Profilbild von Alrik

Alrik

Lesejury Star
online

Alrik ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Alrik über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.06.2026

Wenn eine Straße mehr weiß als ihre Bewohner

Die Straße
0

Manchmal reicht eine Straße, um ein ganzes Leben aufzuklappen. Robert Seethaler macht genau das und stellt keine große Bühne auf, sondern lässt einfach Türen aufgehen, Fenster kippen und Menschen vorbeilaufen, ...

Manchmal reicht eine Straße, um ein ganzes Leben aufzuklappen. Robert Seethaler macht genau das und stellt keine große Bühne auf, sondern lässt einfach Türen aufgehen, Fenster kippen und Menschen vorbeilaufen, bei denen man denkt: Moment mal, den kenne ich doch irgendwie.

Die Straße ist kein Roman, der einen am Kragen packt und durch die Seiten schleift. Eher einer, der sich neben einen setzt, Kaffee trinkt und plötzlich einen Satz sagt, der hängen bleibt. Da ist Wut, Sehnsucht, Einsamkeit, Liebe, Hoffnung und dieses ganz normale Durcheinander, das wir Alltag nennen. Klingt unspektakulär, ist aber oft genau da am ehrlichsten.

Besonders stark fand ich, wie Seethaler diese vielen Figuren nicht groß erklärt, sondern kurz aufleuchten lässt. Manche bleiben länger, andere sind fast schon wieder weg, bevor man sie richtig greifen kann. Das kann wunderschön sein, manchmal aber auch ein bisschen frustrierend. Da sitzt man dann da und denkt: Mensch Robert, jetzt bleib doch mal bei der Person, das wurde gerade spannend.

Sprachlich ist das natürlich fein gemacht. Leise, klar, ohne viel Krawall. Kein literarisches Feuerwerk mit Trommelwirbel, eher eine Straßenlaterne im Nebel. Und ja, das muss man mögen. Mir war es stellenweise etwas zu fragmentarisch, aber gleichzeitig hat mich diese ruhige Art erwischt.

Die Straße ist für mich ein stilles, kluges Buch über Menschen, die nebeneinander leben und sich doch oft kaum wirklich sehen. Kein Roman für nebenbei zwischen Tür und Angel, sondern einer für ruhige Abende, an denen man selbst ein bisschen nachdenklich aus dem Fenster schaut.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.06.2026

Mafia ist mehr als nur ein Gangsterfilm

Mafia
0

Mafia klingt erstmal nach dunklen Hinterzimmern, Zigarrenrauch, teuren Anzügen und irgendeinem Typen, der mit ruhiger Stimme sagt, dass er dir ein Angebot macht, das du nicht ablehnen kannst. Ryan Gingeras ...

Mafia klingt erstmal nach dunklen Hinterzimmern, Zigarrenrauch, teuren Anzügen und irgendeinem Typen, der mit ruhiger Stimme sagt, dass er dir ein Angebot macht, das du nicht ablehnen kannst. Ryan Gingeras zieht einem diesen Film aber ziemlich schnell aus dem Kopf und legt stattdessen ein weltweites Netz auf den Tisch, bei dem man zwischendurch denkt: Na super, schlafen wird heute auch wieder schwierig.

Dieses Buch ist kein reißerischer Gangstertrip, sondern ein historisch sauber aufgebauter Blick auf organisierte Kriminalität. La Cosa Nostra, Kartelle, Yakuza, russische Wory, politische Verbindungen, Geldwäsche, Gewalt, Macht und diese unfassbar dreiste Nähe zu Wirtschaft und Staat. Das liest sich stellenweise erschreckend aktuell, weil man merkt, dass Mafia eben nicht nur ein altes Schwarzweißfoto mit Al Capone ist, sondern ein System, das sich ständig neu verkleidet.

Besonders stark fand ich den globalen Blick. Gingeras zeigt, wie unterschiedlich diese Strukturen entstanden sind und wie ähnlich sie am Ende doch funktionieren. Kontrolle, Angst, Geld, Einfluss. Ganz ehrlich, manchmal sitzt man da und denkt: Das ist kein True Crime mehr, das ist Weltpolitik mit schmutzigen Händen.

Nicht alles zündet gleich stark. Bei manchen Gruppen hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht, mehr Fleisch am Knochen, mehr dieses unangenehme Gefühl, wirklich mitten drin zu stecken. Durch den riesigen Umfang wirkt einiges eher wie ein großer Überblick als wie eine knallharte Detailanalyse. Trotzdem bleibt das Buch wichtig, klug und stellenweise richtig packend.

Für alle, die Mafia nicht nur als Filmstoff sehen wollen, sondern verstehen möchten, warum organisierte Kriminalität bis heute so gefährlich mächtig ist, lohnt sich dieses Buch definitiv. Kein leichter Snack, eher ein kräftiger schwarzer Kaffee mit bitterem Nachgeschmack.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.06.2026

Ein Sommer voller Chaos, Herz und Neuanfang

Sommer ohne Plan
0

Mitten zwischen Waldluft, Dorfgemurmel und einem Leben, das plötzlich viel zu laut geworden ist, hat mich Cassis Geschichte auf eine ganz eigene Art abgeholt.

Cassi ist keine Heldin, die alles im Griff ...

Mitten zwischen Waldluft, Dorfgemurmel und einem Leben, das plötzlich viel zu laut geworden ist, hat mich Cassis Geschichte auf eine ganz eigene Art abgeholt.

Cassi ist keine Heldin, die alles im Griff hat, sondern eine Frau, die erst einmal komplett aus der Spur kippt. Gerade das mochte ich sehr, weil dieser Roman nicht nur sonnig und leicht daherkommt, sondern unter dem Humor auch eine leise Erschöpfung trägt. Ihr spontaner Kauf einer Waldhütte wirkt erst verrückt, dann befreiend und irgendwann fast wie ein kleiner Traum, den man heimlich selbst gern hätte.

Besonders schön fand ich die schrullige Dorfgemeinschaft. Da wird geklopft, geredet, falsch verstanden und plötzlich steht Cassi mitten in einem Chaos, das sie eigentlich nie bestellt hat. Manche Szenen sind herrlich absurd, andere überraschend zart. Dieses Missverständnis rund um die angebliche Selbsthilfe-Guru Rolle bringt viel Witz hinein, manchmal war es mir aber auch ein kleines bisschen zu ausgedehnt.

Trotzdem bleibt am Ende ein warmes Gefühl zurück. Sommer ohne Plan ist für mich ein Roman über Loslassen, Stolpern, Neuanfangen und darüber, dass man manchmal erst dann bei sich ankommt, wenn kein Plan mehr funktioniert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.06.2026

Wenn Freundschaft wehtut und trotzdem hält

Weird Girls
0

Mitten in Belfast hängt diese WG wie ein altes Foto an der Wand, leicht vergilbt, voller Lachen, Chaos und kleinen Rissen, die man erst sieht, wenn das Licht genau darauf fällt.

Ich mochte an Weird Girls ...

Mitten in Belfast hängt diese WG wie ein altes Foto an der Wand, leicht vergilbt, voller Lachen, Chaos und kleinen Rissen, die man erst sieht, wenn das Licht genau darauf fällt.

Ich mochte an Weird Girls besonders, wie roh und ungeschönt Freundschaft hier erzählt wird. Maggie, Harley und Róise sind keine perfekten Frauen, keine glatten Heldinnen, sondern verletzte, laute, widersprüchliche Menschen, die versuchen, nach dem Verlust von Lydia irgendwie weiterzumachen. Diese Trauer sitzt zwischen ihnen wie eine vierte Mitbewohnerin am Küchentisch, manchmal still, manchmal viel zu laut.

Der Roman hat diese bittersüße Mischung aus wilden Zwanzigern, alten Wunden, falschen Entscheidungen und dem verzweifelten Wunsch, nicht allein unterzugehen. Besonders schön fand ich, dass Freundschaft hier nicht romantisiert wird. Sie ist anstrengend, chaotisch, manchmal ungerecht, aber eben auch dieser eine Ort, an dem man trotzdem wieder anklopft.

Nicht jede Szene hat mich gleich stark gepackt, manches fühlte sich etwas kreisend an, als würde die Geschichte selbst nicht genau wissen, wohin mit all dem Schmerz. Trotzdem bleibt viel hängen. Vor allem dieses Gefühl, dass Erwachsenwerden manchmal bedeutet, sich gegenseitig neu kennenzulernen.

Ein ehrlicher, emotionaler Roman über Verlust, Zusammenhalt und Freundinnen, die einander auch dann noch sehen, wenn alles andere verschwimmt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.05.2026

Wenn Väter plötzlich Weltgeschichte schreiben

Männer, Väter, Patriarchen. Eine Geschichte von Liebe und Macht
0

Vaterschaft klingt erstmal nach Windeln, Verantwortung und diesem besonderen Blick, wenn ein Kind einen komplett entwaffnet. Dieses Buch geht aber deutlich tiefer. Hier wird nicht nur gefragt, was ein ...

Vaterschaft klingt erstmal nach Windeln, Verantwortung und diesem besonderen Blick, wenn ein Kind einen komplett entwaffnet. Dieses Buch geht aber deutlich tiefer. Hier wird nicht nur gefragt, was ein Vater ist, sondern auch, warum Männer über Jahrhunderte so verdammt oft mit Macht, Kontrolle und gesellschaftlicher Ordnung verbunden wurden.

Augustine Sedgewick nimmt einen mit auf eine ziemlich große Reise. Aristoteles, Augustinus, Heinrich VIII., Darwin, Freud, da sitzt plötzlich eine ganze Runde berühmter Männer am Tisch und man denkt sich zwischendurch: Meine Güte, ihr habt aber auch alle euer Päckchen getragen. Und teilweise anderen gleich noch eins mit aufgedrückt.

Besonders stark fand ich, dass das Buch Vaterschaft nicht romantisch weichzeichnet. Es zeigt Liebe, Fürsorge und Nähe, aber eben auch Besitzdenken, Hierarchie und diesen alten patriarchalen Kram, der bis heute nachwirkt. Man liest das und nickt manchmal, dann schnaubt man kurz, dann denkt man wieder an den eigenen Vater, an sich selbst oder an Männerbilder, die man irgendwo übernommen hat.

Ganz ehrlich: Immer ganz leicht ist das nicht. Manche Passagen sind sehr dicht, manche Porträts wirken eher wie ausführliche Ausflüge als wie ein direkter roter Faden. Aber langweilig wurde es mir nicht. Dafür ist das Thema zu spannend und der Blick darauf zu scharf.

Für mich ein kluges, wichtiges und stellenweise richtig unbequemes Sachbuch. Kein Buch zum Wegatmen, eher eins zum Nachdenken, Markieren und zwischendurch mal kurz aus dem Fenster starren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere