Profilbild von Alrik

Alrik

Lesejury Star
offline

Alrik ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Alrik über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.05.2026

Wenn Zeit plötzlich nach Wald und Magie duftet

Juli Gold - Wächterin der Zeit
0

Zwischen Großstadtlärm, Bildschirmblicken und diesem Gefühl, irgendwie nicht ganz am richtigen Ort zu sein, hat mich Juli Gold direkt abgeholt. Das Buch fühlt sich an wie ein Schritt durch eine verborgene ...

Zwischen Großstadtlärm, Bildschirmblicken und diesem Gefühl, irgendwie nicht ganz am richtigen Ort zu sein, hat mich Juli Gold direkt abgeholt. Das Buch fühlt sich an wie ein Schritt durch eine verborgene Gartentür, hinein in Moosduft, Waldrauschen, flackernde Zeltmagie und diese leise Frage, was mit uns passiert, wenn niemand mehr wirklich Zeit hat.

Gelesen habe ich es als Buddyread mit meiner Tochter, abwechselnd im gleichen Buch, und genau das hat die Geschichte für mich noch schöner gemacht. Wir haben uns beim Lesen kleine Blicke zugeworfen, wenn Juli wieder mutig losgestolpert ist, und einmal meinte meine Tochter nur: „Das Zelt hätte ich auch gern.“ Da war klar, wir sind beide drin.

Juli und Janko haben eine schöne Dynamik, mal vorsichtig, mal neugierig, mal herrlich überfordert. Besonders mochte ich, dass hinter der märchenhaften Welt nicht nur Zauber steckt, sondern auch etwas Bedrohliches. Diese Mischung aus Abenteuer, Naturgefühl und Zeitmagie hat uns immer wieder zum Weiterblättern gebracht.

Für mich ist Juli Gold ein warmes, fantasievolles Jugendbuch mit einer Botschaft, die hängen bleibt. Es erinnert daran, wie wertvoll echte Momente sind, gemeinsames Staunen, Dreck unter den Fingern, ein Gespräch ohne Ablenkung und Zeit, die man nicht verliert, sondern miteinander teilt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.05.2026

Ein Genie zwischen Labor, Größenwahn und Überleben

Der Kaiser von Dahlem
0

Manchmal liegt ein Sachbuch vor einem und denkt sich wahrscheinlich: Komm, ich mache es dir heute nicht bequem. Genau so fühlt sich Der Kaiser von Dahlem an. Sam Apple erzählt von Otto Warburg, diesem ...

Manchmal liegt ein Sachbuch vor einem und denkt sich wahrscheinlich: Komm, ich mache es dir heute nicht bequem. Genau so fühlt sich Der Kaiser von Dahlem an. Sam Apple erzählt von Otto Warburg, diesem brillanten, schwierigen, exzentrischen Krebsforscher, der mitten im dunkelsten Kapitel Deutschlands weiterarbeitet, während um ihn herum die Welt moralisch komplett in Flammen steht.

Das ist keine gemütliche Biografie mit Tee und Kuscheldecke. Eher ein Buch, bei dem man zwischendurch dasitzt, die Stirn runzelt und denkt: Wie kann ein Leben gleichzeitig so faszinierend, so gefährlich und so widersprüchlich sein? Warburg war Nobelpreisträger, Genie, Eigenbrötler, Jude, lebte in einer homosexuellen Beziehung und überstand ausgerechnet die Nazizeit in einer Art unfassbarem Ausnahmezustand. Da schluckt man schon mal.

Besonders stark ist, wie Apple Wissenschaft nicht trocken auf den Tisch knallt. Krebsforschung, Zellatmung, Ernährung, Ideologie, Macht und Größenwahn werden zu einer Geschichte, die viel mehr ist als nur Labor und Mikroskop. Trotzdem merkt man: Das Buch fordert Aufmerksamkeit. Wer hier schnelle Spannung wie in einem Thriller erwartet, wird zwischendurch vielleicht kurz nach Kaffee Nummer drei greifen müssen.

Für mich ist Der Kaiser von Dahlem ein kluges, unbequemes und erstaunlich lebendiges Sachbuch über einen Mann, den man nicht einfach mögen muss, aber unbedingt verstehen will. Und genau das macht es so stark.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.05.2026

Ein Berlin Roman mit Dreck, Herz und Absturz

Rosenemil
0

Berlin, 1903, schmutzige Straßen, schiefe Gestalten und mittendrin Emil Lehmann, der als Rosenemil irgendwie versucht, durchs Leben zu kommen. Klingt erstmal nach altem Klassiker, riecht aber beim Lesen ...

Berlin, 1903, schmutzige Straßen, schiefe Gestalten und mittendrin Emil Lehmann, der als Rosenemil irgendwie versucht, durchs Leben zu kommen. Klingt erstmal nach altem Klassiker, riecht aber beim Lesen eher nach kaltem Rauch, Hinterzimmer, nassem Pflaster und diesem unguten Gefühl, dass gleich jemand eine richtig schlechte Entscheidung trifft.

Georg Hermann nimmt einen nicht an die Hand, er schubst einen eher direkt in diese Berliner Unterwelt hinein. Da stehen Ganoven, Zuhälter, Prostituierte und kleine Glücksritter nicht dekorativ herum, sondern wirken erschreckend lebendig. Man merkt schnell, hier wird nichts weichgespült. Das ist rau, beobachtend, manchmal bitter und trotzdem seltsam schön erzählt.

Rosenemil selbst ist keine Figur, die man einfach nur mag oder verurteilt. Genau das macht ihn spannend. Da ist dieser Wunsch nach Aufstieg, nach Bedeutung, nach einem besseren Platz im Leben. Und gleichzeitig spürt man schon früh, dass dieser Weg nicht nach oben führt, sondern eher mit Karacho in den Abgrund. Innerlich sitzt man da und denkt: Junge, lass es. Aber natürlich hört er nicht.

Besonders stark ist die Atmosphäre. Dieses alte Berlin lebt hier nicht wie eine hübsche Postkarte, sondern wie ein dreckiges, lautes, trauriges Biest. Der Stil ist anspruchsvoll, aber nicht trocken. Man muss sich darauf einlassen, dann bekommt man ein echtes Stück Literatur mit Kante, Dreck unter den Fingernägeln und erstaunlich viel Herzschmerz zwischen den Zeilen.

Für mich ein intensiver Berlin Roman, der nicht kuschelt, sondern zeigt, wie schnell ein Mensch zwischen Hoffnung, Milieu und falschen Entscheidungen verloren gehen kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.05.2026

Wenn der Nebel mehr verbirgt als nur die Wahrheit

Hinter dem Nebel
0

Zwischen grauem Himmel, feuchter Erde und diesem schweren Schweigen, das sich wie Nebel über alles legt, hat mich Hinter dem Nebel langsam, aber ziemlich fest gepackt.

Der Tod von Johan Oskarsson wirkt ...

Zwischen grauem Himmel, feuchter Erde und diesem schweren Schweigen, das sich wie Nebel über alles legt, hat mich Hinter dem Nebel langsam, aber ziemlich fest gepackt.

Der Tod von Johan Oskarsson wirkt auf den ersten Blick wie ein trauriger Selbstmord. Ein zerbrechlicher Schriftsteller, ein erhängter Körper, ein Fall, den man vielleicht einfach schließen möchte. Doch genau da beginnt dieses unangenehme Kribbeln. Dieses Gefühl, dass hinter der offensichtlichen Wahrheit noch etwas lauert, das keiner berühren will.

Vidar Jörgensson ermittelt nicht laut, nicht übertrieben heldenhaft, sondern mit dieser stillen Beharrlichkeit, die ich bei skandinavischen Krimis so liebe. Die Geschichte führt tief in die 1950er Jahre, zu Geheimdiensten, Loyalitäten, Verrat und Menschen, die sich selbst verlieren, um irgendwie zu überleben.

Für mich ist das kein Krimi für nebenbei. Die Handlung braucht Aufmerksamkeit, manchmal auch Geduld, aber gerade diese Schwere macht den Reiz aus. Christoffer Carlsson schreibt atmosphärisch dicht, melancholisch und menschlich. Man spürt die Kälte, die Schuld und dieses leise Unbehagen zwischen den Zeilen.

Am Ende blieb bei mir kein lauter Knall zurück, sondern ein stilles Nachhallen. Und genau das passt hier perfekt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.05.2026

Wenn Stille plötzlich lauter ist als jeder Ton

Regentropfen fallen langsam
0

Manchmal kommt ein Buch nicht laut zur Tür rein, sondern setzt sich leise neben dich, schaut aus dem Fenster und wartet, bis du endlich mal still bist. Regentropfen fallen langsam ist genau so ein Roman. ...

Manchmal kommt ein Buch nicht laut zur Tür rein, sondern setzt sich leise neben dich, schaut aus dem Fenster und wartet, bis du endlich mal still bist. Regentropfen fallen langsam ist genau so ein Roman. Ruhig, feinfühlig und irgendwie so zart, dass man beim Lesen fast automatisch langsamer wird.

Nina verliert ihre Stimme und damit nicht nur ihr Talent, sondern gefühlt auch ein Stück von sich selbst. Diese Idee hat mich direkt gepackt, weil Stimme hier nicht nur Singen bedeutet. Es geht um Ausdruck, um Druck, um Erwartungen und um dieses fiese Gefühl, funktionieren zu müssen, obwohl innen längst alles auf Stopp steht.

Besonders schön fand ich die Begegnung mit Yuko und dieses japanische Ma, die Leere zwischen den Dingen. Klingt erstmal ein bisschen nach Räucherstäbchen und Stirnrunzeln, funktioniert im Roman aber erstaunlich gut. Da steckt viel Ruhe drin, viel Nachdenken, aber ohne dass es komplett abhebt.

Klar, wer viel Tempo, Drama und laute Wendungen braucht, könnte hier zwischendurch ungeduldig werden. Das Buch nimmt sich Zeit. Sehr viel Zeit sogar. Aber genau darin liegt auch seine Stärke.

Für mich ist das ein stiller, besonderer Roman über Selbstfindung, Musik und den Mut, die eigene Stimme nicht nur zu suchen, sondern ihr auch wirklich zuzuhören. Kein Buch, das schreit. Eher eins, das nachhallt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere