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Veröffentlicht am 22.01.2019

Husten - Schnupfen - Heiserkeit

Männergrippe
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Das Cover des Taschenbuches "Männergrippe" von Dr. Anna Herzog & Lucinde Hutzenlaub könnte nicht besser gewählt sein.

Vielleicht wurden, als ich dieses Buch bekam und mit dem Lesen anfing, ein paar ...

Das Cover des Taschenbuches "Männergrippe" von Dr. Anna Herzog & Lucinde Hutzenlaub könnte nicht besser gewählt sein.

Vielleicht wurden, als ich dieses Buch bekam und mit dem Lesen anfing, ein paar Bakterien für einen (Frauen?) grippalen Infekt frei Haus geliefert, damit ich milde gestimmt würde, über die peinigende Männergrippe zu urteilen. Mich hatte es erwischt und ich war bereits nach wenigen Seiten aus dem Verkehr gezogen. Gab es doch mit tränenblinden Augen, einem kratzigen Hals der an Schmirgelpapier erinnerte, laufender Nase und auch am Tage zugezogenen Gardinen, eine erzwungene Lesepause von jeweils mehreren Tagen. Diese Erfahrung hatte den Effekt, dass ich der vorgestellten, armen Männerwelt, die durch eine Männergrippe lahmgelegt und folglicherweise mal gerade dem Tode von der Schippe gesprungen ist, wesentlich größeres Verständnis entgegen bringen konnte.

Doch sobald es mir einigermaßen besser ging, hielt mich nichts mehr vom Lesen ab. Heißt es doch im Volksmund: "Lachen ist gesund". Und gelacht habe ich bei dieser unterhaltsamen und gleichzeitig lehrreichen Lektüre sehr viel.

Direkt der erste Satz des Buches "Die Autorinnen haben ihren Text mit Sorgfalt geschrieben", möchte ich mit folgenden Worten ergänzen: "Und mit sehr viel Humor!".

Unterteilt ist dieses Buch in 2 große Abschnitte und diese Abschnitte wiederum in mehrere Kapitel. Jedes Kapitel wird durch eine humoristische Zeichnung eingeleitet, die dem Leser auf den ersten Blick zeigt, worum es auf den nächsten Seiten geht. Z. B. Kapitel 6: "Der Rachen und seine Virenauffangstation". Kein Wunder, dass es einem Mann da angst und bange wird, wenn so viele bösartig ausschauende Kleinslebewesen auf ihn einstürzen wie auf Seite 87. Da kann einem Mann schon mal bei einem Panikanfall der Angstschweiß auf die Stirn getrieben werden.

Die jedem Kapitel vorangestellte Fallgeschichte ist natürlich stark überzeichnet und hat was von guter Comedy. Doch Ehefrauen und Freundinnen werden beim Lesen zustimmend mit dem Kopf nicken, denn so ähnlich läuft es tatsächlich ab, wenn es einen Mann mit diesen Symptomen darniederstreckt. Der Ärmste!

Danach geht es bei den Autorinnen recht sachlich weiter, doch nie ohne humoristischen Plauderton, der sich wunderbar liest. Ein Sachbuch ohne trockenen Schuleffekt und ohne belehrenden Zeigefinger. Ganz nebenbei erfahren wir in diesem Kapitel, dass Husten als Sicherrungssystem von der Natur eingebaut wurde, "Damit alles, was sich an dem Kehldeckel vorbeimogelt und versehentlich doch in der Luftröhre landet, noch rechtzeitig herausgeschleudert wird. Husten ist die Selbsreinigungsmöglichkeit der Lunge. Durch die Luftstöße, die dabei entstehen, werden nicht nur Kuchenkrümel, sondern auch Schleim wieder nach oben befördert". (Seite 93/94)

Jedes Kapitel wird mit speziellen Behandlungsmethoden der Naturheilkunde, Homöopathie und Schulmedizin abgeschlossen.
Dass dieses Buch im Ernstfall nicht den Besuch beim Arzt ersetzt, versteht sich von selbst, wird aber von dem Autorenteam am Ende nochmals extra betont.

Für mich ist diese humoristische Abhandlung "Männergrippe" ein rundum gelungenes Buch - erheiternd und gleichzeitig informierend. Dass ich nach der Lektüre meinen eigenen grippalen Infekt besser verstehen konnte, kam mir sehr gelegen. Na ja, wir Frauen und die Männer sind manchmal doch nicht ganz so unendlich weit von einander entfernt.

Absolut empfehlenswert!

Veröffentlicht am 20.12.2018

Rolling back

Hippie
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In dem vorliegenden Buch „Hippie“, bestätigt der Autor Paulo Coelho einmal mehr, dass er zu den ganz großen Schriftstellern der Moderne gehört. In kurzen Kapiteln, mit noch kürzeren Sätzen, bringt er ein ...

In dem vorliegenden Buch „Hippie“, bestätigt der Autor Paulo Coelho einmal mehr, dass er zu den ganz großen Schriftstellern der Moderne gehört. In kurzen Kapiteln, mit noch kürzeren Sätzen, bringt er ein längst vergessenes Lebensgefühl wieder zum Erwachen – die Hippie Bewegung. Meist wird es von Kindern reicher Leute initiiert (S. 212).

Der Einband zeigt dem Betrachter schon auf den ersten Blick, in welcher Zeit dieser Roman spielt. Es war die Epoche der Hippies mit Flower Power und all den poppigen Farbe. Auf nicht ganz 300 Seiten entführt Paulo Coellho den Leser in diesem „Magic Bus“, der in der Realität doch so unscheinbar aussieht und erweckt wieder das ganze Lebensgefühl der damaligen Bewegung. Von den Alten wegen der wallenden Haare und den mitunter recht wilden Bärten beargwöhnt, machten sich junge Leute auf, sich selbst zu finden oder auch zu verwirklichen, ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, was am Ende dabei herauskommen wird.

Der biographische Roman ist nicht in der Ich-Form verfasst, sondern in der 3. Person, als schreibe der Autor über einen Anderen. Das klingt mitunter etwas befremdlich, als hätte diese ganze Aufbruchsstimmung nichts mehr mit ihm zu tun. Dabei war es seine Jugend, Teil seiner Entwicklung, der erfolgreiche Schriftsteller zu werden, der er heute ist.

Das wichtigste Buch dieser Epoche hieß, „Europe On Five Dollars a Day“, geschrieben von Arthur Frommer. Daneben war noch „die unsichtbare Zeitung entstanden, weil die jungen Leute sich bei diesen Konzerten darüber austauschten, wo sie sich als Nächstes treffen und wie sie die Welt entdecken könnten – ohne in einen Touristenbus steigen zu müssen…“(S.12)

„Eine Legende wird zur Wahrheit, wenn sie nur oft genug wiederholt wird“ (S. 21)

Peru mit La Paz auf einer Höhe von 3.640 Meter, Machu Picchu, von dort nach Bolivien, verlief die Reiseroute der Hippies. Doch Paolo reist mit seiner älteren Freundin nach Brasilien und sie werden entführt. Die Beschreibung dieser Entführung hat es in sich. Doch am Ende kommen sie wieder frei – und gehen getrennte Wege. Paulo führt es auf Umwegen nach Amsterdam und läuft am Dam Karla über den Weg. Karla und ihre wechselnden Männer werden auf S. 196 folgendermaßen beschrieben: „…Sie wäre gern eine Blume gewesen, die, von der Liebe in eine Vase gestellt, in deren immer frische Wasser sie, wie eben gepflückt, auf denjenigen wartete, der den Mut – genau, das Wort: MUT – hatte, sie sich zu nehmen. Aber es kam nie jemand – besser gesagt, die Männer kamen und gingen gleich wieder, ganz verschreckt, weil sie nicht eine Blume in einer Vase vorfanden, sondern eine Naturgewalt, ein Unwetter mit Blitzen, Sturm und Donner“. Welch eine geniale Beschreibung dieser Frau.

Für einen großen Teil der Hippies ist es „IN“ Drogen zu konsumieren, wie andere Menschen Schokolade. Vieles wurde ausprobiert und als Leser bekommt man einen Überblick, was damals alles so auf dem Markt war. Nur vor „The house oft the rising Sun“ warnt Karla ihn, als Paulo unbedingt diesen Drogenplatz kennenlernen will. Vielleicht sind die Abhängigen dort zu abschreckend, jedenfalls verlässt er diesen Platz ohne etwas probiert zu haben. Die Verlockungen haben einen bitteren Beigeschmack. Auch als großes Geld zum Greifen nahe ist, siegt sein gesunder Menschenverstand.

„Magic Bus“ klingt sensationeller als es ist. Dabei handelt es sich um einen alten, klapprigen, ausrangierten Schulbus, mit dem man für wenig Geld bis Kathmandu reisen kann. Im Magic Bus geht es mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe auf große Reise. Jeder dieser Aussteiger, mit denen Karla und Paulo die nächsten Tage auf engstem Raum zusammen verbringen, hat seine eigene Geschichte, die wir nach und nach erfahren. Für jeden von ihnen gibt es einen triftigen Grund aus seinem Leben auszusteigen, andere Erfahrungen zu machen, das Leben in seiner – konträren - Fülle kennen zu lernen. Der Leser bekommt viel kluge und weniger kluge Lebenserfahrung präsentiert.

Ich glaube es ist ein Markenzeichen des Autors, Weisheiten in kurzen Sätzen zu verpacken. „Wir können nicht wählen, was mit uns geschieht, aber wir können wählen, wie wir damit umgehen“, (S.57) ist eine seiner Aussagen der man sofort zustimmt und über die man stundenlang nachdenken kann.

Ich fand das Buch großartig, obwohl es sich von den üblichen Romanen die man von Paulo Coelho kennt, doch stark unterscheidet. Aber vielleicht macht gerade dies den Reiz aus, der von diesem Buch ausgeht.

Veröffentlicht am 22.10.2018

So sieht Armut aus

Arminuta
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Was empfindet ein Mädchen, dass mit 12 Jahren plötzlich erfährt, dass ihre Eltern gar nicht ihre Eltern sind? Die heißgeliebte Mutter stellt sich als die Cousine ihrer leiblichen Mutter vor und sagt dabei ...

Was empfindet ein Mädchen, dass mit 12 Jahren plötzlich erfährt, dass ihre Eltern gar nicht ihre Eltern sind? Die heißgeliebte Mutter stellt sich als die Cousine ihrer leiblichen Mutter vor und sagt dabei gleichzeitig. die richtigen Eltern wollten sie nun zurück haben. "Arminuta" von Donatella Di Pietrantonio lässt den Leser an diesem sozialen Abstieg teilhaben.

Erzählt wird aus der Sicht von Arminuta.

Aus einem schönen Leben in einem Haus in Strandnähe, mit eigenem Zimmer und schönen Kleidern, wird sie trotz ihres Protestes zu ihrer unbekannten Familie gebracht. Welch ein Schock! Ihre leibliche Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater arbeitet in einer Ziegelei und verdient nur das Nötigste. Die Brüder entpuppen sich als Gelegenheitsarbeiter, die nächtelang außer Haus bleiben und dabei auch krummen Geschäften nicht abgeneigt sind. Schlafen die Brüder mit den Mädchen in einem Zimmer, so dass diese alle körperlichen Regungen ihrer Brüder mitbekommen, so muss Arminuta mit ihrer jüngeren Schwester, die nachts immer wieder einnässt, von nun an sogar das Bett teilen. Zu Beginn hat diese Familie nicht mal einen Platz für sie.

Warum wollten diese Leute ihr Kind zurück, wenn sich niemand freut dass sie da ist? Dass man sie über den Grund ihrer Rückkehr belogen hatte, wird dem Mädchen, welches man im Dorf nur noch Arminuta nennt, schnell klar. Ganz bestimmt ist ihre frühere Mutter schwer erkrankt oder womöglich schon gestorben, sonst hätte sie nie gewollt, dass sie so leben muss. In ihrem Kopf spielt Arminuta alle tragischen Möglichkeiten durch, die dazu haben führen können, dass sie aus ihrem früheren "Paradies" vertrieben wurde.

Anfangs fühlt sie sich wie das 5. Rad am Wagen, als ungebetener Esser. Erst langsam erobert sie sich mit Hilfe ihrer Schwester ihren Platz in der Familie. Diese Schwester, die mit 10 Jahren die Mutter bittet, sie zu schlagen, damit Arminuta keine Gewalt erleben muss. Sie sei daran gewöhnt. Wie sehr muss dieses Kind die neue Schwester lieben.

Armut - Verbitterung - Gewalt scheinen in dieser Familie Hand in Hand zu gehen. Ist die richtige Mutter lieblos oder ist sie nur durch die Armut und das entbehrungsreiche Leben so geworden? Als Leser hinterfragt man diese Familienstruktur. Erst als der älteste Bruder durch einen Unfall sein Leben verliert, zeigt die Mutter Gefühl - unendliche Trauer um ihren verlorenen Sohn. Auf einmal fühlt man als Leser mit dieser Frau, deren Leben nur wenige Freuden für sie bereit hielt. So sieht Armut aus.

Wollte Arminuta zu Anfang ihre neue Familie schnellstens wieder verlassen, so keimt im Laufe der Zeit eine geschwisterliche Liebe zu ihrer Schwester auf, die sie lehrt in der Armut zu überleben. Die beiden Schwestern geben sich gegenseitig Trost und am Ende bleibt mir als Leser die Hoffnung, dass Arminuta ihrer Schwester hilft, aus diesem trostlosen sozialen Umfeld auszubrechen.

Mir gefiel besonders die Sprache dieses Buches. Diese gab mir als Leserin das Gefühl, als lebte ich mitten in dieser Familie, säße mit ihnen am Tisch, wenn es ein ärmliches Mahl oder auch einen fetten Schinken gab, von dem alle ein Stück abhaben wollten.

Die Autorin muss man sich merken. Sie hat dem Leser etwas zu sagen. Ein großes Lob auch an die Übersetzerin.

Veröffentlicht am 17.05.2018

Yesterday

Putzfrau bei den Beatles
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Wer die Zeit der "Beatles" miterlebt hat, dem geht bei der Lektüre dieses Unterhaltungsromans das Herz auf. Überall konfrontiert uns die Autorin Birgit Rabisch in dem Roman "Putzfrau bei den Beatles" ...

Wer die Zeit der "Beatles" miterlebt hat, dem geht bei der Lektüre dieses Unterhaltungsromans das Herz auf. Überall konfrontiert uns die Autorin Birgit Rabisch in dem Roman "Putzfrau bei den Beatles" mit deren Liedtexten, die genau auf das jeweilige Kapitel abgestimmt zu sein scheinen.

Doch zum Inhalt: Jana, eine angehende Schriftstellerin, noch voller Trennungsschmerz da die große Liebe zerbrach, sucht eine Arbeitsstelle die ihr Zeit zum Schreiben lässt, als auch ein Einkommen sichert, von dem sie leben kann. Die gut bezahlte Stelle als Putzfrau in einer Altmänner WG kommt ihr da gerade gelegen. Das Yellow Submarine, ein quietschgelbes Haus mit allem Komfort für gebrechliche ältere Herren, findet sofort ihr Interesse.

Die 4 WG Bewohner stellen sich ihr als John, George, Paul und Ringo vor. In Wirklichkeit heißen sie natürlich anders, hatten bis auf Paul auch alle sehr bürgerliche Berufe. Doch nun im Alter können sie das ausleben, was sie sich als Schülerband einmal wünschten: Täglich zusammen fetzige Musik machen. Sie fühlen sich wie die Beatles. Über allem schwebt der Hauch der 60er und während des Lesens hört man im Hinterkopf die Beatles singen und spielen: "It been a hard days night....".

Durcheinander gewirbelt wird die stille Ordnung von Leander, der eines Tages vor der Tür steht und behauptet, der Enkel von Paul zu sein. Welch ein Schock! Paul wusste nicht einmal, dass er eine Tochter hatte - und nun einen Enkel, der bei ihm leben will, da seine Eltern tödlich verunglückten?

Fortan dreht sich alles um diesen Enkel, der auf keinen Fall vom Jugendamt gefunden werden und zu den anderen Großeltern zurück gebracht werden will. Leander ist wie ein Lebenselexiert für die Vier. Plötzlich sind die künstlichen Gelenke oder die beiden Herzinfarkte nicht mehr so wichtig. Der Physikprofessor unterrichtet Leander in Mathe und natürlich Physik, der Rollstuhlfahrer, früher Pädagoge, in Erdkunde, da er trotz Behinderung schon die ganze Welt bereist hat und den Rest der Unterrichtsstunden teilt man sich auf. Jeder gibt etwas und erhält dafür umso mehr zurück. Paul, der sein Leben lang in Bands spielte und doch nie auf einen grünen Zweig damit kam, unterrichtet seinen Enkel in Musik, lernt dafür im Gegenzug aus den Erzählungen von Leander seine tödlich verunglückte Tochter kennen. Eine späte Vaterschaft könnte man es nennen.

Die Autorin schreibt in einem flüssig lesbaren Stil. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, bringt er doch den früheren Zeitgeist der Beatles Ära voll rüber. Und dann diese Liedtexte.... Während des Lesens hatte ich diese laufend im Ohr. Ich hörte John Lennon mit seiner unverkennbaren Stimme singen: "Imagin all the people..." oder auch mit Paul zusammen "Help" und natürlich "Yesterday". Dieses Gestern umarmt die WG Bewohner während des ganzen Romans.

Veröffentlicht am 05.05.2018

"Im Gehen spricht es sich so gut, weil man sich nicht anschauen muss".

Die Ausreißer – Sehnsucht nach Meer
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Das Jugendbuch "Die Ausreißer - Sehnsucht nach Meer" von Melissa C. Feurer war innerhalb weniger Wochen das 2. außergewöhnliche Buch aus dem fontis Verlag, das ich gelesen habe. Ganz sicher werde ich die ...

Das Jugendbuch "Die Ausreißer - Sehnsucht nach Meer" von Melissa C. Feurer war innerhalb weniger Wochen das 2. außergewöhnliche Buch aus dem fontis Verlag, das ich gelesen habe. Ganz sicher werde ich die Neuerscheinungen dieses Verlages von nun an im Blick behalten.

Doch zurück zu diesem Buch.

Was treibt junge Menschen dazu, von zu Hause wegzulaufen? Wie schlimm muss es sich für einen Jugendlichen anfühlen, wenn dieser glaubt, dem Alltag in der Schule oder seiner Familie entfliehen zu müssen? Das Gefühl Unerträgliches auszuhalten, ist in diesem Jugendbuch das Thema.

Für Nele ist die Scheidung ihrer Eltern, das Verlassenwerden von ihrem Vater, mehr als sie ertragen kann. Nichts ist nach seinem Weggang mehr so, wie es einmal war. Als ob das nicht schon genug wäre, wird sie von ihren Mitschülerinnen in der Schule auch noch ihrer überflüssigen Pfunde wegen gemobbed. Ihre Schwachpunkte sind von Mitschülerinnen schnell ausgemacht und um sich selbst gut und mächtig zu fühlen, wird Nele täglich von bestimmten Mädchen verbal attackiert. Sie selbst ist zu schwach, als dass sie sich dagegen wehren könnte. Niemand scheint zu sehen, wie sie leidet. Bis es eines Tages zuviel wird und Lars, ein bisher unsichtbarer Mitschüler, diesem Treiben ein Ende bereitet.

Dabei hat Lars selbst Probleme genug. Sein Vater, der den frühen Tod seiner Frau nie verkraften konnte ertränkt seinen Schmerz seit Jahren in immer mehr Alkohol. War er früher mal ein liebevoller Vater? Lars Erinnerung kennt nur dessen Alkoholexzesse, in denen sich sein Vater bis zur Bewusstlosigkeit betrinkt. Doch damit nicht genug. Er beschimpft seinen Sohn aufs Übelste, schlägt auf ihn ein und wenn Lars zu Boden geht, versetzt er ihm auch noch schmerzhafte Tritte mit seinen Schuhen. Doch die Scham über dieses schäbige Zuhause und die Erniedrigungen durch seinen Vater, lässt nicht zu, dass Lars jemandem Einblick in seinen Alltäg gewährt. Aushalten. Er sorgt dafür, dass niemand die blauen Flecken der ewigen Schläge zu sehen bekommt und womöglich Verdacht schöpft.

Und da ist Joshua, der mit seiner getreuen Hündin auf einem Weg ohne Ziel ist. Laufen - egal wohin. Nur weg. Doch die Hündin wird von einem Auto erfasst und verletzt. Was nun? Wohin?

Genau an diesem Punkt kreuzen sich die Wege von Joshua und Lars, der Mitleid mit dem blutenden Hund hat und ohne groß zu überlegen Joshua zu sich nach Hause mitnimmt um die Wunde des Hundes zu verbinden. Als Joshua nach einigen Tagen weiter zieht fragt er Lars, ob er nicht mitkommen will. Und Lars steht mit einem Rucksack auf dem Rücken vor Neles Tür, fragt ob sie mit ihm und Joshua weglaufen möchte. Sie will, hat die Hoffnung ihren Vater überreden zu können, wieder zu seiner Familie zurück zu kommen.

So machen sie sich zu dritt auf die Reise. Meist zu Fuß, aber auch per Anhalter. "Im Gehen spricht es sich gut, weil man sich nicht anschauen muss", heißt es an einer Stelle. Mit jedem Schritt wächst das Vertrauen untereinander und die Jugendlichen können loslassen, endlich aussprechen was bisher unaussprechlich war.

Die Autorin schafft es, dem Leser die Sorgen und Nöte der jungen Menschen nahe zu bringen. Die üblichen Floskeln, "das wird schon wieder", helfen da nicht. Automatisch fragt man sich, sind Erwachsene tatsächlich so sehr mit sich selbst beschäftigt und dadurch blind ihren Kindern gegenüber? Ja, das gibt es.

Später lernen wir noch Angel kennen, die zu der Gruppe stößt, sich so gar nicht arrangieren will und mit ihrer Schnodderigkeit nur die Unordnung in ihrem Inneren verbirgt. Sie ritzt sich bis das Blut über die Arme läuft, um den anderen Schmerz, tief innen, zu überdecken.

Vier verlorene Seelen unterwegs Richtung Meer.

Dies ist ein Jugendbuch der besonderen Art. Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite. Ich würde es nicht nur Heranwachsenden sonder auch Eltern empfehlen zu lesen. Automatisch überdenkt man als Elternteil sein Verhalten und fragt sich, "höre ich wirklich immer richtig hin"?