Profilbild von Kwinsu

Kwinsu

Lesejury Star
offline

Kwinsu ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Kwinsu über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.05.2026

Dystopisch, sperrig, grandios

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
0

Era ist 15 und kann hautnah miterleben, wie die Welt durch die Klimakatastrophe zu Grunde geht. Wasser ist Mangelware, somit auch frisches Essen, allerorts brennt es, ein lebbarer Wohnraum ist knapp, eine ...

Era ist 15 und kann hautnah miterleben, wie die Welt durch die Klimakatastrophe zu Grunde geht. Wasser ist Mangelware, somit auch frisches Essen, allerorts brennt es, ein lebbarer Wohnraum ist knapp, eine nach der anderen Vogelart stirbt aus - und die Reichen bleiben priviligiert. In diesem Setting aufzuwachsen ist nicht nur bedrückend, sondern auch zu gewissen Maße auch langweilig. Bis die Schwestern Maya und Merle in Eras Leben treten. Die beiden Töchter bekannter Influencer-Moms jagen samstags Dinge in die Luft, filmen das Spektakel und stellen es ins Netz. Anonymität ist den beiden Schwestern das höchste Gut. Doch Era schafft es sich mit den beiden zu befreunden - und sie und Maya werden ein Paar. Sie treten eine gemeinsame Flucht an, um aus ihrem Leben auszubrechen - irgendwie hoffnungslos.

Fiona Sironic ist mit "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft" eine eindringliche und realistische Dystopie gelungen, die eine Zukunft zeigt, die nicht allzu sehr in der Ferne liegt und erschreckenderweise genau so stattfinden könnte. Der Roman hat eine weltuntergangshafte Atmosphäre, ist dementsprechend frustrierend und vor allem: sperrig. Die knapp 200 Seiten lesen sich nicht flott, sondern ziehen sich wie Kaugummi, sind extrem intensiv, schockierend und drängen förmlich die Frage in den Kopf: warum fahren wir unsere Welt so an die Wand? Ich erachte es als besondere Kunst ein Buch zu schreiben, das gleichermaßen abstoßend und anziehend ist, es fühlt sich an als würde die geschaffene Welt jene sein, die erwartet wird, die wir aber um keinen Preis haben wollen. Die Figuren sind gefangen in einer aussichtslosen Welt, die dem Niedergang geweiht ist und doch versuchen sie das Essentielle: zu leben.

Schafft man das Buch bis ans Ende, weiß man: man hat als Lesende hart gearbeitet und wird dafür auch belohnt. Mit der Erkenntnis, dass Sironic hier große Literatur geschaffen hat, so unpackbar, dass sie irgendwie grandios ist. Das Buch ist wie ein Fiebertraum, in dem man aufwacht und nie wieder freikommt: die erzeugten Bilder brennen sich in den Kopf und werden vermutlich nie ganz verschwinden. Man weiß: das ist unsere Zukunft - der Planet stirbt, die Tiere sterben und schließlich auch wir Menschen, wenn wir nicht umgehend etwas ändern. Alles deutet darauf hin, dass wir das nicht tun. Im Nachhinein kann aber gesagt werden: Fiona Sironic hatte eine Ahnung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.05.2026

Die Spuren, die bleiben

Onigiri
0

Akis Mutter Keiko ist an Demenz erkrankt. Erst im Zuge dieser Krankheit merkt sie, wie wenig sie eigentlich über deren Leben weiß. Als junge Frau wanderte sie einst von Japan aus und nach Deutschland ein, ...

Akis Mutter Keiko ist an Demenz erkrankt. Erst im Zuge dieser Krankheit merkt sie, wie wenig sie eigentlich über deren Leben weiß. Als junge Frau wanderte sie einst von Japan aus und nach Deutschland ein, lernte den Vater kennen und bekam zwei Kinder. Die Ehe klappte nicht und so fristete sie ein arbeitsreiches Leben, ohne viele Spuren zu hinterlassen. Aki möchte nun die Biographie ihrer Mutter erkunden, solange das noch irgendwie möglich ist. So entschließt sie sich, mit Keiko zu ihrer Familie nach Japan zu reisen, eine Reise die größte Herausforderungen - aber auch Erkenntnisse - mit sich bringen.

Was für ein tolles Buch ist Yuko Kuhn hier gelungen! Sie schildert sehr eindringlich, wie wenig die Protagonistin doch über ihre eigene Herkunft weiß, wie viel Kultur sie von ihrer Familie mitbekommen hat und wo und wie sie schließlich sie selbst ist - eine ruhige, aber erkenntnisreiche Spurensuche. Das Buch wirkt sehr authentisch und nachvollziehbar, wem ergeht es im Laufe des Lebens nicht auch so, dass sie oder er sich die Frage stellt: wie viel weiß ich eigentlich über meine Eltern? Besonders lebt die Geschichte von den vielen Begegnungen Akis - mit ihrer Mutter und ihrer Verwandtschaft in Deutschland und in Japan. Es sind alles ruhige, aber bewegende Kontakte, die das Lebensbild der Mutter peu á peu zum Vorschein holt - auch wenn es nie vollständig sein wird, schon gar nicht, weil ihr Sein sich langsam verabschiedet.

Besonders beeindruckt hat mich die einfühlsame und komplexe Schilderung über die Demenz von Keiko: die Momente der absoluten Verwirrtheit, die für das eigene Kind so schmerzhaft sind, die ständigen, mühsamen Wiederholungen und die tiefe Ergriffenheit, sich mit der Krankheit nicht abfinden zu wollen, sondern die Person zu halten, auch wenn sie Schritt für Schritt verschwindet. Über allem schwelt eine um sich greifende Melancholie, die einem bewusst macht, dass auch das eigene Leben vergänglich ist und es gut tut, sich die Frage zu stellen: welche Spuren möchte ich hinterlassen?

Mein Fazit: Onigiri ist ein melancholischer, authentischer Roman über eine bewegende Spurensuche über das Leben der eigenen Mutter im Zeichen einer Krankheit, die die eigene Biografie auszulöschen droht. Ein Lieblingsbuch und eine absolute Leseempfehlung für alle, die ruhige, reflektierte Erzählungen mögen, die nicht ohne Tiefgründigkeit und Komplexität auskommen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.05.2026

Es ist so, wie es ist

Im Leben nebenan 
0

Was, wenn Frau aufwacht und merkt: irgendetwas ist falsch? So ergeht es Toni - eigentlich lebt sie mit ihrem Freund Jakob in der Stadt, der Kinderwunsch wird irgendwann zentral. Doch in einer zweiten Erzählperspektive ...

Was, wenn Frau aufwacht und merkt: irgendetwas ist falsch? So ergeht es Toni - eigentlich lebt sie mit ihrem Freund Jakob in der Stadt, der Kinderwunsch wird irgendwann zentral. Doch in einer zweiten Erzählperspektive ist es die gleiche Person - hier Antonia genannt - die mit ihrer Jugendliebe Adam ein Kind hat, am Dorf lebt und sich ständig fragt: wie konnte es nur dazu kommen?

Anne Sauers Roman "Im Leben nebenan" ist ein kluges Buch, das in unkonventioneller Art und Weise die Was-wäre-wann-Frage thematisiert. Bis zum Schluss wird nicht klar: gibt es dieses alternative Leben tatsächlich oder ist es alles nur ein Traum? Oder ist Tonis eigentliches Leben nur im Schlaf erdacht? Zentral ist: die Figur der Antonia ist verwirrt, hat das Leben als Toni verinnerlicht und weiß nicht, wie sie mit ihrem neuem Ich "Antonia" - und ihrem plötzlich existenten Kind - umgehen soll. Warum ist sie wieder mit Adam zusammen und lebt nun am Dorf? Wie konnte es dazu kommen, dass sie mit ihm ein Kind bekommt - und ist es wirklich das was sie will?

Ich habe das Hörbuch zu dem Roman gehört und bin von der Erzählweise der Sprecherin Chantal Busse begeistert! Mit ihrer eindringlichen Stimme schafft sie es, der Geschichte eine Lebendigkeit zu verschaffen und ihr die nötige Melancholie und Rückfrage zu geben, die im gesamten Buch mitschwingen. Es hat ein wenig gedauert, bis ich das Gehörte einordnen konnte: wer ist Toni und wer Antonia? Doch einmal verstanden, begeisterte mich das Buch zunehmend. Die ruhige und nachdenkliche Art, in der es geschrieben ist, hat mich speziell eingenommen. Besonders beeindruckt war ich von dem Gefühl der Verwirrtheit, die Antonia über die gesamte Erzähldauer begleitet, denn sie kann sich nicht erklären, wie sie hier gelandet ist, in einem Leben, das vielleicht nicht ganz so aufregend verlaufen ist, aber ihr doch einen Wunsch erfüllt, den sie als Toni nicht haben kann: ein Kind. Aber ist es wirklich das, was sie will? Zum Ende hin deutet sich eine Auflösung an, die dann aber doch nicht kommt, was mich persönlich mit einem Lächeln zurückgelassen hat, denn es braucht nicht immer eine Klarheit um zu verstehen, um was es geht.

Mein Fazit: "Im Leben nebenan" ist ein tolles Hörbuch, das zum Denken anregt, lange nachhallt und aus dem man mit der Erkenntnis zurückbleibt: es gibt kein Wenn- und Aber.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.05.2026

Alles ist anders

Home Before Dark
0

Marsibil kann noch immer nicht glauben, dass ihre Schwester Kristin vor 10 Jahren einfach so verschwunden ist, ohne großartig Spuren zu hinterlassen. Durch verschiedene Umstände plagt sie ein enorm schlechtes ...

Marsibil kann noch immer nicht glauben, dass ihre Schwester Kristin vor 10 Jahren einfach so verschwunden ist, ohne großartig Spuren zu hinterlassen. Durch verschiedene Umstände plagt sie ein enorm schlechtes Gewissen. Als sie eines Tages zurück in ihr Elternhaus kommt, beschließt sie, sich noch einmal auf die Suche nach ihrer verschollenen Schwester zu machen. Dabei tauchen Wahrheiten auf, die niemand für möglich gehalten hätte...

Eva Björg Ægisdóttir gehört zu einer von vielen hochkarätigen Schriftstellerinnen aus Island, die sich dem Nordic Noir verschrieben haben. Die Geschichte beginnt typisch langsam, ruhig und sphärisch, ist aber sogleich einnehmend und fesselnd. Die Story spielt abwechselnd im Jahre des Verschwindens von Kristin, 1966 und der erzählerischen Gegenwart, dem Jahr 1977. Besonders spannend sind die unterschiedlichen Erzählperspektiven - wir lesen abwechselnd aus der Sicht von Marsibil in den unterschiedlichen Erzählzeiten, als auch aus jener der verschwundenen Kristin.

Von Beginn an rätselt man, was mit Kristin passiert sein könnte. Die Autorin legt zahlreiche Fährten und so ergeben sich umfassende Möglichkeiten, was mit Kristin passiert sein könnte. Bis zum Schluss bleibt die Wahrheit offen und überrascht einen schlussendlich dann mit einem unerwartetem Ausgang. Zahlreiche Charaktere beleben den Thriller, allesamt auf ihre eigene Art verdächtig - jede
r ist gebeutelt von dem eigenen Schicksal. Keiner scheint mit dem Verschwinden angemessen umgegangen zu sein, außerdem gibt es Figuren, die man lange Zeit gar nicht am Schirm hat. Peu á peu spitzt sich das Geschehen zusammen, um in einem überraschenden Finale zu gipfeln.

Die Atmosphäre des Buches ist düster, wobei die isländische Landschaft diesmal keine spezielle Rolle einnimmt. Vielmehr ist die tückische Psyche der Protagonistinnen Hauptschauplatz der Geschichte. Gekonnt spielt die Autorin mit Fakten, Wahrnehmungen und Empfindungen und führt so die Lesenden oftmals in die Irre.

Mein Fazit: "Home before dark" ist ein fesselnder und einnehmender Nordic Noir-Thriller, der mit vielen unerwarteten Wendungen daherkommt und deswegen auch keine Sekunde langweilig wird. Das Buch ist genau das, was ich mir von einem spannenden Thriller aus nordischen Gefilden erwarte, weshalb ich ihn uneingeschränkt für alle Liebhaber
innen dieses Genres empfehlen kann!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.05.2026

Der lange Hall des Missbrauchs

Schlaf
0

Margarets Kindheit ist geprägt von der innigen Freundschaft zu ihrer Freundin Biddy und: schwierigen Familienverhältnissen. Ihre Mutter Elisabeth ist herrisch und kalt, ihr Bruder Neal hingegen lässt ihr ...

Margarets Kindheit ist geprägt von der innigen Freundschaft zu ihrer Freundin Biddy und: schwierigen Familienverhältnissen. Ihre Mutter Elisabeth ist herrisch und kalt, ihr Bruder Neal hingegen lässt ihr eine Aufmerksamkeit zukommen, die sie so nie wollte. Der familiäre Missbrauch verfolgt sie bis ins Erwachsenenalter und als das Leben der Mutter dem Ende zugeht, startet Margaret einen nüchternen Aufarbeitungs- und Befreiungsversuch.

"Schlaf" von Honor Jones ist ein bewegender Roman, der vor allem durch die Authentizität der Protagonistin und ihren emotionalen Kampf um Selbstbestimmung besticht. Margaret scheint von sich selbst entrückt zu sein, kapselt ihre Gefühle hab, wirkt dadurch nüchtern, distanziert und manchmal auch naiv. Lange Zeit ist es ihr nicht möglich, sich von ihrem kindlichen Ich zu befreien, erst im Laufe der Zeit, als sie zu reflektieren beginnt, gelingt es ihr an Stärke zu gewinnen - und sich nicht immer alles gefallen zu lassen. Die Kälte und die Manipulation, die ihr ihre Mutter zukommen hat lassen - und die ihr auch im Erwachsenenalter noch immer zu Teil wird, ist beklemmend, man fragt sich, wie es möglich ist, dass man sein eigenes Kind so für die eigene Selbstdarstellung missbrauchen kann. Durch die nüchterne, aber eindringliche und oft kindliche Sprache gelingt es der Autorin, dass man beim Lesen selbst den riesigen Kloß spürt, den Margaret mit sich herumschleppt.

Dass sich die Protagonistin als Erwachsene von der für sie unbefriedigenden Ehe mit Ezra befreit, deutet auf ihren Befreiungsschlag in Richtung Selbstbestimmung hin. Doch Elisabeth, ihre Mutter, will sie nicht loslassen, hält sie in starren Fängen, die es Margaret nicht ermöglichen sollen, eigenständig zu sein. Besonders gern spielt sie die Karte der umsorgenden Oma aus, die der eigenen Tochter auch noch ihren kruden Erziehungsstil aufdrücken will. Ein Lichtblick ist die tiefe Verbundenheit mit der Kindheitsfreundin Biddy, die unumwunden an ihrer Seite ist und Margaret nimmt, wie sie ist, auch wenn nicht immer alles aus- und angesprochen wird.

Die Autorin erzeugt besonders damit eine Sogwirkung, dass vieles nicht explizit geschildert wird, sondern eher angedeutet und vor allem die Auswirkungen auf die Psyche der Protagonistin dargestellt wird. So wird vermittelt, wie schwer es ist, aus sich selbst auszubrechen, um sich von den sozialisierten Lasten zu befreien. Auch die Bewusstseinsbildung für das Geschehene kommt erst im Laufe der Zeit zum Vorschein. Margaret kämpft tapfer und traut sich irgendwann auch zu konfrontieren.

Mein Fazit: "Schlaf" ist ein gelungener Roman über die tiefen Kerben einer Kindheit, die geprägt ist von Missbrauch, Verdrängung und Schweigen, deren Vollumfänglichkeit aber erst im Laufe eines Lebens bewusst wird. Es ist ein berührendes Buch über eine Selbstermächtigung, deren Schmerz man aber auch aushalten muss. Eine Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich auf psychische und teilweise auch körperliche Gewalt einzulassen und nicht wegzuschauen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere