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Veröffentlicht am 28.10.2016

Wer eine solche Freundin hat, braucht keine Feinde

Nach einer wahren Geschichte
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In ihrem neuen Roman “Nach einer wahren Geschichte“ (Originaltitel: “D´après une histoire vraie“) beschreibt Delphine de Vigan eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft. Ich-Erzählerin Delphine hat eine ...

In ihrem neuen Roman “Nach einer wahren Geschichte“ (Originaltitel: “D´après une histoire vraie“) beschreibt Delphine de Vigan eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft. Ich-Erzählerin Delphine hat eine Signierstunde für ihr letztes überaus erfolgreiches Buch hinter sich, als sie bei einer privaten Party L. kennenlernt. L. ist ebenfalls Autorin, schreibt als Ghostwriterin Biografien bekannter Persönlichkeiten. Die beiden Frauen sind sich sofort sympathisch. Sie kommen sich schnell näher, und L. dringt zunehmend in das Leben der Autorin ein, die unter einer so extremen Schreibblockade leidet, dass sie schließlich nicht einmal mehr einen Stift halten oder vor dem Computer sitzen kann L. macht sich unentbehrlich, erledigt die gesamte berufliche und private Korrespondenz und lebt schließlich mit Delphine zusammen, die kaum noch Kontakt zur Außenwelt hat. Im Haus von Delphines Freund Francois in der Provinz eskalieren die Dinge. Delphine ist sich inzwischen bewusst, dass L. komplett die Macht über ihr Leben hat und entwickelt starke Ängste.
In zahlreichen Gesprächen diskutieren die Freundinnen über Literatur. L. drängt Delphine immer wieder, keine erfundene, sondern eine wahre Geschichte zu schreiben, weil die Leser nach ihrem autobiografischen Roman über ihre Familie angeblich nur Wahrheit von ihr erwarten. Sie soll den in ihr verborgenen Roman schreiben, dabei ihr Innerstes nach außen kehren. Wie ein roter Faden ziehen sich die Gespräche über Wahrheit und Fiktion durch das Buch, und die Protagonistin wird dabei zum Sprachrohr der Autorin. Auch der Leser fragt sich zunehmend, wie wahr diese Geschichte tatsächlich ist. Die Position der realen und der fiktiven Delphine ist dabei folgende: eine exakte Trennung von Wahrheit und Fiktion ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Eine auf einer realen Begebenheit beruhende Geschichte wird von einem Autor erzählt, der Material auswählt, zusammenfasst, ausschmückt, interpretiert. Das Ergebnis ist eine Fiktion. Aber auch eine sogenannte reine Fiktion enthält Anteile von Wahrheit, denn der Autor lässt seine eigene Persönlichkeit, das von ihm Erlebte und Erfahrene einfließen.
Delphine de Vigan hat einen spannenden Psychothriller geschrieben, der einen regelrechten Sog entwickelt. Das funktioniert auf der Handlungsebene- welche Gefahr geht von der namenlosen L. (=“Elle“, eine Doppeldeutigkeit, die im Deutschen verloren geht) für Delphine aus? – und in Bezug auf die zentrale Thematik. Besonders raffiniert ist die Einbeziehung nachprüfbarer Fakten aus Delphine de Vigans Leben: ihre Beziehung zu Literaturkritiker Francois, ihre Familiengeschichte einschließlich des Suizids der Mutter, ihre veröffentlichten Romane usw. Hieraus könnte der Leser schließen, dass all dies der Autorin tatsächlich widerfahren ist, aber ist es das wirklich?
Ich bin schon länger ein Fan von Delphine de Vigan und finde auch den neuen Roman ganz hervorragend. Er ist ein fesselndes Verwirrspiel von außerordentlicher sprachlicher Qualität.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Freunde fürs Leben

Und damit fing es an
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In Rose Tremains neuem Roman steht die Freundschaft zwischen zwei Jungen im Mittelpunkt. Gustav wächst bei seiner verwitweten Mutter Emilie im fiktiven Matzlingen im Schweizer Mittelland auf und ist ...

In Rose Tremains neuem Roman steht die Freundschaft zwischen zwei Jungen im Mittelpunkt. Gustav wächst bei seiner verwitweten Mutter Emilie im fiktiven Matzlingen im Schweizer Mittelland auf und ist im Jahr 1947 fünf Jahre alt. Eines Tages kommt ein neuer Junge in seine Vorschulklasse. Der kleine Anton ist untröstlich. Gustav kümmert sich vom ersten Augenblick an um ihn und wacht ein Leben lang über ihn. Beide verbindet trotz der unterschiedlichen Lebensumstände eine tiefe Freundschaft. Während Gustav in bitterer Armut aufwächst, ist Anton das einzige Kind einer kultivierten jüdischen Bankiersfamilie. Anton ist ein musikalisches Wunderkind. Alle sagen ihm eine große Karriere als Konzertpianist voraus, aber so wird es nicht kommen, weil Anton versagt, wenn er vor Publikum auf einer großen Bühne spielen muss.
Rose Tremain erzählt die Geschichte der beiden Jungen und ihrer Familien in drei Abschnitten. Sie beginnt 1947 mit der Nachkriegszeit, geht dann ins Jahr 1937 zurück, als Emilie sich beim Schwingfest in den gutaussehenden Erich Perle verliebt und ihn heiratet und berichtet im dritten Abschnitt ab 1992 über Gustav und Anton in ihren mittleren Lebensjahren. Gustav hat jahrelang erfolgreich ein Hotel geführt, aber privates Glück bleibt ihm versagt. Ein Leben lang hat er vergeblich um die Liebe seiner Mutter gekämpft und versucht, nach den Grundsätzen der verbitterten Frau zu leben. Sie hat seinen früh verstorbenen Vater als Held bezeichnet, ihm aber dennoch nie verziehen, dass er die Existenz der Familie dadurch zerstört hat, dass er Juden rettete, was ihn den Job bei der Polizei kostete. Erst spät im Leben erfährt Gustav die Geheimnisse seiner Eltern und kommt nach längerer Trennung wieder mit Anton zusammen, der nach einem Zusammenbruch die Erkenntnis formuliert:. “Wir müssen die Menschen werden, die wir schon immer hätten sein sollen.“ (‚S. 327)
Die Autorin beschreibt in ihrem sehr schönen Roman, der so ganz anders ist als alle anderen, die ich von ihr kenne, jedoch nicht nur private Schicksale, sondern bezieht den historischen Kontext sehr gelungen mit ein, vor allem die Position der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, die Angst vor “Überjudung“ und vor einer deutschen Invasion. Sie zeigt, dass die vielgerühmte Neutralität auch als Feigheit gedeutet werden kann und ethisch nicht vertretbar ist, wenn dadurch Tausende jüdischer Flüchtlinge in den sicheren Tod geschickt werden. Erich Perle hat sich moralisch vorbildlich verhalten, auch wenn er dafür einen hohen Preis zahlen musste. Ein zweites wichtiges Thema ist der Umgang der Schweizer Banken mit jüdischem Vermögen, was – wie wir heute wissen - zu einem bleibenden Imageschaden geführt hat.
Mir hat der Roman außerordentlich gut gefallen, und ich empfehle ihn ohne Einschränkung. Allerdings ist der deutsche Titel wie so oft ein völliger Fehlgriff. Der Originaltitel “The Gustav Sonata“ verweist nicht nur auf die Musik als durchgängiges wichtiges Thema, sondern stellt auch einen Bezug zur Struktur her, der im nichtssagenden deutschen Titel "Und damit fing es an" völlig verloren geht. Der Roman ist komponiert wie ein Musikstück mit drei Sätzen, wobei im mittleren Teil die “Tonart“ gewechselt wird, denn hier erzählt die Autorin die Geschichte der frühen Jahre konsequent im Präsens.

Veröffentlicht am 07.05.2026

Wer bin ich, und wer darf ich sein?

John of John
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Nach einem vierjährigen Kunststudium in Edinburgh kehrt der 22jährige John Calum MacLeod genannt Cal auf Bitten seines Vaters nach Hause zurück, um sich um seine Großmutter Ella zu kümmern. Zu Hause bedeutet ...

Nach einem vierjährigen Kunststudium in Edinburgh kehrt der 22jährige John Calum MacLeod genannt Cal auf Bitten seines Vaters nach Hause zurück, um sich um seine Großmutter Ella zu kümmern. Zu Hause bedeutet für ihn Lewis, eine Insel der Äußeren Hebriden. Cal hat enorme Schulden angehäuft und keine Zukunftsperspektive außer so zu leben wie sein Vater und Generationen vor ihm: mit schwerster Arbeit als Tweed-Weber und Schafzüchter, immer am Rande des Existenzminimums. Cal muss weiter sein Geheimnis vor seinem Vater John und der ganzen Gemeinde wahren, wo jeder alles über die anderen wissen will. John spielt eine wichtige Rolle in der strenggläubigen calvinistischen Gemeinde, wo es üblich ist, einen jungen Mann wie Cal wegen eines angeblichen Fehlverhaltens öffentlich zu stoßen und zu schlagen. Auch sein Vater verliert öfter die Kontrolle und traktiert ihn mit schmerzhaften Fausthieben. Cal hatte vor seinem Weggang einen Geliebten, den jungen Doll Macdonald, der aber nichts mehr von ihm wissen will. Darauf freundet er sich mit Innes MacInnes an, dem besten Freund seines Vaters, der unverheiratet geblieben ist und sich um seinen alten gebrechlichen Vater kümmert. Jeder hat hier ein Geheimnis, wie Cal im Laufe der Geschichte herausfindet. Er erfährt, warum seine Mutter Grace einst seinen Vater und ihn verließ und mit ihrem Schwager eine neue Familie gründete. Er hat sich so nach seiner Heimat gesehnt, aber kann er hier überhaupt leben, ohne sich selbst zu verleugnen und zu verbiegen, nur um die Wärme der vertrauten Gemeinschaft nicht zu verlieren? Wird er in einer solchen Enge ein selbstbestimmtes Leben führen können?
Mir hat dieser atmosphärisch dichte Coming-of-Age-Roman trotz deutlicher Längen gefallen. An äußerer Handlung passiert nicht viel, aber man begleitet Cal gern auf seinem schweren Weg. Den Booker Prize wird der Autor für diesen Roman nicht bekommen, aber eine Leseempfehlung spreche ich trotzdem aus.

Veröffentlicht am 07.05.2026

Wer wäre Nadim Suri ohne die Frauen?

Das Mosaik der Frauen
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Said Mardini, ein junger Literaturstudent, flieht aus Damaskus, nachdem er sich durch eine kritische Rede gegen die Diktatur in Lebensgefahr gebracht hat. Er bekommt ein Visum in Deutschland und eine Zulassung ...

Said Mardini, ein junger Literaturstudent, flieht aus Damaskus, nachdem er sich durch eine kritische Rede gegen die Diktatur in Lebensgefahr gebracht hat. Er bekommt ein Visum in Deutschland und eine Zulassung an der Universität Heidelberg. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er zunächst mit zahlreichen Jobs. Später arbeitet er aufgrund seiner vielfältigen Sprachkenntnisse als Simultandolmetscher und wird sehr gut dafür bezahlt. Außerdem schreibt er Romane. Eines Tages bittet ihn ein befreundeter deutscher Arzt um Hilfe. Nadim Suri, ein schwerkranker Patient mit syrischen Wurzeln, der nicht mehr lange zu leben hat, möchte ihm seine Lebensgeschichte erzählen. In der Folge besucht Said den alten Mann an zehn Tagen und hört die Geschichte seines Lebens. Es ist vor allem die Geschichte seiner Beziehungen zu Frauen. Immer wieder verliebt er sich, erlebt großes Glück, aber auch Enttäuschung, Verlust und Trauer. Die Frauen in seinem Leben haben ihn geprägt. Jede von ihnen hat etwas in ihm hinterlassen, das zu einem Mosaiksteinchen als Teil seiner Persönlichkeit wird. Alle zusammen machen das fertige Bild dessen aus, der er am Ende seines Lebens ist.
Neben den Geschichten über die Frauen seines Lebens erzählt Nadim jedoch auch witzige Episoden und Ereignisse, die er von anderen gehört hat. Ein wichtiger Teil dieses Romans ist das Thema Flucht und Vertreibung, die grausame Herrschaft der Diktatoren mit Tausenden von Toten, z.B. in Syrien und dem Irak, wo ein falsches Wort zu Folter und Tod führen kann. Es geht jedoch auch um das Leben der Immigranten in Deutschland, die Reaktion der Deutschen auf die Zuwanderer und ein Plädoyer für mitmenschliches Verhalten. Mir hat Rafik Schamis meisterhaft erzählter Roman im Roman sehr gut gefallen und ich empfehle ihn gern weiter.

Veröffentlicht am 07.05.2026

Reiche leben gefährlich

Das Gesetz der Elite
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Der ehemalige Fußballstar Jesús Martinez wird tot in seiner Kryosauna gefunden. Colomba Caselli, ehemalige Vizepolizeidirektorin, die inzwischen als Privatdetektivin für den Geheimdienst arbeitet, wird ...

Der ehemalige Fußballstar Jesús Martinez wird tot in seiner Kryosauna gefunden. Colomba Caselli, ehemalige Vizepolizeidirektorin, die inzwischen als Privatdetektivin für den Geheimdienst arbeitet, wird mit den Ermittlungen beauftragt. Als Partner steht ihr Dante Torre zur Seite, der aufgrund seiner traumatischen Kindheitserlebnisse ein besonderes Gespür entwickelt hat und Indizien sieht, die sonst keiner bemerkt. Schon bald schließen die Ermittler einen Unfall aufgrund eines technischen Defekts aus. Martinez gehörte als Geschäftsmann zu den Superreichen, und die ganz spezielle Sauna war von seinem Unternehmen hergestellt worden. Bald kommen weitere Tote in der Gegenwart und Vergangenheit hinzu, und eine Gruppe fordert im Netz “Tötet die Reichen“. Einige der Toten kannten sich als Jugendliche. Colomba und Dante suchen deshalb nach einem Täter, dessen Motiv weit in die Vergangenheit zurückreicht.
In diesem spannenden Thriller werden nicht nur Kriminalfälle gelöst, sondern es kommen auch andere Themen zur Sprache: Macht, soziale Ungleichheit und der Kampf für Gerechtigkeit zum einen, aber auch Kinderarbeit zur billigen Produktion von Waren und die Idee, Tote nicht zu begraben oder einzuäschern, sondern einzufrieren für ein Leben in der Zukunft oder um sie zu klonen. Die Welt der Superreichen ist dem normalen Leser fremd, aber die behandelten Themen sind von aktueller Bedeutung und gehen uns alle an.
Ich kenne die Vorgänger nicht, aber der Thriller war für mich trotzdem gut verständlich. Er hat mir gut gefallen und wird nicht mein letztes Buch von Dazieri bleiben.