Kurzmeinung:
Hält nicht, was der Klappentext verspricht. Episodenhaft erzählte autobiografische Anekdoten eines normalen Studenleben der späten 90er bietet leider eher Langeweile als emotionale Spurensuche.
Meine Meinung:
Im Februar war ich vom Fischer Verlag zur Book Release Party von "Der Abfall der Herzen" eingeladen. In einer coolen Location hat der Autor zusammen mit zwei Gästen Szenen aus dem Buch vorgelesen. Die Stimmung war richtig gut, die Chemie zwischen Nagelschmidt und seinen Gästen war super, es gab viel Situationskomik und wir haben viel gelacht. Neben den Lesungen hat der Autor einiges zum Buch und zur Entstehung erzählt und natürlich gab es auch Livemusik (da Nagelschmidt nicht nur Autor, sondern auch Musiker ist). Nach diesem tollen Abend habe ich mich sehr auf die Lektüre des Buches gefreut. Da ich die gehörten Passagen als sehr witzig in Erinnerung hatte, habe ich mich auf viel Lachen beim Lesen eingestellt.
Doch dann kam sehr schnell die Ernüchterung. Ich weiß nicht, ob die ausgelassene Stimmung gefehlt hat, oder das Witzeln zwischen den Vorlesern, aber beim selber Lesen waren die ganzen Szenen dann irgendwie gar nicht mehr lustig.
Der Autor vertieft sich im Jahr 2015 in seine Tagebücher und schwelgt in Erinnerungen aus dem Jahr 1999. Er erzählt von seinem WG- Leben als Student, seinen Freunden, seiner ersten großen Liebe und der Trennung, vom Kiffen, Feiern, Musik. Alles schön und gut, aber eben auch sehr... normal.
Für mich hatte dieser Roman keinen Mehrwert.
Der Autor wechselt immer wieder zwischen Passagen in der Gegenwart und Anekdoten aus der Vergangenheit. Allerdings hatten beide Zeiten keinen richtigen Reiz für mich. Die Begebenheiten waren nicht besonderes lustig, nicht besonders spannend, nicht besonders tiefgreifend. Dadurch stellte sich bei mir beim Lesen schnell Langeweile ein und ich musste mich aufraffen, überhaupt weiterzulesen.
Wirklich schade, denn der Klappentext verspricht etwas anderes und auch nach der Lesung hatte ich wie gesagt eigentlich einen anderen Eindruck von dem Buch.
Als positiv kann ich vermerken, dass sich beim Lesen sofort das Gefühl der 90er eingestellt hat und der Autor die Stimmung sehr gut eingefangen hat.
Auch das Thema der selektiven Erinnerung fand ich ganz spannend. Wie erinnern wir uns an Dinge? Was behalten und was vergessen wir? Wie verändern wir vielleicht auch unsere Erinnerungen? Nagelschmidt macht bei seinen Nachforschungen die Erfahrung, dass jeder der Interviewten bestimmte Situationen etwas anders in Erinnerung hat und so jeder seine eigene, subjektive Wahrheit bildet. Die Abschnitte, die um diesen Gedanken kreisen, fand ich gelungen. Da hätte man vielleicht einen größeren Schwerpunkt setzen können. Insgesamt gehen diese interessanten Aspekte nämlich in der trägen Erzählung unter.
"Ich weiß, da lauert eine Geschichte, und ich weiß, dass ich sie erzählen will. Die Frage ist nur, ob ich sie zu packen kriege." (S.319)
Meine Antwort darauf: leider nein.
Fazit:
Leider meist eher etwas langweilig. Thorsten Nagelschmidt blickt zurück auf den Sommer 1999, auf seine Studentenzeit, wilde Parties, Freundschaft und die große Liebe.
Es ist ganz nett, um sich mal wieder den 90er Vibes hinzugeben. Auch die Passagen über die selektive Erinnerung fand ich ganz interessant. Aber alles in allem hat mich der Roman nicht vom Hocker gehauen. Es fehlte der Spannungsbogen. Diese Reminiszenz an Nagelschmidts Jugend mag für ihn gewinnbringend gewesen sein – für mich als Leserin war es aber höchstens ganz nett, meistens aber eher etwas öde.