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Veröffentlicht am 09.06.2026

Wie lebt man mit einem Erbe, das man sich nicht ausgesucht hat?

Die glücklichste Familie der Welt
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Die 28jährige Sara ist schwanger, aber sie und ihr Partner Elias wollen das Kind nicht behalten; sie hat bereits einen Abtreibungstermin. Dennoch reist sie kurzfristig gemeinsam mit ihrem Onkel Mats und ...

Die 28jährige Sara ist schwanger, aber sie und ihr Partner Elias wollen das Kind nicht behalten; sie hat bereits einen Abtreibungstermin. Dennoch reist sie kurzfristig gemeinsam mit ihrem Onkel Mats und ihrer 16jährigen Cousine Evi für ein Wochenende nach Berlin. Dort wollen sie den neu verlegten Stolperstein mit ihrem Familiennamen besuchen. Doch auf der Reise werden sie nicht nur mit ihrer jüdischen Vergangenheit, sondern auch mit persönlichen Lebenskrisen konfrontiert.

„Wenn man geboren wird, ist alles, wie es sein soll, dann wird es langsam immer schlechter. Gegen Ende des Frühlings waren die Dinge noch zu einem gewissen Grad, wie sie sein sollten, die Sonne schien gleißend vom Himmel, als wäre bereits Sommer. Alles, wovon Sara spürte, dass es geschehen würde, trug sie bereits in sich, all die kleinen und großen Katastrophen, deren Konsequenzen sie nicht exakt absehen konnte, deren Konturen sie aber bereits zwischen den Handflächen zu spüren glaubte.“

Die kürzlich verstorbene Großmutter von Sara und Evi war damals zusammen mit ihrer Schwester mit einem Kindertransport aus Berlin nach Schweden gerettet worden. Ihre Briefe möchte Mats nun dem Jüdischen Museum übergeben; Evi ist davon nicht begeistert. Und Mats weiß nicht, wie er ihr beibringen soll, dass er sich von ihrer Mutter trennen wird.

„So vieles während der Tage in Berlin ließ Sara an den Marsch der Lebenden in Auschwitz denken, [...] an andere Reisen, die sie im Laufe der Zeit im Zeichen des Judentums unternommen hatte und deren Konturen bereits verschwammen. Reisen, die sie auf unterschiedliche Weise beeinflusst hatten – wenn auch nicht immer so, wie eigentlich angedacht.
[...]
Zum ersten Mal war sie gegen Ende der Schulzeit in Berlin gewesen, und das nicht aus freien Stücken, sondern im Rahmen einer Klassenfahrt. In Deutschland ist die Asche immer noch warm, ein Satz, den sie irgendwo gelesen hatte und der ihr nicht mehr aus dem Sinn ging. Sie versuchte, Berlin wie London oder Paris zu sehen, wie eine x-beliebige Stadt.
Sie war [...] die einzige Jüdin in ihrer Klasse gewesen, und als sie mit den Händen über die eckigen Blöcke des Holocaust-Mahnmals strich, hatte sie an niemanden aus ihrer Familie gedacht, es gehörte in keiner Weise zu ihr. Die Geschichte steckte nicht in dem dämlichen, toten Mahnmal, die Geschichte steckte in ihren Eltern, ihren Geschwistern, in Anne, in Mats und Evi, nicht im Marsch der Lebenden, nicht im Stockholmer Forum für lebendige Geschichte, nicht im Holocaust-Gedenktag, der im Übrigen zu einer Art Black Friday für die Woke-Generation geworden war, während sich gleichzeitig niemand nennenswert dafür interessierte, wenn jemand Hakenkreuze auf den Spind einer jüdischen Gymnasiastin schmierte.“

„Und Sara würde mit etwas matter Stimme antworten müssen, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hatte, dass alles bloß Zufall ist. Dass man früh dem Irrglauben erliegt, im Leben gäbe es eine Form von Symmetrie, alles Schiefe werde geradegerückt, von fest gespannten magischen Bändern gelenkt.
Vielleicht hätte Evi ihr beigepflichtet. Nur langsam gezwinkert, in dem Ton erwidert, den sie immer hatte, wenn sie etwas selbstverständlich fand: Natürlich haben Alt und Neu nichts miteinander zu tun. Sonst wäre es ja nichts Neues, sondern bloß eine Fortsetzung. Das Neue ist etwas Eigenes, genau wie alles andere: Das Neue beginnt damit, dass ein Moment sich an einen anderen fügt.“

„Die glücklichste Familie der Welt“ ist ein leiser, berührender und tiefgründiger Roman, der sich vor allem mit der schwierigen und persönlichen Frage beschäftigt, wie man mit einer Vergangenheit, einem Erbe umgeht, das man nicht selbst gewählt hat. Mich hat das Buch sehr berührt, vor allem die Rückblenden in die Vergangenheit waren unfassbar intensiv.

Vielen Dank an den Fischer Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 08.06.2026

Aufruf zum Widerstand: Veränderung ist nur durch ein NEIN möglich

Ich möchte lieber nicht
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„Ich möchte lieber nicht“ von Juliane Marie Schreiber ist so ein Buch, bei dem ich sehr froh bin, dass es seinen Weg zu mir gefunden hat – für mich war es ein echtes Highlight!

Das Sachbuch setzt sich ...

„Ich möchte lieber nicht“ von Juliane Marie Schreiber ist so ein Buch, bei dem ich sehr froh bin, dass es seinen Weg zu mir gefunden hat – für mich war es ein echtes Highlight!

Das Sachbuch setzt sich kritisch und kompromisslos mit dem zeitgenössischen Diktat der Selbstoptimierung und des „Dauerglücks“ auseinander:

„Die einzige sinnvolle Antwort auf einen Zeitgeist, der dem Terror des Positiven unterworfen ist, lautet Verweigerung. In einer Welt, in der man aus jedem Problem und jeder Krankheit etwas lernen muss, in der die exzessive Nabelschau alle in den Wahnsinn treibt, kann es nur eine richtige Haltung geben: die Haltung des nein. Nein, wir können nicht alles sein, wenn wir nur fest genug daran glauben. Und nein, nicht jeder ist seines Glückes Schmied. Es gibt viele Ungerechtigkeiten und Tragödien, für die der Einzelne nicht verantwortlich ist. Nur wer das erkennt, kann überhaupt die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern.“

Die Autorin nimmt den berühmten Satz „Ich möchte lieber nicht“ (von Herman Melvilles Figur Bartleby) als Leitmotiv für die bewusste Verweigerung einer toxischen Wohlfühlkultur.
Der „Terror des Positiven“ begegnet uns überall: Selbst Tee und Duschbäder fordern uns zu Fröhlichkeit und Selbstoptimierung auf.

„Wir leben in einer Kultur des Kommandos, die und sagt: Du musst glücklich sein! Selbst das Duschbad und der Tee im Supermarkt fordern uns getreu der Kultur des Kommandos auf, voll guter Laune spritzig in den Tag zu starten. Glück ist zum Statussymbol geworden, daher wollen wir uns selbst und allen anderen ständig unser hohes Glückprestige zeigen, am besten mit Fotos vom Traumurlaub und der Traumhochzeit. Wir wollen überall das Beste herausholen und gleichzeitig unser echtes, wahres, wirkliches Selbst finden. Mithilfe von Therapeuten und Coaches ändern wir unser "Mindset", um jede Niederlage als Chance zu begreifen und aus jedem Schnupfen etwas zu lernen. Doch man kann in unserer spätkapitalistischen Gesellschaft nicht alles schaffen, wenn man nur genug an sich glaubt.“

Die Ideologie der „Positiven Psychologie“ suggeriert, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Politische, wirtschaftliche oder strukturelle Krisen wie Jobverlust oder Krankheit werden dadurch oft zu einem persönlichen Versagen umgedeutet.
Der Druck der Positivität erzeugt eine dreifache Belastung. Man fühlt sich schlecht, schämt sich für die negativen Gefühle und muss gleichzeitig eine künstliche Glücksfassade für das Umfeld und soziale Medien aufrechterhalten.
Die Autorin plädiert für den „depressiven Realismus“ sowie das Schimpfen. Für sie sind negative Gefühle, Wut und schonungslose Ehrlichkeit keine Schwächen, sondern gesund und realistisch. Mehr noch: Nur mit dem Mut, „Nein“ zu sagen, ist es überhaupt möglich, ungerechte gesellschaftliche Strukturen aufzubrechen.

„Wer in dieser Zeit des sozialen Zwangs, des erdrückenden Überangebots von Konsumgütern und des ewigen Stroms von Ablenkungen ein selbstbestimmtes Leben führen will, muss viel öfter "Nein" als "Ja" sagen. Denn ohne "Nein" kann es keine individuelle Freiheit geben. Nein zu sagen und sich zu verweigern ist eine grundlegende Voraussetzung für unsere menschliche Autonomie und Unabhängigkeit.
[....]
Wir brauchen viel mehr Akzeptanz für Negativität statt kuscheligen Neobiedermeier, bei dem man sich selbst Harmonie vorgaukelt, ins Private zurückzieht und einfach wartet, bis alles vorbei ist. Zum authentischen Leben gehört Negativität immer dazu. Die dunkle Seite der menschlichen Existenz ist wichtig. Sie macht uns autonom und selbstbestimmt. Die Dunkelheit bildet uns.“

„Ich möchte lieber nicht“ ist ein Buch, das mir direkt aus der Seele gesprochen hat; ich habe unendlich viele Stellen markiert und habe mich SO SEHR verstanden gefühlt!
Juliane Marie Schreiber schreibt einzigartig: Oft wirklich herrlich amüsant („Haben Sie sich auch schon etwas wegcoachen lassen, ihren Blinddarm oder ihre unpassende Meinung?“), dabei jedoch auch herzlich, mit viel Tiefgang und immer genau auf den Punkt.

„Zum Leben gehört Negativität immer dazu. Negatives ist der Motor der Geschichte. Den Fortschritt verdanken die Menschen den unzufriedenen. Ohne nein kann es keine Freiheit geben. In unserer Kultur des Ja ist das Nein eine wohltuende Entzauberung. Weil das Nein den berühmten Vorhang der Selbsttäuschung aufreißt und auch das dreckige Fenster ans Licht bringt. Und nur, wer einen unerschrockenen, klaren Blick hat, kann seine Lebenszeit selbst bestimmt nutzen, nach den eigenen Überzeugungen. In anderen Worten: Nein - oder Nichtsein.
[...]
Am besten, indem man sich dabei in aller Ruhe sagt: Ich möchte lieber nicht!“

Von mir bekommt dieses Buch 5 Sterne & eine unbedingte Leseempfehlung, denn:
„Die Welt wurde nicht von den Glücklichen verändert, sondern von den Unzufriedenen.“

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Veröffentlicht am 05.06.2026

Stille Menschen haben den lautesten Geist: Must-Read!

Wir sind Dynamit
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„Wir sind Dynamit“ ist mein zweites Buch von Juliane Marie Schreiber und ich finde es genauso großartig wie ihren Vorgänger „Ich möchte lieber nicht“ (unbedingt lesen!). Beide Bücher sprechen mir aus der ...

„Wir sind Dynamit“ ist mein zweites Buch von Juliane Marie Schreiber und ich finde es genauso großartig wie ihren Vorgänger „Ich möchte lieber nicht“ (unbedingt lesen!). Beide Bücher sprechen mir aus der Seele, ich habe mich so unendlich gut verstanden gefühlt. Juliane Marie Schreiber schreibt einzigartig, oft herrlich amüsant, dabei aber auch herzlich, mit viel Tiefgang und immer genau auf den Punkt.

Mit „Wir sind Dynamit – Ein Manifest für Introvertierte in einer Welt der Selbstdarstellung“ kritisiert die Politologin und Autorin eine Gesellschaft, die systematisch laute Selbstdarsteller*innen belohnt und leise, nachdenkliche Menschen benachteiligt.

Permanente Performance im Beruf und auf den Sozialen Medien, Reizüberflutung im Alltag, … ich habe das beim Lesen so sehr gefühlt!
Es ist doch leider wirklich so: Wer sich laut vermarktet, erhält Gehör und Status - unabhängig von der eigentlichen Substanz. Dabei haben stille Menschen oft den lautesten Geist: viele wichtige Erfindungen und Neuerungen entstanden „alleine im stillen Kämmerchen“.

Dieses Buch ist ein Aufruf zur gesellschaftlichen Abkehr von der permanenten Selbstdarstellung und eine Einladung zu einer radikalen Rückkehr nach innen.

„Zivilisation lebt nicht nur von denen, die die Bühne füllen. Sondern von denen, die ihre Ideen so lange aufstauen, bis sie Form gewinnen.
Innenmenschen sind diese unsichtbare Verdichtung. Sie tragen Gedanken, die nicht sofort sichtbar sind, die sich dem schnellen Urteil entziehen, die oft lange in der Tiefe brodeln – bis der Moment kommt, in dem sie das ganze Verhältnis verschieben. Das Innenleben der Innenmenschen ist die Sprengkraft für den Fortschritt.
Ohne Alfred Nobels Dynamit gäbe es keinen Nobelpreis, verliehen hier schon for the greatest benefit to humankind. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Disziplinen, die dort geehrt werden, auch den Fähigkeiten der Innenmenschen entsprechen: Ohne Reflexion gibt es keine Wissenschaft, ohne Kreativität keine Literatur, ohne Diplomatie keinen Frieden. Und ohne Autonomie gibt es überhaupt keine originellen Impulse – nur höflich vorgewärmte Erwartungen. Diese Stärken der Innenwelt sind die inneren Träger einer Kultur, die sonst zerfällt.“

„Darum ist dieses Buch auch ein Plädoyer für Unverzichtbarkeit. Es geht nicht darum, zu sagen: »Die Innenmenschen haben all das gemacht, erfunden, entdeckt, geschrieben.« Sondern: »Ohne sie bricht alles zusammen, auch wenn man es nicht sofort sieht.« Wenn wir sie weiterhin unterschätzen, trifft es uns alle. Denn sie verkörpern das Menschsein in einer Art, die uns als Gesellschaft abhandenzukommen droht. Sie sind der Gegenpol in einer Welt der Selbstdarstellung.
Deshalb: Follow the Silence. Innenmenschen sind eine stille Revolution – und mit ihnen die Eigenbrötler und Außenseiter, die Erfinder und Tüftler, Künstler, Nerds und Sonderlinge. Und schon Stephen Hawking sagte: ‚Quiet people have the loudest minds.‘ Stille Menschen haben den lautesten Geist.“

Ich habe das Buch geliebt – ein Muss für alle „Innenmenschen“ wie mich.
Daher vergebe ich natürlich 5 Sterne & eine eindeutige Leseempfehlung!

Vielen Dank an den Piper Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 29.05.2026

Büroalltags-Satire vom Allerfeinsten

Supersaurio
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„Supersaurio“ von Meryem El Mehdati ist ein Debütroman, der mich wirklich positiv überrascht hat!
Vom Cover und Titel her hatte ich das gar nicht erwartet, aber diese Story hat es in sich.

Die 26-jährige ...

„Supersaurio“ von Meryem El Mehdati ist ein Debütroman, der mich wirklich positiv überrascht hat!
Vom Cover und Titel her hatte ich das gar nicht erwartet, aber diese Story hat es in sich.

Die 26-jährige Meryem hat ihr Sprachstudium beendet. Statt der erträumten Karriere als UN-Übersetzerin landet sie als schlecht bezahlte Praktikantin in der Zentrale von „Supersaurio“, der größten Supermarktkette Gran Canarias. Täglich kämpft sie sich mit unpünktlichen Bussen zur Arbeit mit sinnlosen, eintönigen Aufgaben. Im Großraumbüro trifft sie auf eine ignorante Chefin und Kollegen, die ihren Namen konsequent falsch aussprechen. In ihrer Freizeit schreibt sie Fanfiction mit ihren Kollegen in den Hauptrollen, um dem deprimierenden Büroalltag zu entfliehen.

Meryem war eine absolut authentische und sympathische Protagonistin, die mich vom ersten Moment an in den Bann gezogen hat.

„Mich hat keiner gefragt, ob ich geboren werden will. Wenn mich einer gefragt hätte, dann hätte ich Nein gesagt. Besten Dank, zu freundlich, das klingt echt interessant, aber ich passe. Stumm gestellt, weggeswipt, blockiert. Das Leben ist kompliziert. Man muss vorsichtig sein, wir sind zerbrechliche Wesen. Eben hast du noch auf den Unterarm deines Vaters gepasst, schon bist du fünfundzwanzig und heulst im Bus leise vor dich hin, hinten in der letzten Reihe, wo eigentlich nur Touris und die coolen Oberstufenkids sitzen, weil du zum fünften Mal im Bewerbungsprozess für ein Betriebspraktikum steckst. Du kommst erschöpft vom letzten Bewerbungsgespräch, fühlst dich komisch, hast Gliederschmerzen und bist dir sicher, dass du gar nichts wert bist.“

Der Schreibstil von Meryem El Mehdati hat mir ausgesprochen gut gefallen, ihre direkte und bissige Art, ihre feine Beobachtungsgabe. Sie bringt die Absurditäten des Berufslebens immer treffend auf den Punkt:

„Wirf einen Haufen Leute unterschiedlicher Herkunft als Gruppe zusammen und lass sie ein paar Stunden täglich gemeinsam in einem geschlossenen Raum verbringen. Gib jedem von ihnen eine Rolle, die ihrer Ausbildung, Erfahrung und ihrem Alter entspricht. Organisiere ihre Beziehungen hierarchisch. Schließ die Tür und guck, was passiert. Das Stanford-Gefängnisexperiment ist ein Witz verglichen mit den Dynamiken in einem gewöhnlichen Großraumbüro. Gib einer Person in so einem Büro auch nur ein Quäntchen Macht über die anderen, und du wirst sehen, wie sie sich über Nacht in einen comicreifen Böse wicht verwandelt. Ihre Untergebenen werden zu Menschen, denen sie all ihre Frustration und Ängste überstülpt, denen sie das Doppelte dessen abverlangt, was sie selbst leistet, die sie schlecht behandelt, wenn es nicht gut läuft, die sie schlicht nicht mehr als ihresgleichen betrachten muss. Und jetzt gib einem der Untergebenen ein Milligrämmchen Macht über die restlichen. Mach es dir bequem und schau, was passiert.“

Was bei Meryems Weg von der Praktikantin zur Festanstellung zunächst amüsant wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als schonungslose Darstellung von Ausbeutung und unwürdigen Arbeitsbedingungen.

„Von den fünf Sätzen, die ich am meisten zu meinem Chef sage, ist »Ja, klar« der allerhäufigste. Kannst du am Donnerstag eine halbe Stunde früher kommen? Ja, klar. Kannst du heute eine Stunde länger bleiben? Ja, klar. Kannst du diese Dokumente mal auf Fehler durchsehen? Ja, klar. Kannst du zwei Wochen lang Arbeit für zwei erledigen, weil Yolanda im Urlaub ist? Ja, klar. Kann ich nachtreten, wenn du heulend am Boden liegst? Ja, klar.“

Als sie die Festanstellung endlich erreicht, stellt sie fest, dass der Aufstieg einen hohen Preis fordert. Für die Jobsicherheit hat sie ein Stück ihrer eigenen Identität und Seele aufgegeben.

„Ich habe jetzt bereits fünfhundertsiebenunddreißig verschiedene Erfahrungen in dieser Firma gemacht. Eine schlimmer als die andere.“

Ich war wirklich begeistert von der Klugheit und Tiefe dieses Romans. Vom ersten bis zum letzten Satz hat für mich einfach alles gepasst, daher vergebe ich 5 von 5 Sternen für diesen tollen Debütroman!

Vielen Dank an den ecco Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 29.05.2026

Die große Illusion vom Aufstieg durch eigene Leistung

Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher
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Das Sachbuch „Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher – Die Lüge von der Chancengleichheit“ von Ciani-Sophia Hoeder räumt auf mit dem Mythos, dass in Deutschland jeder durch harte Arbeit und maximale Leistung ...

Das Sachbuch „Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher – Die Lüge von der Chancengleichheit“ von Ciani-Sophia Hoeder räumt auf mit dem Mythos, dass in Deutschland jeder durch harte Arbeit und maximale Leistung reich werden, ja „vom Tellerwäscher zum Millionär“ aufsteigen kann.

"Wohlstand entsteht nicht durch Arbeit. Wohlstand entsteht durch Wohlstand.“
Die Autorin weiß, wovon sie schreibt, sie ist selbst in prekären Verhältnissen aufgewachsen. Damit schreibt sie nicht über eine oft ungehörte Klasse, sondern aus ihr heraus. Das verleiht ihren Worten eine besondere Glaubwürdigkeit und Nahbarkeit.

In ihrem Buch analysiert sie, wie stark Klassenzugehörigkeiten unseren Alltag prägen: Sei es bei Konsum und Vorlieben, Beruf und Bildung oder auch bei Beziehungen und Dating. Zudem verdeutlicht die Autorin, wie sich Klassenzugehörigkeit mit weiteren Diskriminierungsformen überschneidet.

„Klassismus verstärkt letztlich Sexismus. Wie feministisch ist es, wenn ich ein Manager:innengehalt verdiene, während meine Kinder in der Kita von einer Frau erzogen werden, die weniger verdient. Oder wenn in meinen eigenen vier Wänden eine Frau putzt, die eigentlich in Rente ist, aber unter Altersarmut leidet und deshalb weiterhin etwas dazuverdienen muss?“

Ein grundlegender Perspektivwechsel ist dringend nötig: Armut darf nicht länger individualisiert werden. Vielmehr müssen wir die strukturellen Ungerechtigkeiten und Machtverhältnisse an der Wurzel bekämpfen.

„Der Gedanke des Aufstiegs selbst wird nicht infrage gestellt. Er gilt als universeller Wunsch. Dabei sollte die Lösung eigentlich nicht sein, dass Einzelne aufsteigen können, sondern dass es allen gut geht. Dass es keine Armut gibt oder Menschen, die arbeiten und trotzdem nicht über die Runden kommen. In Wahrheit geht es gar nicht darum aufzusteigen. Sondern um Autonomie. Um ein Leben frei von Existenzängsten und Prekarität. Geld ist in einer kapitalistischen Gesellschaft die einzige Möglichkeit, um sich ein Stück Freiheit zu erkaufen. Ohne bleibt das Individuum fremdbestimmt. Bildung als kulturelles Kapital kann zu mehr Einkommen führen. Viele Untersuchungen zeigen, je höher die Bildung, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden. Wir wollen keine Yacht oder einen Ferrari. Wir wollen am Morgen ohne Existenzängste aufwachen.“

„Klassen sind ein Ist-Zustand. Eine Beschreibung, um zu verstehen, dass vermeintliche Chancengleichheit nicht jedem die gleichen Möglichkeiten bietet. Sondern dass viele andere Faktoren das Leben jedes Einzelnen beeinflussen.
Mein Großvater hatte ganz andere Startbedingungen als der Lidl Minus und kaufland-gründer Dieter schwarz. Eine Frau ist nicht einfach nur eine Frau. Sie kann eine alleinerziehende Mutter sein, mit Migrationserfahrungen, mit Behinderung. Ihre Chancen sehen ganz anders aus als die eines jungen Mannes mit Studienabschlüssen von diversen Elite-Unis, der aus einem überwohlständigen Zuhause kommt, ein über Generationen gepflegtes Netzwerk vorweist und den Laden seines Daddys übernimmt. Diese Dimensionen spielen eine Rolle. Die Beispiele zeigen, dass Deutschland nicht so sozial mobil ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Dass die Rollen eigentlich schon vorverteilt sind. Wir wissen, es gibt Klassen, aber gleichzeitig glauben wir, dass die Leistung über den Erfolg einer Person entscheidet. Diese beiden Gedanken widersprechen sich. Das macht unser Klassenunbewusstsein aus. Ein Eigentlich-Aber.“

Meiner Meinung nach ist „Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher“ ein wirklich vielschichtiges und wichtiges Buch, das zum Nachdenken anregt und auch dazu, die eigenen Privilegien zu hinterfragen. Es kann helfen, die Mechanismen von Klasse, Macht und Erbe wirklich zu verstehen.

„Wir denken, in einer kapitalistischen Welt liegt die Macht in den Händen derer, die das Geld haben. Das stimmt. Doch nur, solange wir daran glauben. Klasse ist eine Geschichte. Ein menschengemachtes System, das reale Konsequenzen hat. Es funktioniert, weil wir daran glauben. Aber der Knecht ist derjenige, der eigentlich den Wohlstand des Herrschers sichert und das System am Laufen hält. Ohne ihn ginge gar nichts. Ohne den Herrscher schon.“

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