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Veröffentlicht am 08.07.2018

Alles fließt

Herz und Tal
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... nicht nur das Wasser die Wände runter in Emilias neuer Wohnung, weil die Bewässerungsanlage der Haschplantage ihres Obermieters kaputt ist, sondern auch ihre Tränen, wenn sie an ihren Ex-Freund zurückdenkt, ...

... nicht nur das Wasser die Wände runter in Emilias neuer Wohnung, weil die Bewässerungsanlage der Haschplantage ihres Obermieters kaputt ist, sondern auch ihre Tränen, wenn sie an ihren Ex-Freund zurückdenkt, der ihr seine Frau und die Kinder verschwiegen hatte. Ihr Neuanfang im Chiemgau steht also unter keinem guten Stern. Statt in Rosenheim landet sie in der Pension „Kastanienhof“ mitten im Nirgendwo mit Blick auf die Berge und den Chiemsee. Und ist sofort verliebt. Nicht nur die Gegend, auch die liebevoll ausgebaute Pension, die Wirtin Theresa und deren Zwillingsbruder Max sind bezaubernd. Vor allem letzterer bringt ihr Herz oft aus dem Takt, aber ihr Verstand sagt nein. Doch das Schicksal führt sie auch im Beruf immer wieder zusammen. Emilia ist Notärztin im Krankenhaus und Max Polizist. Sie laufen sich also zwangsläufig häufig über den Weg.

Max ist ein gestandener, netter, humorvoller Mann und bemüht sich ehrlich um Emilia. Doch die hat die Enttäuschung wegen ihres Ex noch nicht verarbeitet und Probleme, wieder Vertrauen zu fassen und eine neue Liebe zuzulassen. Dazu kommt, dass ihr Max etwas verheimlicht.
Sehr besonders ist die Beziehung, welche Max und seine Zwillingsschwester verbindet. Sie fühlen bzw. hören in ihrem Kopf oft, was der andere gerade denkt und stehen sich so auch über größere Entfernungen bei. Um diese Innigkeit habe ich sie sehr beneidet.
Auch Theresa ist ein „gebranntes Kind“. Ihre Mutter hat die Zwillinge mit 3 Jahren ihren Großeltern überlassen und ist verschwunden. Sie lässt zwar aller Jubeljahre von sich hören, aber eine echte Beziehung haben sie nie zueinander aufgebaut. Darum kann auch Theresa sich nicht binden und hält ihre Liebe geheim.

„Herz und Tal“ ist ein schöner, gefühlvoller Sommerroman, indem es um Liebe, Vertrauen und Neuanfänge geht. Auch wenn von Vornherein ungefähr klar ist, wohin die Reise geht, ist der Weg dahin sehr unterhaltsam und mit geschickten Wendungen gespickt. Jana Lukas hat einen angenehmen, heiteren Schreibstil. Ein Highlight sich die zum Teil sehr lustigen Notrufe, welche den Kapiteln voranstehen und von Emilia bzw. Max in ihren jeweiligen Berufen bearbeitet werden müssen.

Veröffentlicht am 28.06.2018

Die fliehende Möwe

Der Tod bohrt nach
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Frau Dr. Leocardia Huberta Kardiff ist eine Zahnärztin mit kleinen Problemchen. Sie hat z.B. eine Spritzenphobie, aber damit kann sie immer besser umgehen, ganz im Gegensatz zu dem Patienten, der in den ...

Frau Dr. Leocardia Huberta Kardiff ist eine Zahnärztin mit kleinen Problemchen. Sie hat z.B. eine Spritzenphobie, aber damit kann sie immer besser umgehen, ganz im Gegensatz zu dem Patienten, der in den nächtlichen Notdienst kommt. Herr Möwe ist total nervös, geradezu hysterisch und wird immer wieder ohnmächtig. Als die Betäubungsspritze endlich wirkt und sie mit der Behandlung anfangen will, flieht er aus ihrer Praxis, faselt was von: „es geht um Leben und Tod“. Dr. Leo könnte jetzt zur Tagesordnung übergehen, aber da kommt ihr zweites Dilemma zum tragen: sie ist extrem neugierig und wittert schnell Mord und Totschlag. Also fährt sie am nächsten Tag zu Möwes Haus und stellt fest, dass er und eine weitere Bewohnerin vermisst werden. Brav ruft sie ihren Freund an, den smarten Hauptkommissar Jakob Zimmer, der sich des Falls annimmt. Doch natürlich kann sie es nicht lassen, selber zu ermitteln ...

„Der Tod bohrt nach“ ist schon der dritte Krimi um Dr. Leo und auch wenn ich die beiden Vorgängerbände nicht kenne, habe ich sofort gut ins Buch und Leos Leben gefunden. Sie ist eine taffe Frau, die mit beiden Beinen relativ fest im (Berufs-)Leben steht. Leider mischt sich ihr Vater, dem die Praxis früher gehört hat, diesmal sehr in ihren Alltag ein und treibt sie in den Wahnsinn, ihre Töchter pubertieren gerade und Jakob hat viel zu wenig Zeit für sie.

Der Erzählstil ist etwas ungewöhnlich, er wechselt zwischen Leo als Ich-Erzählerin und einem neutralen Beobachter. Die Protagonisten sind zum Teil herrlich makaber, denn Möwe ist nicht der einzige komische Vogel im Buches. Der Fall ist recht verzwickt und spannend. Erst am Ende wird klar, wer alles wie involviert ist – leider war es mir etwas zu verwirrend, zu viel passierte auf einmal.

Isabella Archan schreibt sehr amüsant und unterhaltsam, dies war garantiert nicht mein letztes Buch von ihr.

Veröffentlicht am 13.06.2018

Christinas Welt

Die Farben des Himmels
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Maine um die 1900: Welche Farbe hat der Himmel heute? Diese Frage hat sich Christina sicher nicht oft gestellt, als sie noch jünger war. Durch eine unheilbare Krankheit nehmen ihre Muskeln immer mehr ab ...

Maine um die 1900: Welche Farbe hat der Himmel heute? Diese Frage hat sich Christina sicher nicht oft gestellt, als sie noch jünger war. Durch eine unheilbare Krankheit nehmen ihre Muskeln immer mehr ab und sie muss sie beim Gehen stets auf den unmittelbaren Bereich vor ihren Füße schauen, um nicht zu oft hinzufallen. Ihr Körper ist übersäht von frischen Wunden und alten Narben, aber sie ist eine Kämpfernatur. Mit Mitte 30 kann sie nur noch kriechen, ihre Beine haben keine Kraft mehr. Doch zur Not robbt sie auf den Ellenbogen aufs Feld. Es ist ein hartes Leben, Abwechslungen bringen nur die Abenteuergeschichten ihrer Vorfahren, die ihre Mammey (Großmutter) erzählt.
Christina wäre gern Lehrerin geworden. Sie ist sehr intelligent, aber ihre Eltern waren dagegen. In ihren 20ern ist sie 4 Jahre lang verlobt – Walton Hall kommt jeden Sommer und verspricht ihr die Ehe, heiratet am Ende aber eine gesunde Frau. Christina verbittert. Zwei jüngere Brüder fliehen in die Stadt, sobald sie alt genug sind. „Über Dich habe ich mir gar keine Gedanken gemacht.“ „Natürlich nicht. Warum auch? Warum sollte das irgendjemand tun?“ (S. 241) Nur ihr Bruder Alvaro bleibt und kümmert sich mit ihr um die Eltern und das Land.
1939 taucht der Maler Andrew Wyeth das erste Mal bei ihnen auf. Ihn faszinieren das Licht und das Haus. Bald richtet er sein Atelier auf ihrem Dachboden ein. Er bewundert, wie Christina den Alltag meistert. Sie könnte doch sicher Hilfe gebrauchen. „Ich komme schon zurecht ...“ „Das tust du wirklich, Christina, oder? Alle Achtung.“ (S. 156) – endlich mal jemand, der sie versteht und so sieht, wie sie ist.

Ich bin ehrlich, Christina war kein einfacher Charakter, haderte als sie älter wurde mit ihrem Schicksal und lies das an ihrem Bruder Al aus. Trotzdem hatte auch ich beim Lesen auch oft Mitleid mit ihr und hätte in keiner Minute ihres Lebens mit ihr tauschen wollen. Am erschreckendsten fand ich sie Zeit, als sie, um ihre Eltern zu pflegen, auf allen vieren die Treppen in den ersten Stock kriechen musste.

Die Autorin Christina Baker Kline hat eine sehr ungewöhnliche Romanbiografie über Christina Olson und den Maler Andrew Wyeth geschrieben. Das Trostlose der Landschaft und von Christinas Leben spiegeln sich in der Sprache wieder. Das Buch ist sehr schwermütig, düster und eindringlich. Es zeigt ungeschönt das Leben im ländlichen Amerika Anfang des 20. Jahrhunderts, geprägt von zwei Weltkriegen und dem Abwandern der Jugend.
Der Fortschritt kommt bei den Olsons nie an, sie haben weder Strom noch eine Wasserleitung. Da Christina nach Ansicht ihrer Eltern sowieso nie einen Mann finden wird, muss sie von früh bis spät im Haus und auf der Farm schuften - heute wäre sie ein Pflegefall. Sie wird ihr Leben lang bemitleidet, erst recht, nachdem ihre Verlobung geplatzt ist. Erst Andrew Wyeth und seine Frau Betsy sehen den Menschen in ihr, nicht den Krüppel. Wyeth setzt ihr mit dem Bild „Christinas Welt“ ein Denkmal. Er hat verstanden, was das Land und das Haus für sie bedeuten – „Mal Zufluchtsstätte, mal Gefängnis, war dieses Haus auf dem Hügel immer mein Zuhause.“ (S. 9)

Veröffentlicht am 22.05.2018

Deutsche Medizingeschichte unterhaltsam, spannend und lehrreich erzählt

Das Geheimnis des Dr. Alzheimer
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Fast jeder hat wohl irgendeine Schwäche, die ihn im Alltag stört. Bei mir ist es mein nicht vorhandenes Personengedächtnis. Ich kann mir Namen und Gesichter ums Verrecken nicht merken und grüße darum freundlich ...

Fast jeder hat wohl irgendeine Schwäche, die ihn im Alltag stört. Bei mir ist es mein nicht vorhandenes Personengedächtnis. Ich kann mir Namen und Gesichter ums Verrecken nicht merken und grüße darum freundlich jeden zurück, der mir auch nur im Entferntesten zunickt. Wenn man mich dann fragt, wer das war, kann ich meist nur hilflos die Schultern zucken - „Alzheimer lässt grüßen“ ...
Umso gespannter war ich auf die Geschichte, die hinter der Krankheit und ihrem Entdecker steckt. Jørn Precht hat Alois Alzheimers Forschung und Wirken geschickt in einem spannenden historischen Roman verpackt.

Karl Walz muss als Kind hilflos mit ansehen, wie seine Mutter nach dem Alkoholtod des Vaters immer mehr verfällt und schließlich im Irrenhaus „Affenstein“ landet. Die Zustände dort sind katastrophal und erinnern an Gefängnisse des Mittelalters. Karl muss daraufhin in verschiedene Kinderheime und erlebt dort Dinge, die mir jetzt noch Gänsehaut über den Rücken jagen. Zum Glück holt ihn seine „Ziehmutter“ Auguste Deter wenigstens an den Wochenenden da raus.
Um 1900 arbeitet Karl als Pfleger für einen Kinderpsychiater und liest in seiner Freizeit medizinische Fachbücher. Er träumt davon, eines Tage ebenfalls Arzt zu werden, kann sehr gut mit Kinder umgehen und sein Ruf eilt ihm voraus. Als seine Ziehmutter Auguste Deter immer verwirrter wird und schließlich auf dem „Affenstein“ landet, nutzt Karl Alzheimers Angebot und arbeitet ab da für ihn.
Seit der Eilieferung seiner leiblichen Mutter in die Anstalt sind nur 13 Jahre vergangen, aber Karl erkennt die Räumlichkeiten kaum wieder. Alles ist sauber und modern, man behandelt die Erkrankten nach den neusten Erkenntnissen und vor allem wie Menschen, nicht mehr wie Tiere. Alzheimer ist von Auguste Deters Erkrankung fasziniert. Die Anzeichen erinnern an Altersdemenz, aber dazu ist sie zu jung. Sie selbst beschreibt ihren Zustand so: „Ach, ich bin so verwirrt. Ich habe mich sozusagen verloren.“ (S. 53).

Jørn Precht erzählt sehr bildlich und einfühlsam die Anzeichen und Auswirkungen der Krankheit aus verschiedenen Sichtweisen. Da ist Auguste, deren helle Momente immer seltener werden, ihr Mann, der damit nicht umgehen kann (oder möchte), Karl, der unter ihrem Verfall immer mehr leidet und Dr. Alzheimer, der unbedingt erforschen möchte, was genau Auguste hat. Dabei stützt sich der Autor auf originale Mitschriften von Dr. Alzheimer, denn Auguste Deter war wirklich die erste Patientin, an der er die Erkrankung nachweisen konnte.

Veröffentlicht am 27.03.2018

Was wäre wenn?

Mitte 40, fertig, los
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- Du mit Mitte 40 feststellst, dass Dich Dein Mann betrügt?
- Er seine Firma gegen die Wand gefahren und auch privat Pleite gemacht und Dich da mit reingezogen hat?
- Du irgendwie neu anfangen musst?
- Du ...

- Du mit Mitte 40 feststellst, dass Dich Dein Mann betrügt?
- Er seine Firma gegen die Wand gefahren und auch privat Pleite gemacht und Dich da mit reingezogen hat?
- Du irgendwie neu anfangen musst?
- Du keine andere Wahl hast, als zurück zu Deiner frischverwitweten Mutter in die Kleinstadt zu ziehen?

Ein Albtraum, oder? Und genau den erlebt Rike in „Mitte 40, fertig, los“. Ihr bleibt wirklich nichts erspart. Mann weg, Sohn weg (er lebt mit 16 natürlich lieber beim Papa), Haus weg. Einen Job hat sie auch nicht – sie war ja Hausfrau. Also zurück nach Meppelstedt ins Haus der Eltern. Dort hat sich nichts verändert. Es gibt immer noch die gleichen Läden, beim Fleischer eine Scheibe Fleischwurst auf die Hand, nur eine ordentliche Kneipe und nirgend wo WLAN. Selbst die alten Freunde sind noch fast alle da. Die Krönung aber ist Schmiddi, der Sohn der Nachbarn. Er wohnt mit Mitte 40 immer noch bei seinen Eltern, obwohl er inzwischen Anwalt ist! Wenigsten ist auch ihre ehemals beste Freundin Mona gerade im Land.

Ich habe in letzter Zeit selten so gelacht wie bei diesem Buch. Sehr gekonnt und amüsant nimmt Franka Bloom das Kleinstadtleben aufs Korn.
Die Nachbarn und Freundinnen ihrer Mutter beobachten Rike und kommentieren jeden ihrer Schritte, Mutti behandelt sie wie eine Vierjährige (z.B. indem sie ihr die Schnittchen in mundgerechte Stücke schneidet oder einen Kakao gegen Kummer kocht) und auch sonst mischt sich im Ort jeder in sämtliche Angelegenheiten ein. Dabei will Rike doch nur in Ruhe ihre Wunden lecken und einen Plan fassen, wie es nun weitergeht. Denn bisher hat sie ihre Trennung und den Verlust des Hauses geheim halten können ..
Doch schnell merkt sie, dass sie nicht die Einzige ist, die ihre Probleme verheimlicht. Und obwohl sie eigentlich ganz schnell zurück in die Stadt wollte, steckt sie bald wieder mitten drin im Kleinstadtleben.

„Mitte 40, fertig, los“ ist ein typischer Unterhaltungsroman, den ich mir sehr gut verfilmt vorstellen könnte. Dass die Autorin auch Drehbücher schreibt, merkt man ihm an. Ernste Themen und Amüsantes wechseln sich gekonnt ab und es wird nie langweilig. Sehr einfühlsam werden auch Themen wie der Verlust der Eltern oder Partner, Trauerbewältigung, Burnout oder Nervenzusammenbruch behandelt.

Rike ist mitten aus dem Leben gegriffen. Ein bisschen hat sie mich an Bridget Jones erinnert – kein Fettnäpfchen ist ihr zu tief und es quälen sie die gleichen Figurprobleme. Genial fand ich, wie sich ihre Mutter nach dem Tod des Vaters verhält – Ihr Leben ist nämlich noch nicht vorbei! – und Rike damit klarkommen muss. Auch ihr bester Freund Schmiddi hat mir gut gefallen. Seine Entwicklung hat nicht nur sie überrascht.

Leider waren mir die Handlung und vor allem das Ende etwas zu vorhersehbar und klischeehaft waren, darum gibt es „nur“ 4,5 von 5 Sternen.