Überraschend gut
Fünf Tage im LichtFrühmorgens läuft Sophie zum Strand, alle anderen schlafen noch. Zuerst trauerte sie dem abgebrochenen Schlaf hinterher, schließlich waren sie einige Stunden geflogen und gestern erst spät angekommen, ...
Frühmorgens läuft Sophie zum Strand, alle anderen schlafen noch. Zuerst trauerte sie dem abgebrochenen Schlaf hinterher, schließlich waren sie einige Stunden geflogen und gestern erst spät angekommen, aber das glitzernde, glasklare Wasser versetzt sie sofort in gute Stimmung. Sie schwamm eine Weile, bemerkte in einiger Erfahrung einen Mann mit schwarzen Haaren und nahm seine Anwesenheit als gute Gelegenheit, wieder zur Villa hochzulaufen. Das große Haus gehörte Alessias Vater, der eine Galerie in Athen besaß. Sophie schwebt mit nackten Füßen über den kühlen weißen Marmor und hinterlässt kleine Pfützen Wassers, das ihr aus dem Haar tropft. Helena sitzt wie eine blond gelockte Göttin auf einem der kobaltblauen Samtsofas und wischt über ihr Handy. Na, warst du schon schwimmen? Helena zeigt ihr das Diadem, mit den Orangenblütenwachsblumen, das ihre Mutter auf ihrer eigenen Hochzeit getragen hat. Sie wünscht sich, dass Helena es diesmal trägt. Helena findet das Ding scheußlich und wünscht sich etwas, das sie noch anmutiger aussehen ließ, als wäre das möglich.
Sophie öffnet die Fensterläden zur Terrasse und sieht Alessia an dem runden Tisch mit dem Mosaik sitzen. Sie streicht Butter auf ihren Toast, den sie nur zur Hälfte essen wird und summt leise. Ines lümmelt auf einer der gepolterten Liegen am Pool und Sophie ist froh, dass sie ihr noch nicht begegnen muss. Ines hat gestern im Flieger demonstrativ ihre Earpods reingesteckt und kein Wort mit Sophie geredet. Sie schafft es durch ihre Gesten jederzeit, dass Sophie sich minderwertig fühlt. Sophie ist die einzige in dieser Viererfreundinnenschaft, die aus einfachen Verhältnissen kommt. Während ihres gemeinsamen Studiums war das zu Anfang nicht spürbar, doch dann folgten jovial bezahlte Abendessen, unbezahlte Praktika und Urlaube in der Karibik, während Sophie im Kunstshop des Museums aushalf.
Fazit: Rhiannon Lucy Cosslett, Autorin und Journalistin, hat mich mit ihrem zweiten Roman schwer überrascht. Ihre Protagonistin feiert den Junggesellinnenabschied ihrer besten Freundin auf einer griechischen Insel. Ihnen bleiben fünf Tage, um sich zu vergnügen, bis ihre Partner kommen. Sophie nutzt die Zeit, um Alessia als Akt zu zeichnen und eine Affäre mit einem Einheimischen zu beginnen. Die anfang Dreißigjährige fühlt sich von ihrem Partner in Kinderfragen bedrängt und hadert auch mit ihrem Minderwertigkeitsgefühl. Der griechische Adonis sieht sie und mit ihm erlebt sie eine Leichtigkeit, die ihr in England fehlt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich einen feministischen Roman zu lesen bekomme, aber das ist er. Die Autorin lässt ihre Protagonistin zwanzig Jahre später die Ereignisse dieser Tage Revue passieren. Jedes Kapitel wird mit einem Bild (Gemälde, Foto, Installation) einer Künstlerin eingeleitet. Diese Künstlerinnen sind entweder vergessen, selbst durch die Mutterschaft gegangen, waren suizidal oder hatten einen Unfall (Frida Kahlo). Es hat mir riesig gefallen, die Bilder, die sie beschreibt, aufzurufen und quasi mit ihr zu betrachten. Die Sprache ist großartig. Es ist, als sei ich dabei, so detailliert sind die Sinneswahrnehmungen beschrieben. Der psychologische Plot entwickelt sich zaghaft, nimmt an Fahrt auf und endet drastisch. Die Sexszenen sind spicy und machen das Interesse Sophies an der Affäre klar. Diese Geschichte hat einiges zu bieten, ohne überladen zu sein. Hier geht es um Körperlichkeit, weibliches Begehren und weibliche Selbstbestimmung. Für alle, die gern Anne Freytag lesen.