Wie lebt man mit einem Erbe, das man sich nicht ausgesucht hat?
Die glücklichste Familie der WeltDie 28jährige Sara ist schwanger, aber sie und ihr Partner Elias wollen das Kind nicht behalten; sie hat bereits einen Abtreibungstermin. Dennoch reist sie kurzfristig gemeinsam mit ihrem Onkel Mats und ...
Die 28jährige Sara ist schwanger, aber sie und ihr Partner Elias wollen das Kind nicht behalten; sie hat bereits einen Abtreibungstermin. Dennoch reist sie kurzfristig gemeinsam mit ihrem Onkel Mats und ihrer 16jährigen Cousine Evi für ein Wochenende nach Berlin. Dort wollen sie den neu verlegten Stolperstein mit ihrem Familiennamen besuchen. Doch auf der Reise werden sie nicht nur mit ihrer jüdischen Vergangenheit, sondern auch mit persönlichen Lebenskrisen konfrontiert.
„Wenn man geboren wird, ist alles, wie es sein soll, dann wird es langsam immer schlechter. Gegen Ende des Frühlings waren die Dinge noch zu einem gewissen Grad, wie sie sein sollten, die Sonne schien gleißend vom Himmel, als wäre bereits Sommer. Alles, wovon Sara spürte, dass es geschehen würde, trug sie bereits in sich, all die kleinen und großen Katastrophen, deren Konsequenzen sie nicht exakt absehen konnte, deren Konturen sie aber bereits zwischen den Handflächen zu spüren glaubte.“
Die kürzlich verstorbene Großmutter von Sara und Evi war damals zusammen mit ihrer Schwester mit einem Kindertransport aus Berlin nach Schweden gerettet worden. Ihre Briefe möchte Mats nun dem Jüdischen Museum übergeben; Evi ist davon nicht begeistert. Und Mats weiß nicht, wie er ihr beibringen soll, dass er sich von ihrer Mutter trennen wird.
„So vieles während der Tage in Berlin ließ Sara an den Marsch der Lebenden in Auschwitz denken, [...] an andere Reisen, die sie im Laufe der Zeit im Zeichen des Judentums unternommen hatte und deren Konturen bereits verschwammen. Reisen, die sie auf unterschiedliche Weise beeinflusst hatten – wenn auch nicht immer so, wie eigentlich angedacht.
[...]
Zum ersten Mal war sie gegen Ende der Schulzeit in Berlin gewesen, und das nicht aus freien Stücken, sondern im Rahmen einer Klassenfahrt. In Deutschland ist die Asche immer noch warm, ein Satz, den sie irgendwo gelesen hatte und der ihr nicht mehr aus dem Sinn ging. Sie versuchte, Berlin wie London oder Paris zu sehen, wie eine x-beliebige Stadt.
Sie war [...] die einzige Jüdin in ihrer Klasse gewesen, und als sie mit den Händen über die eckigen Blöcke des Holocaust-Mahnmals strich, hatte sie an niemanden aus ihrer Familie gedacht, es gehörte in keiner Weise zu ihr. Die Geschichte steckte nicht in dem dämlichen, toten Mahnmal, die Geschichte steckte in ihren Eltern, ihren Geschwistern, in Anne, in Mats und Evi, nicht im Marsch der Lebenden, nicht im Stockholmer Forum für lebendige Geschichte, nicht im Holocaust-Gedenktag, der im Übrigen zu einer Art Black Friday für die Woke-Generation geworden war, während sich gleichzeitig niemand nennenswert dafür interessierte, wenn jemand Hakenkreuze auf den Spind einer jüdischen Gymnasiastin schmierte.“
„Und Sara würde mit etwas matter Stimme antworten müssen, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hatte, dass alles bloß Zufall ist. Dass man früh dem Irrglauben erliegt, im Leben gäbe es eine Form von Symmetrie, alles Schiefe werde geradegerückt, von fest gespannten magischen Bändern gelenkt.
Vielleicht hätte Evi ihr beigepflichtet. Nur langsam gezwinkert, in dem Ton erwidert, den sie immer hatte, wenn sie etwas selbstverständlich fand: Natürlich haben Alt und Neu nichts miteinander zu tun. Sonst wäre es ja nichts Neues, sondern bloß eine Fortsetzung. Das Neue ist etwas Eigenes, genau wie alles andere: Das Neue beginnt damit, dass ein Moment sich an einen anderen fügt.“
„Die glücklichste Familie der Welt“ ist ein leiser, berührender und tiefgründiger Roman, der sich vor allem mit der schwierigen und persönlichen Frage beschäftigt, wie man mit einer Vergangenheit, einem Erbe umgeht, das man nicht selbst gewählt hat. Mich hat das Buch sehr berührt, vor allem die Rückblenden in die Vergangenheit waren unfassbar intensiv.
Vielen Dank an den Fischer Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚