Profilbild von Nell_liest

Nell_liest

Lesejury Profi
offline

Nell_liest ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nell_liest über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.07.2026

Geschwisterliebe

Eigentlich wollte ich das nicht schreiben
0

Nola verarbeitet den Tod ihrer Schwester Darina mit einem Memoire. Ihre Familie war und ist wenig begeistert, dass sie die persönlichsten Familienerinnerungen nach außen trägt, gaben aber ihr Einverständnis. ...

Nola verarbeitet den Tod ihrer Schwester Darina mit einem Memoire. Ihre Familie war und ist wenig begeistert, dass sie die persönlichsten Familienerinnerungen nach außen trägt, gaben aber ihr Einverständnis. Nun, fünf Jahre nach Darinas Tod, steht der Verkauf der Filmrechte an, was durch eine anonyme Beschwerde an den Verlag torpediert wird. Als die Eltern zu einem Gedenkwochenende einladen, will Nola erst nicht teilnehmen, so groß ist die Distanz in ihrer Familie geworden, aber wo kann sie besser herausfinden, wer da gegen sie interveniert.
„Eigentlich wollte ich das nicht schreiben“ von Freya Bromley in wenigen Worten zusammenzufassen, ist unmöglich, denn der Roman handelt von so vielen Themen gleichzeitig, wobei keines der Wichtigen ins Hintertreffen gerät. Da ist die Trauer um den Verlust einer Schwester; schwierige Familiendynamiken, die durch Geheimnisse und starke Persönlichkeiten befeuert werden; Geschwisterliebe und romantische Liebe und wodurch diese beeinflusst wird und zu guter Letzte schenkt uns Freya Bromley einen ungeschönten Einblick ins Schaffen einer Schriftstellerin. Mich hat der Roman absolut abgeholt und begeistert. Ich prophezeie, dass ich ihn ein weiteres Mal lesen werde und bin mir sicher, dass ich noch weitere Nuancen und Feinheiten entdecken werde.
Nicht nur die Charaktere sind toll gezeichnet, haben alle ihre Eigenheiten, die nie in Klischees rutschen und Fleisch auf den Knochen, was sie wunderbar realistisch werden lässt, auch die Dynamik in der Familie ist nachvollziehbar und spannend gestaltet. Zusätzlich hat die Sprache mich beeindruckt. Freya Bromley setzt eindrückliche und passende Metaphern, gezielt und nicht geizig. Da hat sich für mich genau das richtige Maß gefunden. Ich konnte in die Geschichte eintauchen wie schon lange nicht mehr und das bei Thematiken, die nicht leicht zu verdauen sind.
„Eigentlich wollte ich das nicht schreiben“ ist ein besonderer Roman, der nachhallt und sich einen großen Platz in meinem Herzen verdient hat. Ich freue mich, ihn irgendwann ein weiteres Mal zu lesen.

Veröffentlicht am 20.06.2026

Narzisstin durch und durch

Ein unheimlich guter Mensch
0

Als Lillian von Henry abserviert wird, kann sie es nicht fassen. Sie waren doch auf dem Weg zu einer richtigen Beziehung. Lillian war doch die perfekte Freundin, sah er das denn nicht? Betrunken frönt ...

Als Lillian von Henry abserviert wird, kann sie es nicht fassen. Sie waren doch auf dem Weg zu einer richtigen Beziehung. Lillian war doch die perfekte Freundin, sah er das denn nicht? Betrunken frönt sie ihren Rachegelüsten und vollführt einen Zauber. Nur leider endet Henry nicht an ihrer Seite, sondern als Leiche. Und zu allem Überfluss stellt sich heraus, dass sie nicht die einzige Frau in Henrys Leben war.
„Ein unheimlich guter Mensch“ von Kirsten King ist so amüsant wie verstörend. Lillians Selbstgefälligkeit und die Selbstverständlichkeit, mit der sie alles einfordert, was sie sich vorstellen kann, treibt sie zu haarsträubenden Aktionen, die mich oft auflachen ließen (amüsant) und ein kleiner dunkler Teil in mir feierte das sehr(verstörend). Kirsten King zeichnet mit ihrer Protagonisten das Paradebeispiel einer Narzisstin, schlüpft in ihre Gedankenwelt und die Leserschaft kommt in den Genuss der verworrensten Ideen. Und nebenbei lässt sie feministische und popkulturelle Bezüge einfließen, was mich ebenfalls abgeholt hat.
Nur sprachlich holperte es hier und da ein wenig, was auch an der Übersetzung liegen kann. Metaphern und Bilder findet man fast auf jeder Seite, was mir schon ein bisschen zu viel war, manchmal ist weniger da mehr, allerdings passt das auch zu Lillian, die überbrodelnd in ihrer Selbstbezogenheit ist.
Die Auflösung war zwar wenig überraschend, aber den Schluss finde ich dennoch absolut gelungen, denn Kirsten King schafft es, ein offenes Ende zu kreieren und trotzdem alle Fragen zu beantworten.
Jedoch sollte gewarnt sein: Wer die Protagonistin mögen muss und nicht mit Lügen klar kommt, sollte die Finger davon lassen, denn Lillian ist weder sympathisch, noch kann man ihr über den Weg trauen. Doch mag man beides, ist es ein wunderbar unterhaltsame Rageroman mit feministischen Zügen.

Veröffentlicht am 31.05.2026

Um jeden Preis

She’s a Star!
0

Jessamyn ist sich sicher, sie gehört auf die Bühne - als schillernder Musicalstar. Völlig unverständlich, dass sie bei Castings keinen Erfolg hat, außer es geht ausschließlich um Schauspielerei. Nur wenige ...

Jessamyn ist sich sicher, sie gehört auf die Bühne - als schillernder Musicalstar. Völlig unverständlich, dass sie bei Castings keinen Erfolg hat, außer es geht ausschließlich um Schauspielerei. Nur wenige unterstützen sie, der Rest ist neidisch. Da ist sie sich ganz sicher. Und dann kommt sie dem Traum so nah. Sie wird für die Kinderbetreuung bei der Inszenierung von „The Sound of Music“ engagiert und kann die Bühnenluft schon schnuppern. Auf diese wird sie es schaffen, koste es, was es wolle.
„She’s a Star!“ von Meredith Hambrock ist die amüsanteste Abwärtsspirale, die ich seit Langem gelesen habe. Aber ich wusste, worauf ich mich einließ, es hat meine Erwartungen genau getroffen. Jessamyn ist die unzuverlässige Erzählerin schlechthin und das merkt man schon ab Seite eins, nicht mit Scheinwerferlicht, sondern es schimmert durch. Da ich Protagonistinnen nicht zwingend mögen muss, hab ich sie total gefeiert. Sie legt den Ehrgeiz an den Tag, den sich wohl jeder hin und wieder wünscht und ihre Skrupellosigkeit ist einnehmend, was an ihrer verzerrten Wahrnehmung liegt.
Ebenfalls mochte ich die feministischen Einflechtungen. Jessamyn hat Machtmissbrauch erlebt, will sich diesen aber nicht eingestehen, will nicht zum Opfer gemacht werden. In gewisser Weise dreht sie den Spieß um und nutzt nun Männer für sich, und die kommen nicht gut weg, was ich ebenso gefeiert habe.
Im Mittelteil schlichen sich ein paar Längen ein, Jessamyns Kreisen um sich selbst wurde etwas eintönig, aber das verzeiht man dem Buch, weil es in Gänze so amüsant ist. Sprachlich passt es total zu dem Tempo, zu viel Tamtam hätte die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen gezogen.
Eine absolute Empfehlung für alle, die sich in einer ganz speziellen Obsession verlieren wollen und die unzuverlässige Erzähler
innen mögen. Ich hoffe sehr, dass der Roman verfilmt wird.

Veröffentlicht am 26.04.2026

Sprachlich eine Wucht

Weißer Sommer
0

Alma und Théo haben sich in den letzten Jahren verloren. In den kommenden acht Tagen wollen sie herausfinden, was da noch zwischen ihnen ist, ob diese einzigartige Liebe Bestand hat und ob sie daran festhalten ...

Alma und Théo haben sich in den letzten Jahren verloren. In den kommenden acht Tagen wollen sie herausfinden, was da noch zwischen ihnen ist, ob diese einzigartige Liebe Bestand hat und ob sie daran festhalten sollen oder nicht.
Unbedingt wollte ich „Weisser Sommer“ von Eva Pramschüfer lesen, nachdem es mich zu verfolgen schien. Zurück lässt es mich zwiegespalten. Sprachlich hat es mich absolut umgehauen. Eva Pramschüfer wählt so gekonnt Metaphern aus, als würde sie den ganzen Tag nichts andere machen und anfangs wollte ich auch so langsam wie möglich lesen, weil sonst der Lesegenuss zu schnell vorbei ist - ein Phänomen, das ich äußerst selten erlebe.
Thematisch war es aus persönlichen Gründen herausfordernd, trotzdem wollte ich es unter allen Umständen weiterlesen und Eva Pramschüfer hat oft die passenden Worte gefunden, die eine große, aufzerrende Liebe beschreiben. Auch die Verbindung zu Kunst, zu Frankreich und einem entscheidenden Sommer (was momentan absolut im Trend liegt) mochte ich sehr.
Doch im Laufe der Zeit gingen mir Alma und Théo auf die Nerven. Vielleicht lag es auch an der Erwartungshaltung durch den Klappentext. Denn ja sie setzen sich mit ihrer Zukunft auseinander, aber in dem Sommer schweigen sie sich meist an und schleichen um sich herum. Erst am Schluss kommt es wirklich zu einer Auseinandersetzung. Die meiste Zeit geht es um die Vergangenheit, wie alles anfing und wie sich die beiden verlieren konnten, wobei sich der Fokus von Alma auf Theo verschiebt.
Dennoch empfinde ich die Figurenentwicklung als durchaus realistisch, gerade in dem Alter, wo man noch nicht weiß, wer man ist, wer man sein will; und auch, dass man sich selbst für die Liebe fast aufgibt. So eine Liebe ist schmerzhaft, und zwar nicht auf eine toxische Weise. Etwas, was man selten liest, weil es nun mal kein Extrem ist, aber gerade deswegen gelesen werden muss, denn jede*r erlebt so etwas wahrscheinlich irgendwann.
Auch das Ende fand ich wieder absolut stimmig.
Alles in allem ist es ein beeindruckendes Debüt und ich werde Eva Pramschüfer im Blick behalten.

Veröffentlicht am 06.04.2026

Ein besonderer Sommer

Restsommer
0

Dominiks Weg ist vorgeschrieben: er wird das Bestattungsunternehmen seines Vaters übernehmen. Dabei ist er gar nicht sicher, ob er das tatsächlich will. Als dann Biff auf der Bildfläche erscheint, kann ...

Dominiks Weg ist vorgeschrieben: er wird das Bestattungsunternehmen seines Vaters übernehmen. Dabei ist er gar nicht sicher, ob er das tatsächlich will. Als dann Biff auf der Bildfläche erscheint, kann Domi die zunehmende Enge, die sich um sein Leben zu schnüren scheint, nicht mehr ertragen und ein ganz besonderer Sommer nimmt seinen Lauf.
Auf „Restsommer“ von Kea von Garnier habe ich schon lange gewartet. Ich folge ihr auf Insta, habe schon an diversen Workshops und Schreibwerkstätten von ihr teilgenommen und bin seit Jahren ein Fan dieser beeindruckenden Frau, die das Handwerk nicht nur verinnerlicht hat, sondern auch auf ganz wunderbare Weise weitergibt. Und ihr Romandebüt enttäuscht nicht.
Dieser eine Sommer von Domi und Biff hat alles, was das Herz begehrt und was in einem queeren Coming-of-Age-Roman nicht fehlen darf: Liebe, Abenteuer, Herzschmerz und die große Frage: Was will ich selbst vom Leben, auch wenn mein Weg schon vorgezeichnet scheint. Gerade die Figuren wuchsen mir schnell ans Herz, allen voran Protagonist Domi, aber auch Biff. Viele der Nebencharaktere sind zwar mit der Zeit hintenübergefallen, aber genau so ist das als Teenager. Auch wenn ich den Roman eher als Character Driven bezeichnen würde, behält Kea von Garnier den Plot ganz genau im Auge, was zu einer hohen Dichte an Ereignissen führt, die allerdings nie konstruiert oder gewollt erscheinen.
Sprachlich hat sie mich schon lange abgeholt. Sie hat das Handwerk nun mal gelernt; streut für mich die passende Menge an Bildern und Metaphern ein, holt alle Sinne mit ins Boot und schenkt den Lesenden damit eine allumfassende Lektüre, die mitreißt und nicht mehr loslässt.
Ich freu mich schon auf ihre nächsten Romane.