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Veröffentlicht am 15.05.2026

Überraschend gut

Fünf Tage im Licht
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Frühmorgens läuft Sophie zum Strand, alle anderen schlafen noch. Zuerst trauerte sie dem abgebrochenen Schlaf hinterher, schließlich waren sie einige Stunden geflogen und gestern erst spät angekommen, ...

Frühmorgens läuft Sophie zum Strand, alle anderen schlafen noch. Zuerst trauerte sie dem abgebrochenen Schlaf hinterher, schließlich waren sie einige Stunden geflogen und gestern erst spät angekommen, aber das glitzernde, glasklare Wasser versetzt sie sofort in gute Stimmung. Sie schwamm eine Weile, bemerkte in einiger Erfahrung einen Mann mit schwarzen Haaren und nahm seine Anwesenheit als gute Gelegenheit, wieder zur Villa hochzulaufen. Das große Haus gehörte Alessias Vater, der eine Galerie in Athen besaß. Sophie schwebt mit nackten Füßen über den kühlen weißen Marmor und hinterlässt kleine Pfützen Wassers, das ihr aus dem Haar tropft. Helena sitzt wie eine blond gelockte Göttin auf einem der kobaltblauen Samtsofas und wischt über ihr Handy. Na, warst du schon schwimmen? Helena zeigt ihr das Diadem, mit den Orangenblütenwachsblumen, das ihre Mutter auf ihrer eigenen Hochzeit getragen hat. Sie wünscht sich, dass Helena es diesmal trägt. Helena findet das Ding scheußlich und wünscht sich etwas, das sie noch anmutiger aussehen ließ, als wäre das möglich.

Sophie öffnet die Fensterläden zur Terrasse und sieht Alessia an dem runden Tisch mit dem Mosaik sitzen. Sie streicht Butter auf ihren Toast, den sie nur zur Hälfte essen wird und summt leise. Ines lümmelt auf einer der gepolterten Liegen am Pool und Sophie ist froh, dass sie ihr noch nicht begegnen muss. Ines hat gestern im Flieger demonstrativ ihre Earpods reingesteckt und kein Wort mit Sophie geredet. Sie schafft es durch ihre Gesten jederzeit, dass Sophie sich minderwertig fühlt. Sophie ist die einzige in dieser Viererfreundinnenschaft, die aus einfachen Verhältnissen kommt. Während ihres gemeinsamen Studiums war das zu Anfang nicht spürbar, doch dann folgten jovial bezahlte Abendessen, unbezahlte Praktika und Urlaube in der Karibik, während Sophie im Kunstshop des Museums aushalf.

Fazit: Rhiannon Lucy Cosslett, Autorin und Journalistin, hat mich mit ihrem zweiten Roman schwer überrascht. Ihre Protagonistin feiert den Junggesellinnenabschied ihrer besten Freundin auf einer griechischen Insel. Ihnen bleiben fünf Tage, um sich zu vergnügen, bis ihre Partner kommen. Sophie nutzt die Zeit, um Alessia als Akt zu zeichnen und eine Affäre mit einem Einheimischen zu beginnen. Die anfang Dreißigjährige fühlt sich von ihrem Partner in Kinderfragen bedrängt und hadert auch mit ihrem Minderwertigkeitsgefühl. Der griechische Adonis sieht sie und mit ihm erlebt sie eine Leichtigkeit, die ihr in England fehlt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich einen feministischen Roman zu lesen bekomme, aber das ist er. Die Autorin lässt ihre Protagonistin zwanzig Jahre später die Ereignisse dieser Tage Revue passieren. Jedes Kapitel wird mit einem Bild (Gemälde, Foto, Installation) einer Künstlerin eingeleitet. Diese Künstlerinnen sind entweder vergessen, selbst durch die Mutterschaft gegangen, waren suizidal oder hatten einen Unfall (Frida Kahlo). Es hat mir riesig gefallen, die Bilder, die sie beschreibt, aufzurufen und quasi mit ihr zu betrachten. Die Sprache ist großartig. Es ist, als sei ich dabei, so detailliert sind die Sinneswahrnehmungen beschrieben. Der psychologische Plot entwickelt sich zaghaft, nimmt an Fahrt auf und endet drastisch. Die Sexszenen sind spicy und machen das Interesse Sophies an der Affäre klar. Diese Geschichte hat einiges zu bieten, ohne überladen zu sein. Hier geht es um Körperlichkeit, weibliches Begehren und weibliche Selbstbestimmung. Für alle, die gern Anne Freytag lesen.

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Veröffentlicht am 12.05.2026

So berührend

Pause
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Hanna liegt auf dem Boden des Konferenzraums. Dass die Notfallärztin den Raum betritt, bekommt sie nicht mit. Während die Ärztin einen Zugang legt, erwacht Hanna mit einem tiefen Atemzug, so als wäre sie ...

Hanna liegt auf dem Boden des Konferenzraums. Dass die Notfallärztin den Raum betritt, bekommt sie nicht mit. Während die Ärztin einen Zugang legt, erwacht Hanna mit einem tiefen Atemzug, so als wäre sie längere Zeit unter Wasser gewesen. Doch als sie angesprochen wird, driftet sie schon wieder weg. Als nächstes nimmt sie das Beep Beep wahr und sieht links die Monitore mit denen sie verkabelt ist. Sie muss dringend pinkeln, will aufstehen, verheddert sich in den Kabeln, will klingeln, will doch nicht klingeln, sicher haben die hier alle genug zu tun. Die Tür geht auf, eine Schwester mit forsch wippendem Zopf kommt herein. Einmal untenrum frei machen und das Becken anheben. Das Metall der Bettpfanne berührt kalt ihren unteren Rücken. Sie kann das so nicht, dann doch. Der Urin rinnt über die Pfanne hinaus und benetzt ihre Leinenhose. Die Schwester zieht den Topf wieder raus und schlägt die Bettdecke über Hannas Unterleib. „Gleich kommt eine Ärztin und vielleicht rufen sie schon jemanden, der sie abholen kann. Ich kann aufstehen und gehen, kein Problem, sagt Hanna erleichtert. „Jemand holt sie ab oder sie bleiben.“

Laut Ärztin hatte Hanna einen Krampfanfall. Sie wird nicht dableiben und sich durchchecken lassen. Sie schreibt ihrem Paul, wo sie ist und wann er sie holen kommt. Wenig später „… ach Hanna, was machst du denn für Sachen, das sind 160 Kilometer und ich habe schon zwei Bier getrunken. Ich hole dich morgen.“ Hanna durchforstet ihr Telefon nach möglichen Kandidaten und schreibt ergebnislos. Alle haben besseres zu tun. Sie will ihre Eltern nicht anrufen. Sie wird ihre Eltern anrufen müssen: „Hallo Mama, wie gehts? „Hanna?, du, ich lese gerade ein bisschen. „Mama, ich bin im Krankenhaus, jemand müsste mich abholen. „Hanna, was machste denn für Sachen? Wo biste? Hanna, das sind jetzt 200 Kilometer, das will ich dem Papa jetzt nicht zumuten. Und das wird mir jetzt aber auch zu viel. Ruf Paul an!“ „Wer ist denn dran? Gib mal. Hanna-Schatz, ja sicher, sind schon unterwegs. „

Fazit: Lena Kupke hat nach einigen Sachbücher nun ihr Romandebüt abgeliefert und das ist bezaubernd. Als Protagonistin stellt sie eine Mitte dreißigjährige vor, die während einer beruflichen Präsentation einen epileptischen Anfall bekommt. Sie wird im Krankenhaus gesichert und darf, sobald stabil, abgeholt werden. Der einzige, der bereit ist, hunderte Kilometer auf sich zu nehmen, ist ihr Vater. So landet Hanna in ihrem ehemaligen Kinderzimmer. Und dann grüßt täglich das Murmeltier. Hannas Eltern haben sich arrangiert und frönen ihrer Rituale. Der Vater frühstückt in der Küche, die Mutter im Wohnzimmer. Der Vater radelt einige Kunden ab. Mittag um zwölf essen alle in der Küche Mutters Gemüse-Kartoffelaufläufe, zu denen der Vater sich ein schönes Stück Fleisch brät. Die unterkühlte Schwester kommt zwischendrin kurz hereingeschneit. Man spricht nicht über das Wesentliche, nur nicht unnötig rumrühren und unangenehm stören. Hanna möchte aber über ihre traumatische Erfahrung sprechen. Hanna möchte sich aber auch niemandem aufzwingen, deshalb bleibt sie mit ihrem Frust allein, bis sie überzukochen droht. Einzig die sonderbare Nachbarin der Eltern findet zarten Zugang zu Hanna. Was ist das für eine berührende Erzählung. Die Autorin greift mitten ins Leben und zeichnet ihre Personen so authentisch. Hier habe ich alles finden können, was mein Herz berührt. Humor im Sinne von Selbstironie, Menschen, die ich (trotzallem) liebgewonnen habe. Skurrile Situationen, die nur das Leben schreiben kann. Eine Hauptdarstellerin, die sich behaupten und Interesse an ihr einfordern muss. Das Ende hat mich lachen und gleichzeitig weinen gemacht. So gut erzählt, so gut unterhalten. Für alle, die gerne Caroline Wahl oder Vera Zischke lesen.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Posttraumatische Belastungsstörung

Aus dem Dunkel
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Nach den Sitzungen fährt sie eine Stunde mit dem Bus nach Hause. Sie ist so müde, dass sie einnickt. Sie solle sich danach nichts mehr vornehmen, es werde anstrengend, sagten sie ihr. Ihren Therapeuten ...

Nach den Sitzungen fährt sie eine Stunde mit dem Bus nach Hause. Sie ist so müde, dass sie einnickt. Sie solle sich danach nichts mehr vornehmen, es werde anstrengend, sagten sie ihr. Ihren Therapeuten nennt sie den PTBS-Mann. Während der ersten Termine brachte sie kein Wort heraus. Statt seine Fragen zu beantworten, starrte sie auf den Boden.

Zuhause angekommen, legt sie sich aufs Sofa und fällt in einen leichten Schlaf. Sie träumt, dass sie auf Kinder aufpassen soll, die sie vernachlässigt. Ihr schlechtes Gefühl im Traum ist tief. Als sie erwacht, hat sie Hunger. Sie kocht Reis und Gemüse, setzt sich an den Klapptisch in der Küche und starrt aus dem Fenster. Die Stimmen im Radio sind ein lärmendes Hintergrundgeräusch. Sie steht auf, schaltet es aus, geht ins Wohnzimmer und legt sich auf das Sofa, um irgendeine hohle Sendung im Fernsehen zu schauen. Das wird Öl auf ihre ausgefransten Nerven gießen.

Etwas reißt sie aus dem Schlaf, ihr Herz klopft wild unter der Brust. Sie schwört, dass jemand in der Wohnung ist, durchsucht akribisch jeden Raum, aber sie ist allein. Mit ihrer Decke geht sie ins Schlafzimmer, legt sich hin. In den frühen Morgenstunden schläft sie ein, ein paar traumlose Stunden, ausgespült vom Regen, der gegen das Fenster fällt.

Viele ihrer Albträume handeln davon, nicht zu genügen, alles verkehrt zu machen, Menschen oder Kinder in Not nicht retten zu können. Pflichten zu versäumen, sich an vertrauten Orten nicht mehr auszukennen, verloren zu gehen. S. 197

Fazit: Naja Marie Arndt, preisgekrönte dänische Schriftstellerin, hat das Thema Posttraumatische Belastungsstörung verhandelt. Ihre namenlose Protagonistin hat einen gewalttätigen Vater hinter sich gelassen, eine Schwester verloren und eine Vergewaltigung in ihrer Jugend noch nicht verarbeitet, als sie auf einem nächtlichen Nachhauseweg eine Frau schreien hört. Sie kann ihr nicht nur nicht helfen, sie wird selbst angegriffen. Danach ist nichts mehr, wie es war. Sie findet einen fähigen Psychotherapeuten, der sie durch eine Verhaltenstherapie wieder ins Leben boxt. Aber nicht nur seine Arbeit bereichert ihre Zukunftsaussichten, sondern auch ihre vier Freundinnen. Die Autorin schreibt über traumatische Erfahrungen, als hätte sie es selbst erlebt. Diese tiefe, zehrende Müdigkeit, gleicht einer Ohnmacht, die sie in die Arbeitslosigkeit zwingt. Jederzeit kann sie getriggert und retraumatisiert werden, dazu reichen Geräusche oder ein wenig Druck, ein wenig zu viel von etwas. Während der Therapie ist das notgedrungen gewünscht und angeleitet, aber darüber hinaus allein mit der Todesangst zu sein und dem Gefühl sterben zu müssen, überfordert sie zutiefst. Ihre Freundinnen geben ihr Halt und Fürsorge. Sie absorbieren ihre Wutanfälle, wenn sie überfordert ist, kratzen sie vom Asphalt, wenn sie zitternd und keuchend am Boden klebt und lachen mit ihr über ihre neuerlichen Wunderlichkeiten. Naja Marie Aidt erzählt von männlicher Übergriffigkeit und weiblicher Solidarität. Sie beleuchtet einen Weg des Heilwerdens und macht Mut. Ein Buch für alle, die mit traumatisierten Menschen zu tun haben und sie besser verstehen möchten.

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Veröffentlicht am 05.05.2026

Verzweifelte Suche nach Identität

Zähe Hunde
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„Sie hat nicht geheult“ scheint der Hauptteil ihrer Entstehungsgeschichte, das, was sie ausmacht, keine Heulsuse zu sein. Es waren die Worte ihres Vaters, nachdem sie geboren wurde. Weder heulte sie, noch ...

„Sie hat nicht geheult“ scheint der Hauptteil ihrer Entstehungsgeschichte, das, was sie ausmacht, keine Heulsuse zu sein. Es waren die Worte ihres Vaters, nachdem sie geboren wurde. Weder heulte sie, noch kackte sie der Mutter in den Schoß. Ihr Bruder hingegen hatte zwei Jahre später geschrien wie ein Ferkel, das langsam durch den Fleischwolf gedreht wird. Ihre Eltern waren schon mit zwanzig kaputt gearbeitet, als Ada auf die Welt kam. Und damit sie keine verzogene Göre wurde, machten sie noch ein Kind, den mageren Broos.

Nachdem die Eltern sich getrennt hatten, holte ihr Vater Ada und Broos jeden Freitag mit dem Lkw ab und fuhr sie zum Trailerpark, wo sein Wohnwagen stand. Ada erinnert sich an die staubige Enge, wenn sie zu dritt auf der Matratze im hinteren Teil des Wagens schliefen, immer Broos zwischen Ada und ihrem Vater.

Ada ist erwachsen und macht was mit Kunst, eigentlich Holzschnitzarbeiten. Sie hatte sich eingeschrieben, weil Frédérike ihr dazu geraten hatte. Frédérike lernte sie in der Fleischfabrik kennen, in der Ada arbeitete, seit sie neunzehn war. Frédérike hielt es genau zwei Stunden aus bei vier Grad Celsius, dann ging sie einfach und nahm Adas Telefonnummer mit. Nach Adas erster Ausstellung hat ihr Vater sie in die Verbannung geschickt. Sie wäre ihm in den Rücken gefallen, seitdem lebt sie bei Frédérike. Von ihr hat sie die Adresse in Galizien „In the middle of fucking nowhere“, wo Ada seit zwei Wochen ist. Hier lebt ein maulfauler Spanier mit seinen beiden Hündinnen, ein paar Schafen und drei Hühnern in einer verfallenen Hütte ohne Strom mit Plumpsklo. Sie fällen von morgens bis abends Bäume und sammeln Holz.

Fazit: Falun Ellie Koos, Schriftstellerin und Filmemacherin, hat in ihrem mehrfach nominierten Debüt eine etwas andere Familie erzählt. Ihre Icherzählende Protagonistin lebt mit ihrem Bruder bei der Mutter. Der Vater holt die Kinder jedes Wochenende. Er ist ein zäher Hund, der Gefühlsduseleien verachtet und seine Kinder ebenso stählen will, wie er einst gehärtet wurde. Sein Erziehungsstil beginnt früh und ist gnadenlos. Die beiden traumatisierten Kinder suchen als junge Menschen ihre Einzelteile, um sich neu zusammenzusetzen, aber Adas Bruder scheitert kläglich. In der Einsamkeit in Galizien erlebt Ada mit größerer Distanz etwas Ähnliches wie bei ihrem Vater, doch jetzt kann sie das besser einordnen und aktiv werden. Falun Ellie Koos hat mir mein Herz aus der Brust gerissen, vor die Wand geschleudert und versucht mich wiederzubeleben. Zwischendurch hätte ich schreien und das Buch in den Mülleimer werfen mögen, so wütend haben mich einige Szenen gemacht. Und das liegt nicht an der besonderen Brutalität der Szenen, sondern daran, dass sie die Gabe hat, dass dumme Gegebenheiten sich ohne Vorbereitung zu Horror entwickeln. Dieses Buch hat eine Gefühlskaskade in mir losgetreten, wie ich es selten erlebe. Ekel, Wut, Hass, Erschrecken, Trauer und Mitgefühl. Die Charaktere sind alle extrem gut gezeichnet, ebenso wie die Umstände. Der letzte Absatz hat mir gezeigt, was ich für eine Heulsuse bin und ich bin froh, dass ich meine Gefühle rauslassen kann. Um nicht zu spoilern, das hier ist kein Leid-Porn, keine Geschichte, die mit aller Gewalt an mein Mitgefühl appelliert. Hier geht es um innere Kämpfe, um die fast verzweifelte Suche nach Identität und um Resilienz.

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Veröffentlicht am 30.04.2026

Intensives Psychogramm

Reizklima
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Andre steht immer im schwarzen Parka mit Kunstfellbesatz und kamelbraunen Lederboots an der Strandpromenade, in der einen Hand das Handy, in der anderen die Zigarette. Dass der Wind an ihm zerrt und ihm ...

Andre steht immer im schwarzen Parka mit Kunstfellbesatz und kamelbraunen Lederboots an der Strandpromenade, in der einen Hand das Handy, in der anderen die Zigarette. Dass der Wind an ihm zerrt und ihm Gischt ins Gesicht spuckt, scheint den Berufssoldaten nicht zu stören. An manchen Tagen sieht Eva ihn in Sportkleidung die Klinik verlassen und zum Strand runterlaufen. Zum Frühstück kommt er fast immer, zum Abendessen gelegentlich. Später am Abend sieht man ihn im Spiegelsaal. Er ist höflich, aber auch ein bisschen unheimlich.

Sie sitzt mit Viktor am Frühstückstisch. Gleich an ihrem ersten Morgen wartete er nach seiner freundlichen Begrüßung auf einen weiteren Blick von ihr, um sofortige Gesprächsbereitschaft zu zeigen: „Möchte sie eine Tee?“. Mittlerweile weiß sie über Viktor wahrscheinlich mehr als über sich selbst. Er sei Mitte der neunziger vom Balkan nach Deutschland gekommen. Er ist handwerklich ziemlich geschickt und hat sich vom Fliesenleger zum privaten Gärtner eines Fabrikanten hochgearbeitet. Im Sommer kümmert er sich auch um dessen Finca auf Mallorca. Er hat Schuppenflechte und Rücken und fährt deswegen immer wieder ins Sanatorium an die Nordsee. Sobald er über das Handy wischt, will er ihr sein Haus und seine Terrasse zeigen …

…materielle Zeugnisse eines hart erarbeiteten und für ihn nicht selbstverständlichen Wohlstands. S.15

An einem Morgen wird Nelli zu ihnen an den Tisch gesetzt. Sie ist vielleicht Anfang zwanzig, redet schnell und viel, so, als sitze ihr die Zeit im Nacken. Sie isst Roggenbrötchen, weil ihr Weizen verboten wurde und die Marmelade, das braucht sie einfach, Kirsch ist ihr die liebste. Ihre Hände mit den perlmuttfarben lackierten Fingernägeln schweifen weit aus. Sie leide an Schuppenflechte, Morbus Crohn, Rheuma und Asthma. Warum Eva hier sei, will Nelli wissen. „Neurodermitis“. Ach ja, das habe Nelli auch, nur vergessen, es zu erwähnen.

Fazit: Silke Knäpper hat in ihrem vierten Roman ein intensives Psychogramm über mehrere Menschen an einem Kurort erzählt. Die introvertierte Protagonistin beobachtet ihre Mitpatient*innen und nähert sich auf diese Weise sich selbst und ihren eigenen Problemen an. Da ist Andre, der sich beruflich verpflichtet hat, sein Land zu verteidigen. Er ist in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters gestiegen und stolz darauf. Zuhause warten Frau und Kind auf ihn, aber warum kann er das Mausen nicht lassen? Nelli, eine junge Frau, gerade der Jugend entwachsen und schon frustriert und gesundheitlich gebeutelt. Ihr Wunsch nach Aufmerksamkeit erschwert ihr den Zugang zu ihren Mitmenschen. Nadine ist Anfang dreißig und fast ganzkörpertätowiert. Dennoch wirkt sie zerbrechlich und erleidet tatsächlich regelmäßige Zusammenbrüche. Nadine hat Dinge erlebt, die jeden fühlenden Menschen aus der Normalität geschlagen hätten. Die Autorin ist eine extrem gute Beobachterin. Hier vermittelt Körpersprache und Gesagtes ein sehr genaues Bild von dem Menschen über den die Protagonistin gerade nachdenkt. Was mir richtig gut gefällt ist, dass keine Wertung stattfindet. Ich erfahre den Ist-Zustand der Leute wie eine Wasserstandsmeldung und kann mich ganz leicht darauf einlassen. Hier lautet der Tenor, dass wir alle unsere Gründe haben, so zu sein, das Ergebnis aus unseren Erfahrungen und Kompensationsversuchen sind. Und im Grunde sind wir alle versehrt. Dieses 130 Seiten Büchlein steckt voller emotionaler Wärme und Mitgefühl. Und ich hätte mir gerne noch viel mehr Menschen von Silke Knäpper vorstellen lassen.

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