Atmosphärisch, beklemmend und voller Geheimnisse
Home StoryMit „Home Story“ entwirft Cleo Konrad ein ländliches Psychospiel, das uns auf den abgeschiedenen Steingruberhof entführt. Diese ökologische Hofgemeinschaft dient einer bunten Truppe von Aussteigern als ...
Mit „Home Story“ entwirft Cleo Konrad ein ländliches Psychospiel, das uns auf den abgeschiedenen Steingruberhof entführt. Diese ökologische Hofgemeinschaft dient einer bunten Truppe von Aussteigern als Zuflucht, doch die vermeintliche Idylle zerbricht, als mitten in einem heißen Rekordsommer eine investigative Journalistin ermordet auf dem Gelände aufgefunden wird. Da der Verdacht sofort auf die eigenwilligen Bewohner fällt, holt die Gemeinschaft Eva zur Hilfe, eine erfolgreiche Münchner Anwältin, die selbst auf dem Hof aufgewachsen ist, diesen aber vor 13 Jahren im Streit verlassen hat. Bei ihrer Rückkehr stößt sie auf eine eiserne Mauer des Schweigens. Jeder auf dem Hof scheint Dreck am Stecken zu haben, und die polizeilichen Ermittlungen heizen die paranoide Stimmung unter den Bewohnern nur noch weiter an. Eva muss sich jedoch nicht nur den mörderischen Geheimnissen stellen, sondern auch ihrer eigenen Vergangenheit.
Besonders gut gefallen hat mir die Atmosphäre des Romans. Der Steingruberhof wirkt fast wie eine eigene Figur, und die drückende Sommerhitze, die Abgeschiedenheit und das Misstrauen innerhalb der Gemeinschaft sorgen für eine dauerhaft beklemmende Stimmung. Statt auf blutige Szenen oder permanente Action setzt die Autorin auf psychologische Spannung und lässt viele Fragen lange offen. Dadurch entsteht eine unterschwellige Unruhe, die einen immer wieder weiterlesen lässt. Auch die Figuren wirken vielschichtig und glaubwürdig. Niemand ist einfach nur gut oder böse, sondern jeder scheint seine eigenen Beweggründe und Geheimnisse mit sich herumzutragen. Die verschiedenen Perspektiven tragen zusätzlich dazu bei, dass man lange rätselt, wem man eigentlich vertrauen kann. Um bei dem recht großen Figurenkarussell nicht den Faden zu verlieren, gibt es ein Personenverzeichnis und eine detaillierte Hofkarte. Das letzte Drittel des Romans hat mich absolut begeistert. Cleo Konrad zieht das Tempo hier massiv an und liefert ein hochspannendes Finale ab, bei dem alle Fäden raffiniert zusammenlaufen.
Allerdings braucht die Geschichte einiges an Geduld. Die ersten 150 Seiten ziehen sich wie Kaugummi. Durch die vielen verschiedenen Perspektiven und die detaillierte Vorstellung jedes einzelnen Bewohners ist der Einstieg extrem zäh und trocken geraten. Zudem fühlt sich der Aufbau phasenweise sehr statisch an, die ständigen Perspektivenwechsel wirken so, als würde die Autorin dem Leser absichtlich Puzzleteile vorenthalten, was den Spannungsfluss im Mittelteil immer wieder künstlich ausbremst. Bei einer stattlichen Länge von über 500 Seiten hätte dem Buch eine Straffung wirklich gutgetan, um Längen zu vermeiden.
Insgesamt ist 'Home Story' für mich ein atmosphärischer Psychothriller, der seine größte Stärke nicht in rasanter Action, sondern in seiner dichten Stimmung, den vielschichtigen Figuren und der psychologischen Spannung hat. Wer bereit ist, sich auf den langsamen Aufbau einzulassen, wird mit einer fesselnden Geschichte und einem starken Schluss belohnt. Besonders empfehlenswert ist das Buch für Leserinnen und Leser, die ruhige, charaktergetriebene Thriller mögen und Wert auf Atmosphäre legen. Wer dagegen von der ersten Seite an ein hohes Tempo und ständig neue Wendungen erwartet, sollte wissen, dass sich die Geschichte bewusst Zeit nimmt, bevor sie ihre ganze Wirkung entfaltet.