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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.06.2018

Ein durchaus kritischer Rückblick

Kein Blatt vor dem Mund
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Josef Cap ist in meinem Gedächtnis „schon immer da“ – ich bin quasi mit ihm aufgewachsen. Sei es, dass wir in den 1970ern im Unterricht über den „frechen Jungsozi“ diskutiert haben oder ihn später als ...

Josef Cap ist in meinem Gedächtnis „schon immer da“ – ich bin quasi mit ihm aufgewachsen. Sei es, dass wir in den 1970ern im Unterricht über den „frechen Jungsozi“ diskutiert haben oder ihn später als „Berufsjugendlichen“ ein wenig belächelt haben.
34 lange Jahre hat er in der österreichischen Innenpolitik mitgewirkt. Er ist einer der längst dienenden Parteisoldaten. Kaum einer hat ähnlich viele Partei-Vorsitzende erlebt wie er, nämlich 7 an der Zahl. (Bruno Kreisky, Fred Sinowatz, Franz Vranitzky, Viktor Klima, Alfred Gusenbauer, Werner Faymann und Christian Kern).
Wer ist er nun dieser Josef „Pepi“ Cap, der sich mehrmals mit den Mächtigen im Staat und in der eigenen Partei angelegt hat?
Geboren in Wien, geht er als Teil einer katholischen Familie brav in die Kirche und ist Ministrant. Die übliche Karriere eines bürgerlichen Sohnes – dann, im Piaristen-Gymnasium, schlägt die Stunde des Revoluzzers: er wird Herausgeber der Schülerzeitung. Es ist die Zeit der (erz)konservativen Regierung von ÖVP-Bundeskanzler Josef Klaus. Vielen Menschen ist diese Partei, die nach wie vor an den drei Ks (Kinder, Kirche, Küche) festhält, zu konservativ, zu spießig, zu verzopft und einfach viel zu langweilig. Dem vorlauten Josef bietet sich in Bruno Kreisky, der 1970 die Sozialistische Partei übernommen hat, eine Alternative. Kreisky gelingt es, durch viele, bis heute nachwirkende Staatsaufträge (Budgetdefizit!) Österreich zu modernisieren. Aufgrund seiner Analysen eckt der brillante Denker und Stratege Josef Cap auch bei Kreisky an. Er umreißt das Verhältnis mit folgenden Worten: "...Er [Kreisky] war fast enttäuscht, wenn ich mich im Parteivorstand nicht zwecks meiner eigenen Hinrichtung zu Wort meldete..."
Obwohl Sesselsägen und „Hack‘l schmeißen“ eher eine Domäne der ÖVP ist, bleibt auch der unbequeme Josef Cap nicht davor verschont.
Vor allem, die am 18.10.1982 gestellten „3 Fragen an den Theodor Kery“ machen ihn beinahe zum Paria. Cap ist Vorsitzender der Sozialistischen Jugend und fragt den umstrittenen burgenländischen Landeshauptmann Kery folgendes:

1. „Stimmt es, dass du mehr verdienst als der Bundeskanzler?
2. „Stimmt es, dass du als Aufsichtsratsvorsitzender verbilligten Strom der BEWAG [Burgenländische Elektrizitätswerke AG, Anm.] beziehst?“
3. „Ist es wahr, dass du in deiner Freizeit mit Maschinenpistolen schießt?“

Diese Rede führt unmittelbar danach zur Abwahl Caps aus dem Parteivorstand, während Kery, der wenige Tage später die Fragen positiv beantworten muss (Nur das Schießen mit Maschinenpistolen bestreitet er. Er hätte nur einen Schießstand für Kleinkalibergewehre im Keller.). Kery scheidet erst nach dem Verlust der absoluten Mehrheit 1987 aus der Politik aus.

Bei der darauffolgenden Nationalratswahl steht Cap de facto auf unwählbarer Stelle auf der Kandidatenliste. Um dennoch als Abgeordneter ins Parlament zu kommen, führt er – gegen den Willen der Partei - einen Vorzugsstimmenwahlkampf und gewinnt. Er zieht als erster, direkt vom Volk gewählter Abgeordneter in den Nationalrat ein. Dies ist besonders bemerkenswert, da er Unterstützung aus allen Lagern der Republik erhält. Meine Stimme ist auch dabei, weil mir seine lausbubenhafte Frechheit imponiert hat.
Josef Cap, der „der beste Redner im Parlament“ genannt wird, lässt in seinem Buch 50 Jahre österreichische Zeitgeschichte Revue passieren. Er erzählt kurz und prägnant wie es zum Niedergang der Sozialdemokraten (nicht nur in Österreich) kommen konnte und versucht eine Alternative zu den aktuellen (rechts)konservativen Parteien aufzuzeigen.

Er ortet drei grobe Fehler der Sozialdemokraten:
1. Die Unterschätzung der Grün-Bewegung
2. Den Wirtschaftskurs von Viktor Klima, der die Strategien von Tony Blair und Gerhard Schröder nachahmen wollte
3. Das Flüchtlingsthema spätestens ab 2015

Noch gibt Josef Cap die Sozialdemokratie und ihre Grundwerte (Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität) nicht gänzlich verloren. Allerdings muss sich die Partei schleunigst auf einen neuen Kurs einigen, um den aktuellen Strömungen der Regierung Paroli bieten zu können. Mit der Bewahrer-Mentalität und dem Pochen auf „wohlerworbenen Rechten“ wie es so mancher Gewerkschafter fordert, ist derzeit wenig zu gewinnen.
Nun 2017 ist die Karriere des Josef Cap als Abgeordneter, endgültig Geschichte. Er erhält bei der Nationalsratswahl (wieder) keinen sicheren Listenplatz und diesmal scheitert auch der Vorzugsstimmenwahlkampf.

Meine Meinung:

Ein sehr interessantes Buch, das Einblick in die Mechanismen der Macht gibt. Vielleicht ein bisschen eine Abrechnung mit den Genossen? Denn, wie sagt man in Österreich so treffend? „Freund – Feind – Parteifreund“. Mit mehr als 60 Jahren ist er, wie einst Curd Jürgens sang „kein bisschen weise“ und hält sich an Udo Jürgens „.. mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“. Josef Cap ist 1952 geboren – da passt dieser Song perfekt.
Hier im Rückblick geht er mit seinen liebsten Feinden Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Ex-Finanzminister Karl Heinz Grasser überraschend milde ins Gericht. Doch ein wenig gütig geworden auf „seine alten Tag“?

Fazit:

Eine pointierte Rückschau auf knapp 50 Jahre österreichische Innenpolitik – präzise und bestens analysiert. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 28.06.2018

Warum in die Ferne schweifen, der Chiemsee ist nah

Chiemsee und Chiemgau gehmütlich
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Der Salzburger Verlag Anton Pustet überrascht seine Fans mit einem tollen Reiseführer mit vielen Bildern.

Der Chiemsee und seine Umgebung sind beliebte Urlaubsdestinationen. Ob für Wassersportler, Wanderer ...

Der Salzburger Verlag Anton Pustet überrascht seine Fans mit einem tollen Reiseführer mit vielen Bildern.

Der Chiemsee und seine Umgebung sind beliebte Urlaubsdestinationen. Ob für Wassersportler, Wanderer oder Kunstbeflissene, unter den 33 Ausflugszielen findet sich für jeden etwas.

Der Urlaubsgast kann wählen, ob er die ausgewählte Route per Pedes oder per Fahrrad zurücklegen will. Um einem die Auswahl leichter zu machen, bekommt man eine präzise Kurzbeschreibung, die sogar angibt, ob und mit welcher Steigung zu rechnen ist.

Zum entspannten Ferienerlebnis zählen natürlich auch kulinarische Genüsse, die zum Verweilen einladen.
Landschaftliche wie kulturelle Sehenswürdigkeiten werden liebevoll beschrieben und machen den Aufenthalt am „Bayerischen Meer“ so richtig interessant.
Viele der Wanderwege sind für Familien mit Kinder und Kinderwagen geeignet. Dort, wo auch der beste Freund des Menschen auch willkommen ist, ist dies selbstverständlich vermerkt.

Alles in allem ein gelungener Ausflugs- und Reiseführer, der noch mit Geschichten und Anekdoten über regionale Berühmtheiten aufwarten kann.


Fazit:

Ein gelungener Reiseführer, der den interessierten Leser auch in der näheren Umgebung schöne Plätze finden lässt. Da muss man nicht in die Ferne schweifen.

Veröffentlicht am 25.06.2018

Ein eher seltener Baum - die Zirbe

Das kleine Buch: Das Geheimnis der Zirbe
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Dieses liebevoll gestaltete Buch ist aus der Reihe "Das kleine Buch" des Salzburger Servus-Verlag.

Wir erfahren Wissenswertes über die Zirbe und die zahlreichen Verwendungsmöglichkeiten dieses Baums ...

Dieses liebevoll gestaltete Buch ist aus der Reihe "Das kleine Buch" des Salzburger Servus-Verlag.

Wir erfahren Wissenswertes über die Zirbe und die zahlreichen Verwendungsmöglichkeiten dieses Baums - wie z.B. als Einrichtung oder Schnaps.

Sehr interessant ist noch die Anleitung für Tischler oder handwerklich begabte Laien, ein Bett aus Zirbenholz zu bauen und dabei auf alte Tischlerfertigkeiten wie Zinken und Holzscharniere zurückzugreifen. Metalle und chemische Lacke bleiben dürfen nichts ans Zirbenbett.

Hübsche Bilder machen dieses kleine Buch zu einem netten Mitbringsel.

Veröffentlicht am 22.06.2018

Mord in Bad Ischl

Der Sissi-Mord
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Nach mehr als zwanzig Jahren kehrt Josephine Konarek nicht ganz freiwillig auf Besuch in ihre Heimatstadt Bad Ischl zurück.
Aus einem kurzen Aufenthalt wird nichts, als Josi, wie sie von ihren Freunden ...

Nach mehr als zwanzig Jahren kehrt Josephine Konarek nicht ganz freiwillig auf Besuch in ihre Heimatstadt Bad Ischl zurück.
Aus einem kurzen Aufenthalt wird nichts, als Josi, wie sie von ihren Freunden genannt wird, einen Toten an der Orgel findet.
Was nämlich anfänglich wie ein tragischer Herztod aussieht, stellt sich als perfider Mord heraus. Und dies wird nicht der einzige Tote bleiben und Josie muss sich ihrer Vergangenheit stellen.

Es gibt mehr Verdächtige als dem Ermittlerteam unter Chefinspektor Paul Materna lieb sein kann. Während der Ermittlungen kommen sich Josi und Paul ein wenig näher. Daran haben Josis Dackel Poldi und die Hundedame Resi, die Paul tageweise in seiner Obhut hat, auch ihren Anteil. Poldi ist überhaupt so etwas wie ein „Eisbrecher“, wenn er seinen treuherzigen Dackelblick einsetzt, um ein Leckerli zu erhalten.

Meine Meinung:

Jenna Theiss ist ein interessanter Regionalkrimi gelungen, der uns in die oberösterreichische Stadt Bad Ischl führt. Hier wo Kaiser Franz Josef und seine schöne Gemahlin Elisabeth allgegenwärtig sind, lässt sich trefflich morden. Der morbide Charme mit dem der Monarchie gehuldigt wird, zieht jedes Jahr tausende Touristen an.
Die Einbeziehung von örtlichen Bräuchen rund um Weihnachten und der kulinarischen Köstlichkeiten in der Konditorei Zauner
ergeben einen runden Krimi mit viel Lokalkolorit.

Der Schreibstil ist flüssig und hat durchaus humorvolle Ansätze. Die Charaktere sind liebevoll herausgearbeitet. Die anfangs ein wenig reserviert wirkende Josi hat in ihrer Jugend mehrere Schicksalsschläge erlitten, die nach und nach ganz unaufgeregt aufgedeckt werden. So kann sich der Leser ein umfassendes Bild machen. Auch der Chefinspektor ist gut getroffen. Er ist weder ein Wunderwuzzi, noch einer dieser einsamen Wölfe, die nach einer gescheiterten Ehe dem Alkohol verfallen sind. Es macht ihn sympathisch, dass er sich um seine erwachsene Tochter kümmert und von seiner Ex-Frau ohne Bitterkeit spricht.
Witzig finde ich Rosi, die Ehefrau von Inspektor Heininger, die sich als rechte Tratschliesl entpuppt und die Ermittlungen beinahe behindert.

Fazit:

Mir hat der Krimi sehr gut gefallen und hoffe auf eine Fortsetzung. Gerne gebe ich fünf Sterne.

Veröffentlicht am 19.06.2018

Ein gelungener Abschluss der Familiensaga

Das Jahrhundertversprechen (Jahrhundertsturm-Serie 3)
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Nun ist er gelesen, der letzte Band der Jahrhundert-Trilogie rund um die Familie von Briest. Wie schon in den ersten beiden Bänden „Jahrhunderttraum“ und Jahrhundertsturm“ spielt eine wichtige technische ...

Nun ist er gelesen, der letzte Band der Jahrhundert-Trilogie rund um die Familie von Briest. Wie schon in den ersten beiden Bänden „Jahrhunderttraum“ und Jahrhundertsturm“ spielt eine wichtige technische Errungenschaft eine große Rolle: Zuerst die Eisenbahn und Flugzeug, ist diesmal das Auto der rote Faden durch das Buch.

Doch kurz zusammengefasst:

Drei Jahre nach dem Ende des Großen Krieges, wie der Erste Weltkrieg damals genannt wurde, liegen Deutschlands Moral und Wirtschaft darnieder. Die Kriegsschäden und Reparationszahlungen verlangen den Menschen alles ab. Auch vormals Vermögende wie die Familie von Briest stehen vor dem Bankrott. Über ihren privaten Sorgen, nämlich ob sie das Gut Briest verlieren werden oder nicht, verkennen sie beinahe die heraufziehende politische Lage. Und, als wäre die Weimarer Republik, die Inflation und die hohe Arbeitslosigkeit nicht genug, haben Otto von Briest und seine Familie nach wie vor gegen Magda von Schramm und ihren Sohn Sigurd zu kämpfen. Die seit mehreren Generationen schwelende Konflikt zwischen den Familien scheint nun endgültig zu eskalieren, als Magda Gut Briest zu einem Bruchteil seines Wertes kaufen will.

Doch nicht nur der drohende Verlust des Gutes überschattet das Leben derer von Briest. Max Brandow, der Ende des zweiten Bandes der kleinen Luisa von Briest das Leben gerettet hat, und seitdem in die Familie aufgenommen worden ist, obwohl er aus der Berliner Unterschicht stammt, hat so seine liebe Not mit Sigurd von Cramm. Max teilt mit dem verwöhnten Bengel Sigurd die Leidenschaft für Autorennen. Nur, dass Sigurd mit fiesen Tricks seine Konkurrenten von der Rennstrecke befördert.


Meine Meinung:

Ein gut gelungener Abschluss der Trilogie bei dem die Geschichte der Jahre zwischen 1921 und 1928 den Lesern nähergebracht wird. Doch so subtil und unaufgeregt, dass niemand merkt, dass hier Geschichtsunterricht passiert.
Wegen des roten Fadens Automobil begegnen wir Rennsportgrößen wie Christian Riecken, Fritz von Opel, Rudolf Caracciola und Clänore Stinnes, der Tochter des AVUS-Mitbegründer Hugo Stinnes, die selbst Rennen gefahren ist.

Doch wir machen auch Bekanntschaft mit Politikern der Zwischenkriegszeit wie Walter Rathenau, der wie einige andere bemüht war, die Einschränkungen und Reparationszahlungen zu vermindern. Die Schuld der wirtschaftlichen Katastrophe wird sofort den Juden zugeschrieben. Dem aufkeimenden Nationalsozialismus fallen Rathenau und andere den Attentaten der SA-Sturmtruppen zum Opfer. Diese gespenstische Stimmung fängt Richard Dübell sehr elegant ein, in dem sich auch Sigurd von Cramm, der eigentlich ein Feigling und Versager ist, wohl fühlt.

Da die Menschen in dieser Zeit, um den tristen Alltag zu vergessen, für Vergnügungen aller Art sehr empfänglich sind, darf auch die Zeit der großen Stummfilme nicht fehlen. So begleiten wir Luisa, die gerne Schauspielerin werden möchte in die Anfänge der UfA. Dort treffen wir Fritz Lang, der Unsummen für seinen Film „Metropolis“ ausgibt, der letztlich ein Misserfolg wird.

Ich persönlich hätte mir ja noch ein bisschen mehr Automobilgeschichte, technische Details usw. gewünscht. Ich hätte noch gerne ein bisschen länger mit Max unter dem Auto gelegen und an dem Chassis herumgeschraubt. Aber, das ist nur eine kleine persönliche Anmerkung.

Der Schreibstil ist, wie wir es von Richard Dübell gewöhnt sind, opulent, wortgewaltig und penibel recherchiert. Das Einflechten der „Berliner Schnauze“, die sowohl Max als auch Hermine von Briest perfekt beherrschen, ist gut gelungen.

Fazit:

Ein gelungener Abschluss der Familien-Saga. Gerne gebe ich eine Leseempfehlung und 5 Sterne.