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Veröffentlicht am 26.07.2026

Ein stiller Roman über die Menschen, die uns prägen - und die Dinge, die uns tragen

Der Ozean so wild und weit
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Malachy Tallack erzählt mit Der Ozean so wild und weit keinen Roman, der laut werden muss, um zu berühren. Stattdessen entfaltet sich Seite für Seite eine stille, fast schwebende Atmosphäre, die lange ...

Malachy Tallack erzählt mit Der Ozean so wild und weit keinen Roman, der laut werden muss, um zu berühren. Stattdessen entfaltet sich Seite für Seite eine stille, fast schwebende Atmosphäre, die lange nachhallt.

Zu Beginn begegnen wir Jack als erwachsenem Mann, der zurückgezogen im Elternhaus auf den Shetlandinseln lebt. Nicht aus Resignation oder Verbitterung, sondern weil dieses Leben für ihn auf eine leise Weise stimmig geworden ist. Er wirkt nicht einsam, sondern wie jemand, der gelernt hat, mit dem Alleinsein zu leben. Vieles von dem, was ihm im Leben vielleicht gefehlt hat, findet er in der Musik. Sie wird für ihn zu Erinnerung, Trost, Verbindung und einer Sprache für all das, was sich kaum aussprechen lässt.

Als eines Tages ein kleines schwarzes Kätzchen vor seiner Tür auftaucht und Jack es zunächst eher aus Pragmatismus aufnimmt, verändert sich sein Alltag beinahe unmerklich. Gerade diese leisen Veränderungen machen den Roman so besonders. Ohne große Gesten zeigt Tallack, wie die bloße Anwesenheit eines Tieres Nähe schenken und einem Menschen neue Perspektiven eröffnen kann.

Parallel entfaltet sich die Geschichte von Jacks Eltern Sonny und Kathleen. Wir begleiten Sonny zunächst als Walfänger und erleben später die Anfänge ihrer gemeinsamen Familie. Dadurch wird schnell deutlich, dass dieser Roman weit mehr erzählt als eine einzelne Lebensgeschichte. Es geht um Herkunft, um Entscheidungen, um Fehler und ihre Folgen – und darum, wie vergangene Generationen in einem Menschen weiterleben.

Besonders gelungen sind die eingestreuten handschriftlichen Songtexte Jacks, die dem Roman zusätzliche Nähe verleihen. Countrymusik durchzieht die gesamte Geschichte wie ein roter Faden. Wer die erwähnten Künstler und Lieder kennt, entdeckt darin sicherlich eine weitere Ebene. Doch auch ohne diesen Bezug entfaltet die Musik ihre Wirkung und wird zu einem stillen Ausdruck von Sehnsucht und Identität.

Jack selbst ist eine Figur, die sofort Interesse weckt. Nach außen wirkt er manchmal verschlossen und eigenwillig, gleichzeitig trägt er von Beginn an eine große Liebenswürdigkeit in sich. Gerade dieser Widerspruch macht ihn so glaubwürdig.

Am meisten berührt hat mich jedoch das Gefühl, das der Roman immer wieder einfängt: nicht wirklich einsam zu sein und sich dennoch mit einer tiefen Form des Alleinseins arrangiert zu haben. Dieses Spannungsfeld beschreibt Tallack mit großer Feinfühligkeit. Es ist ein Buch über das Menschsein, über Beziehungen, über verpasste Möglichkeiten und darüber, wie Musik oder ein Tier manchmal genau das schenken können, was Worte nicht vermögen.

Auch sprachlich überzeugt der Roman vollkommen. Die Sprache ist ruhig, klar und zugleich außergewöhnlich atmosphärisch. Gerade weil sie nie aufdringlich wird, entfaltet sie ihre größte Kraft.

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Veröffentlicht am 25.06.2026

Zwischen Abschied und Aufbruch

Zwischen Himmel und hier
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Manchmal erzählt ein Buch vom Sterben und meint in Wahrheit das Leben. Genau das macht Zwischen Himmel und hier so besonders. Diese Geschichte blickt nicht auf Krankheit als dramatischen Ausnahmezustand, ...

Manchmal erzählt ein Buch vom Sterben und meint in Wahrheit das Leben. Genau das macht Zwischen Himmel und hier so besonders. Diese Geschichte blickt nicht auf Krankheit als dramatischen Ausnahmezustand, sondern auf das, was bleibt, wenn das Ende plötzlich einen Namen bekommt und gleichzeitig der Alltag weiterläuft.
Im Wechsel zwischen Mutter und Tochter erzählt Cassandra Brunstedt von zwei Perspektiven, die sich nicht widersprechen und doch kaum miteinander vereinbar wirken: die Frau, die selbst entscheiden möchte, wie ihr Leben endet, und die Tochter Ronja, die noch nicht bereit ist loszulassen. Die Frage nach Sterbehilfe steht im Raum, aber nie als Provokation, nie als moralische Position, vielmehr als sehr persönliche Auseinandersetzung mit Würde, Angst, Freiheit und Verantwortung. Wer entscheidet über den eigenen Abschied? Und trägt man diese Entscheidung jemals wirklich allein?
Besonders berührt hat mich, wie zärtlich dieses Hörbuch mit seinen Figuren umgeht. Es gibt keine großen Gesten, kein Pathos, kein künstliches Leid. Stattdessen entstehen die stärksten Momente in Gesprächen, Blicken, kleinen Alltagsbewegungen. Die Krankheit nimmt Raum ein. Aber sie wird nie alles. Es gibt weiterhin Sorgen, neue Begegnungen, Freundschaften, Geburt, Veränderung. Während eine Geschichte sich dem Ende nähert, beginnt an anderer Stelle bereits etwas Neues.
Die beiden Sprecherinnen tragen diese Stimmung außergewöhnlich fein. Durch die wechselnden Stimmen für Mutter und Tochter entsteht Nähe, ohne zu inszenieren. Gerade dadurch wirken viele Gedanken fast wie Erinnerungen, die man selbst einmal gehabt haben könnte.
Was dieses Hörbuch für mich so schön gemacht hat: Es erzählt nicht davon, wie man richtig stirbt. Es erzählt davon, wie intensiv Leben werden kann, wenn seine Endlichkeit sichtbar wird. Und es lässt am Ende einen Gedanken zurück, der leise bleibt und genau deshalb lange nachhallt: Vielleicht endet nicht alles dort, wo wir es vermuten.

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Veröffentlicht am 17.06.2026

Aus Stein wird Stimme

Sommerrauschen
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Es gibt Bücher, die erzählen. Und es gibt Bücher, die freilegen.
Sommerrauschen gehört für mich zu den Büchern, die nicht gelesen, sondern Schicht für Schicht berührt werden wollen. Ein Roman, der nicht ...

Es gibt Bücher, die erzählen. Und es gibt Bücher, die freilegen.
Sommerrauschen gehört für mich zu den Büchern, die nicht gelesen, sondern Schicht für Schicht berührt werden wollen. Ein Roman, der nicht drängt, nicht erklärt und kaum jemals laut wird – und gerade dadurch eine besondere Intensität entwickelt.
Im Zentrum steht Judith, Bildhauerin, Tochter, Schwester, Mutter. Und vor allem jemand, die über Jahrzehnte gelernt hat, um einen bestimmten Kern ihres Lebens herum zu existieren. Die Rückkehr einer Person aus der Vergangenheit setzt nichts Spektakuläres in Bewegung. Kein dramatischer Umschlag, kein großes Enthüllen. Stattdessen beginnt etwas viel Schwierigeres: Erinnerungen verändern ihre Form. Das, was verborgen war, wird nicht plötzlich sichtbar, sondern kristallisiert sich langsam heraus.
Dieses Buch folgt dabei einem Rhythmus, der Aufmerksamkeit verlangt. Es liest sich nicht nebenbei. Jeder Absatz wirkt gesetzt, jede Erinnerung scheint bewusst nicht vollständig ausgesprochen. Die Sprache arbeitet mit Zwischenräumen, mit Andeutungen, mit einem Vertrauen darauf, dass Lesende selbst Formen erkennen können. Sie erinnert tatsächlich an Bildhauerei: nichts wird hinzugefügt – etwas wird abgetragen, bis sichtbar wird, was längst da war.
Besonders eindrucksvoll fand ich, wie Vergangenheit hier nicht als abgeschlossenes Ereignis erscheint, sondern als Material, das ein Leben unmerklich weiter formt. Das verborgene Schicksal steht nicht als dramatische Enthüllung im Raum, sondern als etwas, das Beziehungen, Entscheidungen und Selbstbilder über Jahrzehnte leise mitgestaltet hat.
Und dennoch bleibt dieser Roman nicht bei Schmerz oder Verlust stehen. Sein eigentliches Thema scheint mir etwas anderes zu sein: die vorsichtige Annäherung an die eigene Gestalt. Das Erkennen, dass Frieden nicht bedeutet, unversehrt zu sein, sondern aufzuhören, gegen die eigene Geschichte anzuleben.
Ein besonderes Buch. Kein schnelles Weglesen. Sondern eines, das Konzentration fordert und dafür eine stille, sehr nachhaltige Form von Schönheit hinterlässt.

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Veröffentlicht am 14.06.2026

Wenn Nähe zur Täuschung wird und jede Perspektive eine neue Wahrheit eröffnet

Geschwister
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Dieses Buch hat mich vor allem mit seiner Konstruktion beeindruckt. Selten habe ich eine Geschichte gelesen, die so eindrücklich vor Augen führt, wie begrenzt die eigene Wahrnehmung bleibt. Selbst dann, ...

Dieses Buch hat mich vor allem mit seiner Konstruktion beeindruckt. Selten habe ich eine Geschichte gelesen, die so eindrücklich vor Augen führt, wie begrenzt die eigene Wahrnehmung bleibt. Selbst dann, wenn man überzeugt ist, einen Menschen verstanden zu haben.
Über weite Strecken entsteht eine enorme Nähe zur Protagonistin. Ihre Verletzungen, ihre Gedanken, ihre Empfindungen wirken nachvollziehbar und unmittelbar. Man liest nicht nur mit, man nimmt Partei. Man ärgert sich, wird wütend, empfindet Ungerechtigkeit und beginnt unbewusst, die Welt ausschließlich durch ihren Blick zu betrachten.
Und dann verschiebt sich etwas.
Mit den Perspektiven der Geschwister beginnt das Buch, sich neu zu schreiben. Nicht, weil frühere Gefühle falsch gewesen wären, sondern weil sie unvollständig waren. Menschen, die zuvor eindeutig erschienen, gewinnen plötzlich Brüche, andere Motive, andere Erinnerungen. Auch die Protagonistin selbst verändert sich nicht und wirkt gleichzeitig wie ein völlig anderer Mensch. Dieser Moment des Lesens war für mich der stärkste Teil des Buches: das Erkennen, wie schnell man sich selbst beim Urteilen auf nur eine Erzählung verlässt.
Besonders gelungen fand ich dabei die Darstellung von Familiengeschichte. Erinnerungen erscheinen nicht als objektive Wahrheit, sondern als etwas, das durch Nähe, Wissen, Schweigen und unterschiedliche Erfahrungen geprägt wird. Ein gemeinsames Familienleben existiert und dennoch erlebt jedes Kind eine andere Kindheit.
Das Buch zeigt sehr fein, wie tief Kindheitserfahrungen in das spätere Leben hineinwirken können. Nicht plakativ, nicht erklärend, sondern in den unterschiedlichen Wegen, wie Menschen mit Erlebtem umgehen, was sie erinnern, verdrängen oder daraus machen.
Ein Roman, der nicht nur von Geschwistern erzählt, sondern davon, wie fragil unsere Urteile über andere, und manchmal auch über uns selbst, sind.

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Veröffentlicht am 11.06.2026

Worte, die Türen öffnen

50 Fragen, die das Leben leichter machen
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Manche Bücher liest man einmal und stellt sie danach ins Regal. Andere begleiten einen durch den Alltag, weil man immer wieder zu ihnen zurückkehrt. 50 Fragen, die das Leben leichter machen von Karin Kuschik ...

Manche Bücher liest man einmal und stellt sie danach ins Regal. Andere begleiten einen durch den Alltag, weil man immer wieder zu ihnen zurückkehrt. 50 Fragen, die das Leben leichter machen von Karin Kuschik gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.
Nachdem mich bereits 50 Sätze, die das Leben leichter machen begeistert hat, war ich gespannt, ob die Autorin dieses Gefühl von Klarheit und Selbstwirksamkeit noch einmal erzeugen kann. Und tatsächlich: Auch dieses Buch ist ein Volltreffer. Sowohl gedruckt als auch selbst von der Autorin als Hörbuch eingesprochen.
Während die 50 Sätze konkrete Formulierungen für schwierige Situationen liefern, gehen die Fragen einen Schritt tiefer. Sie laden dazu ein, die eigene Sichtweise zu hinterfragen, Denkgewohnheiten aufzubrechen und den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Es sind keine komplizierten Coaching-Fragen, sondern kleine Impulse mit erstaunlich großer Wirkung. Fragen, die man zunächst liest und dann noch lange mit sich herumträgt.
Besonders gefallen hat mir, wie alltagstauglich die Inhalte sind. Die Fragen wirken nie konstruiert oder belehrend. Stattdessen entstehen immer wieder diese Momente des Innehaltens: Dieses kurze Stutzen, wenn man merkt, dass man sich eine bestimmte Frage eigentlich schon viel früher hätte stellen sollen. Genau darin liegt die Stärke des Buches. Es liefert keine fertigen Antworten, sondern eröffnet neue Perspektiven.
Der Schreibstil ist dabei gewohnt klar, prägnant und angenehm zugänglich. Karin Kuschik schafft es, komplexe innere Prozesse auf wenige verständliche Gedanken zu reduzieren, ohne sie zu vereinfachen. Viele Passagen wirken wie kleine Denkanstöße für zwischendurch, andere entfalten ihre Wirkung erst Tage später.
Für mich ist dieses Buch/Hörbuch eine wunderbare Ergänzung zu den 50 Sätzen. Zusammen ergeben beide Bücher eine Art Werkzeugkasten für mehr Gelassenheit, Selbstachtung und innere Klarheit. Die einen helfen beim Formulieren nach außen, die anderen beim Nachdenken nach innen.
Ein Buch zum Markieren, Wiederlesen und Verschenken. Und eines, das zeigt, dass manchmal schon eine einzige gute Frage genügt, um etwas in Bewegung zu bringen.

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