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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.06.2026

Wenn Ordnung zerbricht

Insel der Ratten
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In Insel der Ratten zeichnet Jo Nesbø das beklemmende Bild einer Gesellschaft, die nach einer Pandemie zunehmend auseinanderbricht. Die dystopische Erzählung zeigt eine Welt, in der die soziale ...



In Insel der Ratten zeichnet Jo Nesbø das beklemmende Bild einer Gesellschaft, die nach einer Pandemie zunehmend auseinanderbricht. Die dystopische Erzählung zeigt eine Welt, in der die soziale Ordnung, Gerechtigkeit und Moral stark ins Wanken geraten.
Während einige Wenige versuchen, sich vor dem Chaos zu retten, kämpfen andere ums Überleben.
Besonders eindrucksvoll ist, wie Nesbø gesellschaftliche Ungleichheiten und menschliche Abgründe thematisiert.
Das Zitat: „Natürlich. Vor dem Gesetz sind alle gleich. Darauf baut unsere ganze Nation auf.“ —– „Adams, ich fürchte, dass du dich in dem Punkt irrst“ (Seite 57),
bringt die zentrale Frage des Buches auf den Punkt: Gilt Gleichheit wirklich für alle oder nur solange das System funktioniert?
Eine düstere und nachdenklich stimmende Dystopie, die lange nachwirkt.


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Veröffentlicht am 16.06.2026

Ein Debüt, das süchtig macht

Ein unheimlich guter Mensch
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Mit „Ein unheimlich guter Mensch“ legt Kirsten King einen Debütroman vor, der ein erstaunliches Suchtpotenzial entwickelt. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, die Protagonistin Lillian alles ...

Mit „Ein unheimlich guter Mensch“ legt Kirsten King einen Debütroman vor, der ein erstaunliches Suchtpotenzial entwickelt. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, die Protagonistin Lillian alles andere als eine klassische Sympathieträgerin ist, zieht die Geschichte von der ersten Seite an in ihren Bann.

Lillian ist stark alkoholsüchtig, manipulativ und weist immer wieder narzisstische Züge auf. Ihre toxische Persönlichkeit macht sie zu einer Figur, die man nicht unbedingt mögen muss, die man aber mit großem Interesse begleitet. King gelingt das Kunststück, eine Hauptfigur zu erschaffen, die gleichermaßen abstößt und fasziniert. Gerade diese Widersprüchlichkeit verleiht dem Roman seine besondere Spannung.

Dabei überzeugt die Autorin nicht nur durch die Handlung, sondern auch durch ihren pointierten, oft schwarzen Humor. Immer wieder finden sich Sätze, die die innere Zerrissenheit der Protagonistin treffend auf den Punkt bringen. So heißt es auf Seite 237:

„Ich nahm einen weiteren großen Schluck aus meinem Glas und wartete darauf, dass der Mut in mir hochkam wie Sodbrennen.“

Dieser Vergleich beschreibt Lillians Abhängigkeit ebenso treffend wie ihre verzweifelte Suche nach Halt.

Besonders gelungen sind die Momente, in denen hinter der harten, egozentrischen Fassade etwas Menschliches aufblitzt. Mein persönliches Lieblingszitat findet sich auf Seite 292:

„Tief in mir drin wusste ich, dass ich keine Mörderin war. Vielleicht setzte ich Spinnen nicht nach draußen, wenn ich welche sah, sondern zertrat sie, aber ich war nicht imstande, irgendeinem Lebewesen etwas anzutun, das größer war als ein Käfer.“

In wenigen Zeilen vereint dieser Satz Humor, Selbstironie und die komplexe Moral der Figur. Er zeigt eindrucksvoll, warum Lillian trotz all ihrer Fehler eine so interessante Romanheldin ist.

Kirsten King beweist mit ihrem Debüt ein gutes Gespür für ambivalente Charaktere und eine packende Erzählweise. „Ein unheimlich guter Mensch“ ist kein Wohlfühlroman, sondern die Geschichte einer zutiefst fehlerhaften Frau, die man oft schütteln möchte und deren Weg man dennoch unbedingt weiterverfolgen will. Ein bemerkenswertes Debüt mit Suchtfaktor.

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Veröffentlicht am 13.05.2026

Schräg, wild, witzig

Hope Joanna
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„Gimme hope, Jo’anna
Hope, Jo’anna
Gimme hope, Jo’anna
’Fore the morning come”
— Eddy Grant

Schon der Name der Hauptfigur sorgt dafür, dass man beim Lesen ständig den Ohrwurm von Eddy Grants Song im Kopf ...

„Gimme hope, Jo’anna
Hope, Jo’anna
Gimme hope, Jo’anna
’Fore the morning come”
— Eddy Grant

Schon der Name der Hauptfigur sorgt dafür, dass man beim Lesen ständig den Ohrwurm von Eddy Grants Song im Kopf hat – was erstaunlich gut zur Stimmung des Buches passt.

Der Schreibstil ist angenehm berlinerisch-locker und dadurch sehr unterhaltsam. Besonders die Dialoge wirken lebendig und authentisch. Ein schönes Beispiel dafür ist der Satz:

„Hammse dir mit Ata das Gehirn geschrubbt?“ (S. 200)

Allein die Erwähnung von ATA dürfte heute schon nostalgische Gefühle auslösen – wer kennt dieses Scheuerpulver überhaupt noch?

Inhaltlich wird die Geschichte zunehmend skurriler. Morde, Darknet und Geheimorden kommen ins Spiel, wobei das Buch seine eigene Absurdität durchaus selbst kommentiert:

„Und jetzt auch noch Morde. Dazu Darknet, Geheimorden. Nee, das ist dann doch alles ein bisschen wild.“ (S. 175)

Genau das beschreibt den Roman eigentlich perfekt. Die Handlung erinnert stellenweise fast an einen humorvollen Indiana Jones-Abenteuertrip – allerdings ohne echten Thriller- oder Krimianspruch.

Fazit

Hope Joanna bietet leichte, seichte und sehr amüsante Unterhaltung. Kein spannender Krimi und kein düsterer Thriller, sondern vielmehr eine lustig-skurrile Geschichte mit viel Berliner Charme und schrägem Humor. Wer Horst Evers’ lockeren Stil mag, wird hier gut unterhalten.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Mixtape-Kindheit

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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„Es sind die Achtzigerjahre, und überall wird geraucht.“ (S. 64)

Mit diesem Satz bringt Lilli Tollkien sofort die Atmosphäre ihres Romans Mit beiden Händen den Himmel stützen auf den Punkt: ...


„Es sind die Achtzigerjahre, und überall wird geraucht.“ (S. 64)

Mit diesem Satz bringt Lilli Tollkien sofort die Atmosphäre ihres Romans Mit beiden Händen den Himmel stützen auf den Punkt: eine Zeit voller Freiheit, Exzess und Grenzenlosigkeit – aber auch voller Gefahren für diejenigen, die darin aufwachsen müssen.

Im Zentrum der Geschichte steht die kleine Lale, die in einer Männerkommune groß wird. Umgeben von Drogen, anarchistischen Idealen und einem Lebensstil, der sich bewusst gegen bürgerliche Regeln stellt, versucht sie, in einer Welt zu überleben, die für ein Kind kaum Halt bietet. Was für die Erwachsenen Freiheit bedeutet, wird für Lale oft zu Unsicherheit und Bedrohung. Besonders erschütternd sind die Momente, in denen sexuelle Übergriffe angedeutet oder thematisiert werden – Situationen, in denen deutlich wird, wie schutzlos ein Kind in einem scheinbar grenzenlosen Umfeld sein kann.

Tollkien erzählt diese Geschichte nicht nur als nüchterne Erinnerung, sondern als emotional aufgeladene Collage aus Momenten und Stimmungen. Das Buch wirkt dabei fast wie eine Playlist der Achtzigerjahre: Jedes Erlebnis, jede Erinnerung scheint von einem Song begleitet zu werden. Musik wird zum Soundtrack der Kindheit – mal tröstend, mal ironisch, mal schmerzhaft passend. Dadurch entsteht eine besondere Erzählstruktur, in der persönliche Erinnerungen, Popkultur und Zeitgeschichte ineinandergreifen.

Gerade dieser Kontrast macht den Roman so eindringlich: Während die Musik der Achtziger für viele ein Gefühl von Nostalgie und Freiheit hervorruft, zeigt Tollkien die Schattenseiten dieser Zeit. Hinter den rebellischen Idealen der Erwachsenen verbirgt sich eine Realität, in der ein Kind lernen muss, stark zu sein, um nicht unterzugehen.

„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist damit weit mehr als eine nostalgische Rückschau auf die Achtzigerjahre. Es ist eine intensive, teilweise schmerzhafte Auseinandersetzung mit Kindheit, Erinnerung und der Frage, wie viel Freiheit eine Gesellschaft verträgt, ohne ihre Schwächsten aus dem Blick zu verlieren.

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Veröffentlicht am 08.02.2026

Eigenheim mit Nebenwirkungen

Tödliches Angebot
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Marisa Kashino liefert mit „Tödliches Angebot“ einen Thriller, der sich leise anschleicht und am Ende gnadenlos zupackt. Der rasante Schreibstil sorgt dafür, dass man schnell in die Geschichte ...

Marisa Kashino liefert mit „Tödliches Angebot“ einen Thriller, der sich leise anschleicht und am Ende gnadenlos zupackt. Der rasante Schreibstil sorgt dafür, dass man schnell in die Geschichte hineingezogen wird, während der schwarze Humor immer wieder überraschende, fast bissige Akzente setzt.

Im Mittelpunkt steht eine Protagonistin, deren manischer Wahn, ihr absolutes Traumhaus um jeden Preis zu bekommen, zunehmend außer Kontrolle gerät. Ihre Gedankenwelt ist intensiv, teils verstörend und gleichzeitig faszinierend – man spürt förmlich, wie sich Realität und Obsession immer weiter vermischen. Aussagen wie „Du liebe Zeit, muss ich denn wirklich immer die gesamte Denkarbeit übernehmen?“ oder „Wie so oft werde ich diejenige sein, die eine Lösung finden muss.“ unterstreichen ihre innere Getriebenheit und ihren zunehmenden Kontrollzwang.

Die Spannung baut sich eher subtil auf, doch zum Schluss nimmt die Handlung deutlich an Tempo und Intensität zu. Ab diesem Punkt konnte ich das Buch klar als Psychothriller einordnen: düster, nervenaufreibend und psychologisch clever konstruiert. Gerade das Finale hat mich gefesselt und die vorherige Entwicklung konsequent auf den Punkt gebracht.

„Tödliches Angebot“ ist ein Thriller für Leserinnen und Leser, die psychologische Abgründe, schwarzen Humor und eine außergewöhnliche, nicht immer sympathische Hauptfigur schätzen – mit einem Ende, das nachhaltig Eindruck hinterlässt.

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