home Of The Living God" und im Hintergrund ist auf dem Hardcover ein Ultraschallbild eines Ungeborenen zu sehen, auf dem Paperback ein Kreislauf mit evolutionären Abschnitten verschiedener Lebensformen. Beides viel passender als die Zugvögel, die zwar keine Störche sind, aber auf den ersten Blick verdächtig danach aussehen. Grundsätzlich gefällt mir die Gestaltung des Covers, es passt nur nicht unbedingt zu diesem Buch.

Insgesamt bekommt der Roman von Louise Erdrich eine eindeutige Leseempfehlung von mir. Wer Dystopien mag, auch noch ein Herz für Prepper hat und sich nicht von schonungslosen Beschreibungen des schwangeren weiblichen Körpers abschrecken lässt, ist hier genau richtig.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein großartiger, mitreißender Roman über Emanzipation und Integration

Eine eigene Zukunft
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Die Autorin beschäftigt sich in ihrem Roman, der in der deutschen Ausgabe „Eine eigene Zukunft“, im spanischen Original frei übersetzt „Die Töchter des Kapitän“, heißt, mit der Geschichte von drei Anfang ...

Die Autorin beschäftigt sich in ihrem Roman, der in der deutschen Ausgabe „Eine eigene Zukunft“, im spanischen Original frei übersetzt „Die Töchter des Kapitän“, heißt, mit der Geschichte von drei Anfang 20jährigen Schwestern, welche aus Spanien mit ihrer Mutter dem Vater ins New York der 30er Jahre folgen. Sie landen widerwillig im spanischen Einwandererviertel und wollen sich gar nicht so recht in dieses Amerika integrieren, träumen stets von der Rückkehr in die Heimat. Nach dem Tod des Vaters müssen die vier Hinterbliebenen einen Weg finden, um in der fremden Welt, deren Sprache sie nicht mächtig sind, zu überleben. Dabei begleiten wir sie bei dem Vorhaben aus dem väterlichen Lokal einen Nachtclub zu machen.

Wer nach dieser Inhaltsangabe ist falsch gewickelt, wer hier eine seichte, historische Frauenliteratur mit Nostalgie-Happy-End-Charakter erwartet. Es handelt sich bei diesem Buch um die knallharte, realistische Erzählung um vier zunächst hilflose, ihren Lebensumständen ausgelieferte Frauen im Einwanderermilieu von New York. Nichts von ausklingenden Roaring Twenties im hippen New York, keine Gatsby-Ästhetik. Diese Frauen kämpfen um das Überleben und Maria Duenas setzt ihre Protagonistinnen harten Schlägen, Umbrüchen und Verlusten aus. Etwas, was das Cover des Buches zunächst nicht vermuten lässt. Dies wurde vom Insel Verlag dem derzeit gängigen Vorbild „historischer Frauengeschichten“ angepasst – eine oder mehrere Frauen im Vordergrund, losgelöst vom Hintergrund schauen sie in die Ferne – und wird meines Erachtens der großen Literatur, die zwischen den Buchdeckeln steckt, nicht ganz gerecht.

Duenas beschreibt mit einer fulminanten Sprache die Emanzipation und Integration dieser zunächst unsympathischen, überheblichen Frauen. Zunächst erscheint dabei manche Ausführung zu ausführlich und langatmig, es wird jedoch schnell deutlich, dass dies ein Stilmittel darstellt, welches es nachvollziehbar macht, warum auftauchende Nebenfiguren bestimmte Entscheidungen im Zusammenhang mit den drei Schwestern treffen. So wird eine Lebensgeschichte auf zwei bis drei Seiten reflektiert, um dann in der Reaktion auf die Schwestern zu münden. Auf fast 600 Seiten begleiten wir nur gerade einmal etwa ein Jahr der Schwestern in New York. Durch diese Ausführlichkeit werden die Figuren jedoch dermaßen nachvollziehbar gemacht, dass sie vollkommen authentisch erscheinen. Ohne irgendein Hintergrundwissen zur hispanischen Enklave, findet sich der Leser mit Haut und Haaren in der Szenerie. Nicht nur die Protagonisten sondern auch deren Umgebung erscheinen bildhaft vor dem Leser, um darin einzutauchen.

Als einziges minimales Manko ist bei mir die wörtliche Rede im ersten Teil des Buches aufgefallen. Diese wechselt unablässig zwischen Sätzen in Anführungszeichen und dann wieder absatzweise ohne diese. So wird das Lesen holprig. Ob dies an der Übersetzung aus dem Spanischen liegt, kann ich nicht einschätzen. Vielleicht gibt es dort grammatikalische Wendungen, die ohne Anführungszeichen auskommen.

Insgesamt finde ich diesen Roman brillant geschrieben und mitreißend in der Erzählung um Emanzipation und Integration.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Viel mehr bekommen, als ich erwartete.

Der Verdoppler
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Ich muss zugeben, nachdem der Klappentext mit sehr einfachen Mitteln den Leser locken will, scheinbar wenig komplexe Spannungsmuster vorhersagt und auch die ersten 20 Seiten mit nicht so richtig packen ...

Ich muss zugeben, nachdem der Klappentext mit sehr einfachen Mitteln den Leser locken will, scheinbar wenig komplexe Spannungsmuster vorhersagt und auch die ersten 20 Seiten mit nicht so richtig packen konnten, hatte ich dieses Buch zunächst wieder für einige Monate zur Seite gelegt. Doch die Wiederaufnahme der Lektüre hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Durch die Geschichte und durch viele Länder von Italien aus startend begleiten wir den Wissenschaftler Konrad Kocher, bzw. dessen Klon. Undici radelt durch Europa, erlebt Abenteuer auf dem sozialen Feld und erinnert sich währenddessen mal eben so an den Umsturz jeglicher politischer Systeme der gesamten Erde. Der Plot wird unglaublich spannend erzählt und der Leser lernt viel über Physik, das Reisen durch unbekannte Länder, Religion, Psychologie und und und. Dabei hat mich das Buch ehrlich überrascht. Dass es sich hierbei um eine interessante Road-Story, einen Sci-Fi-Roman, eine Spannungslektüre, eine Gesellschaftskritik und gleich noch die passende Utopie handeln würde, hatte ich nicht erwartet. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Und auch wenn das Ende treffend ist, so wünschte ich mir gleich eine Fortsetzung.

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