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Veröffentlicht am 18.09.2020

Anschaulich erzähltes Familienschicksal

Die zitternde Welt
1

Maria ist eine Frau die weiß, was sie will, ihrer Zeit weit voraus. Wir schreiben das Jahr 1896. Hochschwanger reist sie Wilhelm nach Anatolien hinterher, der als Ingenieur am Bau der Bagdadbahn ...

Maria ist eine Frau die weiß, was sie will, ihrer Zeit weit voraus. Wir schreiben das Jahr 1896. Hochschwanger reist sie Wilhelm nach Anatolien hinterher, der als Ingenieur am Bau der Bagdadbahn arbeitet. Die beiden leben lange ohne Trauschein, Maria schenkt vier Kindern das Leben, jedoch müssen sie sich von der kleinen Traudl bald verabschieden.

„Ein Buch über unsere Verletzlichkeit in Zeiten großer Umbrüche. Und über die Kräfte, die dabei in uns erwachen.“

Der Lebenshunger von Maria ist gut spürbar, sie ist in ihrer Wahlheimat tief verwurzelt. Den Zwängen der Zeit um die Jahrhundertwende kann sie nichts abgewinnen, sie ist Wilhelms Gegenpol, der mit Akkuratesse und Zuverlässigkeit Struktur bietet. Dieser Teil des Buches ist sehr kurzweilig, amüsant zuweilen. Gerne hätte ich so ab und an hier wohnen wollen. Eine Zugfahrt mit Maria und Wilhelm war für mich sowas wie ein spannender Reisebericht.

Die Leichtigkeit des Seins, welche ich empfunden habe, so lange sie in Anatolien waren, ging dann rasch verloren. Der drohende erste Weltkrieg bringt die Familie auseinander, sie alle müssen fliehen, sind sie doch Österreicher. Hans und Erich, die in der Türkei geboren sind, sich hier zuhause fühlen, sind im wehrpflichtigen Alter. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Auch dieser sehr viel ernstere Abschnitt ist gut zu lesen, die politischen Wirren treten immer mehr in den Vordergrund. Aus der einst so lebenslustigen Maria wird mehr und mehr eine verbitterte, verhärmte Frau. Da ist nicht mehr viel übrig von ihrer einstigen Verwegenheit. Sehr anschaulich und gut nachvollziehbar beschreibt Tanja Paar diese Jahre. Was so mutig begann mit dem Aufbruch nach Anatolien, endet so hoffnungslos. Gescheitert? Der Kampfgeist, der so unendlich vorhanden war – wo ist er hin?

Gerne habe ich diesen Roman gelesen und Anteil genommen am Schicksal der auseinanderdriftenden Familie. Ein lesenswertes, sehr interessantes Familienepos.

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Veröffentlicht am 10.06.2026

Eher japanischer Gesellschaftsroman denn Thriller

Tokyo
0

Der erstmals 1993 erschienene Thriller „TOKYO: Schwarzer Sommer“ ist Tokuro Nukuis Debüt. Neben den Krimielementen spielen die Gepflogenheiten der japanischen Gesellschaft eine tragende Rolle, auch ist ...

Der erstmals 1993 erschienene Thriller „TOKYO: Schwarzer Sommer“ ist Tokuro Nukuis Debüt. Neben den Krimielementen spielen die Gepflogenheiten der japanischen Gesellschaft eine tragende Rolle, auch ist eine Glaubensgemeinschaft sehr präsent.

Tokyo 1991. In einem Flussbett wird ein Mädchen tot aufgefunden, das noch im Kindergartenalter gewesen sein dürfte. Mehrere kleine Mädchen verschwinden spurlos, eine obskure Religionsgemeinschaft wirft Fragen auf, ein Vater sucht verzweifelt nach seinem Kind. Die beiden Kommissare Saeki und Okamoto ermitteln.

Sowohl der Klappentext als auch die Aufmachung von TOKYO locken ungemein, also mache ich mich kurzentschlossen ans Lesen. Und stelle alsbald ernüchternd fest, dass mich die ausschweifende Erzählweise und das sehr gründlich ausformulierte Miteinander ermüden. Trotzdem bleibe ich im Buch, wenngleich ich – entgegen meiner sonstigen Lesegewohnheiten – des Öfteren pausiere.

Jede Figur wird bis ins kleinste Detail eingeführt und auch danach gefühlt jede Regung, jeder Gedanke wiedergegeben. Sowohl die Kommissare als auch ihre Kollegen und deren Familien mitsamt ihren gerade anstehenden Problemen und ihren Dialogen lasse ich an mir vorbeiziehen. Selbiges geschieht mit den Sekten, deren Anwerbung und deren Mitgliedern. Gut, man erfährt schon so einiges über ihre geschickt aufgebauten Strukturen, ihren Hierarchien und ihren Finanzen. Auch das oben erwähnte japanische Lebensgefühl schimmert durch, was angesichts des Handlungsortes absolut passend ist.

Was mir aber zunehmend fehlt, ist der Fokus auf die Ermittlung, die eher nebenher so mitläuft und dem Buch viel an Spannung nimmt. Die zwei Handlungsstränge – Ermittlung und Sekte – wechseln sich ab, dabei bleibt vieles auf der Stecke, denn die Erzählung verliert sich großteils in Nebensächlichkeiten. Erst dem Ende zu wird es spannend. Urplötzlich tut sich was, wenngleich die Ereignisse sich nicht gerade überschlagen. Und dennoch zeichnet sich eine Figur ab, das Warum tritt hervor, die Akteure werden greifbarer.

TOKYO mag in Japan funktionieren, das kann ich nicht beurteilen. Ich jedoch habe nur bedingt das Gefühl, einen Krimi gelesen zu haben. Eher einen kriminalistisch untermalten japanischen Gesellschaftsroman.

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Veröffentlicht am 25.05.2026

Der tote Pastor

Akte Nordsee - Die letzte Predigt
6

Band vier um die Rechtsanwältin Fentje Jacobsen und Niklas John, den Journalisten, beginnt nach dem ziemlich heftigen Prolog damit, dass Niklas sie zu Alexander, seinem Vater, mitnimmt. Alexanders abfälliges ...

Band vier um die Rechtsanwältin Fentje Jacobsen und Niklas John, den Journalisten, beginnt nach dem ziemlich heftigen Prolog damit, dass Niklas sie zu Alexander, seinem Vater, mitnimmt. Alexanders abfälliges Verhalten lässt Fentje dann fluchtartig das Haus verlassen. Blöd nur, dass Niklas einer momentan obdachlosen alten Freundin sein Gästezimmer anbietet. Die Verwicklungen sind vorprogrammiert, aus Fentje und Niklas Zweisamkeit wird wohl nichts.

Die Pfarrgemeinde indes bereitet sich auf die Feierlichkeiten zur silbernen Konfirmation vor, dabei begegnen sich alte, zum Teil längst vergessene Schulfreunde wieder. Sie blicken zurück, stellen fest, dass damals auch der jetzige Pastor Tammo Gerdes schon damals, in einem Ferienlager, dabei war. Und nun wird er tot aufgefunden. Ertrunken soll er sein. Seine schon vorbereitete Predigt hat er nach einem ziemlich aufschlussreichen Gespräch kurzentschlossen umformuliert – hat dies zu seinem Tod beigetragen? War es doch kein Unfall? Die Polizei ermittelt. Als dann eine weitere Leiche gefunden wird, gerät Niklas in Verdacht.

Fentje und Niklas, die beiden Hauptakteure der Akte Nordsee-Reihe, sind mir aus den Vorgängerbänden wohlbekannt. Beide Charaktere sind treffend skizziert, auch zu den anderen Personen habe ich eine konkrete Vorstellung.

Der Focus liegt schon im Hier und Jetzt, daneben aber blicken wir zurück, erfahren von längst vergangenen Aktionen. Ob diese Nebenhandlungen für die Aufklärung der Todesumstände von Gerdes und der weiteren Toten wichtig sind? Viele Ungereimtheiten lassen in eine bestimmte Richtung denken und doch frage ich mich, ob – und wann ja – wie diese eingeflochtenen Geschichten dazu beitragen, Licht ins Dunkle zu bringen. Für meine Begriffe waren es zu viele irritierende Erzählstränge, die ich mit der eigentlichen Story nicht so recht in Einklang bringen kann.

Was es mit dieser letzten Predigt auf sich hat, wird letztendlich klar. Auch andere beim Lesen aufkeimende Fragen sind geklärt, die actionreiche Auflösung ist spannend, auch wenn sich die Story zuvor schon etwas zieht und so manch Aktion sehr konstruiert wirkt.

Kurz: Diesen vierten Band empfinde ich schwächer als die Vorgängerbände, es sind ganz einfach zu viele Geschichten dazwischen, die schon in die Irre führen, was wahrscheinlich so geplant ist, die aber dennoch eher als Fremdkörper fungieren. Davon abgesehen ist der Krimi gut zu lesen, wenngleich so manch Aktion dilettantisch anmutet.

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Für zwischendurch ganz nett

Amalfi Mortale. Kein Urlaub ohne Mord
1

„Ich werde ihn umbringen.“ Wenn das mal keine Aussage ist! Sie – das ist die Bestsellerautorin Eleanor Dash. Und auf ihn, Connor Smith, der in doppelter Ausführung um sie herumschwirrt, hat sie es abgesehen. ...

„Ich werde ihn umbringen.“ Wenn das mal keine Aussage ist! Sie – das ist die Bestsellerautorin Eleanor Dash. Und auf ihn, Connor Smith, der in doppelter Ausführung um sie herumschwirrt, hat sie es abgesehen. Doppelt, ja. Das sollte schon näher ausgeführt werden, denn Connor ist sehr lebendig, mit ihm verbindet Eleanor so einiges im wahren Leben und auch als Romanfigur ist er nicht mehr wegzudenken. Zumindest bis jetzt, denn sie will ihn killen. Ihr zehnter Band um Connor, ihren Romanhelden, sollte ihr letzter sein. Genug ist genug, wie sie findet. Ihre Pläne sehen eine neue Romanreihe vor, in dem für Connor kein Platz ist. Zunächst jedoch hat ihr Verlag eine Italienreise vorbereitet - von LA nach Rom, Pompeji, Capri bis hin zur Amalfiküste mit all ihren bezaubernden Orten.

Als Italien- und Krimifan hat mich hier alles angezogen, angefangen von dem einladenden Cover über den aussagekräftigen Titel bis hin zur Buchbeschreibung. Alles passt. Zumindest auf den ersten Blick. Denn kaum angefangen, war ich ernüchtert ob der nicht enden wollenden Fußnoten, die mehrfach auf gefühlt jeder Seite den Lesefluss stoppen. Dabei sind es eher Belanglosigkeiten ohne Mehrwert für die Story, weder witzig-spritzig noch vergnüglich. Diese Einwürfe, so sie denn aus Autorensicht sein müssen, wären direkt im Text besser aufgehoben. Man könnte schriftbildlich variieren, sodass diese Infos ein flüssiges Lesen gewährleisten. Gut, dem ist nicht so, also habe ich diese insgesamt 234 Randnotizen überflogen, quergelesen, ignoriert. Je nachdem, wie die Story an sich mich angesprochen hat. Im ersten Drittel des Buches denkt sie sich aus, wie sie ihn um die Ecke bringt, um ihre neue Heldin einzuführen, denn es sollte eine Polizistin sein, die idealerweise den Mord dann aufklärt. Ein durchaus hoffnungsvoller Gedanke, aber es kommt anders…

Meine Erwartungen waren zu hoch geschraubt, nicht nur wegen den zuvor beschriebenen Details. Auch habe ich es vermisst, von all den kurz angerissenen Reisezielen von Rom bis zur Amalfiküste, ein wenig mehr zu erfahren. Da ist schon Sylvie, die von der Agentur gebuchte Reiseleiterin, die ihren spärlichen Text herunterleiert – das wars dann aber auch schon. Die mitreisende Fangruppe, die BookFace Ladys, kommen zwischendurch zum Zuge, es geschieht ein Mord und dann noch einer, ein Banküberfall wird erwähnt, die Verwirrung ist groß, verdächtigt ist jeder, allen voran einer der Hauptakteure, die örtliche Polizei spielt ihre Rolle und – der Alkohol ist allgegenwärtig. Am Morgen, am Mittag, am Abend und zwischendurch. Es wird gebechert, was das Zeug hält. Dass dabei die Ermittlungen, die selbstredend die Autorin anführt, arg vernebelt daherkommen, ist klar, auch wenn es ihre Sinne so gar nicht klar sind.

Gut, ein Cosy Crime lebt auch von Überspitzungen, das schon. Und doch sollte es ein wenig mehr als das Stochern im Nebel sein, angereichert mit Mord und Mordversuchen und solch Situationen, die den Anschein einer Straftat vermitteln. Gar chaotisch geht es zu bei der ganzen Truppe um die Autorin, die dann zu guter Letzt dann doch den Durchblick hat. Die anfangs zähe Erzählweise hat sich gegen Ende dann schon gebessert. Ein Buch - für zwischendurch ganz nett, mehr aber auch nicht.

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Veröffentlicht am 14.04.2026

Trau keinem!

Die Psychopathin - Wer manipuliert dich wirklich?
1

Rose Klay hat mit DIE PSYCHOPATHIN den nunmehr vierten Band ihrer Thriller-Reihe „Wem vertraust du?“ vorgelegt. Ein Buch, das mich bis ziemlich dem Ende zu hat rätseln lassen, wer denn nun für all diese ...

Rose Klay hat mit DIE PSYCHOPATHIN den nunmehr vierten Band ihrer Thriller-Reihe „Wem vertraust du?“ vorgelegt. Ein Buch, das mich bis ziemlich dem Ende zu hat rätseln lassen, wer denn nun für all diese Schreckensszenarien verantwortlich ist und auch warum diese Person sich so manipulativ verhält…

…und auch, wenn der Prolog einiges vorwegzunehmen scheint, so ist der Schluss dann doch anders, als zunächst vermutet.

Drei Monate zuvor sind die ersten Anzeichen einer sich in Karolins Leben drängenden Person sichtbar. Mehr noch – da will jemand Zeichen setzen. Mit einem Kaninchen, das wortwörtlich gegen die Terrassentür fliegt, um dann tot liegenzubleiben, ihre Reifen werden mehrmals manipuliert, auch ansonsten ist ihr Auto Angriffsziel, sie bekommt Droh-Mails – die Liste solch furchteinflößender Vorkommnisse wird länger. Ist da ein Konkurrent am Werk? Die Frage drängt sich unweigerlich auf, da Karolin beste Chancen hat, die Leitung der Firma, in der sie seit zwanzig Jahren gute Arbeit leistet, zu übernehmen.

„Du glaubst, du merkst, wenn dich jemand manipuliert? - Denk noch einmal nach.“ Dem kann ich zustimmen, denn trotzdem der Prolog in eine bestimmte Richtung weist, hilft dies dennoch nicht weiter, auch wenn sich spätestens ab der Hälfte des Buches eine Person herauskristallisiert und auch, wenn ich immer wieder über sie stolpere, so machen sich gefühlt alle hier Agierenden in Abstufungen verdächtig. Dieses Hin- und Her an Verdächtigen ist gut gemacht und zieht sich durch bis zum (bitteren?) Ende.

Was mir so gar nicht zusagt, sind diese unausgegorenen, nicht sehr realistischen Alleingänge der Hauptfigur, auch ist so manch Szene sehr weit hergeholt und auch die Charaktere, allen voran Karolin, sind mir suspekt. Da ist etwa ihre Schwester Jette, die in ihrer eigenen, in ihrer esoterischen Welt lebt, die ihre Tochter, die 13jährige Ronja, gerne bei Karolin ablädt. Diese Familienkonstellation ist für mich so gar nicht stimmig. Nicht etwa deswegen, weil für Ronja weder ihre Mutter noch ihre Tante Zeit haben, nein. Sollte hier eine zweite Nebenhandlung hineingepresst werden? Mit den mysteriösen Vorfällen bringe ich sie nicht in Einklang, auch Karolins sonstiges Umfeld und ihr Umgang mit ihrem von seiner Frau getrennt lebenden Freund mutet eher unbedarft an.

Das Buch liest sich flüssig, das schon. Auch und vor allem drängt es mich dazu, dem Prolog nachzuspüren, denn hier scheint sich ein Unheil anzubahnen, das allem Anschein nach tödlich enden wird. Die Story dazwischen jedoch hat mir so manch Kopfschütteln abverlangt. Die paradoxen Handlungsweisen sind für meine Begriffe zu konstruiert. Kurzum - DIE PSYCHOPATHIN hat mich ganz gut unterhalten und mich dank des Prologs sofort ins Buch gezogen, wenngleich sie viele Unstimmigkeiten aufweist.

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