Profilbild von walli007

walli007

Lesejury Star
offline

walli007 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit walli007 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.05.2018

Madiha

Unter Fremden
0

Schon in Syrien hat es Madiha in der Familie nicht leicht gehabt. Mit letzter Kraft ermöglicht ihr Vater ihr die Flucht. Nur mit Hilfe eines weiteren Flüchtlings mit Namen Harun schafft Madiha es nach ...

Schon in Syrien hat es Madiha in der Familie nicht leicht gehabt. Mit letzter Kraft ermöglicht ihr Vater ihr die Flucht. Nur mit Hilfe eines weiteren Flüchtlings mit Namen Harun schafft Madiha es nach Deutschland zu gelangen. Als Harun eines Tages verschwunden ist, reagiert Madiha sehr besorgt. Sie beginnt Fragen nach Haruns Verbleib zu stellen und eine Betreuerin begleitet Madiha zur Polizei, um Haruns Verschwinden anzuzeigen. Bald darauf wird Madihas Spind angezündet und sie beginnt, sich beobachtet zu fühlen. Der kleine Straßenjunge Faisal ist ihr zunächst eher eine Last, aber bald wird der Junge so etwas wie Familie für Madiha.

Wie ist es, sich in einem fremden Land aufzuhalten, in dem man zwar die Sprache leidlich beherrscht, die Gepflogenheiten aber nicht kennt und nicht weiß, wo man wie hingelangt, wie man Informationen bekommt, wie das Leben funktioniert. Setzt man jeden Schritt noch vorsichtiger als es eine alte Verletzung eh schon verlangt, tritt man mutig auf oder ängstlich. Fühlt man sich ein wenig wie ein Blinder, für den ja auch alles sehr fremd wirken muss. Und doch, trotz aller Umstände, die vielleicht dazu führen könnten, den Kopf einzuziehen und die Ereignisse geschehen zu lassen, Madiha lässt nicht locker. Harun hat ihr geholfen und nun will sie ihm ihre Dankbarkeit erweisen, indem sie ihm hilft.

Dieses Hörbuch ist sehr eindringlich vorgetragen von Eva Meckbach, man beginnt tatsächlich, den Versuch zu starten, sich in Madiha hineinzuversetzen. Natürlich kann das nicht zur Gänze gelingen, schließlich war man noch nicht in der Fremde, um zu bleiben. Mit einem Urlaub ist es gewiss nicht zu vergleichen, auch wenn man dort manchmal die Unsicherheit spüren kann, die ein nicht Beherrschen der Sprache oder die Konfrontation mit anderen Schriftzeichen mit sich bringen können. Doch man selbst hat die Sicherheit, wieder heimzukönnen. Madiah hat noch nicht einmal die Sicherheit, dem Krieg entflohen zu sein. Dennoch strafft sie ihre Schultern und geht voran. Ihr Weg verlangt ihr etliches ab, doch sie hat auch die Chance eine neue Familie zu finden. Wenn Vertrauen auf der einen Seite enttäuscht wird, kann es vielleicht doch an anderer Stelle aufgebaut werden.

Ein spannender Kriminalroman aus einer außergewöhnlichen Perspektive berichtet, der sich als würdiger Preisträger des Friedrich Glauser Preises 2018 erweist. Selten hat man so einen packenden Einblick in die Welt der Flüchtlinge bekommen können.

Veröffentlicht am 27.05.2018

Verzeihen möglich?

Patria
0

Sie sind die besten Freundinnen Bittori, die Frau des Spediteurs, und Miren, die Frau des Arbeiters. Jede Woche gönnen sie sich eine Auszeit von den Familien und tauschen im Café die neuesten Gerüchte ...

Sie sind die besten Freundinnen Bittori, die Frau des Spediteurs, und Miren, die Frau des Arbeiters. Jede Woche gönnen sie sich eine Auszeit von den Familien und tauschen im Café die neuesten Gerüchte aus. Allerdings gewinnt im Baskenland die Eta immer mehr Einfluss, einen Einfluss, der es den Freundinnen schwer macht, befreundet zu bleiben. Schließlich stehen sie politisch gewissermaßen auf unterschiedlichen Seiten. Als Bittoris Mann von der Eta ermordet wird, ist es mit der Freundschaft vorbei. Bittori zieht in eine andere Stadt, so wie es ihre Kinder wollten. Doch Jahre später spürt sie das Bedürfnis, in ihr Haus, in ihr Dorf zurückzukehren.

Zwei starke Frauen gehen ihren Weg, einen Weg, auf es viel Leid und Trauer gibt, der hin und wieder Gutes bringt. Auf ihre Art störrisch sind sie beide. Ihr Leben auf grausame Art verändert hat der Terrorismus. Und doch stehen sie als Frau des Opfers und als Mutter des mutmaßlichen Täters auf unterschiedlichen Seiten unbarmherzig gegenüber. Es kann keine Vergebung geben. Ihrer beider Schicksal und das ihrer Kinder verläuft unterschiedlich und dennoch sind sie alle gezeichnet. Von den Kindern ist keines so richtig glücklich, sie alle haben mit dem zu kämpfen, an dem sie sich schuldig fühlen. Als Mirens Tochter schwer erkrankt kommt es zu einer Wiederannäherung der Familien.

Mit aller Deutlichkeit schildert Fernando Aramburu die Auswirkungen des Terrors auf die Familien. Er schon keinen weder Täter noch Opfer noch den Leser. Damit gibt er auch eine herausragende Gelegenheit, sich mit dem Thema zu befassen. Die Anwendung von Terror zur Durchsetzung politischer Ziele erscheint so nutzlos und zerstörerisch. Nicht nur die Opfer und ihrer Familien erfahren endloses Leid, auch die Täter und ihre Familien bleiben fürs Leben gezeichnet. Eine gewisse Form von Gelassenheit oder Gemütsruhe kann es nur geben, wenn zum einen Zeit ins Land geht und zum anderen die Menschen beginnen miteinander zu reden. Ob ein Verzeihen möglich ist, kann nur ein Augenblick entscheiden. Der Augenblick, in dem der eine entscheidet, um Verzeihung zu bitten, der Augenblick, in dem der andere die Bitte gewährt. Nichts wird dadurch ungeschehen, doch es kann eine Art Frieden mit dem Erlebten geschlossen werden, der es erlaubt, nicht mehr nur das Leben der Schuld zu leben.

Ein umfangreicher Roman, in dem kein Wort überflüssig ist, der Weg des Verzeihens ist nicht an einem Tag gegangen.

Veröffentlicht am 11.05.2018

Miefing

Kluftinger
0

ist so ziemlich die beste Worterfindung in dem Buch. Gute Sätze oder Aussprüche bietet der Roman natürlich noch viele weitere.

Da steht es: Ein Kreuz mit Kluftingers vollständigem Namen und Klufti steht ...

ist so ziemlich die beste Worterfindung in dem Buch. Gute Sätze oder Aussprüche bietet der Roman natürlich noch viele weitere.

Da steht es: Ein Kreuz mit Kluftingers vollständigem Namen und Klufti steht davor. Das kann doch nur ein missglückter Scherz sein oder wünscht tatsächlich jemand, der Kommissar möge den Weg alles Irdischen gehen? Dabei läuft es doch gerade so gut. Riesig freut er sich über sein erstes Enkelkind, das jetzt das Buzele ist. Nun gut, eigentlich ist das Erikas Kosename für Klufti, der will jetzt auch wie er betont nicht nur noch Opa genannt werden. Und der Dr. Langhammer ist wie ein Dorn in Kluftingers Seite. Aber sonst ist alles Bestens. Als dann jedoch auch noch eine Todesanzeige in der örtlichen Zeitung erscheint, kommt bei Klufti und seinen Kollegen doch eine gewisse Unruhe auf.

Wer kann es sein? Wem ist Kluftinger dermaßen auf die Füsse getreten, dass es jetzt zu diesen Taten kommt? Die Polizei rätselt, der Täter hat keine verwertbaren Spuren hinterlassen, weder am Kreuz noch beim Aufgeben der Anzeige. Für Kluftiger selbst beginnt eine Phase des Nachgrübelns. Er erinnert sich an alte Fälle, an seine Jugend, die Les Humphries Singers. Aber es selbst hat sich doch nichts zuschulden kommen lassen. Er hat doch immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Wer kann es also sein? Keine Frage, die sich einfach so beantworten lässt. Und die Zeit wird knapp.

Dies ist nun der Jubiläumsband, der zehnte Fall um Kommissar Kluftinger, in dem endlich das Geheimnis um seinen Vornahmen gelöst wird. Gewarnt wird in diesem Zusammenhang allerdings vor Gesprächen mit Arbeitskollegen über das Namensrätsel. Die platzen mitunter schneller mit der Lösung heraus als man die ersten Seiten umblättern kann. Wobei eine gehörige Last haben die Eltern dem Klufti mitgegeben. Wie schön wäre es, man könnte sich ab einem gewissen Alter selbst einen Namen aussuchen. Mit diesem und noch anderen Bonmots erfreuen die Autoren ihre Leser. Klug wird jedoch nicht zu viel abgeschweift, Klufti und seine Kollegen behalten den Fall im Blick. Geschickt wird dargestellt wie sich nach und nach die Schlinge um Kluftis Hals zuzuziehen scheint. Die Einschläge scheinen näher zu kommen. Und so hängt man gebannt an den Seiten und wünscht Klufte möge mit seinen Fähigkeiten, die Zusammenhänge zu erkennen, schneller sein als der Täter mit der Fähigkeit, anderen Übles zuzufügen.

Ein sehr gelungener zehnter Fall für Kommissar Kluftinger, der mit einigen Überraschungen aufwartet.

Veröffentlicht am 10.05.2018

Lass mich verschwinden

Blutroter Sonntag
0

Endlich glaubt die Polizei Friedas Worten, doch um welchen Preis. Der ehemalige Polizist Bruce Stringer wurde tot unter Friedas Dielen gefunden. Es kann nur Dean Reeve gewesen sein, er ist in Friedas Leben, ...

Endlich glaubt die Polizei Friedas Worten, doch um welchen Preis. Der ehemalige Polizist Bruce Stringer wurde tot unter Friedas Dielen gefunden. Es kann nur Dean Reeve gewesen sein, er ist in Friedas Leben, in ihrer Wohnung. Fieberhaft sucht die neue Ermittlerin Petra Burge gemeinsam mit Chief Inspector Karlsson nach Reeve. Der erweist sich wie gewohnt als gewieft und unauffindbar. Doch dann verschwindet Friedas Nichte Chloe. Zwar taucht sie bald unversehrt wieder auf, aber ihr fehlt die Erinnerung an ein paar Tage. Frieda ist schockiert und versucht der jungen Frau zu helfen.

In diesem angekündigt vorletzten Band der Reihe um die Psychologin Frieda Klein bekommt man den Eindruck, dass Dean Reeve immer mehr in ihr Leben eindringt. Er scheint Zugang zu ihrem Haus zu haben, zumindest schafft er es die Leiche unbemerkt dort zu verstecken. Kann Frieda in ihrem Refugium und Rückzugsort überhaupt noch wohnen, nachdem es von diesem Verbrecher kontaminiert wurde? Möglicherweise ist Frieda auch in großer Gefahr, schließlich scheint sie nirgends vor Reeve sicher zu sein. Aber Frieda ist nicht jemand, der klein beigibt. Sie nimmt ihre Wanderungen durch London wieder auf. Sie versucht, den Gedanken des Killers zu folgen, um so vielleicht seine Spur zu finden.

Man möchte von Frieda Kleins eigentümlicher aber auch einnehmender Persönlichkeit überhaupt nicht Abschied nehmen müssen. Immer näher kommt ihr Dean Reeve und man fragt sich, was das Autorenduo Nicci French für das Finale in petto hat. Dieser vorletzte Band besticht wie seine Vorgänger mit einer durchdachten Story, die Frieda ein letztes Mal auf Abwege führt. Ihr sympathisches Grüppchen von Freunden, die einen wunderbaren Familienersatz bilden, bleibt ihr in jeder Situation gewogen und sie alle sind bereit, sich für sie einzusetzen. Und so haben Nicci French einen tollen Krimi-Cosmos geschaffen, in dem eigentlich noch viel mehr Geschichten stecken als die zu erwartende Letzte.

Ein ausgesprochen packender Kriminalroman, in dem Frieda Klein und ihre Freunde die Kräfte für den Showdown sammeln.

Veröffentlicht am 05.05.2018

Mrs. Richardson

Kleine Feuer überall
0

Die Richardsons sind sind eine wohlhabende Familie, er ist Anwalt, sie Lokalreporterin, vier wohlgeratene Kinder. Ein zusätzliches Einkommen haben sie aus einem kleineren Zweifamilienhaus. Als Mia und ...

Die Richardsons sind sind eine wohlhabende Familie, er ist Anwalt, sie Lokalreporterin, vier wohlgeratene Kinder. Ein zusätzliches Einkommen haben sie aus einem kleineren Zweifamilienhaus. Als Mia und ihre Tochter Pearl in Shaker Heights ankommen, mieten sie eine der Wohnungen. Mia ist Fotografin und immer wenn sie ein Thema durchdrungen hat, geht es an einen anderen Ort. Diesmal jedoch soll es anders sein, diesmal wollen sie bleiben. Pearl freundet sich mit den Kindern der Richardsons an, Mia nimmt eine Arbeit an und beginnt mit einer neuen Fotoserie. Zwischen den Familien entwickelt sich eine engere Verbindung als man zunächst vermuten könnte.

Shaker Heights, ein Vorort von Cleveland, Ohio, zur Zeit der Clinton-Regierung. In dieser Stadt ist alles geplant, die Farbe der Häuser, die Größe der Häuser in verschiedenen Viertel, die Straßen, der Autoverkehr, das Angebot an Schulen. Wenn man will bekommt am vieles vorgesetzt und muss wenig selbst entscheiden. Der Ort ist so sicher, dass man die Türen auf mal offen lassen kann. Nur mit der Freiheit ist es nicht so weit her und Herausforderungen begegnen einem eher weniger. In dieser Stadt kann man ein Leben aus Zufriedenheit und Wohlstand leben, allerdings ohne Höhen und Tiefen, kein Abenteuer. Mit dem Einzug von Mia und ihrer Tochter kommt doch eine Art Abenteuer zur Familie Richardson.

Celeste Ng versteht es nahezu perfekt aus einer kleinen Geschichte ein großes Drama zu machen. Ein eher unbedeutender Einzug verändert das Leben der Richardsons für immer. Gesagtes und Ungesagtes führt auf Spuren, die in die Vergangenheit weisen oder die eine Blick in die Zukunft erlauben. Fein sind die einzelnen Fäden der Story zu einem Ganzen versponnen. Es gibt eine Story hinter dem Hinweis, eine Beziehung hinter der offensichtlichen. Viele zumindest vermeintliche gute Absichten führen auf einen Weg, der nicht nur Gutes bringt. Die meisten der handelnden Personen erwecken Verständnis um ihre Beweggründe, doch bei manchen wird es mühsam, Sympathie zu empfinden. Während hin und wieder eine kleine Länge auftaucht, so ist man doch meist hin- und mitgerissen von diesem Zusammentreffen zweier Welten wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Auf der einen Seite die extreme Regulierung, auf der anderen, das sich treiben lassen von einem Ort zum anderen. Keine Welt ist ideal, doch beide sind verändert als die Berührung sich dem Ende entgegen neigt.