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Veröffentlicht am 19.06.2026

Mehr als eine Frage des Geldes

Das können wir uns nicht leisten
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„Ich war vier Jahre alt, als ich das erste Mal spürte, dass wir arm sind.“ (S. 9)
Dieser Satz steht früh in „Das können wir uns nicht leisten“ von Miriam Davoudvandi und hat sich bei mir sofort im Gedächtnis ...

„Ich war vier Jahre alt, als ich das erste Mal spürte, dass wir arm sind.“ (S. 9)
Dieser Satz steht früh in „Das können wir uns nicht leisten“ von Miriam Davoudvandi und hat sich bei mir sofort im Gedächtnis festgesetzt. Weil es sich um einen scheinbar unbedachten Kindheitsmoment handelt, der rückblickend klar macht: Hier, bereits im Alter von vier Jahren, beginnt das Bewusstsein für soziale Unterschiede (wenn auch zunächst nur als diffuses Gefühl).

Davoudvandi erzählt in ihrem Buch über Klassismus in Deutschland und entscheidet sich bewusst dafür, nicht über Zahlen oder abstrakte Modelle zu schreiben, sondern konsequent aus einer biografischen Perspektive. Genau das macht den Text meiner Meinung nach so zugänglich und gleichzeitig so eindringlich. Armut wird nicht theoretisch erklärt, sondern erfahrbar gemacht als etwas, das sich nicht nur in finanziellen Einschränkungen zeigt, sondern gravierende Auswirkungen auf alle (!) Lebensbereiche hat.

Meine Meinung

Im Zentrum des Buches steht die Frage, wie tief soziale Herkunft in Lebensrealitäten eingeschrieben ist. Davoudvandi beschreibt, wie Armut Räume definiert und begrenzt: die Wohnung, in der Besuch unangenehm wird, die Schule, die vermeintlich Chancengleichheit verspricht, aber implizite Voraussetzungen mitbringt, oder Freizeitaktivitäten, die schlicht nicht finanzierbar sind. Es sind diese alltäglichen Situationen, die sichtbar machen, wie früh Ausschluss beginnt und wie selbstverständlich er oft hingenommen wird.

Armut ist mehr als eine ökonomische Kategorie! Sie ist ein soziales und emotionales Erleben, in dem Scham ein wiederkehrendes Motiv der gesamten Erzählung ist. Sie betrifft nicht nur materielle Einschränkungen, sondern prägt Beziehungen, Selbstbild und die Art, wie man sich in der Welt bewegt. Diese Dimension von Klassismus wird selten so konsequent aus der Innenperspektive beschrieben.

Die Autorin verbindet ihre persönliche Geschichte meiner Meinung nach sehr geschickt mit einer klaren gesellschaftlichen Analyse. Und der Ton ist nicht „klassisch“ sachbuchartig, sondern sehr nahbar. Das Buch bleibt nicht bei der individuellen Ebene stehen, sondern öffnet den Blick auf strukturelle Fragen: Wie entstehen soziale Unterschiede? Und warum werden sie so oft individualisiert statt systemisch betrachtet? Auch der Aspekt des sozialen Aufstiegs wird differenziert behandelt. Denn die klassische Geschichte vom „sozialen Aufstieg“ ist eine Lüge, weil Herkunft eben nicht einfach so verschwinden kann. Selbst wenn sich materielle Bedingungen verändern, bleiben Erfahrungen, Muster und Gefühle bestehen. Aufstieg ist damit immer ein ambivalenter Zustand zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Fazit

„Das können wir uns nicht leisten“ ist ein sehr persönliches, zugleich politisches Buch, das einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über Klassismus in Deutschland leistet. Es verschiebt den Fokus weg von individuellen Zuschreibungen hin zu strukturellen Bedingungen und macht deutlich, wie wenig sichtbar viele Formen von Armut im Alltag sind, obwohl sie diesen massiv prägen. Für mich ist es ein Jahreshighlight und von mir gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Vielen Dank an den btb Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 31.05.2026

Ein Weckruf für den Literaturbetrieb

Literarisch solidarisch
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Mit "Literarisch Solidarisch", herausgegeben von Hatice Açıkgöz und erschienen im Verbrecher Verlag, ist eine Anthologie gelungen, die weit mehr ist als eine Sammlung literarischer Texte. Die Beiträge ...

Mit "Literarisch Solidarisch", herausgegeben von Hatice Açıkgöz und erschienen im Verbrecher Verlag, ist eine Anthologie gelungen, die weit mehr ist als eine Sammlung literarischer Texte. Die Beiträge der 18 Autor:innen werfen einen kritischen Blick auf den deutschsprachigen Literaturbetrieb und machen sichtbar, welche strukturellen Ausschlüsse, Machtverhältnisse und Ungleichheiten bis heute prägen, wer gehört, gelesen und gefördert wird.

Worum geht's genau?

Benannt nach dem gleichnamigen Podcast versammelt das Buch Essays, Lyrik, Theatertexte und utopische Entwürfe. Trotz der unterschiedlichen Formen entsteht ein bemerkenswert geschlossenes Gesamtbild. Die Texte ergänzen sich und eröffnen neue Perspektiven auf ein System, das oft als offen und progressiv wahrgenommen wird, tatsächlich aber vielen Menschen den Zugang erschwert.

Meine Meinung

Sehr angesprochen hat mich, dass die Sammlung konsequent auf strukturelle Zusammenhänge blickt. Die Autor:innen beschreiben Diskriminierung, Ausschlüsse und Benachteiligungen nicht als individuelle Einzelfälle, sondern als Teil eines größeren Systems. So schreibt jemand über das Schreiben zwischen Erwerbsarbeit und Care-Arbeit, während ein:e andere die ökonomischen Voraussetzungen literarischer Sichtbarkeit analysiert. Immer wieder wird deutlich, wie eng kulturelle Teilhabe mit finanziellen Ressourcen, Herkunft und gesellschaftlicher Position verknüpft ist.

Die Vielfalt der Perspektiven gehört zu den größten Stärken des Buches. Queere, trans, jüdische, rassifizierte und behinderte Autor:innen berichten von ihren Erfahrungen im Literaturbetrieb und zeigen zugleich, wie unterschiedlich Ausschlussmechanismen funktionieren können.

Gleichzeitig bleibt die Anthologie nicht bei der Kritik stehen. Viele Beiträge beschäftigen sich mit Solidarität als konkreter Praxis und fragen, wie ein gerechterer Literaturbetrieb aussehen könnte. Dadurch entsteht trotz aller beschriebenen Missstände kein resignativer Ton. Im Gegenteil: Das Buch eröffnet Räume für Veränderung und macht deutlich, dass Literatur immer auch von den Menschen geprägt wird, die sie lesen, besprechen und weiterempfehlen.

Dadurch finde ich, dass sich die Anthologie auch an Leser:innen richtet, die selbst nicht im Literaturbetrieb tätig sind. Viele der beschriebenen Mechanismen lassen sich auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen. Das Buch regt dazu an, die eigene Position zu hinterfragen und darüber nachzudenken, welche Stimmen wir sichtbar machen und welche möglicherweise übersehen werden.

Fazit

"Literarisch Solidarisch" ist eine vielschichtige, differenzierte und äußerst relevante Anthologie. Die Texte verbinden persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlicher Analyse und schaffen es, Kritik mit konkreten Visionen für Veränderung zu verbinden. Ein Buch, das informiert, herausfordert und mir noch lange in Erinnerung bleibt. Kein Buch nur für Menschen aus der Literaturbranche, sondern für alle, die sich für Fragen von Teilhabe, Repräsentation und Solidarität interessieren. Von mir gibt es eine uneingeschränkte Empfehlung. Vielen Dank an der Verbrecher Verlag, für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 11.05.2026

Zwischen Paris, Begehren und dem Leben, das man nicht loswird

Fast ein Leben
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Kiran Millwood Hargrave erzählt in "Fast ein Leben" (Übersetzung: Gabriele Werbeck & Andrea Stumpf, erschienen am 11.5.2026 bei Kein & Aber) über vier Jahrzehnte die Geschichte von Erica und Laure, deren ...

Kiran Millwood Hargrave erzählt in "Fast ein Leben" (Übersetzung: Gabriele Werbeck & Andrea Stumpf, erschienen am 11.5.2026 bei Kein & Aber) über vier Jahrzehnte die Geschichte von Erica und Laure, deren Leben sich zwischen Paris, Literatur, Beziehungen und Selbstsuche immer wieder kreuzen. Der Fokus des Romans liegt stark auf der emotionalen Innenwelt, Körperlichkeit und Erinnerung. Es geht um eine queere Beziehung, die nie ganz Vergangenheit wird und um die Frage, wie viel Leben man gleichzeitig leben kann, ohne sich selbst zu verlieren.

Meine Meinung
Dieses Buch hat mich wirklich kalt erwischt und etwas in mir ausgelöst, das ich so nicht erwartet habe. Es ist kein leichter Roman, sondern einer, der sich in Gedanken, Körper und Erinnerung festsetzt. (Queeres) Begehren und emotionale Abhängigkeiten werden schonungslos und sehr bildhaft erzählt, ohne jemals romantisiert zu werden.

Die Protagonistinnen Laure und Erica sind dabei keine „einfachen“ Figuren. Sie lieben, verletzen, kontrollieren und verlieren sich immer wieder ineinander und in sich selbst. Besonders wichtig fand ich, dass Queerness hier nicht als reine Identitätsfrage erzählt wird, sondern als etwas Fluides, das sich durch Zeit, Angst und gesellschaftliche Erwartungen ständig verschiebt.

Der Roman stellt große Gefühle neben alltägliche, fast beiläufige Momente. Liebe, Freundschaft, Verlust – alles liegt hier dicht nebeneinander, ohne klar voneinander getrennt zu sein. Genau so fühlt sich Leben an. Besonders die Freundschaften zwischen den Figuren, dieses fragile Gleichgewicht aus Nähe, Loyalität und leisen Brüchen, haben mich sehr berührt. Und immer wieder schwingt der historische Kontext mit – die Auseinandersetzung mit Krankheit, Verlust und der AIDS-Krise als emotionale und gesellschaftliche Hintergrundfolie.

Gleichzeitig zeigt der Roman, wie stark Begehren und Macht miteinander verwoben sind. In den dargestellten Beziehungen wird Liebe nie nur als etwas Schönes erzählt, sondern auch als etwas, das verletzen, kontrollieren und verunsichern kann. Sehr eindrücklich sind die Momente, in denen weibliche Körper permanent beobachtet, bewertet oder beansprucht werden und Nähe und Kontrolle kaum mehr voneinander zu trennen sind.

Und genau darin liegt für mich die Wucht des Romans: dass Liebe nie nur Liebe ist. Dass sie sich vermischt mit Angst, Erinnerung, Identität und der Frage, wer man eigentlich ist, wenn man den Blick der anderen einmal abzieht. Besonders dieser Gedanke hat sich festgesetzt: „Ich liebe sie. Aber ich vermisse mich selbst.“ (S. 290). Das ist vielleicht der ehrlichste Satz des ganzen Buches.

Der Roman bleibt dabei bewusst unbequem. Er zeigt toxische Dynamiken, ohne sie zu glätten, und lässt Figuren Entscheidungen treffen, die weh tun – ihnen selbst und einem als Leser:in auch. Ich habe am Ende wirklich Rotz und Wasser geheult, weil es so traurig und gleichzeitig so schön erzählt ist. Und genau das macht das Buch so stark.

Fazit
"Fast ein Leben" ist ein intensiver, anspruchsvoller Roman über Liebe, Begehren und die Frage, ob man mehrere Leben gleichzeitig führen kann – oder daran zerbricht. Für alle, die queere Literatur, komplexe Figuren und emotionale Tiefe mögen, ist dieses Buch ein Volltreffer. Für mich ganz klar ein Jahreshighlight. Vielen Dank an den Kein & Aber Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Laut sein gegen das Leisemachen

Feindbild Frau
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Mit „Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können“ legt Ingrid Brodnig im Brandstätter Verlag ein Buch vor, das ich nur schwer ...

Mit „Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können“ legt Ingrid Brodnig im Brandstätter Verlag ein Buch vor, das ich nur schwer aus der Hand legen konnte. Als Journalistin und Digitalexpertin beschäftigt sie sich seit Jahren mit Desinformation, Hass im Netz und den Machtmechanismen sozialer Plattformen.

Meine Meinung

In ihrem neuesten Buch analysiert Brodnig, wie digitale Gewalt funktioniert, warum sie Frauen in der Politik besonders trifft und welche demokratischen Folgen das hat. Sie spricht mit Betroffenen aus Deutschland und Österreich, seziert Mechanismen von Plattformlogiken, rechten Netzwerken und Empörungsökonomien. Sie bleibt dabei aber nicht bei der Diagnose stehen, sondern entwickelt konkrete Strategien der Gegenwehr.

Was das Buch für mich so stark und nahbar macht, ist, dass es die unsichtbaren Konsequenzen für Betroffene von „Hass im Netz“ sichtbar macht. „Digitale Gewalt besteht nicht nur darin, dass mir jemand physisch etwas antun könnte“ (S. 25). Sie wirkt subtiler: durch ständige Angst, Schlaflosigkeit, durch den aktiven Rückzug aus dem Digitalen zum eigenen Schutz und dem der Familie (= „Chilling-Effekt“, S. 32).

Brodnig zeigt auch, wie Sprache Hierarchien stabilisiert. Wenn Politikerinnen systematisch Kompetenz abgesprochen oder sie auf ihre Intimsphäre reduziert werden, ist das kein „rauer Ton“, sondern Machtausübung. „Beleidigungen sind wirkungsvoll, weil sie uns Menschen signalisieren, welchen Stellenwert wir in der Gesellschaft haben“ (S. 39).

Analytisch überzeugt das Buch durch klare Struktur und nachvollziehbare Argumentation. Die Kapitel zu Plattformalgorithmen und „Reinforcement Learning“ (S. 42) haben für mich viel erklärt, etwa warum moralische Empörung so belohnt wird. Gleichzeitig bleibt Brodnig zugänglich, nie akademisch abgehoben. Ihre vielen Tipps – von rechtssicheren Screenshots über Buddy-Systeme bis hin zu strategischem Blockieren – machen das Buch praktisch nutzbar.

Kritisch anmerken möchte ich zwei kleinere Punkte: Die Beschränkung auf Deutschland und Österreich wirkt etwas willkürlich; eine Einbettung in den gesamten DACHLI-Raum hätte ich spannend gefunden, auch wenn das möglicherweise eine komplexere rechtliche Recherche nach sich gezogen hätte. Und ich schätze den Einsatz von Grafiken sehr, musste aber feststellen, dass die Grafik zur Viralitätswahrnehmung (S. 87) leider zu wenig erklärt wurde. Begriffe wie p-Wert oder Cohen’s d sind für Menschen (wie mich), die sich nicht tagtäglich mit akademischen Schriften auseinandersetzen, schwer greifbar. Auch die halbe Seite Erklärung zur Grafik im Fließtext war für mich wenig aufschlussreich.

Gestalterisch hingegen: großartig. Farbgebung, Layout, Kapitelhinweise auf jeder Seite – man merkt, wie sorgfältig hier gearbeitet wurde. Einzig die sehr feste Bindung machte das Lesen stellenweise leider sehr mühsam und erforderte eine enorme Kraftanstrengung.

Fazit

„Feindbild Frau“ ist ein analytisches, aber trotzdem sehr niederschwelliges, dringliches Buch über digitale Gewalt, Misogynie, Plattformmacht und demokratische Resilienz. Ich empfehle es allen (ja, nicht nur Frauen und auch nicht nur Politikerinnen), die verstehen wollen, warum Online-Hass kein Randphänomen ist und was wir konkret dagegen tun können. Danke an den Brandstätter Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Reproduktive Gerechtigkeit = Menschenrecht

Mein Körper – wessen Entscheidung?
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Mit "Mein Körper – wessen Entscheidung?" legt Sibel Schick im S. Fischer Verlag ein politisches Sachbuch vor. Ausgangspunkt ist ihre eigene Erfahrung mit einem Schwangerschaftsabbruch, doch der Text bleibt ...

Mit "Mein Körper – wessen Entscheidung?" legt Sibel Schick im S. Fischer Verlag ein politisches Sachbuch vor. Ausgangspunkt ist ihre eigene Erfahrung mit einem Schwangerschaftsabbruch, doch der Text bleibt nicht autobiografisch stehen, sondern entwickelt daraus eine systematische Analyse reproduktiver Machtverhältnisse.

Meine Meinung

„Es ist der Paragraph 218 des deutschen Strafgesetzbuchs, der mich fast getötet hat“ (S. 40).
Damit ist eigentlich schon klar, worin eines der vielen Problem im Kontext reproduktiver Gerechtigkeit liegt. Das Zitat ist dabei programmatisch. Es verschiebt die Perspektive weg von individueller Moral hin zu struktureller Gewalt. Schwangerschaftsabbrüche sind nicht "nur" private Tragödien, sondern vor allem eine staatlich regulierte Praxis mit realen gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Folgen für betroffene Frauen.

Zentral für das Buch ist wie der Untertitel des Buches schon vorweg nimmt das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit, das 1994 von Schwarzen Feministinnen in Chicago geprägt wurde. Schick übernimmt diesen Ansatz konsequent: Es geht nicht nur um das Recht auf Abbruch, sondern ebenso um das Recht, Kinder zu bekommen und sie unter würdigen Bedingungen großzuziehen. Damit erweitert sie die deutsche Debatte, die häufig beim „Pro Choice vs. Pro Life“-Schema stehen bleibt.

Die Autorin analysiert die gegenwärtige Verknüpfung von Reproduktionspolitik mit Kapitalismus, Rassismus und Migrationspolitik und Ableismus. Sie argumentiert, dass Gebärfähigkeit politisch verwaltet wird: durch restriktive Abtreibungsgesetze, durch ökonomische Zwänge, durch selektive Förderung bestimmter Familienmodelle.

„Um eine wirklich freie Entscheidung treffen zu können, müssen Bedingungen vorherrschen, die ein Leben mit Menschenwürde ermöglichen“ (S. 75).
Entscheidungsfreiheit ohne soziale Absicherung ist eine Illusion. Wer kein Geld hat, keine sichere Wohnung, keinen Aufenthaltsstatus oder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, hat faktisch keine Wahl. Freiheit wird damit als soziale Kategorie definiert, nicht als bloß juristische.

Theoretisch bezieht sich Schick unter anderem auf Michel Foucault und biopolitische Ansätze, ohne ins Akademische abzurutschen. Der Stil bleibt zugänglich, teils essayistisch, teils argumentativ zugespitzt. Der Text ist ganz klar normativ. Er will nicht vermitteln, sondern argumentieren. Und ganz ehrlich? Genau in dieser Haltung liegt für mich die Stärke des Buches. Weil es falsche Ausgewogenheit verweigert und stattdessen die zugrunde liegenden Machtstrukturen benennt. Das Buch zwingt dazu, die eigene Position mitzudenken: Wo profitiere ich von Strukturen? Wo blende ich soziale Dimensionen aus, wenn ich von „Wahlfreiheit“ spreche?

Dass dieses Buch ausgerechnet jetzt erscheint, könnte politisch kaum treffender sein: Am 26.02.2026 wurde mit der Europäischen Bürgerinitiative „My Voice, My Choice“ Geschichte geschrieben. Über 1,12 Millionen Unterschriften haben dazu geführt, dass das Europäische Parlament einen freiwilligen, EU-finanzierten Solidaritätsmechanismus für Menschen ohne Zugang zu sicheren und legalen Schwangerschaftsabbrüchen unterstützt. Für Frauen in der EU bedeutet das konkret: Die strukturelle Realität, dass in manchen Mitgliedstaaten lebensnotwendige Abbrüche verweigert werden, Ärzt:innen sich auf Gewissensvorbehalte berufen oder Frauen für Abtreibungen kriminalisiert werden, wird erstmals auf europäischer Ebene als gemeinsames politisches Problem anerkannt. Noch ist nichts umgesetzt, die Kommission muss entscheiden, wie sie weiter verfährt, aber die Botschaft ist klar: Reproduktive Selbstbestimmung ist keine rein nationale Privatangelegenheit mehr, sondern eine europäische Grundrechtsfrage.

Und genau an diesem Punkt setzt Schicks Buch an. Es zwingt dazu, die eigene Position mitzudenken: Wo profitiere ich von liberaleren Strukturen? Wo blende ich soziale und geografische Ungleichheiten aus, wenn ich von „Wahlfreiheit“ spreche?

Fazit

"Mein Körper – wessen Entscheidung?" ist ein analytisch fundiertes, politisch positioniertes Sachbuch, das reproduktive Rechte konsequent als Gerechtigkeitsfrage denkt. Für wen eignet sich das Buch? Ausnahmslos alle, da das Buch Reproduktionspolitik intersektional im Kontext von Macht, Kapital und Diskriminierung betrachtet und somit uns alle angeht. Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

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