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Veröffentlicht am 09.05.2026

Keine Herz-Schmerz-Schmonzette

San Miguel
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Seit Mitte der neunziger Jahre T.C. Boyles genialer Roman über Kalifornien und seine mexikanischen Einwanderer „América“ erschienen ist, bin ich ein großer Fan dieses Autors, dessen Bücher immer hervorragend ...

Seit Mitte der neunziger Jahre T.C. Boyles genialer Roman über Kalifornien und seine mexikanischen Einwanderer „América“ erschienen ist, bin ich ein großer Fan dieses Autors, dessen Bücher immer hervorragend recherchiert sind, vor allem dann, wenn sie sich an historischen Quellen orientieren.

So auch im Falle seines neuesten Werkes „San Miguel“, in dem der, ausgehend von der Historie der Santa-Barbara-Inseln vor Südkalifornien und Tagebuchaufzeichnungen, auf die Boyle im Zuge seiner Recherchen gestoßen ist, die Schicksale dreier Frauen auf diesem unwirtlichen Eiland schildert.

Es beginnt mit Marantha Waters, die im Jahre 1888 mit ihrem Mann Will und der Adoptivtochter Edith auf San Miguel ankommt, getrieben von dem Glauben an ein besseres Leben und der Hoffnung, dass die Meeresluft die Schwindsucht, an der sie erkrankt ist, heilen wird. Der Leser ahnt schon bei der Schilderung der Ankunft, dass sich diese Wünsche nicht erfüllen werden, denn die Insel ist Ödland, auf dem es außer Schafen und einer heruntergekommenen Behausung nichts gibt. Und so zerstört dieses entbehrungsreiche Leben schlussendlich nicht nur die Ehe, sondern auch das Leben von Marantha.

Edith, die adoptierte Tochter, wird sechzehnjährig nach dem Tod der Mutter von ihrem tyrannischen Vater gezwungen, das Internat auf dem Festland zu verlassen und nach San Miguel zurückzukehren. Dort soll sie als Dienstmagd für den Vater und die Arbeiter der Schaffarm putzen, waschen und kochen – nicht gerade das, was sich eine junge Frau von dem Leben erhofft. Sie hasst ihr Leben auf der Insel und greift in ihrer Verzweiflung nach jeder sich bietenden Möglichkeit, um dieser Hölle zu entfliehen.

1930 kommen Elise und Herbie Lester voller Optimismus nach San Miguel. Dem Ehepaar werden zwei Töchter geboren und anfänglich scheint in ihrem neuen Leben alles im Lot zu sein. Aber auch sie müssen bald feststellen, dass man nicht nur von Luft und Liebe leben kann. Und als im Zuge des Zweiten Weltkriegs Soldaten auf der Insel stationiert werden, spitzt sich die Lage zu.

Meisterhaft versteht es T.C. Boyle die Stimmung dieses kargen Lebensraumes zu beschreiben, in dem Träume zerschellen und Leben zerstört werden. Fast schon im Stil einer Sozialreportage schildert er das tägliche Leben seiner Protagonisten sowie die allmähliche Veränderung ihrer Persönlichkeit. Fast könnte man glauben, dass jeder, der auf San Miguel ankommt, dem Untergang geweiht ist und die Insel ihren Tribut in Form von Leben fordert.

Ein großartiger historischer Roman, der mit den in diesem Genre üblichen Herz-Schmerz-Schmonzetten, nichts, aber auch gar nichts gemeinsam hat!

Veröffentlicht am 09.05.2026

Der Schotte, der immer für eine Überraschung gut ist

Die hohe Kunst des Bankraubs
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Es gibt etwas Neues von Christopher Brookmyre, dem schottischen Autor, der mich bereits im vergangenen Jahr mit "Wer schlafende Hunde weckt" bestens unterhalten hat. Obwohl – so neu ist "Die hohe Kunst ...

Es gibt etwas Neues von Christopher Brookmyre, dem schottischen Autor, der mich bereits im vergangenen Jahr mit "Wer schlafende Hunde weckt" bestens unterhalten hat. Obwohl – so neu ist "Die hohe Kunst des Bankraubs" nicht, ist es doch bereits 2003 im Original unter dem Titel "The Sacred Art of Stealing" als mittleres Buch der Trilogie um die Hauptfigur Angelique de Xavia erschienen.

Die Kunden einer Glasgower Bank staunen nicht schlecht, als fünf Clowns durch die Schalterhalle tanzen, aber die Augen werden noch größer, als diese plötzlich Waffen in der Hand halten und einen Überfall ankündigen. Aber rücksichtsvoll wie sie sind, lassen die Geiselnehmer zuvor die Kinder, Alte, Schwangere und Kranke frei. Ihre Gefangenen unterhalten sie währenddessen mit einem kleinen Theaterstück und einem Ratespiel, aber vergessen auch nicht den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit und räumen den Tresor aus.

Allerdings kann sich eine der Geiseln unbemerkt im Gebäude verstecken und per SMS die Polizei informieren. Unter den Polizisten, die bei der Bank eintreffen ist auch DI Angelique de Xavia, die im Alleingang die Bank mit Abhörgeräten versehen soll. Aber dann trifft sie auf Zal, den Anführer der Diebesbande, und nach einem Blick in dessen tiefblaue Augen ist es um sie geschehen und eine ungewöhnliche Affäre beginnt.

So trivial, wie sich die Zusammenfassung bis hierher anhört, ist nun Brookmyres Roman wahrlich nicht - im Gegenteil, das ist lediglich der Anfang der Geschichte, in deren Verlauf immer wieder scheinbar zusammenhanglos Informationen zum Ha
ndlungsverlauf und den Personen einfließen, deren Relevanz erst später erkennbar ist.

Der Autor brennt ein Feuerwerk an verrückten Ideen ab, und immer dann, wenn man glaubt, dass eine Absurdität nicht mehr zu toppen ist, kommt er mit einem noch raffinierteren Einfall daher. Intelligent und höchst amüsant erzählt Brookmyre einen spannenden Kriminalroman samt Liebesgeschichte und kunstgeschichtlichem Exkurs, dessen Lektüre einfach nur Spaß macht – bitte mehr davon!

Veröffentlicht am 09.05.2026

Großes Lesevergnügen!

Joyland
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Sommer 1973, an der Atlantikküste von North Carolina, der etwas angejahrte Freizeitpark "Joyland", der auch schon bessere Tage gesehen hat. Zwischen Wurfbude, Karussell und Hundekostüm verdient sich Devin ...

Sommer 1973, an der Atlantikküste von North Carolina, der etwas angejahrte Freizeitpark "Joyland", der auch schon bessere Tage gesehen hat. Zwischen Wurfbude, Karussell und Hundekostüm verdient sich Devin Jones während der Semesterferien ein paar Dollar für sein Studium. Er hat Liebeskummer, denn seine Freundin Wendy hat kurz vor seiner Abreise mit ihm Schluss gemacht. Dazu beschäftigt ihn noch der nicht aufgeklärte Mord auf dem Parkgelände, und außerdem ist da noch die Frau mit ihrem behinderten Sohn Mike in dem Strandhaus, das er jeden Tag passiert.

"Joyland" hat eine ganz besondere Atmosphäre, fast scheint es, als wäre es eine Zwischenwelt, in der sich Devin während dieser Sommermonate bewegt. Die Menschen, die auf dem Rummel arbeiten und so ganz anders sind, als diejenigen, die er bisher kennengelernt hat. Der Junge im Rollstuhl mit seiner geheimnisvollen Mutter, die eine unerklärliche Faszination auf ihn ausübt. Das Geisterhaus, in dem ein Gespenst umgeht. Es ist ein magischer Ort, an dem Devin den Sommer an der Schwelle zum Erwachsenwerden verbringt, der eine Art Melancholie ausstrahlt, der man sich als Leser kaum entziehen kann.

Wenn man über die Jahre die Entwicklung des Schriftstellers Stephen King verfolgt hat, kommt man nicht umhin, Vergleiche mit seinen früheren Werken anzustellen. Für mich verströmt "Joyland" am ehesten die Atmosphäre der Novelle "Die Leiche" (verfilmt unter dem Titel 'Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers') aus dem Jahr 1982, die auch eine "Coming-of-Age" Geschichte ist.

Überhaupt kann man feststellen, dass King mit zunehmendem Alter meiner Ansicht nach immer besser wird. Diese Meinung werden natürlich die Fans, die den Horror und die übernatürlichen Phänomene in seinen Büchern schätzen, nicht unbedingt teilen, denn phantastische Elemente kommen sowohl in "Joyland" als auch in seinen letzten Büchern nur noch am Rande vor, was sich allerdings meiner Meinung nach sehr positiv auf deren Gesamtkomposition auswirkt, denn ihm geht es mittlerweile nicht mehr um bloße Schock-Effekte, sondern um die Menschen und ihre Entwicklung.

Meisterhaft geplottet, mit jedem Wort an der richtigen Stelle, war "Joyland" für mich ein reines Lesevergnügen!

Veröffentlicht am 08.05.2026

Alles beim Alten

Cold Water
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1990, viel hat sich nicht geändert in Nordirland. Noch immer ist die Gewalt tagtäglich präsent. Noch immer inspiziert Duffy den Unterboden seines mittlerweile nagelneuen 5ers nach Semtex. Noch immer kämpfen ...

1990, viel hat sich nicht geändert in Nordirland. Noch immer ist die Gewalt tagtäglich präsent. Noch immer inspiziert Duffy den Unterboden seines mittlerweile nagelneuen 5ers nach Semtex. Noch immer kämpfen Katholiken und Protestanten gegeneinander. Noch immer werden Menschen die Kniescheiben zerschossen. Noch immer verschwinden Männer, Frauen, Teenager spurlos und niemand kümmert sich darum. „Die Neunziger können nicht schlimmer werden(…) Silberstreif, für’n Arsch.“

Alles beim Alten? Nein, nicht ganz, denn Sean Duffy ist auf dem Sprung. Weg aus Nordirland. Weg vom Carrickfergus CID. Weg aus der Coronation Road. Rüber nach Schottland. Mit Frau und Kind. Schluss mit dem Einsatz an vorderster Front, im reicht‘s. Gerade mal vierzig Jahre alt, aber katholisch, Bulle und Nordirland, das zählt so als wäre er siebzig. Also Halbtagsrente, sieben Tage im Monat, nur noch beratende Funktion und Kindermädchen für John Strong, den umgedrehten, paranoiden Spitzel.

Aber noch gilt es, einen letzten Fall zu lösen. Kat McAtamney, ein fünfzehnjähriges Tinkermädchen ist weg, spurlos. Fahrende verschwinden immer wieder und niemanden kümmert’s, nur eine weitere Ausreißerin. Nicht so Duffy. Gemeinsam mit „Crabbie“ McCrabban und Lawson, seinem Nachfolger, verbeißt er sich in den Fall und gibt nicht eher Ruhe, bis dieser aufgeklärt ist. So, wie wir es von ihm gewohnt sind.

Die Reihe um Sean Duffy geht dem Ende zu, was ich mit größtem Bedauern zur Kenntnis nehme, ist es für mich doch eine der besten Serien, die auf dem Buchmarkt zu finden ist. Zum einen liegt das natürlich an der Hauptfigur, dem sympathischen, unangepassten, zynischen Detective mit Herz, zum anderen aber auch an den Fähigkeiten Adrian McKintys (in Belfast geboren und in Carrickfergus aufgewachsen), die “Troubles“, die Politik und deren Auswirkungen auf die Menschen in Nordirland en passant in seine Romane einzuarbeiten. Dazu braucht er keinen Holzhammer, manchmal reicht ein auf den ersten Blick belangloser Nebensatz. Diese gesellschaftspolitische Dimension der Reihe macht sie für mich besonders wertig, hebt sie sich damit doch von den üblichen Krimis/Thrillern, die ihr Augenmerk lediglich auf den Fall und dessen Aufklärung richten, deutlich ab.

Nicht zu vergessen, Duffys ausgeprägte Liebe zur Musik und seine umfangreiche Plattensammlung. Ganz gleich, ob Jazz, Klassik oder Rock/Pop, hat er alles und hat auch zu allem eine Meinung. Speziell zu Phil Collins und Bono, dem von den meisten Iren wegen seiner Steuertricksereien nicht sonderlich geschätzten Frontman von U2. Dieses wiederkehrende Element bringt mich immer wieder zum Schmunzeln. Und auch der Originaltitel „The Detective Up Late“ hat, wie bereits die sechs Vorgänger, einen Bezug zur Musik und ist einer Songzeile aus „Bad as me“, einem Song von Tom Waits entliehen.

Nichtsdestotrotz, schon wegen des Abschieds aus seiner protestantischen Nachbarschaft in der Coronation Road und dem Umzug nach Schottland, bereitet uns „Cold Water“ langsam, aber sicher, auf den Abschied von Sean Duffy und dem Carrickfergus CID vor. Zwei Bände sind noch geplant, aber das war’s dann, wenn man dem Autor glauben darf. Ich vermute, dass das Karfreitagsabkommen1998 den Schlusspunkt setzt, und das würde aus meiner Sicht auch Sinn machen. Auch wenn ich es jetzt schon bedauere.

Veröffentlicht am 18.04.2026

Hard Boiler aus Nordirland

Die kalte Kralle
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Eines Morgens liegt, fein säuberlich abgetrennt, eine Hand vor der Haustür des Privatdetektivs Karl Kane, über deren Herkunft er nur spekulieren kann – entweder will ihm jemand drohen, oder die Katze hat ...

Eines Morgens liegt, fein säuberlich abgetrennt, eine Hand vor der Haustür des Privatdetektivs Karl Kane, über deren Herkunft er nur spekulieren kann – entweder will ihm jemand drohen, oder die Katze hat sie aus einem Müllcontainer geholt und vor die Tür gelegt. Als kurze Zeit später ein zweites Exemplar in der Stadt auftaucht, sind Karl und sein Freund, der Pathologe Tom Hicks alarmiert, denn das scheint dann doch ein Zufall zu viel zu sein. Und als dann auch noch eine fünfstellige Belohnung für die Ergreifung des Täters ausgesetzt wird, gibt es für ihn kein Halten mehr.

Zur gleichen Zeit sucht ihn eine neue Klientin auf. Jemma Doyle ist auf der Suche nach ihrem seit vielen Jahren spurlos verschwundenen Onkel, denn ihr Vater hat nur noch den einen Wunsch, nämlich die Streitereien aus der Welt zu schaffen und sich mit ihm zu versöhnen. Und so beginnt Karl Kane zu ermitteln…

Nach „Die Bestien von Belfast“ und „Die satten Toten“ ist „Die kalte Kralle“ der dritte Teil der Thriller-Reihe des nordirischen Schriftstellers Sam Millar. Hauptfigur ist Karl Kane, der knorrige Privatdetektiv, ein Zyniker mit dem Herz aus Gold, der an chronischem Geldmangel leidet und deshalb immer ein offenes Ohr für eventuelle Aufträge hat, wobei er aber nie seine moralischen Grundsätze verkaufen würde.

Kane ist ein sympathischer, ehrlicher Typ. Bei ihm gibt es kein Drumherumgerede, und jeder, der mit ihm zu tun hat, weiß sofort was Sache ist. Die Fälle, mit denen er zu tun hat sind schon etwas ungewöhnlich – da werden die Opfer gemästet oder gehäutet - und die Ursachen für die verübten Verbrechen liegen meist in der Vergangenheit. So auch hier, denn Millar erzählt in „Die kalte Kralle“ die Geschichte einer Schuld, die gesühnt werden muss.

Aufgeteilt ist dieser hochspannende Roman in zwei Teile, die passenderweise mit „Citizen Kane“ und „Kane kann’s“ überschrieben sind. Den einzelnen Kapiteln sind jeweils Filmtitel – ausnahmslos cineastische Highlights, die ich sehr schätze – sowie zur Handlung passende Zitate aus der Bibel, Filmen und Literatur (hier auffallend viel Chandler) vorangestellt und treiben durch ihre Kürze die Handlung stetig voran.

Ich schätze den trockenen Humor und Sarkasmus des Autors ebenso sehr wie seine ungeschminkte Sprache – Sam Millar ist ein mitfühlender, aber auch streitbarer Zeitgenosse, der dafür verantwortlich ist, dass „Scumbag“ mittlerweile zu meinem aktiven Wortschatz gehört

Und wem die Wartezeit auf den vierten Band mit Karl Kane zu lange wird, sollte die Autobiografie Sam Millars „On the Brinks“ lesen, die spannender als jeder Krimi ist!