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Veröffentlicht am 29.10.2016

Leben und Sterben im rechtsfreien Raum

Gebete für die Vermissten
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In Jennifer Clements Roman “Gebete für die Verstorbenen“ berichtet die 14jährige Ich-Erzählerin Ladydi Garcia Martinez aus ihrem Leben in einem Dorf auf einem Berg in der Provinz Guerrero, ...

In Jennifer Clements Roman “Gebete für die Verstorbenen“ berichtet die 14jährige Ich-Erzählerin Ladydi Garcia Martinez aus ihrem Leben in einem Dorf auf einem Berg in der Provinz Guerrero, die als die gefährlichste in Mexiko gilt. In diesem Dorf leben nur Frauen, denn die Männer sind entweder auf der Suche nach Arbeit in die USA gegangen oder längst tot. In diesem Dorf werden nur Jungen geboren. Auch Ladydis Mutter Rita nennt ihre Tochter “Junge“ , kleidet sie als Junge und lässt sie bewusst hässlich aussehen, damit sie nicht von den Drogenbossen und ihren Helfern geraubt wird. Die Frauen haben in ihren Gärten sogar Erdlöcher gegraben, in denen sich die Mädchen verstecken, wenn sie die schwarzen Limousinen der Drogenbarone den Berg hinauffahren hören. Ladydis beste Freundin Paula, das schönste Mädchen der Gegend, entgeht ihrem Schicksal nicht. Sie wird entführt, und als sie wider Erwarten nach einem Jahr zurückkommt, ist sie physisch und psychisch für immer gezeichnet. Für Ladydi scheint sich eine Zukunftsperspektive zu eröffnen, als sie einen Job als Hausmädchen in Acapulco angeboten bekommt. Ihr Cousin bringt sie in das Haus der abwesenden reichen Familie, lässt sie jedoch unterwegs im Auto warten, um noch etwas zu erledigen. Wie sich später zeigt, hat er in einem Haus mehrere Morde begangen. Da er Ladydi als Entlastungszeugin nennt und bei ihr ein Päckchen mit Drogen versteckt, wird sie in diese üble Geschichte hineingezogen und kommt ins Frauengefängnis in Mexico City.
Jennifer Clement zeigt, dass ein Menschenleben, vor allem ein Frauenleben, nicht viel zählt in Mexiko. Schöne Mädchen leben hier gefährlich. Sie werden entführt, missbraucht, weitergereicht, an Bordelle verkauft und sind letztlich eine lohnendere Ware als Drogen, die man nur einmal verkaufen kann. Niemand interessiert sich für das Schicksal von Hunderttausenden, die für immer verschwinden oder irgendwann verstümmelt und ermordet wieder auftauchen wie vor zwei Jahrzehnten im berüchtigten Ciudad Juarez. Korruption reicht in die höchsten Ränge von Polizei und Regierung. Die Kartelle haben das Sagen im Land.
Die Autorin hat den größten Teil ihres Lebens in Mexiko gelebt. Sie hat über zehn Jahre lang recherchiert und Hunderte von Frauen interviewt. Ihr enormes Faktenwissen präsentiert sie als Fiktion – alles andere wäre zu gefährlich gewesen für die Betroffenen und für sie selbst. Entstanden ist ein gut lesbarer berührender Roman, in dem es nicht nur immer wieder Beispiele für die alltägliche Gewalt, sondern auch für den Mut, die Widerstandskraft und Solidarität der Frauen gibt sowie heitere Episoden und Humor. Mir gefällt die lakonische, teilweise aber auch ausgesprochen poetische Sprache. Man kann nur hoffen, dass sich der Wunsch der Autorin erfüllt, die fest daran glaubt, dass Literatur die Welt verändern kann. Ein außergewöhnliches Buch.

Veröffentlicht am 28.10.2016

Wer eine solche Freundin hat, braucht keine Feinde

Nach einer wahren Geschichte
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In ihrem neuen Roman “Nach einer wahren Geschichte“ (Originaltitel: “D´après une histoire vraie“) beschreibt Delphine de Vigan eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft. Ich-Erzählerin Delphine hat eine ...

In ihrem neuen Roman “Nach einer wahren Geschichte“ (Originaltitel: “D´après une histoire vraie“) beschreibt Delphine de Vigan eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft. Ich-Erzählerin Delphine hat eine Signierstunde für ihr letztes überaus erfolgreiches Buch hinter sich, als sie bei einer privaten Party L. kennenlernt. L. ist ebenfalls Autorin, schreibt als Ghostwriterin Biografien bekannter Persönlichkeiten. Die beiden Frauen sind sich sofort sympathisch. Sie kommen sich schnell näher, und L. dringt zunehmend in das Leben der Autorin ein, die unter einer so extremen Schreibblockade leidet, dass sie schließlich nicht einmal mehr einen Stift halten oder vor dem Computer sitzen kann L. macht sich unentbehrlich, erledigt die gesamte berufliche und private Korrespondenz und lebt schließlich mit Delphine zusammen, die kaum noch Kontakt zur Außenwelt hat. Im Haus von Delphines Freund Francois in der Provinz eskalieren die Dinge. Delphine ist sich inzwischen bewusst, dass L. komplett die Macht über ihr Leben hat und entwickelt starke Ängste.
In zahlreichen Gesprächen diskutieren die Freundinnen über Literatur. L. drängt Delphine immer wieder, keine erfundene, sondern eine wahre Geschichte zu schreiben, weil die Leser nach ihrem autobiografischen Roman über ihre Familie angeblich nur Wahrheit von ihr erwarten. Sie soll den in ihr verborgenen Roman schreiben, dabei ihr Innerstes nach außen kehren. Wie ein roter Faden ziehen sich die Gespräche über Wahrheit und Fiktion durch das Buch, und die Protagonistin wird dabei zum Sprachrohr der Autorin. Auch der Leser fragt sich zunehmend, wie wahr diese Geschichte tatsächlich ist. Die Position der realen und der fiktiven Delphine ist dabei folgende: eine exakte Trennung von Wahrheit und Fiktion ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Eine auf einer realen Begebenheit beruhende Geschichte wird von einem Autor erzählt, der Material auswählt, zusammenfasst, ausschmückt, interpretiert. Das Ergebnis ist eine Fiktion. Aber auch eine sogenannte reine Fiktion enthält Anteile von Wahrheit, denn der Autor lässt seine eigene Persönlichkeit, das von ihm Erlebte und Erfahrene einfließen.
Delphine de Vigan hat einen spannenden Psychothriller geschrieben, der einen regelrechten Sog entwickelt. Das funktioniert auf der Handlungsebene- welche Gefahr geht von der namenlosen L. (=“Elle“, eine Doppeldeutigkeit, die im Deutschen verloren geht) für Delphine aus? – und in Bezug auf die zentrale Thematik. Besonders raffiniert ist die Einbeziehung nachprüfbarer Fakten aus Delphine de Vigans Leben: ihre Beziehung zu Literaturkritiker Francois, ihre Familiengeschichte einschließlich des Suizids der Mutter, ihre veröffentlichten Romane usw. Hieraus könnte der Leser schließen, dass all dies der Autorin tatsächlich widerfahren ist, aber ist es das wirklich?
Ich bin schon länger ein Fan von Delphine de Vigan und finde auch den neuen Roman ganz hervorragend. Er ist ein fesselndes Verwirrspiel von außerordentlicher sprachlicher Qualität.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Freunde fürs Leben

Und damit fing es an
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In Rose Tremains neuem Roman steht die Freundschaft zwischen zwei Jungen im Mittelpunkt. Gustav wächst bei seiner verwitweten Mutter Emilie im fiktiven Matzlingen im Schweizer Mittelland auf und ist ...

In Rose Tremains neuem Roman steht die Freundschaft zwischen zwei Jungen im Mittelpunkt. Gustav wächst bei seiner verwitweten Mutter Emilie im fiktiven Matzlingen im Schweizer Mittelland auf und ist im Jahr 1947 fünf Jahre alt. Eines Tages kommt ein neuer Junge in seine Vorschulklasse. Der kleine Anton ist untröstlich. Gustav kümmert sich vom ersten Augenblick an um ihn und wacht ein Leben lang über ihn. Beide verbindet trotz der unterschiedlichen Lebensumstände eine tiefe Freundschaft. Während Gustav in bitterer Armut aufwächst, ist Anton das einzige Kind einer kultivierten jüdischen Bankiersfamilie. Anton ist ein musikalisches Wunderkind. Alle sagen ihm eine große Karriere als Konzertpianist voraus, aber so wird es nicht kommen, weil Anton versagt, wenn er vor Publikum auf einer großen Bühne spielen muss.
Rose Tremain erzählt die Geschichte der beiden Jungen und ihrer Familien in drei Abschnitten. Sie beginnt 1947 mit der Nachkriegszeit, geht dann ins Jahr 1937 zurück, als Emilie sich beim Schwingfest in den gutaussehenden Erich Perle verliebt und ihn heiratet und berichtet im dritten Abschnitt ab 1992 über Gustav und Anton in ihren mittleren Lebensjahren. Gustav hat jahrelang erfolgreich ein Hotel geführt, aber privates Glück bleibt ihm versagt. Ein Leben lang hat er vergeblich um die Liebe seiner Mutter gekämpft und versucht, nach den Grundsätzen der verbitterten Frau zu leben. Sie hat seinen früh verstorbenen Vater als Held bezeichnet, ihm aber dennoch nie verziehen, dass er die Existenz der Familie dadurch zerstört hat, dass er Juden rettete, was ihn den Job bei der Polizei kostete. Erst spät im Leben erfährt Gustav die Geheimnisse seiner Eltern und kommt nach längerer Trennung wieder mit Anton zusammen, der nach einem Zusammenbruch die Erkenntnis formuliert:. “Wir müssen die Menschen werden, die wir schon immer hätten sein sollen.“ (‚S. 327)
Die Autorin beschreibt in ihrem sehr schönen Roman, der so ganz anders ist als alle anderen, die ich von ihr kenne, jedoch nicht nur private Schicksale, sondern bezieht den historischen Kontext sehr gelungen mit ein, vor allem die Position der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, die Angst vor “Überjudung“ und vor einer deutschen Invasion. Sie zeigt, dass die vielgerühmte Neutralität auch als Feigheit gedeutet werden kann und ethisch nicht vertretbar ist, wenn dadurch Tausende jüdischer Flüchtlinge in den sicheren Tod geschickt werden. Erich Perle hat sich moralisch vorbildlich verhalten, auch wenn er dafür einen hohen Preis zahlen musste. Ein zweites wichtiges Thema ist der Umgang der Schweizer Banken mit jüdischem Vermögen, was – wie wir heute wissen - zu einem bleibenden Imageschaden geführt hat.
Mir hat der Roman außerordentlich gut gefallen, und ich empfehle ihn ohne Einschränkung. Allerdings ist der deutsche Titel wie so oft ein völliger Fehlgriff. Der Originaltitel “The Gustav Sonata“ verweist nicht nur auf die Musik als durchgängiges wichtiges Thema, sondern stellt auch einen Bezug zur Struktur her, der im nichtssagenden deutschen Titel "Und damit fing es an" völlig verloren geht. Der Roman ist komponiert wie ein Musikstück mit drei Sätzen, wobei im mittleren Teil die “Tonart“ gewechselt wird, denn hier erzählt die Autorin die Geschichte der frühen Jahre konsequent im Präsens.

Veröffentlicht am 28.06.2026

Die Zeit wird für jeden kommen

Deine Zeit wird kommen
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Vallgrens mit dem schwedischen Krimipreis ausgezeichneter Roman spielt im Jahr 1993 im ländlichen Falkenberg. Ein junger Mann namens Ove findet die Leiche eines jungen Mädchens in einem Bach in einem Waldgebiet. ...

Vallgrens mit dem schwedischen Krimipreis ausgezeichneter Roman spielt im Jahr 1993 im ländlichen Falkenberg. Ein junger Mann namens Ove findet die Leiche eines jungen Mädchens in einem Bach in einem Waldgebiet. Das lange nicht zu identifizierende Opfer ist kahlgeschoren, stark unternährt und weist Spuren von Fesselungen auf. Kommissar Björling, sein Mitarbeiter Hakansson und seine Kollegin Johanna aus Stockholm brauchen lange, um die Identität des Mädchens zu klären. Dann verschwindet Björlings 17jährige Tochter Malin spurlos. Sie war alles, was Björling nach dem Tod seiner geliebten Frau Maria ein Jahr zuvor noch blieb. Nun muss er befürchten, dass auch sie ein Opfer des unbekannten Mörders wurde. Auch seine Kollegin ist durch ihr Leben mit einer alkoholabhängigen Mutter und eine Gewalterfahrung in der Jugend noch immer traumatisiert und hat Schuldgefühle, weil sie ihre jüngere Schwester Ellinor nicht wirksam beschützen konnte. Die Polizei folgt verschiedenen Spuren – lange ohne Ergebnis.
Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt, u.a. der Sicht des Opfers. Auf diese Weise erfährt der Leser mehr und früher, was dem Mädchen widerfährt, vor allem, dass sie noch lebt, als alle sie längst für tot halten. Das nimmt dem Thriller meiner Meinung nach etwas von der Spannung, macht aber auch das Leiden des Opfers stärker nachvollziehbar. Björlings Verlusterfahrungen führen zu seinem völligen Zusammenbruch und äußern sich auch darin, dass er immer wieder halluziniert und scheinbar Selbstgespräche führt, wenn er glaubt, seine verstorbene Frau vor sich zu sehen. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema Trauer und Verlust ist in meinen Augen jedoch kein Nachteil, sondern der detaillierten Darstellung von exzessiver Gewalt allemal vorzuziehen. Vallgrens Roman hat die Auszeichnung meiner Ansicht nach auf jeden Fall verdient.

Veröffentlicht am 27.06.2026

Wie gut kennt man den eigenen Ehemann?

Mein Mann, der Mörder
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Maggie Moloney, einst Linda O´Connor, war die Ehefrau des Serienmörders Edward, der seit 27 Jahren im Gefängnis sitzt. Er hat neun Morde gestanden. Nun hat er Krebs im Endstadium und will weitere Taten ...

Maggie Moloney, einst Linda O´Connor, war die Ehefrau des Serienmörders Edward, der seit 27 Jahren im Gefängnis sitzt. Er hat neun Morde gestanden. Nun hat er Krebs im Endstadium und will weitere Taten gestehen, aber nur seiner Ex-Frau, die ihn in all den Jahren nicht mehr gesehen hat. Die Polizei hat ein großes Interesse an der Aufklärung der ungelösten Fälle und überredet Maggie, mit ihrem Ex zu sprechen. Die Polizei will vor allem etwas über das Schicksal der jungen Lucy erfahren, die niemals gefunden wurde. Maggie will sich zunächst weigern, weil sie die letzten Jahrzehnte versucht hat, ein normales Leben zu führen. Sie ist mehrmals umgezogen und hat ihren Namen gewechselt, damit die Medien sie nicht wieder aufspüren. Keiner hat ihr damals geglaubt, dass sie als Ehefrau nichts von den Verbrechen ihres Mannes mitbekommen hat. Außerdem will sie nach wie vor ihre beiden Söhne schützen.
In den Gesprächen geht es vor allem um die gemeinsame Vergangenheit, um ihre Reisen und ihre Söhne. Doch dann spricht Edward auch über Orte, an denen er Morde begangen hat, und das Ganze steuert auf eine belastende Enthüllung zu.
Ich fand den Roman spannend, obwohl außer den Treffen im Gefängnis nicht allzu viel passiert und habe ihn sehr schnell gelesen. Kein typischer Thriller, aber durchaus empfehlenswert.