Ein Leben für die Marionetten
HerzfadenNach einer Aufführung in der Augsburger Puppenkiste erkundet ein neugieriges Mädchen das Gebäude, öffnet eine geheime Tür und gelangt so auf den Dachboden, wo die Marionetten aufbewahrt werden. Dort geschieht ...
Nach einer Aufführung in der Augsburger Puppenkiste erkundet ein neugieriges Mädchen das Gebäude, öffnet eine geheime Tür und gelangt so auf den Dachboden, wo die Marionetten aufbewahrt werden. Dort geschieht Magisches. Das Mädchen schrumpft auf Größe der Puppen, diese werden lebendig und unterhalten sich mit ihr. Dann kommt auch noch eine altmodisch gekleidete Dame dazu, die sich als „Hatü“ vorstellt. Es ist Hannelore, die Tochter des Gründers des Puppentheaters und Schnitzerin der meisten Figuren. Sie erzählt von ihrer Familie, von den Anfängen des Theaters, von der Zerstörung im II. Weltkrieg, vom Wiederaufbau und vom endgültigen Erfolg bis hin zu den ersten Aufführungen im Fernsehen …
Thomas Hettche, geb. 1964 in Treis, Ldkr. Gießen, ist ein deutscher Schriftsteller und Essayist. Nach seinem Schulabschluss studierte er von 1984 bis 1991 Germanistik, Filmwissenschaft und Philosophie in Frankfurt/Main und war danach als Dozent, Lehrbeauftragter, künstlerischer Gast und Honorarprofessor an verschiedenen Universitäten. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er auch journalistisch tätig. Hettche hat zwei Töchter und lebt heute, nach längeren Aufenthalten in Venedig, Krakau, Rom und Los Angeles, als freier Schriftsteller in Berlin und im Vogelsberg.
Wer kennt sie nicht die legendär gewordenen Figuren, Urmel aus dem Eis, Jim Knopf, Kater Mikesch, Lukas der Lokomotivführer oder Kalle Wirsch – Figuren, die die Generation unserer Eltern und auch uns in unserer Kindheit erfreut und begeistert haben? In seinem Roman „Herzfaden“ (2020, Kiepenheuer & Witsch) bietet uns der Autor Thomas Hettche einen liebevollen Blick hinter die Kulissen der Augsburger Puppenkiste mit seinen hölzernen Marionetten und lässt gleichzeitig das Leben von Hannelore Marschall-Oehmichen, genannt „Hatü“, der Tochter des Gründers Walter Oehmichen, Revue passieren. Beide Handlungsstränge lassen sich auch sehr gut getrennt lesen, da sie in unterschiedlichen Farben gedruckt sind, die Geschichte der Familie Oehmichen in Blau und die märchenhaften Erlebnisse des Mädchens auf dem Dachboden in Rot. Beide Teile sind chronologisch aufgebaut und in dem beinahe magisch zu nennenden Schreibstil des Autors sehr gut lesbar. Hettche scheut sich auch nicht, auf Missstände im Dritten Reich, auf Judenverfolgung, traumatisierte Kriegsversehrte, Hunger und Elend in der Nachkriegszeit hinzuweisen, sodass eine lehrreiche, vielschichtige Geschichte von 1939 bis in die 60er-Jahre entstanden ist.
Fazit: Ein Buch, das ich jedem Fan der Augsburger Puppenkiste und seiner Marionetten wärmstens empfehlen möchte!